Soteriologie (Zeugen Jehovas)
Überblick
Der Ausgangspunkt von Charles Taze Russell war die Angst vor der ewigen Höllenqual. Demgegenüber verkündete er ein Reich der ewigen Seligkeit der Gerechten und Geretteten, das sehr hedonistisch geprägt ist und fleischlich-irdische Erwartungen enthält, fast wie der islamische „Himmel“. Über das Leben im „Himmel“ heißt es in der 78. Sure des Koran:
„Für die Gottesfürchtigen aber ist ein Ort der Seligkeit bereitet, mit Bäumen und Weinreben bepflanzt, und sie finden dort Jungfrauen mit schwellenden Busen und gleichen Alters mit ihnen und vollgefüllte Becher.“
Mit Ausnahme der islamischen „Huris“ finden sich solche grobsinnlichen Vorstellungen auch in den Veröffentlichungen der WTG. Der Titel einer bekannten Wachtturm-Schrift, „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“, ist hierfür geradezu programmatisch. Dieses irdische Paradies ist für die ZJ durch ewige Jugend und Gesundheit seiner Bewohner sowie üppige Fruchtbarkeit seiner Vegetation gekennzeichnet (vgl. die kitschigen graphischen Darstellungen der „paradiesischen Erde“ in zahlreichen Wachtturm-Büchern und -Traktaten). Kurt Hutten (1968, S. 85) bezeichnet treffend „die Sehnsucht nach Glück“ als „das eigentliche und innerste Motiv“ für die Soteriologie und sonstige Lehrentwicklung der WTG.
„In ihrem Brennpunkt steht ein handfestes irdisches Glück von endloser Dauer in einer paradiesischen Welt. Die ganze Welt- und Heilsgeschichte ist nichts anderes als der mit allerlei Komplikationen und Konflikten beladene Weg vom verlorenen Paradies Adams und Evas zum wiedergewonnenen Paradies des irdischen ´Königreichs Gottes`“.
Nach Ansicht der WTG wurde das erste Menschenpaar 4.128, 4028 oder 4.026 v.Chr. von Jehova erschaffen (die Jahreszahl wurde mehrmals geändert; Endzeit-Daten). Damals war Luzifer, einer der Cherubim, und das Heer der Engel schon vorhanden. Luzifer besaß zunächst die Schirmherrschaft über das junge Menschengeschlecht, erwies sich aber Jehova gegenüber als illoyal, indem er selber wie Jehova sein und die Menschen in diese Rebellion mit hinein ziehen wollte. Er wurde zum Satan und gewann viele Engel (die nun zu Dämonen wurden) für sich.
Satan und alle Abgefallenen (Engel wie Menschen) wurden von Jehova zur Vernichtung verurteilt. Aber zuvor mußte Jehova den Abgefallenen eine Zeit von 6.000 Jahren gewähren. Luzifer-Satan hatte nämlich zwei Streitfragen aufgeworfen: Ist wirklich Jehova der Souverän und Herrscher des Weltalls - oder nicht? Und: Werden Jehovas Diener ihm wirklich aus Liebe gehorchen - oder werden sich alle von Jehova abwenden und der Leitung Satans folgen? In der Schrift „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“ heißt es:
„Natürlich hätte Gott Satan auf der Stelle vernichten können. Doch dann wären die Fragen, die Satan aufgeworfen hatte, nicht beantwortet worden; sie hätten für die Engel, die alles beobachtet hatten, bestehen bleiben können. Daher räumte Gott Satan Zeit ein, seine Behauptungen zu beweisen“ (S. 20).
„Die wichtige Streitfrage lautete...: Hat Gott das Recht, der absolute Herrscher über die Menschheit zu sein? Mit anderen Worten: Hat Jehova zu entscheiden, was für die Menschen gut oder schlecht ist? Hat er zu sagen, was richtiges Verhalten ist und was nicht? Oder kann sich der Mensch besser selbst regieren? Welche Art von Herrschaft ist die beste? Können Menschen ohne Jehovas Leitung, aber unter der unsichtbaren Leitung Satans erfolgreich herrschen? Oder ist Gottes Führung nötig, damit eine gerechte Regierung geschaffen werden kann, die der Erde bleibenden Frieden bringt? All diese Fragen wurden aufgeworfen, als Gottes Souveränität, sein Recht, der einzige und absolute Herrscher der Menschheit zu sein, angegriffen wurde“ (S. 101 f.).
