Leben und Dienst der Zeugen Jehovas: Unterschied zwischen den Versionen
(Die Seite wurde neu angelegt: „__TOC__ Das Leben des Zeugen Jehovasist sehr stark von der Wachturm Gesellschaft, deren Veranstaltungen und Dienstanweisungen bestimmt. Schon ein gewöhnlicher ''„Königreichs-Verkündiger“'' (der einfache getaufte Zeugen Jehovas) bringt gut und gerne 40 Stunden im Monat bei Versammlungen und Diensteinsätzen zu, die ehrenamtlich ausgeführt werden. Nach offiziellen Angaben der Wachturm Gesellschaft von 1995 setzt sich ein gewöhnlicher Zeugen Jehovas…“) |
KKeine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 5: | Zeile 5: | ||
Sonntags geht er in die ''Versammlung im „Königreichssaal“''. Dort hört er - eingerahmt durch Lieder und „Gebete“ - einen „biblischen Vortrag“. Nach diesem öffentlichen Vortragsteil, der ca. eine Stunde in Anspruch nimmt, folgt das ebenfalls ca. einstündige gemeinsame Studium des neuen Wachtturms. Ein Absatz im Wachtturm wird verlesen, die dazugehörigen Fragen werden betrachtet, Personen, die eine Antwort geben wollen, werden aufgerufen. Danach werden die Themen ausführlich besprochen und die Antworten - etwa für den Haus-zu-Haus-Dienst - eingeübt. | Sonntags geht er in die ''Versammlung im „Königreichssaal“''. Dort hört er - eingerahmt durch Lieder und „Gebete“ - einen „biblischen Vortrag“. Nach diesem öffentlichen Vortragsteil, der ca. eine Stunde in Anspruch nimmt, folgt das ebenfalls ca. einstündige gemeinsame Studium des neuen Wachtturms. Ein Absatz im Wachtturm wird verlesen, die dazugehörigen Fragen werden betrachtet, Personen, die eine Antwort geben wollen, werden aufgerufen. Danach werden die Themen ausführlich besprochen und die Antworten - etwa für den Haus-zu-Haus-Dienst - eingeübt. | ||
Auf die ''Schulung'' der Königreichs-Verkündiger wird auch sonst großer Wert gelegt. So finden neben dem sonntäglichen Wachtturm-Studium während der Woche verschiedene Zusammenkünfte statt, die der eigenen „Fortbildung“ und „missionarischen“ Zwecken dienen ([[Mission]]). Diese Zusammenkünfte dauern in der Regel jeweils eine Stunde. Es sind dies insbesondere: die Theokratische Schule, eine Predigtdienst-Zusammenkunft, in der das Studienprogramm gelernt wird und reihum Vorträge gehalten werden, welche die Ältesten beurteilen; die Dienstzusammenkunft, in der Kurzvorträge und Diskussionssituationen eingeübt und durchgespielt werden; das Versammlungsbuchstudium, das ohne festen Stoffplan in einer Privatwohnung erfolgt. Hinzu kommt das Studium von Wachtturm und Bibel allein und mit der Familie, etwa vor den Mahlzeiten. | Auf die ''Schulung'' der Königreichs-Verkündiger wird auch sonst großer Wert gelegt. So finden neben dem sonntäglichen Wachtturm-Studium während der Woche verschiedene Zusammenkünfte statt, die der eigenen „Fortbildung“ und „missionarischen“ Zwecken dienen ([[Mission (Zeugen Jehovas)|Mission]]). Diese Zusammenkünfte dauern in der Regel jeweils eine Stunde. Es sind dies insbesondere: die Theokratische Schule, eine Predigtdienst-Zusammenkunft, in der das Studienprogramm gelernt wird und reihum Vorträge gehalten werden, welche die Ältesten beurteilen; die Dienstzusammenkunft, in der Kurzvorträge und Diskussionssituationen eingeübt und durchgespielt werden; das Versammlungsbuchstudium, das ohne festen Stoffplan in einer Privatwohnung erfolgt. Hinzu kommt das Studium von Wachtturm und Bibel allein und mit der Familie, etwa vor den Mahlzeiten. | ||
