Endzeit-Daten
Drei Kriterien der Beurteilung
Betrachtet man die Geschichte der WTG, dann zeigt sich, daß es nicht nur eine, sondern mehrere Chronologien gibt, die sich zum Teil wesentlich voneinander unterscheiden. Wie gelangt die WTG überhaupt dazu, Termine endzeitlicher Ereignisse auszurechnen? Sie geht davon aus, daß Jehova selbst ein Rechner ist und dem Menschen seine Berechnungen - wenn auch oftmals verschlüsselt - offenbart. So heißt es im Wachtturm vom 1.10.1951:
„Gott ist der große Zeiteinhalter, der Eine, der die Zeiten und Zeitabschnitte bestimmt und die Dinge genau zur programmäßigen Zeit eintreten läßt. So setzte er eine bestimmte Zeit fest, da Satans Herrschaft enden sollte. Dies bedeutete, daß er auch eine Zeit für sich bestimmte, da er durch sein verheißenes Königreich über die Erde herrschen würde.“
Diese Zeit wurde - wie noch auszuführen sein wird - unterschiedlich bestimmt. Immer als das Erwartete doch nicht eingetroffen war, wurden neue Daten (Jahre und teilweise sogar Tage) festgesetzt, an denen die großen Ereignisse Gestalt gewinnen sollten. Bei der Kombination der dabei zugrundegelegten Zahlen kommt die im Artikel >Bibelverständnis dargestellte „Rösselsprung-Methode“ zum Zug, die es erlaubt, Bibelstellen aus ganz unterschiedlichen Kontexten frei zu kombinieren. Ob die Ergebnisse stichhaltig und richtig sind - das freilich ergibt sich aus drei Kriterien: erstens aus den grundlegenden Aussagen in der Heiligen Schrift über die Frage der Berechenbarkeit oder Nichtberechenbarkeit der Wiederkunft Jesu und der „Zeiten des Endes“; zweitens aus der Betrachtung der zum „Beleg“ der Chronologien herangezogenen Bibelstellen im Kontext; und drittens aus dem Eintreffen oder Nichteintreffen der Prophezeiungen. Das zweite und dritte Kriterium werde ich nachfolgend ausführlich untersuchen. Was das erste Kriterium angeht, so sind die Aussagen Jesu hierzu eindeutig. Als er von seinen Jüngern gefragt wird „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen (parousia) und für das Ende der Welt (aion)?“ (Mt 24,3), da nennt er ihnen eine ganze Reihe von Zeichen dafür, die (vermehrt) auftreten, wenn sein Kommen nahe ist (Mt 24,4 ff. parr.). Aber bezüglich der Berechnung eines genauen Datums sagt er ihnen (und uns):
„Von dem Tag aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater... Darum wachet; denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt!“ (Mt 24,36.42).
Der Textzusammenhang ergibt dabei unmißverständlich, daß sich die Formulierung „Tag und Stunde“ auf die Berechnung eines Datums überhaupt bezieht. Das ist deshalb wichtig zu betonen, weil immer wieder behauptet wird, „Tag und Stunde“ könne man nicht wissen, aber das Jahr. Aber gerade das will Jesus nicht sagen. Er stellt nur fest, daß bei einer Vermehrung der Zeichen sein Kommen nahe ist, betont jedoch gegenüber jeder Berechenbarkeit das Überraschende seines Erscheinens, das sein wird „wie ein Blitz“:
„Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus! oder da!, so sollt ihr`s nicht glauben. Denn es werden viele falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. Siehe, ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht. Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein“ (Mt 24,23-27).
Das wird unterstrichen durch die Aussage des auferstandenen Christus kurz vor seiner Himmelfahrt. Als ihn die Jünger fragen: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“, da antwortet er ihnen:
„Es gebührt euch nicht, Zeitläufe (chronous) oder Zeitpunkte (kairous) zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat, aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde (Apg 1,6 ff.).
Die Jünger sollen nicht über heilsgeschichtliche Zeitpunkte spekulieren und Berechnungen aufstellen, sondern in Treue ihr Missionswerk tun. Dann erst wird Jesus Christus wiederkommen in Herrlichkeit (vgl. Mt 24,14).
Nun gibt es freilich Stellen im Alten und Neuen Testament, vor allem in den apokalyptischen Schriften, in denen Zahlen vorkommen, die sich auf Ereignisse in der Heils- und Weltgeschichte beziehen. Erlauben diese Zahlen, die Wiederkunft Christi und den „Abschluß des Systems der Dinge“ zu berechnen, wie die ZJ behaupten? Besteht somit ein Widerspruch zwischen den gerade zitierten Aussagen Jesu über die Nichtberechenbarkeit der endzeitlichen Termine einerseits und den Zahlenangaben, etwa im Buch Daniel oder in der Johannesapokalypse, andererseits? Oder zeigen gerade die gescheiterten (und dann teilweise nachträglich umgedeuteten) Berechnungen der unterschiedlichen Sekten (nicht nur der WTG) auf, daß Jesu Ablehnung einer Berechenbarkeit des Tages Jahwes, seiner Wiederkunft etc. mit den anderen biblischen (chronologischen) Aussagen übereinstimmt?
Um diese Fragen beantworten zu können, betrachten wir die wichtigsten Berechnungen im Laufe der Wachtturm-Geschichte in ihren Grundzügen. Welche Bibelstellen und Zahlen liegen den Berechnungen zugrunde? Werden diese richtig interpretiert - oder vorsichtiger formuliert: Ist deren Interpretation wirklich so eindeutig, wie die WTG behauptet? Hat sie - und sie allein - den Auslegungsschlüssel der „verschlüsselten“ Endzeitdaten gefunden? Oder werden die Zahlen willkürlich gedeutet und kombiniert, so wie es die Sektendoktrin erfordert?
Im folgenden zähle ich die wichtigsten von der WTG „berechneten“ oder ihren Berechnungen zugrundegelegten Jahreszahlen samt den betreffenden Bibelstellen auf und unterziehe sie einer Beurteilung aus biblisch-theologischer Sicht. Es handelt sich nicht nur um „endzeitliche“, sondern auch um „urzeitliche“ und andere Daten, die für die Wachtturm-Chronologie eine wesentliche Bedeutung hatten oder haben. Ich bin mir dabei bewußt, daß angesichts der Kompliziertheit dieser „Berechnungen“ und dem geheimnisvollen Charakter vieler Zahlen in der Bibel vieles nur mit Zurückhaltung ausgesprochen werden kann.
4.028/ 4.026 v. Chr.: „Erschaffung Adams“
Das Jahr 4.028 oder 4.026 v. Chr. (die WTG bevorzugt die Abkürzung „v. u. Z.“ = „vor unserer Zeitrechnung“) gilt den ZJ als Jahr der Erschaffung Adams. Das war nicht immer so - hatte doch Charles Taze Russell diesen Zeitpunkt hundert Jahre früher (auf das Jahr 4.128 v. Chr.) datiert, was bereits die Schwierigkeit einer solchen Chronologie aufzeigt. Der Zeitpunkt der Erschaffung Adams ist für die ZJ deshalb von Bedeutung, weil damit eine Epoche von 6.000 Jahren anbrechen soll, die in unserer Zeit endet und in das Tausendjährige Reich (das siebte Jahrtausend) übergeht.
Wie gelangt die WTG zu diesem Datum? Sie gelangt dazu, indem sie sämtliche Jahreszahlen aus Geschlechtsregistern und anderen chronologischen Angaben der Bibel miteinander addiert. So finden sich z.B. in der Wachtturm-Schrift „Die Wahrheit wird euch frei machen“ seitenlange Tabellen mit Auflistungen von Jahreszahlen aufgrund der „biblischen Chronologie“. Unter der Überschrift „Zeitmessung bis auf unsern Tag“ wird ausgeführt:
„Von Adams Erschaffung bis zur Flut waren es ... gemäß 1. Mose 5:3-29; 7,6 1.656 Jahre ...Vom Beginn der Flut bis zum Bunde Gottes mit Abraham in Kanaan waren es ... nach dem Bericht in 1. Mose 11:10-32 und 12:1-7 427 Jahre“ (S. 147 f.).
Danach werden die Angaben dürftiger und müssen durch Rösselsprung aus weit voneinander entfernt liegenden Stellen kombiniert werden, vor allem: 2. Mose 12,40-43; 4. Mose 1,1; 10,11 f.; 12,16; 13,1-30; 1. Kön 6,1 f.; 11,42 f.; 2. Chron 12-36; Apg 13,19-22; Gal 3,17. Aus der Kombination dieser und anderer Stellen errechnet die WTG für den Zeitraum „vom Bunde mit Abraham bis zum Ende des Jahres 1. v. Chr. ... 1.945 Jahre“. Insgesamt ergeben sich somit „von der Erschaffung Adams bis zum Ende des Jahres 1. v. Chr. ... 4.028 Jahre“ und „bis zum Ende des Jahres 1943 n. Chr. ... 5.971 Jahre“. Dann ziehen die Autoren des 1943 verfaßten Buches das Resümee: „Wir sind daher nahe am Ende einer sechstausendjährigen Menschheitsgeschichte“ (S. 148 ff.). Diese würde folglich 1975 enden (s.u.).
