Anonym

Liberale Theologie: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Christ-Wiki.de
176 Bytes hinzugefügt ,  21:35, 7. Mai 2022
K
keine Bearbeitungszusammenfassung
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
 
(Eine dazwischenliegende Version von einem anderen Benutzer wird nicht angezeigt)
Zeile 6: Zeile 6:
Der theologische Liberalismus bildet neben der restaurativen und der Vermittlungstheolgie die dritte Hauptrichtung in der Theologie des 19. Jahrhunderts. Liberale Theologie war eine breite theologische Strömung vor allem im 19. Jahrhundert, die in sich nicht homogen war, leitete sie sich doch von unterschiedlichen philosophischen Strömungen her.
Der theologische Liberalismus bildet neben der restaurativen und der Vermittlungstheolgie die dritte Hauptrichtung in der Theologie des 19. Jahrhunderts. Liberale Theologie war eine breite theologische Strömung vor allem im 19. Jahrhundert, die in sich nicht homogen war, leitete sie sich doch von unterschiedlichen philosophischen Strömungen her.


Sie ging aus Aufklärung und Idealismus hervor, in welchem bereits einige ihrer Positionen vertreten wurden, im Deismus Englands, in >Rousseaus "Glaubensbekenntnis eines savoyischen Vikars" ("Emile", 1762), im Schrifttum >Lessings, z. B. in dessen Schauspiel "Nathan der Weise" (1779), in den von Lessing veröffentlichten Schriften des Reimarus. Wenig später steht als der Vater der Liberale Theologie >Schleiermacher ("Reden über die Religion", 1799). Trotz Unterschieden im einzelnen gibt es doch charakteristische Kennzeichen. Ganz allgemein kann sie bestimmt werden als eine Theologie, die sich bewusst von der Heiligen Schrift als alleiniger Offenbarungsquelle freimacht und von rein humanistischen und immanenten Voraussetzungen Theologie zu betreiben versucht. Sie will frei sein von dogmatischen und kirchlichen Traditionen; sie trennt Glaube und Wissen; nicht Glaubensinhalte sind entscheidend, sondern die Ethik. Sie macht den historischen Jesus, der hypothetisch erschlossen wird, zu ihrem Ausgangspunkt und sucht den natürlichen historischen Menschen Jesus hinter dem Gottmenschen Christus, weshalb die Leben-Jesu-Forschung für sie so wichtig wurde.
Sie ging aus Aufklärung und Idealismus hervor, in welchem bereits einige ihrer Positionen vertreten wurden, im Deismus Englands, in [[Rousseau, Jean-Jacques|Rousseaus]] "Glaubensbekenntnis eines savoyischen Vikars" ("Emile", 1762), im Schrifttum [[Lessing, Gotthold Ephraim|Lessings]], z. B. in dessen Schauspiel "Nathan der Weise" (1779), in den von Lessing veröffentlichten Schriften des Reimarus. Wenig später steht als der Vater der Liberale Theologie [[Schleiermacher, Friedrich|Schleiermacher]] ("Reden über die Religion", 1799). Trotz Unterschieden im einzelnen gibt es doch charakteristische Kennzeichen. Ganz allgemein kann sie bestimmt werden als eine Theologie, die sich bewusst von der Heiligen Schrift als alleiniger Offenbarungsquelle freimacht und von rein humanistischen und immanenten Voraussetzungen Theologie zu betreiben versucht. Sie will frei sein von dogmatischen und kirchlichen Traditionen; sie trennt Glaube und Wissen; nicht Glaubensinhalte sind entscheidend, sondern die Ethik. Sie macht den historischen Jesus, der hypothetisch erschlossen wird, zu ihrem Ausgangspunkt und sucht den natürlichen historischen Menschen Jesus hinter dem Gottmenschen Christus, weshalb die Leben-Jesu-Forschung für sie so wichtig wurde.