Um seine Souveränität zu beweisen, mußte Jehova sich einen Weg erdenken, und er entschloß sich, einen anderen Cherubim, gleich mächtig wie Luzifer, den Erzengel Michael, auf die Welt zu senden, um einen Ausgleich für Luzifers Rebellion zu erwirken. Luzifer aber blieb nicht untätig. Er gründete sein Reich in der Welt: in Form der Staaten, Religionen und Kirchen. Die organisierte Religion unter Leitung Luzifers ist „die große Hure“. Im Gegenüber zur organisierten Religion hat sich Jehova immer wieder Zeugen berufen, so bereits Abel, aber auch Mose, der eine zeitweilige „theokratische Vorbildregierung“ initiierte. 607 oder 606 v. Chr. endete diese wegen des Ungehorsams der Könige Judas, und mit der Babylonischen Gefangenschaft begannen die „Zeiten der Nationen“, die 2.520 Jahre bis 1914 dauern sollten.
Der mächtigste Gegenschlag gegen die Weltherrschaft Satans ist nun nach Wachtturm-Ansicht durch die Sendung des Erzengels Michael erfolgt, der mit Jesus Christus gleichgesetzt wird (Christologie). Im folgenden werde ich ausführlicher auf das Verständnis von Sünde, Christus und Heil bei den ZJ eingehen und dieses kritisch hinterfragen.
„Sünde - eine Disharmonie“
Im Bibellexikon der ZJ wird darauf hingewiesen, daß die Sünde durch Satan aufkam:
„Während einer Zeit von unbekannter Dauer war das ganze Universum mit Gott in völliger Harmonie. Disharmonie entstand durch ein Geistgeschöpf, das als Widerstandleistender oder Widersacher bezeichnet wird (hebräisch: Ssatán; griechisch: Satanás; Hiob 1:6; Röm. 16:20), als der führende Falschankläger oder Verleumder (griechisch: Diábolos) Gottes (Heb. 2:14; Offb. 12:9)“ (HVB, S. 1.422).
Satan nährte die Begierde im Garten Eden, leitete die Menschen an, die Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, und führte zur „Disharmonie“ zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer, der übrigen Schöpfung und sich selbst. Wörtlich heißt es:
„Die Sünde führte zur Disharmonie zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Sie beeinträchtigte nicht nur sein Verhältnis zu Gott, sondern auch sein Verhältnis zur übrigen Schöpfung Gottes, ja sie schädigte sogar ihn selbst - seinen Sinn, sein Herz und seinen Körper. Sie brachte großes Unheil über das ganze Menschengeschlecht“ (HVB, S. 1.422 f.).
Der Sündenfall hatte Auswirkungen auf die gesamte Menschheit: „Die Tatsachen sprechen dafür, daß die Übertragung der Sünde von Adam auf die nachfolgenden Generationen auf die anerkannten Vererbungsgesetze zurückzuführen ist (Ps 51:5)“ (HVB, S. 1.423). Die Folgen der Sünde sind Tod, Krankheit, Schmerz und Altern. Sünde ist Gesetzlosigkeit - und „nur ein sündloser Mensch - wie Jesus Christus - konnte dieses Gesetz (Jehovas) vollkommen halten“ (HVB, S. 1.424) und damit die Folgen der Sünde beseitigen.