Als 1980 das Bibellexikon der ZJ in deutscher Sprache herauskam, hatte man dieses „magische“ Datum jedoch bereits überschritten. Hier setzte man die Erschaffung Adams im Jahr 4.026 v. Chr. an und stellte nach ähnlichen chronologischen Berechnungen, wie eben ausgeführt, ohne weiteren Kommentar fest: „Gesamtzeitspanne von der Erschaffung Adams bis 1981 u. Z. 6.006 Jahre“ (HVB, S. 258).
Obwohl somit inzwischen das Datum 4.028 oder 4.026 oder 4.126 v. Chr. für die WTG infolge des Nichteintretens des Millenniums (weder 1874 noch 1975) wieder in den Hintergrund getreten ist, bleibt doch noch die grundsätzliche Frage zu untersuchen, ob eine lückenlose biblische Chronologie bis zurück zu Adam, ja sogar zur Weltschöpfung möglich und in der Heiligen Schrift beabsichtigt ist.
Zunächst möchte ich keineswegs bezweifeln, daß die Bibel ein eminentes historisches Interesse voraussetzt und erweckt. Gott handelt in Raum und Zeit - und damit in der Geschichte. Er lenkt die Welt- und Heilsgeschichte. Er sandte seinen Sohn, „als die Zeit erfüllt war“ (Gal 4,4). Er fügt sein Kommen ein in ein Geschlechtsregister, das bis zu Adam zurückgeht.(Lk 3,23-38). Ja, Er gibt sogar Lebensalter und Zeiträume an (1. Mose 5,3-32; 11,10-26 u.a.). Gott ist also keineswegs ein abgehobenes Wesen im geschichtslosen Raum einer Art „Übergeschichte“, wie manche Religionen und Philosophien meinen.
Diese Geschichtlichkeit Gottes und seines Handelns zu betonen, ist der wahre Kern in der Argumentation der ZJ. Das Problem beginnt da, wo sie diese Offenbarung des lebendigen Gottes in der Geschichte als ein starres Schema mißverstehen, das uns Zahlen in die Hand liefert, um bestimmte Termine auszurechnen. Ein solches Verfahren raubt Gott seine Lebendigkeit. Es spannt ihn in ein Korsett einer „apokalyptischen Rechenmaschine“ (Kurt Hutten), das der Freiheit und Nichtberechenbarkeit seines Wirkens (s.o.) keinen Raum läßt.
Daß Gott eine solche Berechnung von Terminen, wie die WTG sie versucht, in seiner Offenbarung nicht beabsichtigt hat, zeigt sich allein schon daran, daß die Chronologie keineswegs so lückenlos erstellbar ist, wie die ZJ meinen. In ihrer Argumentation klingen die Schwachpunkte vorsichtig an, etwa wenn im Bibellexikon gesagt wird:
„Die Länge der Zeitspanne zwischen dem Einzug der Israeliten in Kanaan und dem Ende der Richterzeit wird nicht direkt genannt; sie läßt sich aber durch logische Schlüsse ermitteln“ (HVB, S. 261).
Solche „logischen Schlüsse“ - und das gilt nun für den gesamten Verlauf der biblischen Chronologie - haben in der Berechnung zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen geführt und deutlich die vorhandenen Lücken in der Chronologie aufgezeigt. Das macht allein schon der Vergleich zwischen >Russell und seinen Nachfolgern deutlich, die - wie schon erwähnt - bezüglich der Erschaffung Adams um 100 Jahre differieren. Aber nicht nur die ZJ haben gerechnet, sondern auch der Erzbischof von Irland, James Ussher (1581-1656), und die Juden. Ussher kam zum Ergebnis, daß die Erde am 23. Oktober 4.004 v. Chr. um 9 Uhr vormittags und der Mensch am siebten Tag darauf erschaffen worden sei (vgl. Clark 1985, S. 20; Wiskin 1994, S. 24). Der jüdische Kalender (und dieser müßte ja - vom Inhalt des Alten Testaments her gesehen - der authentischste sein!), der ebenfalls von der Erschaffung der Welt und Adams her rechnet, beginnt mit dem Jahr 3.760 v. Chr. als Jahr 0. Er wird das Jahr 6.000 erst im Jahr 2.240 christlicher Zeitrechnung erreichen (und keineswegs 1874 oder 1975).
Eine genaue Untersuchung der Genealogien im 1. Buch Mose und in den Evangelien (und diese sind für die Berechnungen ja grundlegend) ergibt einige Beobachtungen, die eine lückenlose Chronologie unmöglich erscheinen lassen:
- Es existieren Abweichungen zwischen dem Masoretischen Text und der Septuaginta bezüglich Auflistung und Alter der Patriarchen. Die Septuaginta fügt z.B. in 1. Mose 11,12 f. zwischen Arpachschad und Schelach zusätzlich den Namen Kainan (Kenan) ein, der (gemäß den besten Handschriften) in Lk 3,36 wieder begegnet. Ferner ist die „Regelmäßigkeit mancher chronologischer Abweichungen der Septuaginta (jeweils um 100 zusätzliche Jahre) gegenüber dem masoretischen Text ... verdächtig“ und könnte auf eine Anpassung der Septuaginta an die ägyptische Chronologie Manethos hindeuten. „Nach dem masoretischen Text wäre Abraham im Jahr 1948, nach der Septuaginta im Jahr 3312 nach der Geburt Adams geboren worden. Die Septuaginta ´schenkt` einem also zusätzlich 1364 Jahre!“ (Wiskin 1994, S. 30 ff.). Welche Chronologie ist nun richtig: die des Masoretischen Textes oder die der Septuaginta, auf welche offensichtlich Lukas (aber auch Russell?) zurückgreift (vgl. auch die Genealogien in den alttestamentlichen Chronik-Büchern und anderswo)?
- Der Begriff „zeugen“ (jeled) in den Genealogien muß nicht unbedingt ein Vater-Sohn-Verhältnis bedeuten, sondern kann auch mehrere Generationen überspringen. So heißt es in Mt 1,8 „Joram zeugte Usija“; aus 2. Chron 21 ff. ergibt sich aber, daß Usija der Ur-Urenkel Jorams war. Ähnliches wäre auch bei anderen Verwandtschaftsverhältnissen möglich, so daß auch hierdurch eine lückenlose Chronologie unmöglich wird. Der Stammbaum Jesu in Mt 1,1-17 wählt nachweislich nur bestimmte Vorfahren aus, andere werden übergangen (ähnlich auch in Lk 3,23-38). Samuel Külling (2/1992) weist treffend darauf hin, daß es in den Genealogien darum geht, die Verheißungsträger zu dokumentieren, über welche die Linie der Heilsgeschichte läuft, aber nicht um eine mathematische Berechnung von Zeiträumen.
Bezüglich einer biblischen Chronologie sind also manche Fragen offen. Eine lückenlose Datierung ist unmöglich und von den Schreibern der Bibel auch nicht beabsichtigt. Im Blick auf die zahlreichen Lücken im Blick auf Datierungsfragen folgert Richard Wiskin in seiner Untersuchung „Das biblische Alter der Erde“:
„Solange aber solche Fragen offen bleiben, sollte denen, die mit Recht die Bibel in allen ihren Aussagen als absolut zuverlässig betrachten, eines klar sein: Versuche, das absolute Alter der Erde anhand biblischer Angaben genau zu errechnen, sind mit einer angebrachten Nüchternheit zu betrachten“ (1994, S. 33).
Und das gleiche gilt für die Frage nach dem Zeitpunkt der „Erschaffung Adams“ sowie der nachfolgenden Ereignisse.
607/606 v. Chr.: „Beginn der Zeiten der Nationen“
Die Jahre 607 oder 606 v. Chr. (je nach dem, ob man - wie Russell - fälschlich ein Jahr 0 rechnet oder es wegläßt; beide Zahlen werden im Wachtturm-Schrifttum genannt, heute jedoch nur noch 607 v. Chr.) sind ein weiterer wesentlicher Ausgangspunkt für endzeitliche Berechnungen. Die ZJ datieren von diesen Jahren den Beginn der „Zeiten der Heiden“ bzw. „Zeiten der Nationen“ her, die nach 2.520 Jahren 1914 enden sollen (zu 1914 und den entsprechenden Berechnungen: s.u.). 607 oder 606 v. Chr. sei nämlich Jerusalem von dem babylonischen Herrscher Nebukadnezar erobert worden, und die Juden unter König Zedekia mußten in die Verbannung gehen. So heißt es in der Rutherford-Schrift „Die Harfe Gottes“:
„Im Jahre 606 vor Chr. wurde Zedekia gestürzt. Er wurde als Gefangener nach Babylon geführt, und Nebukadnezar gründete dann das erste Universalreich auf Erden; von da an datieren die Zeiten der Nationen. Die Länge der Zeiten der Nationen ist in der Schrift fest begrenzt als eine Periode von sieben symbolischen Zeiten von je 360 Jahren, oder zusammen 2.520 Jahre. Da diese Periode mit 606 v. Chr. begann, so mußte sie notwendigerweise 1914 n. Chr. ihr Ende finden“ (S. 230).