<blockquote>"Der Freie Protestantismus setzt an die Stelle des Mythos vom Gottmenschen Christus die geschichtliche Persönlichkeit Jesu, in dessen Leben, Wissen und Werk er die höchste Gottesoffenbarung erblickt" (K. Guggisberg, Der Freie Protestantismus, 1942, 114).</blockquote>
<blockquote>"Der Freie Protestantismus setzt an die Stelle des Mythos vom Gottmenschen Christus die geschichtliche Persönlichkeit Jesu, in dessen Leben, Wissen und Werk er die höchste Gottesoffenbarung erblickt" (K. Guggisberg, Der Freie Protestantismus, 1942, 114).</blockquote>
<blockquote>"Die geschichtliche Erforschung des Lebens Jesu ging nicht vom rein geschichtlichen Interesse aus, sondern sie suchte den Jesus der Geschichte als Helfer im Befreiungskampf vom Dogma" (A. Schweitzer, Geschichte der Leben Jesu Forschung, 4. Aufl. 1926, 4).</blockquote>
<blockquote>"Die geschichtliche Erforschung des Lebens Jesu ging nicht vom rein geschichtlichen Interesse aus, sondern sie suchte den Jesus der Geschichte als Helfer im Befreiungskampf vom Dogma" (A. Schweitzer, Geschichte der Leben Jesu Forschung, 4. Aufl. 1926, 4).</blockquote>


Zeile 43: Zeile 42:
==4. Krise und Ende des Altliberalismus==
==4. Krise und Ende des Altliberalismus==


Die Krise liberaler Theologie deutete sich bereits bei Ernst Troeltsch und Albert Schweitzer an. Kritisiert wurde Liberale Theologie. jedoch auch schon früher und zwar aus dem Liberalismus selbst, etwa durch David Friedrich Strauß, Jakob Burckhardt und Franz Overbeck, wie auch von radikalen Geistern, etwa Bruno Bauer (1809-1882) und freireligiösen Bewegungen wie den Lichtfreunden und dem Monistenbund. Die nicht allein durch Albert Schweitzer, sondern auch durch Martin Kähler und William Wrede erschütterte Leben Jesu Forschung wird durch die Formgeschichte (Martin Dibelius) weiter infrage gestellt, als Subjektivismus erkannt und schließlich durch die Formgeschichte abgelöst. In den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges erwies sich Liberale Theologie. als nicht tragfähig und zerbrach. Optimismus und Fortschrittsglaube erweisen sich nicht als beständig. In der Liberale Theologie. hatten vor allem Exegese und Kirchengeschichte dominiert und den Historismus und Positivismus gefördert, während die systematische Theologie vernachlässigt wurde. Zudem hatte Liberale Theologie. nicht die Hoffnung erfüllt, breite Kreise des Protestantismus zu erreichen; am ehesten erreichte sie noch das Bildungsbürgertum. Die offizielle Kirche hatte den politischen wie theologischen Liberalismus abgelehnt. In einzelnen Fällen wurden liberale Pfarrer mit Lehrzuchtverfahren bedacht (>Apostolikumstreit) (Jatho, Traub, Leimbach, Schrempf). Da die Kirche jedoch zur Ausbildung an den theologischen Fakultäten liberale Dozenten gewähren ließ, war dieses Verhalten in gewisser Weise inkonsequent.
Die Krise liberaler Theologie deutete sich bereits bei Ernst Troeltsch und Albert Schweitzer an. Kritisiert wurde Liberale Theologie. jedoch auch schon früher und zwar aus dem Liberalismus selbst, etwa durch David Friedrich Strauß, Jakob Burckhardt und Franz Overbeck, wie auch von radikalen Geistern, etwa Bruno Bauer (1809-1882) und freireligiösen Bewegungen wie den Lichtfreunden und dem Monistenbund. Die nicht allein durch Albert Schweitzer, sondern auch durch Martin Kähler und William Wrede erschütterte Leben Jesu Forschung wird durch die Formgeschichte (Martin Dibelius) weiter infrage gestellt, als Subjektivismus erkannt und schließlich durch die Formgeschichte abgelöst. In den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges erwies sich Liberale Theologie. als nicht tragfähig und zerbrach. Optimismus und Fortschrittsglaube erweisen sich nicht als beständig. In der Liberale Theologie. hatten vor allem Exegese und Kirchengeschichte dominiert und den Historismus und Positivismus gefördert, während die systematische Theologie vernachlässigt wurde. Zudem hatte Liberale Theologie. nicht die Hoffnung erfüllt, breite Kreise des Protestantismus zu erreichen; am ehesten erreichte sie noch das Bildungsbürgertum. Die offizielle Kirche hatte den politischen wie theologischen Liberalismus abgelehnt. In einzelnen Fällen wurden liberale Pfarrer mit Lehrzuchtverfahren bedacht ([[Apostolikumstreit]]) (Jatho, Traub, Leimbach, Schrempf). Da die Kirche jedoch zur Ausbildung an den theologischen Fakultäten liberale Dozenten gewähren ließ, war dieses Verhalten in gewisser Weise inkonsequent.