Die ''Aktivitäten nach außen'' sind dann: die Zeitschriftenverbreitung auf Straßen und Plätzen (mindestens 2 bis 3 Stunden pro Woche), der Haus-zu-Haus-Predigtdienst (ebenfalls ca. 2 bis 3 Wochenstunden) und das Heimbibelstudium (wenigstens eines pro Woche), bei dem der Zeugen Jehovaseinen Interessierten Schritt für Schritt in den Wachtturm-Glauben einführt, bis dieser sich „taufen“ läßt und selber ein „Königreichs-Verkündiger“ wird. Über diese Aktivitäten ist genau Buch zu führen und der örtlichen Versammlung - bzw. über diese der Wachtturm-Zentrale - zu berichten, etwa anhand von „Haus-zu-Haus-Notizzetteln“ oder des „Predigtdienstberichts“, den jeder Zeugen Jehovasjeden Monat ausfüllen muß. Dieser monatliche Bericht wird dann auf eine Karte übertragen, die sich in der Versammlungsablage befindet und nur für die Ältesten zugänglich ist. | Die ''Aktivitäten nach außen'' sind dann: die Zeitschriftenverbreitung auf Straßen und Plätzen (mindestens 2 bis 3 Stunden pro Woche), der Haus-zu-Haus-Predigtdienst (ebenfalls ca. 2 bis 3 Wochenstunden) und das Heimbibelstudium (wenigstens eines pro Woche), bei dem der Zeugen Jehovaseinen Interessierten Schritt für Schritt in den Wachtturm-Glauben einführt, bis dieser sich „taufen“ läßt und selber ein „Königreichs-Verkündiger“ wird. Über diese Aktivitäten ist genau Buch zu führen und der örtlichen Versammlung - bzw. über diese der Wachtturm-Zentrale - zu berichten, etwa anhand von „Haus-zu-Haus-Notizzetteln“ oder des „Predigtdienstberichts“, den jeder Zeugen Jehovasjeden Monat ausfüllen muß. Dieser monatliche Bericht wird dann auf eine Karte übertragen, die sich in der Versammlungsablage befindet und nur für die Ältesten zugänglich ist. | ||
Version vom 3. Mai 2022, 19:41 Uhr
Das Leben des Zeugen Jehovasist sehr stark von der Wachturm Gesellschaft, deren Veranstaltungen und Dienstanweisungen bestimmt. Schon ein gewöhnlicher „Königreichs-Verkündiger“ (der einfache getaufte Zeugen Jehovas) bringt gut und gerne 40 Stunden im Monat bei Versammlungen und Diensteinsätzen zu, die ehrenamtlich ausgeführt werden. Nach offiziellen Angaben der Wachturm Gesellschaft von 1995 setzt sich ein gewöhnlicher Zeugen Jehovaspro Woche mit 17,5 Stunden durchschnittlich für seine Gemeinschaft ein (vgl. K.-D. Pape, Brief an den Verfasser vom 15.2.1996). Bei einem Hilfspionier sind es mindestens 60 Stunden, bei einem allgemeinen Pionier durchschnittlich 90 Stunden im Monat. Der Sonderpionier arbeitet monatlich mindestens 140 Stunden für „Jehova“ und die Wachturm Gesellschaft und erhält eine Zuwendung in Taschengeldhöhe. Außerdem gibt es noch Gilead-Missionare (benannt nach der Ausbildungsstätte in South Lansing/ New York), die ebenfalls monatlich ca. 140 Stunden im Einsatz sind, allerdings im Auslandsdienst; Kreis- und Bezirksaufseher, die überregionale Besuchs- und Koordinationsdienste vornehmen; sowie Bethel-Mitarbeiter, die in den Büros, Verlagen und Druckereien der Wachturm Gesellschaft tätig sind und dafür freie Kost und Logis sowie ein geringes Taschengeld erhalten.
Mit Hilfe solcher billiger oder kostenloser oder sogar gewinnbringender Arbeitskräfte (der normale „Königreichs-Verkündiger“ muß die weitergegebenen Wachtturm-Publikationen entweder zuerst selber kaufen oder aber eine Spende dafür geben; s.u.) kann die Wachturm Gesellschaft ihre - immer in Millionenauflage gedruckten Publikationen - sehr rationell herstellen und bei einem niedrigen Abgabepreis trotzdem noch Gewinne in Millionenhöhe erzielen. In dem 1946/48 veröffentlichten Wachtturm-Buch „Gott bleibt wahrhaftig“ wird hierzu ausgeführt:
„Der Diener Gottes, der Prediger, der nur einen Teil seiner Zeit diesem Dienste widmet, erstattet der Gesellschaft den Selbstkostenpreis für die verbreitete Literatur und nimmt freiwillige Beiträge an, die mithelfen, Verbreitungskosten zu decken. Dem Vollzeitprediger wird geholfen, die Kosten der Literatur zu tragen, damit er imstande ist, die Kosten der Verbreitung zu decken und sich mit dem zum Leben Notwendigen zu versehen... Außerdem dürfen Vollzeitprediger, die als Jehovas Zeugen Sonder-Missionsdienst tun, die Gesellschaft jeden Monat um eine bestimmte kleine Entschädigung zur Bestreitung ihrer Auslagen angehen, damit sie imstande seien, in diesem Sonderdienste durchzukommen“ (S. 235).