Die WTG gelangt zu dem Datum 607 oder 606 v. Chr., indem sie von dem wahrscheinlich 538 oder 537 v. Chr. erlassenen Kyros-Edikt ausgeht, welches die Rückkehr der Juden aus dem Exil ermöglichte. Sie addiert dann unter Berufung auf Stellen wie Jer 25,8 ff.; Dan 9,2 und 2. Chron 36,20 f. zu 538 oder 537 v. Chr. siebzig Jahre hinzu. 537 plus 70 ergibt 607 v. Chr (vgl. HVB, S. 258.270 f.). Diese Konstruktion ist jedoch nicht haltbar.
Es steht nämlich aufgrund vielfältiger archäologischer Belege historisch einwandfrei fest, daß es zwar drei Eroberungen Jerusalems unter Nebukadnezar gab (605, 597 und 587 v. Chr.), daß aber erst 587 v. Chr. die endgültige Eroberung und Zerstörung Jerusalems sowie die große Wegführung der Juden in das babylonische Exil erfolgte (und somit nach Wachtturm-Definition „die Zeiten der Nationen“ begannen). Zedekia als letzter König von Juda, der in die babylonische Verbannung geführt wurde (2. Kön 25), regierte erst seit 597 v. Chr. In den Jahren 608-597 v. Chr. war Jojakim Herrscher über Juda. Das große babylonische Exil dauerte somit nicht siebzig, sondern nur fünfzig Jahre (vorher wurden nur einzelne Juden deportiert). Über diese Datierungen besteht in der historischen und theologischen Forschung ein grundsätzlicher Konsens (vgl. Donner 1986, S. 371; Stoll 1987, S. 71 ff.; Maier 1982, S. 67 ff.).
Der „Chronologie“-Artikel im Bibellexikon der WTG ist der längste dortige Artikel überhaupt. Man merkt beim Lesen, daß sein (anonymer) Verfasser krampfhaft versucht, das Datum 607 v. Chr. zu verteidigen - ausschließlich mit dem eben genannten Argument der Rückdatierung. Dabei bemüht er sich, mit fromm klingenden Formulierungen alle anderen Geschichtsquellen außer der Bibel abzuwerten, um mit ihnen nicht in Konflikt zu geraten. So schreibt er beispielsweise:
„Zugegeben, einige der nichtbiblischen Dokumente sind um Jahrhunderte älter als die ältesten bisher entdeckten Bibelmanuskripte. In Stein gehauen oder in Ton eingeritzt, mögen die heidnischen Dokumente aus alter Zeit sehr eindrucksvoll wirken. Dies bietet jedoch keine Gewähr für ihre Richtigkeit oder Fehlerlosigkeit. Nicht das Material, sondern der Schreiber, sein Ziel, seine hohe Achtung vor der Wahrheit und sein Festhalten an gerechten Grundsätzen machen die wesentlichen Faktoren aus, die eine vernünftige Grundlage für Vertrauen schaffen, und dies nicht nur auf dem Gebiet der Chronologie. Das Alter der weltlichen Dokumente wird zweifellos durch den erheblich geringeren Wert ihres Inhalts, verglichen mit dem Inhalt der Bibel, aufgewogen“ (HVB, S. 257).
Wie sehr die chronologischen Daten der WTG - und unter diesen auch die zentral wichtigen Jahreszahlen 607 oder 606 v. Chr. - konstruiert sind und auf tönernen Füßen stehen, wird inzwischen von dem Verfasser des eben zitierten „Chronologie“-Artikels selber zugegeben. Es ist niemand anderes als der Neffe des langjährigen Chefideologen der WTG Frederick >Franz: das ehemalige Mitglied der Leitenden Körperschaft Raymond Franz. In seinem Buch „Der Gewissenskonflikt“ hat er berichtet, wie es zu dem „Chronologie“-Artikel und der Jahreszahl 607 v. Chr. kam:
„Mit diesem einen Stichwort ´Chronologie` habe ich Monate des Nachforschens zugebracht, und es wurde der längste Eintrag im Hilfe-Buch. Ein großer Teil dieser Zeit verging mit der Suche nach irgendeinem Beweis, einer Bestätigung in der Weltgeschichte für das Jahr 607 v.u.Z., das in unseren Berechnungen für das Jahr 1914 eine so zentrale Rolle spielte. Damals war Charles Ploeger, Mitarbeiter in der Weltzentrale, als mein Sekretär tätig, und er graste die Bibliotheken von New York ab, um irgend etwas zu finden, das dieses Jahr historisch untermauerte.
Wir fanden absolut nichts, was das Jahr 607 v.u.Z. bestätigt hätte. Alle Historiker verwiesen auf ein Datum 20 Jahre später. Erst durch meine Arbeit an dem Stichwort ´Archäologie` für das Hilfe-Buch wurde mir bewußt, daß man im Gebiet von Mesopotamien Zehntausende von Keilschrifttafeln aus gebranntem Ton gefunden hatte, die alle aus dem alten Babylon stammten. Alle diese Tafeln gaben keinerlei Hinweis darauf, daß das Neubabylonische Reich (in das Nebukadnezars Regierungszeit fällt) lange genug dauerte, um mit unserem Datum 607 v.u.Z. für die Zerstörung Jerusalems zusammenzupassen. Alles deutete auf eine um 20 Jahre kürzere Zeitspanne hin. Mir war zwar nicht ganz wohl dabei, doch ich wollte einfach glauben, daß unsere Chronologie trotz der gegenteiligen Beweislage richtig war. Darum haben wir auch beim Ausarbeiten des Hilfe-Buches viel Zeit und Raum darauf verwandt, die Glaubwürdigkeit der archäologischen und geschichtlichen Beweise herabzusetzen, die unser Jahr 607 v.u.Z. als fehlerhaft erwiesen und unseren Berechnungen einen anderen Ausgangs- und Endpunkt gegeben hätten. Das Jahr 1914 wäre nicht zu halten gewesen (Franz 1991, S. 32 f.). Die WTG hat künstlich eine „20-Jahr-Lücke“ zwischen den babylonischen Herrschern Neriglissar und Nabonid im 6. Jahrhundert v. Chr. eingebaut, um die Zerstörung Jerusalems von 587/586 v. Chr. auf 607/606 v. Chr. zu verschieben und damit das Datum „1914“ zu halten (siehe die neubabylonische Königschronik; vgl. Brüning 1991, S. 65 ff.). Raymond Franz gesteht im Blick auf solche Manipulationen der Geschichtsdaten offenherzig:
„Am Schluß war klar, daß es buchstäblich eines Komplotts der Schreiber des Altertums bedurft hätte (für den es keinerlei denkbaren Grund gab), die Angaben zu fälschen, wenn unsere Zahl stimmen sollte. Und wieder versuchte ich wie ein Anwalt, der sich unwiderlegbaren Beweisen gegenübersieht, die Zeugen der alten Zeit (das Beweismaterial zum neubabylonischen Reich) in ein schlechtes Licht zu rücken oder anzuzweifeln. Die Argumente, die ich vortrug, waren nicht erschwindelt, doch ich bin mir dessen bewußt, daß hinter ihnen die Absicht stand, eine Jahreszahl zu belegen, für die es keinerlei Stütze in der Geschichte gab“ (Franz 1991, S. 33).
Nach diesem vernichtenden selbstkritischen Urteil des ehemaligen Apologeten der Wachtturm-Chronologie bleibt nur noch die Frage: Wie verhält es sich mit den Bibelstellen, die von einer siebzigjährigen Knechtschaft oder Verwüstung angesichts der Herrschaft der Babylonier reden? Der grundlegende Text, auf den auch andere Stellen (z.B. Dan 9,2) Bezug nehmen, ist die Gerichtspredigt des Propheten Jeremia in Jer 25. Jeremia hat diese Predigt „im vierten Jahr Jojakims“ (V. 1), also ca. 605 v. Chr., gehalten. Er wendet sich zwar „an das ganze Volk von Juda und an alle Bürger Jerusalems“ (V. 2), spricht aber vom Schicksal auch „der Völker ringsumher“ (V. 9). Wörtlich heißt es:
„Darum spricht der Herr Zebaoth: Weil ihr denn meine Worte nicht hören wollt, siehe, so will ich ausschicken und kommen lassen alle Völker des Nordens, spricht der Herr, auch meinen Knecht Nebukadnezar, den König von Babel, und will sie bringen über dies Land und über seine Bewohner und über alle diese Völker ringsum und will an ihnen den Bann vollstrecken und sie zum Bild des Entsetzens und zum Spott und zur ewigen Wüste machen..., so daß dies ganze Land wüst und zerstört liegen soll. Und diese Völker sollen dem König von Babel dienen siebzig Jahre. Wenn aber die siebzig Jahre um sind, will ich heimsuchen den König von Babel und jenes Volk, spricht der Herr, um ihrer Missetat willen, dazu das Land der Chaldäer und will es zur ewigen Wüste machen“ (Jer 25,8 ff.).