Die Kritik der frühen >Dialektischen Theologie (Karl Barth) setzte u. a. an der Vernachlässigung der Systematik an und an der Verbindung von Christentum und Kultur (Kulturprotestantismus). Eine Vorherrschaft moderner Wissenschaft, vor allem der >Historismus wurde aufgegeben. Bei der Dialektischen Theologie wurde von einer Neuorthodoxie / Neoorthodoxie gesprochen. Während des Kirchenkampfes im Dritten Reich bekam das alte Bekenntnis wieder Bedeutung. Es herrschte allgemein eine antiliberale Haltung. Zwar fanden einige liberale Theologen den Weg zur Bekennenden Kirche. Da bei dieser aber im großen ganzen orthodox gedacht wurde, war dem Liberalismus der Weg dahin im großen und ganzen verschlossen. Nach 1945 herrschte in den Kirchen selbst zunächst ein eher restaurativer Zug, an den evangelisch-theologischen Fakultäten dagegen schnell der Neoliberalismus, der von R. Bultmann und dessen Schülern vertreten wurde durch deren geschickte "Fakultätspolitik" herrschend wurde und dann auch auf die Gemeinden übergriff.
Die Kritik der frühen [[Dialektische Theologie|Dialektischen Theologie]] (Karl Barth) setzte u. a. an der Vernachlässigung der Systematik an und an der Verbindung von Christentum und Kultur (Kulturprotestantismus). Eine Vorherrschaft moderner Wissenschaft, vor allem der [[Historismus]] wurde aufgegeben. Bei der Dialektischen Theologie wurde von einer Neuorthodoxie / Neoorthodoxie gesprochen. Während des Kirchenkampfes im Dritten Reich bekam das alte Bekenntnis wieder Bedeutung. Es herrschte allgemein eine antiliberale Haltung. Zwar fanden einige liberale Theologen den Weg zur Bekennenden Kirche. Da bei dieser aber im großen ganzen orthodox gedacht wurde, war dem Liberalismus der Weg dahin im großen und ganzen verschlossen. Nach 1945 herrschte in den Kirchen selbst zunächst ein eher restaurativer Zug, an den evangelisch-theologischen Fakultäten dagegen schnell der Neoliberalismus, der von R. Bultmann und dessen Schülern vertreten wurde durch deren geschickte "Fakultätspolitik" herrschend wurde und dann auch auf die Gemeinden übergriff.