Diese Aussagen der ZJ klingen auf den ersten Blick zum Teil orthodox, und doch verbirgt sich hinter ihnen ein wesentlicher Unterschied zum biblisch-christlichen Verständnis von „Sünde“: Die Sünde wird nicht in ihrer ganzen Radikalität und Tiefe gesehen. Man achte genau auf die Formulierungen der WTG: Die Sünde führte zu einer „Disharmonie“, sie „beeinträchtigte“ das Verhältnis des Menschen zu Gott und zur übrigen Schöpfung, sie „schädigte“ den Menschen selbst. - Die Bibel hingegen spricht davon, daß durch die Sünde unser Verhältnis zu Gott völlig zerstört ist, daß wir ganz und gar Verlorene sind, daß nichts Gutes im Menschenherzen wohnt usw. (vgl. Jes 59,2; Röm 3,9-28; 7,18.24 u.v.a. ).
Nur weil von den ZJ Sünde nicht in ihrer ganzen Tiefe gesehen wird, kann behauptet werden, daß ein „sündloser Mensch - wie Jesus Christus“ ausreicht, um das „Gesetz vollkommen“ zu halten und damit die Gerechtigkeit wieder herzustellen, die dadurch allen zuteil wird und es ihnen ermöglicht, sich durch ihre eigenen Taten zu „bewähren“. Also ein bloßer Mensch (bzw. ein Mensch gewordener Erzengel; Christologie) würde ausreichen, um die Rettung zu ermöglichen. - Die Bibel hingegen sowie auch die biblisch-christliche Tradition hält daran fest, daß allein Gott, der Mensch wird, dem Menschen helfen kann, weil die Sünde des Menschen übergroß ist. So heißt es etwa in der 1580 veröffentlichen „Konkordienformel“ der evangelisch-lutherischen Kirche:
„Und erstlich ists wahr, daß Christen für Sünde halten und erkennen sollen nicht alleine die wirkliche Übertretung der Geboten Gottes, sondern daß auch die greuliche, schreckliche Erbseuche, durch welche die ganze Natur verderbet, vor allen Dingen wahrhaft für Sünde soll gehalten und erkennt werden, ja für die ´Häuptsünde`, welche ein Wurzel und Brunnquell ist aller wirklichen Sünde und wird von D. Luthero eine ´Natur- oder Personsünde` genennet, damit anzuzeigen, da gleich der Mensch nichts Böses gedächte, redet oder wirket, wölchs doch nach dem Fall unser ersten Eltern in diesem Leben menschlicher Natur unmüglich, daß gleichwohl seine Natur und Person sündig, das ist, durch die Erbsünde als mit einem geistlichen Aussatz durch und durch, ganz und gar für Gott vergiftet und verderbet sei, umb welcher Verderbung willen und von wegen des Falls des ersten Menschen die Natur oder Person von Gottes Gesetz beklagt und vordammet wird, also, daß wir ´von Natur Kinder des Zorns`, des Todes und der Verdammnus sind, wo wir nicht durch das Verdienst Christi davon erlöset werden“ (Solida Declaratio zu Art. 1; BSLK, S. 847).
„Das Loskaufopfer“ – Hilfe zur Selbsthilfe durch Glaube und Werke
Nach dem oben und im Artikel Christologie Ausgeführten ist es klar, daß der „Jesus Christus“ (Erzengel Michael) der ZJ keine vollständige Erlösung des Menschen erwirken konnte. Seine erste und eigentliche Aufgabe war es nach Ansicht der WTG nicht, zur Vergebung unserer Sünden zu sterben, sondern den Namen Jehovas zu verteidigen, seine Souveränität zu bestätigen und sein Königreich aufzurichten.
Jesus gilt - und hier möchte die WTG an Röm 5,12-21 anknüpfen - als der zweite Adam. Der erste Adam war als vollkommener Mensch (im Sinne einer „relativen Vollkommenheit“) erschaffen worden, aber er hatte diese Vollkommenheit infolge der Einflüsterungen Luzifers verloren, denen er nachgab. Christus nun trat als der zweite Adam auf, der den Einflüsterungen Luzifers nicht erlag. Er gab seinen Leib und sein vollkommenes menschliches Leben als Lösegeld oder Loskaufopfer an Jehova hin, um die Sünde Adams zu sühnen, die sich durch die Vererbung über das gesamte Menschengeschlecht ausgebreitet hatte. Jesus, der Mensch gewordene Erzengel Michael, gilt also als der vollkommene zweite Adam, der sündlos blieb. Infolge seines Loskaufopfers erhalten nun alle Menschen, die dieses für sich in Anspruch nehmen, die Möglichkeit, ebenfalls zur Vollkommenheit aufzusteigen.