In Jer 25,17 ff. sind die zahlreichen Völker aufgezählt, über welche Gott seinen „Zornbecher“ ausgießen wird. Die Aufzählung gipfelt in der Feststellung: Es sind „alle Königreiche der Welt“, nämlich des damals bekannten Lebensraums (V. 26).
Aus dem Text ergibt sich somit, daß die „siebzig Jahre“ der Knechtschaft keineswegs speziell auf Juda, sondern auf die Gesamtheit „der Völker ringsum“ (Mehrzahl!) bezogen sind, die unter den Bann Babyloniens geraten. Es ist somit nicht zwingend, die siebzig Jahre von der Zerstörung Jerusalems an zu datieren, sondern vielmehr vom Anfang der Eroberungszüge Nebukadnezars bis zum Ende des Neubabylonischen Reiches. Tut man dies, dann kommt man auf einen Zeitraum von ca. 612 v. Chr. (Sieg Babyloniens über die Assyrer, Fall Ninives) bzw. 605 v. Chr. (Sieg Nebukadnezars über den ägyptischen Pharao Necho bei Karkemisch) bis 539 v. Chr. (Sieg des Perserkönigs Kyros über Babylon), also ungefähr siebzig Jahre.
Nun sprechen allerdings Stellen wie Dan 9,2 oder 2. Chron 36,20 f. davon, daß Jerusalem und das judäische Land „siebzig Jahre verwüstet“ liegt. Deutet dies nicht doch auf eine siebzigjährige Exilszeit - und damit auf das Datum 607/606 v. Chr. - hin (so wird im Bibellexikon der WTG, HVB, S. 279, argumentiert)? Ich denke, diese Folgerung ist keineswegs zwingend. Denn mit dem Kyros-Edikt, das vermutlich 538 oder 537 v. Chr. den Juden die Heimkehr und den Wiederaufbau des Tempels ermöglichte, waren die Verwüstungen des Landes und Tempels keineswegs sofort beseitigt. Vielmehr folgte den Jahren nach 537 ein langwieriger Wiederaufbau mit vielen Widerständen und Rückschlägen (vgl. die Schilderungen im biblischen Buch Esra). Der Wiederaufbau Jerusalems mit dem Tempel als religiösem Zentrum konnte laut Esra 6 erst in der Regierungszeit des persischen Königs Darius vorangebracht und vollendet werden - erst dann waren die „siebzig Jahre Verödung“ beendet (Esra 6,6 ff.; vgl. Sach 7,1-6), also ungefähr um das Jahr 515 v. Chr. (Jahr der Tempeleinweihung), wodurch die „Verwüstung“ im materiellen und geistlichen Sinne beseitigt wurde. Das aber sind fast genau siebzig Jahre nach der Zerstörung gemäß dem gesicherten Datum 587 v. Chr.!
Die Zahl „70“ bezeichnet somit nicht die Dauer des babylonischen Exils der Juden (587-538/537 v. Chr.), sondern zum einen die ungefähre Zeit der gewaltsamen Unterdrückung vieler Völker durch die Babylonier (ca. 612-538 v. Chr.), zum anderen die ungefähre Zeit von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels bis zu seinem Wiederaufbau und der Einweihung des neuen Tempels (587-515 v. Chr.). Sie liefert also für die Chronologie der WTG, welche die betreffenden Bibelstellen durcheinanderwirft, keine Unterstützung.
539 n. Chr.: „Aufrichtung des ´Greuels der Verwüstung`“
Nun machen wir einen großen Sprung in das Jahr 539 n. Chr. Dieses Datum hat zwar für die heutige Wachtturm-Chronologie keine wesentliche Bedeutung mehr, spielte aber für Charles Taze Russell und den jungen Rutherford eine zentrale Rolle. Es bildete den Ausgangspunkt für die Errechnung der Jahre 1799, 1829 und 1874 (s.u.). Deshalb wollen wir einen Blick darauf werfen.
Wie Russell in Band 3 der „Schriftstudien“ (Ausgabe 1898, S. 60 ff.) ausführt, wurde im Jahre 539 n. Chr. der „verwüstende Greuel aufgestellt“. In diesem Jahr nämlich erließ Kaiser Justinian ein Dekret, in welchem er dem Papsttum die bürgerliche Gerichtsbarkeit verlieh. Das Papsttum - oder genauer: der Cäsaropapismus, der damals begann - wird von Russell als der Greuel der Verwüstung nach Dan 9,27; 11,31; 12,11 und Mt 24,15 gedeutet. Rutherford identifiziert ihn in seinem Buch „Die Harfe Gottes“ mit dem vierten Tier nach Dan 7,7 f.:
„Der Prophet Daniel (7:7,8) beschreibt ´ein viertes Tier, schrecklich und furchtbar`. Dieses schreckliche Tier stellt eine Regierungsform dar, die sich aus drei verschiedenen Elementen oder Bestandteilen zusammensetzt, nämlich Berufspolitikern, großen Finanzleuten und kirchlichen Gewalten. Satans Wirksamkeit ist schrecklich und furchtbar seit der Zeit, wo diese drei Mächte sich miteinander verbündeten. Unter dieser unheiligen Dreieinigkeit sehen wir das Papsttum, das kirchliche Element, im Sattel sitzend, alles leitend und beherrschend. Das Datum seines Beginnes fällt in die Zeit des Umsturzes der ostgotischen Herrschaft, welcher im Jahre 539 n. Chr. erfolgte“ (S. 215).
Sowohl Russell als auch Rutherford lassen mit dem Jahre 539 n. Chr. die 1.260, 1.290 und 1.335 Tage nach Dan 12,11 f. und Offb 11,3; 12,6 beginnen, die von ihnen als Jahre („Mondjahre“) gedeutet werden. Addiert man zu 539 Jahren 1.260 Jahre hinzu, dann gelangt man zum Jahr 1799 (Sieg Napoleons und „Beginn des Endes der päpstlichen Herrschaft“), addiert man 1.290 Jahre hinzu, dann erreicht man das Jahr 1829 (Beginn der adventistischen Bewegung), und addiert man 1.335 Jahre hinzu, dann kommt man zum Jahr 1874 („Jahr der Wiederkunft Christi“; s.u.).
Wie ist es nun um das Ausgangsdatum 539 n. Chr. bestellt? Läßt es sich wirklich mit der Aufrichtung des „Greuels der Verwüstung“ bzw. mit der Inthronisierung des „vierten Tieres“ identifizieren? Begann in diesem Jahr wirklich die päpstliche Herrschaft? Lassen sich die 1.260, 1.290 und 1.335 Tage wirklich als Jahre deuten? Fand die päpstliche Herrschaft wirklich 1799 ihr Ende bzw. verlor sie damals ihre Macht? Ist Jesus wirklich 1874 wiedergekommen? Ich denke, alle diese Fragen sind zu verneinen - und zwar zunächst aus zwei Gründen: Erstens haben sich die Erwartungen, die mit dem Ausgangsdatum 539 n. Chr. verbunden waren, nicht erfüllt. Und zweitens halten die heutigen ZJ aus eben diesem Grund selber nicht mehr an diesen Berechnungen fest, sondern haben neue Modelle entwickelt, auf die ich weiter unten eingehe.
Was das Ausgangsdatum 539 v. Chr. selber angeht, ist folgendes zu bemerken. Es ist zwar richtig, daß der Cäsaropapismus unter dem damaligen Kaiser Justinian vollendet wurde und seinen Siegeslauf über viele Jahrhunderte antrat. Das „finstere Mittelalter“ war daraufhin voll von Greueltaten dieser „unheiligen Allianz von Staat und Kirche“: Geld- und Prunksucht, Unzucht, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerverbrennungen u.a. Dennoch stellen sich folgende Fragen: Warum legen Russell und Rutherford den Beginn des „Greuels“ nicht bereits in die Regierungszeit der Kaiser Konstantin (306-337) oder Theodosius (379-395). Bereits Konstantin hat „die Politik in die Bahn gelenkt, die zum Staatskirchentum führte, wenn er auch selbst auf dieser Bahn nicht bis zu Ende gegangen ist“. Theodosius und Gratian jedoch machten seit 380 n. Chr. der Religionsfreiheit ein Ende und erhoben „die katholische Kirche zur alleinberechtigten Staatskirche“ (Heussi 1979, S. 90.99). Unter Konstantin und Theodosius wurden die Dogmen von der Göttlichkeit Jesu und der >Dreieinigkeit ausformuliert, die den ZJ ein Greuel sind. Warum läßt man den „Greuel der Verwüstung“ und die Herrschaft des vierten Tieres also nicht bereits im 4. Jahrhundert beginnen?