Der Herausgeber der Zeitschrift „Aus christlicher Verantwortung“ (ACV), Klaus-Dieter Pape, hat die Bilanzen des britischen Zweiges der Wachturm Gesellschaft von 1983 bis 1987 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, „daß das Verhältnis von Druckkosten zum Ertrag aus der Literatur 1 zu 6 ist. D.h., für eine eingesetzte D-Mark erwirtschaftet die Wachturm Gesellschaft [Wachturm Gesellschaft] 6 D-Mark“. Und Pape fragt:
„... welches Verlagsunternehmen auf der Welt besitzt über 4 Mio. treue Kunden, die jede Publikation des Verlages sofort kaufen - und nicht nur einmal. Jedes Buch, das auf den Bezirkskongressen verbreitet wird als neue ´Wahrheit`, bringt der Wachturm Gesellschaft viele Millionen an materiellem Gewinn. Ebenso die Zeitschriften“ (ACV-Information Nr 2/1994, S. 4).
Zwischenzeitlich jedoch hat die Wachturm Gesellschaft ihre Finanzierungsweise - etwa im Blick auf die „Gemeinnützigkeit“ - in Staaten wie Deutschland geändert. So teilte mir K.-D. Pape in seinem Brief vom 15.2.1996 folgendes mit:
„Die Aussage, daß die Zeugen Jehovasdie Literatur zuerst selber kaufen müßten, stimmt seit 1991 in vielen Ländern nicht mehr. In Deutschland wird die Literatur seit 1991 ´kostenlos` abgegeben, mit dem Hinweis der Spendenmöglichkeit, die von den Zeugen Jehovasauch stark genutzt wird. In Ländern wie Südafrika wird die Literatur nach unseren Erkenntnissen immer noch verkauft. Die Bilanzierung aus England ist aber trotzdem wichtig, weil das Verhältnis 1:6 auch heute noch in etwa gilt, da die Zeugen Jehovasin etwa den Preis eines Buches spenden, den sie früher bezahlt haben. Die 5 Millionen Zeugen Jehovassind aber trotzdem die besten Kunden, da sie jeweils ein persönliches Exemplar jeder Veröffentlichung besitzen müssen, und dann weitere Verbreiterexemplare, die sie in ihren ´Predigtdienstberichten` notieren müssen.“
Wie läuft die durchschnittliche Woche eines einfachen „Königreichs-Verkündigers“ ab? Die folgende Skizze zeigt die Fülle seiner Verpflichtungen und Aktivitäten an:
Sonntags geht er in die Versammlung im „Königreichssaal“. Dort hört er - eingerahmt durch Lieder und „Gebete“ - einen „biblischen Vortrag“. Nach diesem öffentlichen Vortragsteil, der ca. eine Stunde in Anspruch nimmt, folgt das ebenfalls ca. einstündige gemeinsame Studium des neuen Wachtturms. Ein Absatz im Wachtturm wird verlesen, die dazugehörigen Fragen werden betrachtet, Personen, die eine Antwort geben wollen, werden aufgerufen. Danach werden die Themen ausführlich besprochen und die Antworten - etwa für den Haus-zu-Haus-Dienst - eingeübt.
Auf die Schulung der Königreichs-Verkündiger wird auch sonst großer Wert gelegt. So finden neben dem sonntäglichen Wachtturm-Studium während der Woche verschiedene Zusammenkünfte statt, die der eigenen „Fortbildung“ und „missionarischen“ Zwecken dienen (Mission). Diese Zusammenkünfte dauern in der Regel jeweils eine Stunde. Es sind dies insbesondere: die Theokratische Schule, eine Predigtdienst-Zusammenkunft, in der das Studienprogramm gelernt wird und reihum Vorträge gehalten werden, welche die Ältesten beurteilen; die Dienstzusammenkunft, in der Kurzvorträge und Diskussionssituationen eingeübt und durchgespielt werden; das Versammlungsbuchstudium, das ohne festen Stoffplan in einer Privatwohnung erfolgt. Hinzu kommt das Studium von Wachtturm und Bibel allein und mit der Familie, etwa vor den Mahlzeiten.