==5. Neue liberale Theologie==
==5. Neue liberale Theologie==


Gegenwärtig ist Liberale Theologie. nicht allein für ein bestimmtes Bildungsbürgertum ansprechend, sondern scheint als pragmatisch verstandene Liberale Theologie. die allgemein herrschende theologisch-kirchliche Richtung geworden zu sein. So zeigt z. B. Trutz Rendtorff, dass der Neoliberalismus kein Gegensatz mehr zur herrschenden Kirchentheologie ist. T. Rendtorff selbst ist einer der am maßgeblichsten auf Kirchentheologie einwirkenden akademischen Theologen. Möglicherweise lässt sich der Wandel von einer nach dem Kriege eher restaurativen Kirchentheologie hin zu einer stark neoliberalen zum Teil mit der Annahme erklären, dass, wenn eine protestantische Kirche nicht hinter dem demokratischen Staat und vor allem hinter einer pluralistischen Gesellschaft zurückbleiben will und ein Teil dieser pluralistischen Gesellschaft sein will, sie liberaler Theologie zu bedürfen scheint. Die neue Liberale Theologie. hat aber allem Anschein nach nicht mehr dieses Maß an Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit. Sie scheint dafür aber mehr pragmatisch orientiert zu sein als die alte. Doch wurde die neue Liberale Theologie. vorbereitet. Emanuel Hirsch (1888-1972) trat mit seiner mehrbändigen Theologiegeschichte einer Ächtung des Neuprotestantismus, wie dies durch K. Barth geschah, entgegen. Paul >Tillich (1886-1965) hat durch seine ebenfalls mehrbändige Systematische Theologie das systematische Defizit liberaler Theologie aufzuheben versucht. R. Bultmann hat in seinem umstrittenen Programm der >Entmythologisierung liberale Fragen in veränderter Form wieder aufgenommen und ist damit bei liberaler Theologie geblieben, wo er auch seinen Ausgangspunkt nahm, auch wenn er selbst dies anders eingeschätzt hat. In der (deutschsprachigen) Schweiz hat sich recht früh eine neue Liberale Theologie. herausgebildet und zwar aufgrund intensiver Rezeption der ethischen Theologie Albert Schweitzers, die dessen Schüler Martin Werner, Fritz Buri und auch Ulrich Neuenschwander ("Die neue liberale Theologie", 1953) vertraten, die sich auch durch den Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) anregen ließen (Konsequente Eschatologie).
Gegenwärtig ist Liberale Theologie. nicht allein für ein bestimmtes Bildungsbürgertum ansprechend, sondern scheint als pragmatisch verstandene Liberale Theologie. die allgemein herrschende theologisch-kirchliche Richtung geworden zu sein. So zeigt z. B. Trutz Rendtorff, dass der Neoliberalismus kein Gegensatz mehr zur herrschenden Kirchentheologie ist. T. Rendtorff selbst ist einer der am maßgeblichsten auf Kirchentheologie einwirkenden akademischen Theologen. Möglicherweise lässt sich der Wandel von einer nach dem Kriege eher restaurativen Kirchentheologie hin zu einer stark neoliberalen zum Teil mit der Annahme erklären, dass, wenn eine protestantische Kirche nicht hinter dem demokratischen Staat und vor allem hinter einer pluralistischen Gesellschaft zurückbleiben will und ein Teil dieser pluralistischen Gesellschaft sein will, sie liberaler Theologie zu bedürfen scheint. Die neue Liberale Theologie. hat aber allem Anschein nach nicht mehr dieses Maß an Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit. Sie scheint dafür aber mehr pragmatisch orientiert zu sein als die alte. Doch wurde die neue Liberale Theologie. vorbereitet. Emanuel Hirsch (1888-1972) trat mit seiner mehrbändigen Theologiegeschichte einer Ächtung des Neuprotestantismus, wie dies durch K. Barth geschah, entgegen. [[Tillich, Paul|Paul Tillich]] (1886-1965) hat durch seine ebenfalls mehrbändige Systematische Theologie das systematische Defizit liberaler Theologie aufzuheben versucht. R. Bultmann hat in seinem umstrittenen Programm der [[Entmythologisierung]] [[Liberalismus|liberale]] Fragen in veränderter Form wieder aufgenommen und ist damit bei liberaler Theologie geblieben, wo er auch seinen Ausgangspunkt nahm, auch wenn er selbst dies anders eingeschätzt hat. In der (deutschsprachigen) Schweiz hat sich recht früh eine neue Liberale Theologie. herausgebildet und zwar aufgrund intensiver Rezeption der ethischen Theologie Albert Schweitzers, die dessen Schüler Martin Werner, Fritz Buri und auch Ulrich Neuenschwander ("Die neue liberale Theologie", 1953) vertraten, die sich auch durch den Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) anregen ließen (Konsequente Eschatologie).


==6. Theologischer Liberalismus außerhalb des deutschsprachigen Raums und im Katholizismus==
==6. Theologischer Liberalismus außerhalb des deutschsprachigen Raums und im Katholizismus==
Zeile 78: Zeile 77:


Ursprungsquelle dieses Artikels: [https://www.bibel-glaube.de/handbuch_orientierung/Liberale_Theologie.html https://www.bibel-glaube.de/handbuch_orientierung/Irak.html] (Abgerufen am 20. 02. 2022, 15:36)
Ursprungsquelle dieses Artikels: [https://www.bibel-glaube.de/handbuch_orientierung/Liberale_Theologie.html https://www.bibel-glaube.de/handbuch_orientierung/Irak.html] (Abgerufen am 20. 02. 2022, 15:36)
[[Kategorie:Theologie]]
Autor
1.079

Bearbeitungen

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung von Christ-Wiki.de. Durch die Nutzung von Christ-Wiki.de erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies speichern.