Ferner ist zu fragen, ob sich das „vierte Tier“ und der „Greuel der Verwüstung“ speziell auf die Papstherrschaft bzw. auf die Allianz von Thron und Altar beziehen. Russell und Rutherford behaupten das, indem sie aus biblischen Andeutungen und Symbolen ein geschlossenes System entwickeln und dieses auf die Weltgeschichte übertragen. Ihre Deutung stellt (einmal ganz abgesehen von den Jahreszahlen) eine Möglichkeit unter mehreren dar; für Russell und den jungen Rutherford wird sie jedoch zur einzig richtigen Interpretation. Genau hier aber liegt die Problematik.
Bibelausleger wie Gerhard Maier sind angesichts der Vieldeutigkeit der Symbole und Erzählungen in der apokalyptischen Literatur mit Deutungen viel zurückhaltender. So schreibt Maier etwa in bezug auf das „vierte Tier“ in Dan 7,7 f.:
„Die Ausleger der alten Kirche, z.B. Irenäus, Hippolyt, Euseb und Hieronymus , sahen im vierten Tier Rom und im kleinen Horn den Antichrist. In diese Richtung wird man tatsächlich gehen müssen. Nur scheint es besser, im vierten Tier die antichristliche Weltmacht als solche und im kleinen Horn den persönlichen Antichrist zu sehen ... Am besten versteht man die genannten Zusammenhänge so, daß a) im römischen Reich eine Art Modell für das antichristliche Reich vorliegt und b) das antichristliche Reich in irgendeiner Weise aus den Nachfolgestaaten des Römerreiches herauswächst“ (Maier 1982, S. 273 f.).
Maier betrachtet das vierte Tier also als ein Reich, das noch kommen wird, und ist weit davon entfernt, eine Jahreszahl in der Geschichte für den Beginn dieses Reiches zu nennen. Ähnliches gilt für die Aufrichtung des „Greuels der Verwüstung“. Dieser wurde zwar bereits zwei Mal bei der Zerstörung des Jerusalemer Tempels in den Jahren 167 v. Chr. und 70 n. Chr. aufgerichtet. Seine dritte Aufrichtung wird aber erst beim Kommen des Antichristen in der Zukunft geschehen (vgl. ebd., S. 352 ff.).
Die nachfolgend zu betrachtenden Jahreszahlen 1799 und 1874 (1829 lasse ich aus Platzgründen aus) hängen, wie schon erwähnt, mit der Addition von 1.260 bzw. 1.335 Jahren zum Jahre 539 n. Chr. zusammen. Bevor ich auf diese Daten näher eingehe, ist daher zuerst die Frage zu untersuchen, wie die 1.260 Tage, 1.335 Tage und ähnliche Zahlenangaben im Buch Daniel und in der Johannesoffenbarung zu verstehen sind. Die Antwort läßt sich wegen des hohen Symbolgehalts der betreffenden Bibelstellen nicht eindeutig geben. Es können Tage im buchstäblichen Sinn oder Jahre oder aber rein symbolische Angaben sein. Die meisten evangelikalen Ausleger vermuten, daß es sich vom Kontext her um Tage im wörtlichen Sinn handelt, die sich auf die Zeit der Herrschaft des Antichristen beziehen. So führt z.B. Gerhard Maier aus:
„Beachtet man den Zusammenhang, dann können die 1.290 bzw. 1.335 Tage eigentlich nur auf die ´letzten Stufen der Endgeschichte` gehen, wo sie sich u. U. sogar in einem äußeren Sinne erfüllen ... Die 1.335 Tage sind länger als die 1.290 Tage von V. 11 (Dan 12,11), länger als die 1.150 Tage von Dan 8,14, länger als die 1.260 Tage von Offb 11,3; 12,6 und evtl. länger als die 42 Monate von Offb 11,2 und 13,5. Schließlich besteht offensichtlich eine Verbindung zu den 3 ½ Zeiten von Dan 7,25; 12,7 und Offb 12,14. Man kann vermuten, daß die 1.335 Tage die zweite Hälfte der letzten Jahrwoche von Dan 9,27 bilden“ (Maier 1982, S. 422 f.).
Ähnlich deutet Arnold Fruchtenbaum die 1.260 Tage (= 3 ½ Jahre) aus Offb 11,3; 12,6 auf die zwei Teile der noch bevorstehenden siebenjährigen Herrschaft des Antichristen, insbesondere auf deren zweite Hälfte nach der Aufstellung des Greuels der Verwüstung im Tempel. Unter Bezugnahme auf Dan 12,11 f. schreibt er:
„Diese Danielstelle nennt nun zwei weitere Zahlen. Die erste beträgt 1.290 Tage, also zusätzlich dreißig Tage, in denen der Greuel der Verwüstung im Tempel steht, bevor er beseitigt wird. Die zweite Zahl beträgt 1.335 Tage, also eine Zeitspanne, die 45 Tage über die 1.290 Tage und 75 Tage über die 1.260 Tage hinausreicht. Ein besonderer Segen wird denen verheißen, die bis zum 1.335. Tag aushalten. Der Segen besteht darin, daß die, die bis zum 75. Tag der Zwischenzeit am Leben bleiben, den Beginn des messianischen Reiches erleben dürfen. Viele werden es nicht schaffen und sterben, bevor der 1.335. Tag kommt, obwohl sie über den 1.260. Tag hinaus am Leben geblieben waren“ (Fruchtenbaum I/1986, S. 318).
1799 n. Chr.: „Beginn der ´Zeit des Endes`“
Das Jahr 1799 n. Chr. wird von Russell und Rutherford als Beginn der endgeschichtlichen Entwicklungen betrachtet:
„´Die Zeit des Endes` umfaßt einen Zeitraum vom Jahre 1799 an ... bis zur Zeit des vollständigen Sturzes von Satans Reich und der Einsetzung des Königreiches des Messias. Die Zeit der zweiten Gegenwart des Herrn aber datiert von 1874 an ... Die letzte Periode liegt natürlich innerhalb der erstgenannten“ (Rutherford, Die Harfe Gottes, S. 217).
Wieso hat gerade im Jahre 1799 die Zeit des Endes begonnen? Rutherford geht - wie Russell - von Dan 11,40 ff. aus, wo es heißt:
„Und zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm [dem gotteslästerlichen König; L. G.] Krieg führen, aber der König des Nordens wird gegen ihn heranstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen. Und er wird in die Länder eindringen, und wird sie überschwemmen und überfluten ... Und auch das Land Ägypten wird nicht entrinnen...“
Nach Ansicht Rutherfords bezeichnet der „König des Südens“ Ägypten, der „König des Nordens“ Großbritannien und der gotteslästerliche König Napoleon Bonaparte. Rutherford kombiniert:
„Napoleon kämpfte in Ägypten gegen die ägyptischen Heere ... Während Napoleon hier operierte, unternahmen die Engländer im Norden, unter der Führung des Admirals Lord Nelson, einen erfolgreichen Angriff auf Napoleons Streitkräfte zur See. Napoleon begann diesen ägyptischen Feldzug im Jahre 1798, führte ihn zu Ende und kehrte am 1. Oktober 1799 nach Frankreich zurück. Der Feldzug ist kurz aber anschaulich in dieser Prophezeiung Vers 40-44 beschrieben, und da dieser Feldzug 1799 zu Ende ging, so bezeichnet er, nach den eigenen Worten des Propheten, den Beginn der ´Zeit des Endes`“ (Die Harfe Gottes, S. 214 f.).
Hierzu ist festzustellen, daß es sich bei dieser Interpretation um nichts weiter als eine Allegorese handelt. Es ist zwar in Dan 11,40 ff. von Norden, Süden, Ägypten und einigen weiteren Ländern die Rede, aber ansonsten wird weder eine Personen- noch eine Zeitangabe genannt. Es gab in der Geschichte mehrere Feldzüge, die sich dementsprechend deuten ließen (z.B. auch der Afrika-Feldzug Adolf Hitlers). Wahrscheinlich bezieht sich die Prophezeiung auf die Zeit des Antichristen, was die Charakterisierung des „gotteslästerlichen Königs“ in Dan 11,21-39 nahelegt (wobei nicht übersehen werden soll, daß Personen wie Napoleon und Hitler eine gottfeindliche „Politik“ betrieben und antichristliche Wesenszüge besaßen). Nach Ansicht der „Ernsten Bibelforscher“ nun ist 1799 der päpstlichen Herrschaft, dem „Greuel der Verwüstung“, der entscheidende (politische) Einfluß abhanden gekommen. So schreibt Russell:
„Genau zur ´festbestimmten Zeit`, 1799, am Ende der 1.260 Tage, war die Macht des Menschen der Sünde, des großen Unterdrückers der Kirche, gebrochen und seine Herrschaft ihm abgenommen“ (Dein Königreich komme, S. 114).