Die Aktivitäten nach außen sind dann: die Zeitschriftenverbreitung auf Straßen und Plätzen (mindestens 2 bis 3 Stunden pro Woche), der Haus-zu-Haus-Predigtdienst (ebenfalls ca. 2 bis 3 Wochenstunden) und das Heimbibelstudium (wenigstens eines pro Woche), bei dem der Zeugen Jehovaseinen Interessierten Schritt für Schritt in den Wachtturm-Glauben einführt, bis dieser sich „taufen“ läßt und selber ein „Königreichs-Verkündiger“ wird. Über diese Aktivitäten ist genau Buch zu führen und der örtlichen Versammlung - bzw. über diese der Wachtturm-Zentrale - zu berichten, etwa anhand von „Haus-zu-Haus-Notizzetteln“ oder des „Predigtdienstberichts“, den jeder Zeugen Jehovasjeden Monat ausfüllen muß. Dieser monatliche Bericht wird dann auf eine Karte übertragen, die sich in der Versammlungsablage befindet und nur für die Ältesten zugänglich ist.
Kurt Hutten (1968, S. 100 ff.) spricht von einer Prozedur der „Gehirnwäsche“, welcher die „Sklaven Jehovas“ ausgesetzt sind. Mit der Angst vor Harmagedon und der Hoffnung auf ein ewiges Erdenparadies wird der einzelne gelockt und bei der Stange gehalten. Er wird „so mit Schriften, Studienaufgaben und Gesprächen überschüttet, daß er keine Ruhe mehr findet zu kritischer Prüfung“. Bibelstudium darf nur anhand der Wachtturm-Schriften erfolgen, die ihm den Schlüssel zur Auslegung an die Hand geben. Die Wachturm Gesellschaft gibt die Interpretation der Bibel vor, und die Ältesten vor Ort haben die Aufgabe, diese Interpretation um- bzw. durchzusetzen. Ein eigenes Bibelverständnis, etwa aufgrund der Benutzung von Nicht-Wachtturm-Schriften und -Kommentaren, gilt als gefährlich und wird so weit wie möglich von der Organisation unterdrückt. Raymond Franz beispielsweise wurde letztlich deshalb ausgeschlossen, weil er „unabhängig“ in der Bibel las und zu nicht-konformen Ergebnissen kam. Der andere Grund des Ausschlusses (er habe mit einem Abtrünnigen gegessen) ist nur vorgeschoben (vgl. Franz 1991, S. 27 ff. 215 ff.). Ein engmaschiges Netz von Verboten, Vorschriften und Gesetzen bindet den einzelnen immer stärker an die >Sekte, die dem, der zu ihr gehört und ihr treu bleibt, ein Wir-Gefühl ermöglicht, einen Raum der Geborgenheit eröffnet. Verläßt der einzelne diesen Raum, dann droht ihm der Gemeinschaftsentzug und die Vernichtung bei Harmagedon (s.u.).
Der ehemalige Wachtturm-Anhänger W. J. Schnell (1959 a, S. 102 f.) betrachtet viele Zeugen Jehovasals „geistig und seelisch krank. Sie leiden an Verfolgungswahn und an der Angst vor Harmagedon“. Der Psychologe Jerry Bergman nennt in seiner Untersuchung „Jehovas Zeugen und das Problem der psychischen Gesundheit“ folgende Ursachen für die „hohe Anzahl psychischer Erkrankungen“ bei Wachtturm-Anhängern: die übergroße Beanspruchung ihrer Kraft und Zeit durch Versammlungen und „Dienstaufgaben“; das dadurch bedingte Zurücktreten von Freizeit und sportlich-gesellschaftlich-kulturellem Ausgleich; das dichte Netz von Ge- und Verboten, die schwer zu halten sind und deshalb Schuldgefühle und Aggressionen verursachen können; die fast alltägliche Frustration beim Missionsdienst von Haus zu Haus oder auf der Straße; die Unterdrückung ehrlicher, kritischer Fragen durch die Wachturm Gesellschaft, was zu psychosomatischen Störungen führen kann. Bergman schreibt:
„Ehrliche Fragen dürfen nicht laut ausgesprochen, sondern sollen unterdrückt werden. Oft quälen sie die Zeugen im Unbewußten und rufen psychosomatische Symptome wie Asthma, Bluthochdruck, Geschwüre oder andere Störungen hervor“ (Bergman 1994, S. 33).
Daraus folgt: Bei allem „missionarischen“ Engagement der Zeugen Jehovas, das vordergründig gesehen bewundernswert ist, und trotz hoher moralischer Maßstäbe (z.B. Ablehnung von Ehebruch, Unzucht, vorehelichem Geschlechtsverkehr, Homosexualität, Abtreibung, Drogen, Rauchen u.ä.; nur mäßiger Genuß von Alkohol) sind dennoch die gesundheitlichen, gesellschaftlichen und geistlichen Auswirkungen negativ.
Literaturhinweise
L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)
Einzelhinweise und Quellen
Anmerkungen