Das Loskaufopfer Christi reicht hierfür aber nicht aus. Es hat nur die Übertretung Adams ausgeglichen. Die eigenen Fehler und Sünden muß der Mensch, wenn auch unter Inanspruchnahme dieses Loskaufopfers, selber durch seine Leistungen ausgleichen. Die Erlösung erfolgt also nicht durch Glaube allein, sondern durch Glaube und Werke. Zu diesen Werken zählen: die Verkündigung des Königreiches Jehovas, eine Lebensführung in Übereinstimmung mit Jehovas Anordnungen und die Unterwerfung unter die Theokratische Gesellschaft. Wer diese Werke zu Lebzeiten nicht vollbracht und das Loskaufopfer Christi nicht angenommen hat, bekommt nach seiner Neuerschaffung im Tausendjährigen Reich eventuell eine (letzte) Gelegenheit, sich zu bewähren. Im folgenden belege ich diese Zusammenfassung der Wachtturm-„Heilslehre“ durch einige Zitate. In dem Standardwerk der ZJ „Die Wahrheit, die zum ewigen Leben führt“ ist zu lesen:
„Die ´lebendige Seele` Adam, die das Leben der Menschheit verwirkte, war ein vollkommener Mensch. Für das, was Adam verlor, war eine andere Menschenseele, eine, die Adam entsprach, erforderlich, eine Menschenseele, die ihr eigenes vollkommenes Leben für die Menschheit opfern würde“ (S. 51).
Nach Ansicht von Joseph Franklin Rutherford war Jesus „der größte Mensch, der jemals auf Erden gelebt hat, und der einzige Vollkommene außer Adam“. „Da Jesus ein vollkommener Mensch war, so hatte er die Macht, ein vollkommenes Menschengeschlecht hervorzubringen und mit diesem die Erde zu bevölkern“ (Die Harfe Gottes, S. 120 f.). Ganz deutlich gibt Charles Taze Russell der Ansicht Ausdruck, daß das Lösegeld Christi für das Heil nicht ausreiche, indem er schreibt:
„Das ´Lösegeld für alle`, das von dem ´Menschen Christus Jesus` gegeben wurde, giebt [sic] oder verbürgt keinem Menschen ewiges Leben oder ewiges Glück, sondern es giebt [sic] und verbürgt jedem Menschen eine zweite Gelegenheit, oder ein anderes Gericht, ewiges Leben zu erlangen ... Das gegebene Lösegeld entschuldigt die Sünde bei niemandem; es sagt nicht, man solle Sünder für Heilige ansehen, und sie daraufhin in ewige Glückseligkeit versetzen. Es beseitigt allein die erste Verurteilung und ihre Strafe, und rechnet den Sünder, direkt oder indirekt, als von jener Verurteilung und ihren Folgen befreit; es stellt ihn wieder fürs Leben auf die Probe, in welcher sein eigener, freiwilliger Gehorsam oder vorsätzlicher Ungehorsam entscheiden soll, ob er ewiges Leben haben kann oder nicht“ (Der Plan der Zeitalter, Ausgabe 1912, S. 154 ff.).
Da das Loskaufopfer Christi nur eine begrenzte Wirkung hat, folgt nun auch umgekehrt daraus, daß Christus selber nur ein Mensch - und nichts weiter als ein Mensch - sein durfte. So lesen wir in dem Wachtturm-Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen“:
„Um der Genauigkeit des vollkommenen Gesetzes Gottes zu entsprechen, mußte Jesus ein vollkommener Mensch sein, nicht mehr und nicht weniger. So konnte er für die erlösungsbedürftige Menschheit sterben, nicht als ein Geistgeschöpf, sondern als ein vollkommenes menschliches Geschöpf. Aus diesen und anderen Gründen war Jesus nicht ein ´Gottmensch`, denn das wäre mehr als der erforderliche Loskaufspreis. Er hätte sein Leben nicht hingeben können, wenn er der unsterbliche Gott oder eine unsterbliche Seele gewesen wäre“ (S. 251).