Russell denkt hier an die Aufrichtung der „Römischen Republik“ durch die französische Regierung, welche die weltliche Herrschaft des Papstes beseitigte. Ist diese Deutung zutreffend?
Zunächst ist festzustellen, daß die Römische Republik 1798, nicht 1799 errichtet wurde. Ferner bestand diese nur zwei Jahre. Im Jahre 1800 wurde sie schon wieder beseitigt und der Kirchenstaat wiederhergestellt. Zum Untergang des Kirchenstaats kam es - nach vielen Kämpfen zwischen verschiedenen Staatsregierungen und der Kurie - erst im September 1870. Dabei ging das >Papsttum jedoch keineswegs zugrunde, sondern es kompensierte die (scheinbar) verloren gehende politische Macht duch eine Überhöhung seiner „geistlichen“ Autorität (Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas bereits am 18.7.1870). Bis heute ist das Papsttum - auch politisch (Anspruch der obersten Jurisdiktionsgewalt auf Erden, Einwirkung auf katholische Regierungsoberhäupter) - sehr einflußreich, und man kann somit keineswegs von einem Ende seiner Herrschaft reden.
Nach allem Gesagten ist das Jahr 1799 also keineswegs geeignet, den Beginn der „Zeiten des Endes“ zu markieren. Wie steht es nun mit der „Wiederkunft Jesu Christi“ im Jahre 1874?
1874 n. Chr.: „Wiederkunft Jesu Christi und Beginn der Erntezeit“
1874 ist nach der Ansicht Russells Jesus Christus unsichtbar wiedergekommen - und damit wurde die Erntezeit bis zur Aufrichtung des sichtbaren messianischen Königreiches oder Tausendjährigen Reiches eingeleitet, in der die Schar der Heilsgemeinde durch die Verkündigung der Königreichsbotschaft eingesammelt werden sollte. Diese Erntezeit sollte nach Russells Erwartung 1914 enden (s.u.). Die 40-jährige Zeitdauer zwischen 1874 und 1914 hat Russell gemäß seiner Lehre von den parallelen „Heilszeit-Ordnungen“ bestimmt: Die 40 Jahre zwischen der Salbung Jesu zum Messias (30 n. Chr.) und der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) sollen die Vorschattung für die 40 Jahre zwischen 1874 (unsichtbare Wiederkunft Christi) und 1914 (Aufrichtung seines sichtbaren Reichs und Zerschlagen der alten Herrschaftsstrukturen) bilden. Er schreibt:
„Der Allwissende hat uns durch die Chronologie gelehrt, daß seit Adams Erschaffung bis zum Jahre 1873 n. Chr. sechstausend Jahre verflossen sind, und daß das siebente Tausend, das Millennium, da begann. Er hat uns durch die Jubeljahr-Zyklen gelehrt, daß der Herr im Herbste 1874 gegenwärtig sein würde und die Zeiten der Wiederherstellung beginnen sollten. Er hat uns durch die Zeiten der Nationen gezeigt, daß diese Dinge nicht hastig, sondern auf natürlichem Wege, eine Periode von vierzig Jahren umspannend, vor sich gehen würden.... Die ´Zeiten der Nationen` beweisen, daß die gegenwärtigen Regierungen alle von dem Jahre 1914 an gestürzt werden müssen; und der obige Parallelismus zeigt, daß dieser Zeitpunkt genau mit dem Jahre 70 n. Chr. stimmt, welches Jahr Zeuge des vollständigen Zugrundegehens des jüdisch-politischen Gemeinwesens war“ (Die Zeit ist herbeigekommen, Ausgabe 1926, S. 231 f.).
Russell hielt das Jahr 1874 für gut gesichert, da er auf verschiedenen Wegen zu diesem Datum gelangt war: zum einen ausgehend vom Zeitpunkt der Welterschaffung im Jahre 4.128 v. Chr. bzw. vom Sündenfall im Jahr 4.126 v. Chr. (von 4.126 v. Chr. bis 1874 n. Chr. sind es 6.000 Jahre); zum anderen ausgehend von der Aufrichtung des „Greuels der Verwüstung“ in Gestalt des Cäsaropapismus im Jahre 539 n. Chr. (von 539 n. Chr. bis 1874 n. Chr. sind es 1.335 Jahre); zum dritten ausgehend von den israelitischen Jubeljahr-Zyklen.
Daß die ersten beiden Ausgangsdaten nicht haltbar sind, haben wir oben gesehen. Zu seiner Deutung der Jubeljahr-Zyklen gelangte Russell auf folgendem Weg: Nach 3. Mose 25,8 ff. sollte in Israel jedes 50. Jahr ein großes Sabbatjahr, Erlaßjahr, Halljahr oder Jubeljahr sein. Aus dieser Anordnung folgerte Russell: Wenn jedes 50. Jahr ein großes Jubeljahr ist, dann muß das 50. Jubeljahr seinerseits ein großes Jubeljahr besonderer Art sein, nämlich ein Jubeljahrtausend. Dieses Jubeljahrtausend, nämlich das Millennium, bricht nach 50 mal 50 großen Jubeljahren, also nach 2.500 Jahren, an. Diese 2.500 Jahre haben im Jahr 625 begonnen, als Israel vor dem babylonischen Exil sein letztes großes Jubeljahr feierte. Addiert man zum Jahr 625 v. Chr. 2.500 Jahre hinzu, dann gelangt man in das Jahr 1875, „welches nach jüdisch-bürgerlicher Zeit ... ungefähr Oktober 1874 begann“ (Die Zeit ist herbeigekommen, Ausgabe 1919/1921, S. 167 ff.).
Die spekulativen Faktoren in dieser Rechnung lassen sich leicht erheben: Erstens findet sich nirgends in der Heiligen Schrift ein Hinweis auf „50 mal 50 Jubeljahre“ bzw. „2.500 Jahre“, die zum Millennium hinführen sollen. Zweitens ist es historisch nicht eindeutig gesichert, wann Israel sein letztes Jubeljahr hielt. „In den Geschichtsbüchern des AT wird das Halten des H[alljahres] weder vor noch nach der babyl[onischen] Gefangenschaft ausdrücklich erwähnt ... Außerbiblisch sind uns bei Josephus ... die Sabbatjahre 164/3, 38/7 v. Chr., 68/9 n. Chr. belegt“ (Lexikon zur Bibel, Sp. 536). Und drittens begann im Jahr 1874 keineswegs das Tausendjährige Reich, was die späteren ZJ auch erkannten und daher ihre Berechnungen änderten (s.u.).
Auch die Russellsche Lehre von den „Heilszeit-Parallelen“ ist eine bloße Spekulation ohne wirklichen Anhaltspunkt im biblischen Text. Daß es eine schöne, aber eben selbsterdachte menschliche Konstruktion ist, geht deutlich aus Russells eigenen Worten hervor:
„Wenn die Chronologie oder irgendeine dieser Zeitperioden nur ein Jahr verschoben wird, so wird die Schönheit und Kraft dieses Parallelismus zerstört. Z. B. wenn die Chronologie nur ein Jahr, nach dieser oder jener Seite, verändert würde, wenn wir zu der Periode der Könige oder der Richter ein Jahr hinzuzählen, oder wenn wir sie ein Jahr kürzer machen, so würde es den Parallelismus zerstören“ (Die Zeit ist herbeigekommen, Ausgabe 1926, S. 233).
Weitere Daten, die sich für Russell aus dem Parallelismus der Heilszeit-Ordnungen ergaben, die aber gemäß dem eben Festgestellten genau so fraglich sind wie die schon genannten Termine, sind:
- 1878: Dies gilt als das Jahr, in dem Christus seine eigentliche Herrschaft im Himmel antrat, dreieinhalb Jahre nach seinem Wiedererscheinen - als Parallele zur Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Christi 33. n. Chr., dreieinhalb Jahre nach seiner Taufe (= Amtseinsetzung). „Seit April 1878 hat unser Herr seine königliche Macht an sich genommen und sammelt nun seine Auserwählten. Die Toten in Christo, welche nach des Apostels Worten zu Beginn seines Reiches auferstehen sollen, sind mithin im April 1878 auferstanden“ (Der Krieg von Harmagedon, Ausgabe von 1916, S. 322)
- 1881: Dies ist das Jahr, in dem der Ruf, Jesus nachzufolgen, verstummt, das Ende der Epoche der Kirche, der „Schluß der Gnade dieses christlichen Zeitalters“, weil die festgesetzte Zahl des wahren Leibes Christi (nämlich 144.000) erfüllt ist. Nun ist der „Wechsel vom Säen zum Ernten, vom Berufen zum Prüfen der Berufenen“ eingetreten - parallel zum Jahre 36 n. Chr., in dem die Sendung der guten Botschaft von Israel weg zu den Heiden ging. Von nun an erschallt nur noch ein „niedrigerer Ruf“ zu minderen „Segnungen des Millenniums“ (vgl. Dein Königreich komme, Ausgabe von 1919, S. 199 ff.).