In der Schrift „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“ wird die alttestamentliche Talionsregel „Leben um Leben“ (2. Mose 21,23; 5. Mose 19,21) auf das Erlösungsopfer Jesu angewandt und behauptet: „Jesus war dem vollkommenen Adam gleich“ (S. 62 f.). Hat das Loskaufopfer nur eine begrenzte Wirkung, dann ist der Mensch gezwungen, selber Werke zu tun, um jenes zu ergänzen. So betont etwa Russell: „... wenn wir nun weiter kommen wollen, so geht das nicht ohne Werke.“ Und er formuliert einen Liedvers, der den Blick völlig auf die Aktivität des Menschen lenkt:
„Denk nie, der Sieg sei dein,/ Noch ruh zufrieden schon;/ Dein Werk wird nicht vollendet sein,/ Bis du erkämpft die Kron“ (Der Plan der Zeitalter, Ausgabe 1912, S. 242 f.).
Welche Wirkungen das Loskaufopfer Christi hat und wo seine Grenzen liegen, wird durch folgende Zitate verdeutlicht:
„Schon jetzt können wir großen Nutzen aus dem Lösegeld ziehen. Wenn wir daran glauben, können wir vor Gott rein dastehen und in den Genuß seiner liebevollen Fürsorge kommen... Begehen wir zufolge unserer Unvollkommenheit eine Sünde, dann können wir aufgrund des Lösegeldes freimütig Gott um Vergebung bitten, im Vertrauen darauf, daß er unsere Bitte erhören wird... Das Lösegeld ermöglicht es uns ferner, bewahrt zu werden, wenn das gegenwärtige böse System vernichtet wird. Es ermöglicht auch die Auferstehung der Toten. Ferner bildet es die Grundlage dafür, daß Menschen in Gottes neuen System der Dinge ewiges Leben erlangen können, da es dann auf die Menschheit angewandt werden wird, um alle Auswirkungen der Erbsünde zu beseitigen“ (Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt, S. 53). „Nur durch das Loskaufsopfer Christi Jesu kann der Mensch voll und ganz mit Gott versöhnt werden... Natürlich ist das Opfer Jesu Christi kein ´Mittel zur Begütigung` in dem Sinne, daß Gott, weil er gekränkt wäre, beschwichtigt oder besänftigt werden müßte, denn der Tod seines geliebten Sohnes würde sicherlich keine solche Wirkung haben. Vielmehr ´begütigte` oder befriedigte dieses Opfer die Forderungen der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes, indem es die Rechtsgrundlage für die Vergebung von Sünde schuf... Dadurch, daß das Opfer Christi das Mittel für die Sühne (oder vollständige Genugtuung) der Sünden und ungesetzlichen Handlungen des Menschen lieferte, begünstigte es das erfolgreiche Bemühen des Menschen um eine Wiederherstellung guter Beziehungen zum souveränen Gott“ (HVB, S. 1519 f.).
Im Wachtturm vom 15.2.1983 werden die Werke genannt, die der Mensch zusätzlich zum Loskaufopfer Christi zu vollbringen hat, wenn er ewiges Leben erlangen möchte: die Lehre über den wahren Gott in sich aufnehmen, Gottes Gesetzen gehorchen, mit Gottes Kanal (der WTG) verbunden bleiben und loyal sein Königreich anderen verkündigen. Im Blick auf den dritten Punkt wird beispielsweise ausgeführt:
„Um ewiges Leben im Paradies auf Erden zu erlangen, müssen wir uns mit dieser Organisation identifizieren und Gott als Teil von ihr dienen.“
In dem Buch der ZJ „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“ (S. 250 ff.) werden als Bedingungen genannt: Glaube an Jehova, Werke in Einklang mit Jehovas Willen, Hingabe an Jehova, enge Verbindung mit der sichtbaren Organisation Jehovas (= WTG), Taufe als sichtbares Bekenntnis zu Jehova und seiner Organisation.