Da jedoch die Schar der Ernsten Bibelforscher weiter wuchs, die Saat- und Erntearbeit weiterging und das sichtbare Kommen des Herrn sich immer mehr (auch über 1914 hinaus) verzögerte, wurden diese Datierungen Russells nach seinem Tod zunehmend fallengelassen. Welche unterschiedlichen Deutungen das Schlüsseljahr 1914 erfahren hat, werden wir im nächsten Abschnitt betrachten.
1914 n. Chr.: Ende oder Beginn der „Erntezeit“?
Im Unterschied zu manchen oben genannten Daten nimmt das Jahr 1914 in den Berechnungen der ZJ nach wie vor eine zentrale Rolle ein. Es hat allerdings nach den Nichteintreffen der von Russell vorausgesagten Ereignisse eine radikale Umdeutung erfahren. Während Russell jahrzehntelang das Ende der irdischen Regierungen und die Aufrichtung des Königreiches Christi auf Erden im Jahre 1914 erwartet hatte, verlegten er und seine Nachfolger nach 1914 die Inthronisierung Christi in den Himmel und deuteten den Ersten Weltkrieg als Zeichen dafür, daß bei diesem Anlaß Satan aus dem Himmel geworfen wurde. 1914 markierte nun nicht mehr das Ende der Erntezeit, sondern ihren Anfang, gekennzeichnet durch verschiedene Gerichtswehen und das Vorhandensein der „letzten Generation“.
Welche Ausreden und Umdeutungen die „Ernsten Bibelforscher“ nach 1914 gebrauchten, hat der Historiker Franz Stuhlhofer detailliert in seiner Untersuchung „Charles Taze Russell - der unbelehrbare Prophet“ (S. 90 ff.) dokumentiert. Er beschreibt verschiedene „Wege des Umgangs mit nicht eingetroffenen Prophezeiungen“, z.B. die Relativierung oder Umdeutung der „Prophezeiungen“ nach ihrem Nichteintreffen; die Behauptung, die Leser des Wachtturms hätten zuviel erwartet und die „Prophezeiungen“ mißverstanden; die Behauptung, die „Prophezeiung“ hätte sich unsichtbar erfüllt; gelegentlich auch ein Zugeben des Irrtums u.a. Stuhlhofer resümiert im Blick auf „1914“:
„Russell ... hatte mehrere Jahrzehnte vor 1914 eine Reihe sehr konkreter Vorhersagen gemacht. Diese Vorhersagen waren samt und sonders danebengegangen; in bezug auf manche der Vorhersagen ist einfach nichts passiert, zum Teil kam das Gegenteil. Russell hatte den Krieg von Harmagedon in gewisser Weise schon im Gange geglaubt, und ab 1914 sollte weltweit Friede herrschen. Statt dessen brach 1914 ein so heftiger Krieg von Nationen gegeneinander aus, daß er die Jahrzehnte davor beinahe wie Friedenszeiten erscheinen ließ“ (S. 90).
In der 1986 revidiert veröffentlichten Wachtturm-Schrift „Frieden und Sicherheit - wie wirklich zu finden?“ wird auf das Paradoxe dieser Situation und ihrer Deutung eingegangen:
„Es mag auf den ersten Blick befremdend erscheinen, daß die Inthronisierung Christi durch einen Krieg ohnegleichen auf der Erde gekennzeichnet sein sollte. Doch vergesse man nicht, daß ´der Herrscher der Welt` Satan, der Teufel, ist (Johannes 14:30). Er wollte nicht, daß Gottes Königreich die Macht über die Angelegenheiten der Erde übernahm. Um von dem Königreich abzulenken [sic! L. G.], manövrierte er die Menschen in einen Krieg hinein, der der Unterstützung ihrer eigenen Ansprüche auf Souveränität dienen sollte ... ´Krieg brach aus im Himmel ... Und hinabgeschleudert wurde der große Drache - die Urschlange -, der Teufel und Satan genannt wird...`(Offenbarung 12:3-12)“ (S. 74).
Wie deutete die WTG bis 1995 das Geschehen von 1914? Ich zitiere zunächst aus der 1968 herausgegebenen Schrift „Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt“:
:„Die Bibel bezeichnet die Zeit, in der wir leben, als die ´letzten Tage` oder als ´Zeit des Endes`. (2. Timotheus 3:1; Daniel 11:40) Die Tatsachen zeigen, daß diese Zeit von begrenzter Dauer ist, daß sie einen genau festgesetzten Anfang und ein genau festgesetztes Ende hat. Sie begann im Jahre 1914, als Jesus Christus im Himmel als König eingesetzt wurde. Sie wird enden, wenn Gott das gegenwärtige böse System der Dinge vernichten wird...
Wann wird es soweit sein? Gottes Sohn Jesus Christus gibt die Antwort. Er sagte, nachdem er auf all die vielen Dinge aufmerksam gemacht hatte, die zeigen, daß wir seit 1914 in der ´Zeit des Endes` leben: ´Diese Generation [wird] auf keinen Fall vergehen..., bis alle diese Dinge geschehen.` (Matthäus 24:34) Welche Generation meinte er? ...
´Diese Dinge` sind die Ereignisse, die sich seit 1914 zugetragen haben und die sich noch bis zum Ende dieses bösen Systems zutragen werden. (Matthäus 24:33) ... heute sind noch Personen am Leben, die 1914 alt genug waren, um zu beobachten, was geschah, und die sich somit heute noch daran erinnern können. Diese Generation ist nun schon ziemlich alt ... Das bedeutet, daß das Ende bald kommen muß! (S. 94 f.).
Diese Sätze wurden 1968 veröffentlicht, als sich die Menschen, die 1914 Jugendliche waren, im sechsten Lebensjahrzehnt befanden. In den Jahrzehnten darauf ist die WTG mit ihrer „1914“-These immer mehr in Zugzwang geraten, da kaum noch jemand von der damaligen Generation lebte. Man behalf sich eine Zeitlang, indem man das Alter der damals Lebenden immer weiter heruntersetzte und dadurch einige Jahre hinzugewann. So wurde im Wachtturm vom Mai 1984 das Kriterium der bewußten Wahrnehmungsfähigkeit verlassen und der Termin 1914 auf die zu dieser Zeit geborenen Babies bezogen:
„Wenn Jesus ´Generation` in diesem Sinne benutzte und wir es auf 1914 anwenden, dann sind die Babies dieser Generation jetzt 70 Jahre oder älter.“
Raymond Franz bemerkt im Blick auf solche (Um-)Interpretationen treffend:
„Freilich wird es mit jedem Jahr, das verstreicht, schwieriger, diese Lehre und alle damit zusammenhängenden Ansprüche aufrechtzuerhalten. Im Jahr 1984 waren 70 Jahre seit 1914 vergangen. Irgendwann einmal wird man die Lehre von der ´Generation` von 1914 nicht mehr aufrechterhalten können, ohne sich völlig unglaubwürdig zu machen“ (Franz 1991, S. 330).
Seit dem Jahr 1995 hat die WTG die Lehre von der 1914er-Generation tatsächlich fallen gelassen, wobei allerdings das Jahr 1914 selber für die WTG keineswegs seine Bedeutung verloren hat (s.u.). Deshalb wollen wir uns nun etwas ausführlicher mit dieser Jahreszahl befassen.
Die Fragen, die an die „1914“-These der ZJ zu stellen sind, lauten: Sind die Berechnungen haltbar, die zum Datum „1914“ führen? Und: Was ist mit dem Begriff „genea“ in Mt 24,34, den die WTG mit „Generation“ übersetzt und in unterschiedlicher Weise auf die „1914er-Generation“ bezieht, eigentlich gemeint?
Wie gelangt die WTG zum Datum „1914“? Sie geht davon aus, daß 607/606 v. Chr. mit der Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen Herrscher Nebukadnezar die theokratische Vorbildherrschaft Israels endete und die „Zeiten der Nationen“ begannen. 607/606 v. Chr. ist also der Ausgangspunkt, mit dem man zu zählen beginnt. Dann wird gefragt, wie lange die „Zeiten der Nationen“ dauern. Die Antwort findet man in Dan 4, wo Daniel einen Traum Nebukadnezars deutet. Darin heißt es:
„Man wird dich (Nebukadnezar) aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen, und du mußt bei den Tieren des Feldes bleiben, und man wird dich Gras fressen lassen wie die Rinder, und du wirst unter dem Tau des Himmels liegen und naß werden, und sieben Zeiten werden über dich hergehen, bis du erkennst, daß der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will“ (Dan 4,22).