Sündenausgleich oder überreiche Gnade?
Wie ist diese Lehre vom Heil und der Erlösung aus biblisch-theologischer Sicht zu beurteilen? Es handelt sich um ein typisches Beispiel für Synergismus: Gott tut einen Teil, der Mensch tut einen Teil, und beide Teile zusammen bewirken die Erlösung. Diese Ansicht aber steht zum Evangelium von der Rettung des Sünders allein aus Gnaden in unvereinbarem Widerspruch. Jesus Christus hat am Kreuz auf Golgatha alles für unsere Erlösung getan:
„Es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Sein Blut „macht uns rein von aller Sünde“; er ist „die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1. Joh 1,7; 2,2). Er ist „ein für allemal in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben“. Er ist am Ende der Zeiten „einmal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben“. Wir sind „ein für allemal geheiligt durch das Opfer des Leibes Christi, der ein Opfer für die Sünden geopfert hat“. „Denn mit einem Opfer hat er für immer vollendet, die geheiligt werden“ (Hebr 9,12.26; 10,12.14). „Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist ... So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Röm 3,23 f. 28). „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Eph 2,8 f.).
Gewiß gehören Werke zum Christsein dazu, aber immer nur als Folge, nie als Bedingung des Heils. Die WTG muß Werke als Bedingung für das Heil fordern, weil sie keinen wirklichen Christus kennt, der eine wirkliche, vollständige Vergebung und Erlösung vollbracht hat. Die Bibel aber verkündigt uns den wirklichen Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, der nicht bloß einen „Ausgleich“ für Adams Verfehlung auf der gleichen Ebene schafft, sondern weit mehr: Er ist nicht nur für die Sünde Adams (und deren Folgen), sondern für die Sünden der ganzen Welt gestorben: für vergangene, gegenwärtige und zukünftige Sünden. Und er vergibt sie jedem, der reumütig und im Glauben zu ihm kommt. Dieses Opfer, das unendlich über Adams Verfehlung hinausgeht, konnte er nur vollbringen, weil er nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott ist von Ewigkeit. In Römer 5,12-21 wird zwar Christus als der zweite Adam dem ersten Adam gegenübergestellt, aber es wird betont, daß sich beide eben nicht auf der gleichen Ebene befinden:
„Aber nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn an eines Sünde viele gestorben sind, so ist viel mehr (pollo mallon) Gottes Gnade und Gabe vielen überschwenglich widerfahren durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus“ (V. 15).
Sünde und Gnade verhalten sich nicht wie zwei Waagschalen mit gleichen Gewichten, die alttestamentliche Talionsregel gilt in diesem Zusammenhang gerade nicht, sondern die Gnade Gottes besitzt „ein herrliches und gewaltiges Übergewicht“ (de Boor 1979, S. 137). Gott wurde in Jesus Christus Mensch, weil er nur so stellvertretend für uns Menschen sterben, unsere Sünden sühnen und unsere Gottverlassenheit überwinden konnte (vgl. Hebr 2,17; 4,15; Mt 27,46). Aber erlösen kann er uns nur, indem er Gott ist und die Macht zur Erlösung besitzt.
„Nur ein Gott konnte ein Opfer von so unendlichem Wert aufbringen, um die ewige Höllenstrafe aufzuwiegen, die unsere Sünden gemäß dem rechtmäßigen Anspruch der göttlichen Gerechtigkeit fordern“ (McDowell/Larson 1985, S. 76).
Siehe auch: Hamartiologie, Werkgerechtigkeit,Soteriologie (katholische), Soteriologie
Literaturhinweise
L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)
Einzelhinweise und Quellen
Anmerkungen
Quellenangaben
Weitere Artikel in gedruckter Form finden Sie auf der Website von Dr. Lothar Gassmann (Redakteur).