Die „sieben Zeiten“ werden als die Dauer der „Zeiten der Nationen“ interpretiert. Wie aber sind diese „sieben Zeiten“ mit Jahreszahlen zu füllen? Zur Beantwortung „springt“ man in die Johannesoffenbarung, wo von „dreieinhalb Zeiten“ die Rede ist. Die weitere Vorgehensweise wird durch das folgende Zitat aus der Wachtturm-Schrift „Frieden und Sicherheit - wie wirklich zu finden?“ erhellt:
„In Offenbarung 11:2,3 wird gezeigt, daß 1 260 Tage 42 Monate oder dreineinhalb Jahre sind. In Offenbarung 12:6, 14 ist von derselben Anzahl Tage (1 260) die Rede, doch werden sie dort als ´eine Zeit [1] und Zeiten [2] und eine halbe Zeit` oder dreieinhalb ´Zeiten` bezeichnet. Jede dieser ´Zeiten` umfaßt 360 Tage (3 ½ x 360 = 1 260). Jeder Tag dieser prophetischen ´Zeiten` steht für ein ganzes Jahr gemäß dem Grundsatz ´Ein Tag für ein Jahr` (4. Mose 14:34; Hesekiel 4:6). Die ´sieben Zeiten` entsprechen daher 2 520 Jahren (7 x 360). Zählen wir vom Herbst des Jahres 607 v.u.Z. an, als das Vorbildkönigreich Gottes in Juda von Babylon gestürzt wurde, so bringen uns die 2 520 Jahre zum Herbst des Jahres 1914 u.Z. (606 1/4 + 1913 3/4 = 2 520). Das ist das Jahr, in dem Jesus Christus mit dem ´Königreich der Welt` betraut werden sollte“ (S. 72 f.).
So geschlossen dieses Rechenkunststück auf den ersten Blick erscheinen mag, so gewichtig sind die Einwände, die sich dagegen erheben. Ich beschränke mich auf die vier wesentlichsten:
- Jerusalem wurde nicht 607/606 v. Chr. von Nebukadnezar zerstört, sondern 587 v. Chr. (s.o.). Somit ist der Ausgangspunkt der ganzen Berechnungen falsch - und demzufolge auch das Ergebnis.
- Die Deutung der „sieben Zeiten“ in Dan 4 durch die WTG ist reine Allegorese. Aus dem Text geht nichts anderes hervor, als daß Nebukadnezar „sieben Zeiten“ lang von einer Geisteskrankheit geplagt und seine Herrschaft von ihm genommen wird, bis er erkennt, daß Gott allein „Gewalt hat über alle Königreiche der Welt und sie gibt, wem er will“ (vgl. Dan 4,13.22). Die „sieben Zeiten“ werden in Dan 4 nicht näher erklärt, doch ist mit der Septuaginta und Josephus (Antiquitates X, 216) anzunehmen, daß es sich um „sieben Jahre“ handelt (vgl. Maier 1982, S. 182). Es ist auffallend, wie sehr die „sieben Zeiten“ an das Geschick Nebukadnezars gekoppelt werden, so daß eine darüber hinausgehende Deutung auf äußerst wackligem Boden steht: „... sieben Zeiten sollen über ihn hingehen...“ (V. 13); „... es ergeht als Ratschluß des Höchsten über meinen Herrn, den König...“ (V. 21); „... sieben Zeiten werden über dich hingehen...“ (V. 22); „... dies alles widerfuhr dem König Nebukadnezar...“ (V. 25).
- Auch die „dreieinhalb Zeiten“ aus Offb 12,14 sind aller Wahrscheinlichkeit nach als „dreieinhalb Jahre“ im wörtlichen Sinn zu verstehen, was durch die parallelen Charakterisierungen „42 Monate“ und „1.260 Tage“ (Offb 11,2 f.; 12,6) geradezu unterstrichen wird. Wie ich schon oben dargestellt habe, beziehen sie sich vermutlich auf die Trübsalszeit im Zusammenhang mit der Herrschaft des Antichristen, die sieben (2 x 3 ½) Jahre dauern wird. Daß die WTG die nicht näher charakterisierten „sieben Zeiten“ Nebukadnezars mit den „dreieinhalb Zeiten“ der Johannesoffenbarung in Verbindung bringt, ist ein typisches Beispiel für die „Rösselsprung“-Methode, die Stellen aus ihrem Zusammenhang reißt und willkürlich kombiniert (>Bibelverständnis).
- Das Gleiche gilt für die Deutung der „1.260 Tage“ in Offb 11,3 und 12,6 als „1.260 Jahre“. Die Deutung der „Tage“ als „Jahre“ widerspricht ganz offensichtlich der Parallelität zwischen den „1.260 Tagen“ und den „42 Monaten“ in Offb 11,2 f. sowie den dort beschriebenen und zeitlich eng begrenzten Ereignissen (es sei denn, man deutet die gesamte Offb allegorisch, was die ZJ auch tun; dazu mehr unter >Eschatologie). Vor allem aber gibt es in der Bibel keinen allgemeingültigen Grundsatz „Ein Tag für ein Jahr“, sondern nur eine Anwendung dieses Verfahrens in bestimmten Situationen, die - gerade in 4. Mose 14,34 und Hes 4,5 f. - klar als solche gekennzeichnet werden. In Offb 11 und 12 hingegen ist nirgends ein Hinweis auf eine Anwendung dieses „Grundsatzes“ in diesem Zusammenhang zu finden, so daß kein Anlaß besteht, aus „Tagen“ „Jahre“ zu machen. Auch die Aussage aus 2. Petr 3,8, daß „ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre“ ist, gehört in den unmittelbaren Kontext, in dem sie steht. Sie soll die auf die Wiederkunft Christi wartende Gemeinde zur Geduld ermahnen und trösten. Es wäre falsch, daraus eine abstrakte Regel abzuleiten und diese auf Offb 11 und 12 zu übertragen.
Das Jahr 1914 ist nach allem Gesagten nicht zu halten. An sich erübrigt sich damit auch die Frage nach der „Generation“, die das Jahr 1914 bewußt wahrgenommen haben (frühere Version) oder damals geboren sein soll (spätere Version; zur neuesten Version s.u.). Dennoch möchte ich der Vollständigkeit halber auf den Begriff „genea“ in Mt 24,34, der dieser Lehre zugrunde liegt, eingehen.
Das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament nennt folgende Bedeutungsmöglichkeiten von „genea“ im allgemeingriechischen Sprachgebrauch: „Geburt, Abkunft ... Nachkommenschaft ... Geschlecht, als die durch gemeinsame Abkunft Verbundenen ... Geschlecht als Zeitbestimmung, Menschenalter ... auch Zeitalter“. Im Neuen Testament kommt „genea“ im Sinne von „Zeitalter, Periode ... Art“ vor, bedeutet aber „meist Zeitgenossenschaft“. Die Wendung „dieses Geschlecht“ („he genea auté“) ist „zunächst zeitlich zu verstehen“. Sie enthält „aber immer eine verurteilende Nebenbedeutung“, etwa „das böse Geschlecht“, „das ehebrecherische Geschlecht“ oder „das ungläubige Geschlecht“ (ThWNT I/1933, S. 660 f.). In diesem Sinne wird es von Jesus oft auf seine jüdischen Zeitgenossen bezogen, zu denen er zuerst gesandt ist (Mt 15,24), die Zeichen von ihm fordern (vgl. 1. Kor 1,22) und ihn als den Retter ablehnen (vgl. Mt 12,38 ff. parr.; 16,4; 17,17; Mk 9,19 u.a.).
Diese Vielfalt von Bedeutungsmöglichkeiten zeigt auf, wie schwierig es ist, den Begriff „genea“ in Mt 24,34 genau zu bestimmen. Ist es das Menschengeschlecht (die menschliche Art) allgemein? Ist es das „Geschlecht der Juden“ allgemein? Sind es speziell die jüdischen Zeitgenossen Jesu? Ist es die letzte Generation vor Jesu Wiederkunft? ...
Nach dem obigen Befund neige ich der Deutung zu, daß sich „dieses Geschlecht“ in Mt 24,34 auf das Volk der Juden zur Zeit Jesu bezieht. Dies wird auch dadurch unterstrichen, daß Jesus unmittelbar vorher vom „Feigenbaum“ redet, der in der Heiligen Schrift immer wieder Israel symbolisiert (Mt 24,32 f.; vgl. 1. Kön 5,5; Mt 21,19 f.; Lk 13,6 ff.; Joh 1,48 ff.). Mit Gerhard Maier und anderen Auslegern bin ich der Meinung, daß Mt 24 parr. eine Fern- und eine Nahprophetie nebeneinander enthält. Beide Stränge oder Perspektiven durchdringen einander.
„Die eine Perspektive verläuft vom noch bestehenden Tempel bis zur Tempelzerstörung und umfaßt die Schändung des Tempels und die Not Judäas, die mit der Zerstörung des Tempels verbunden sind. Die zweite Perspektive setzt nach der Tempelzerstörung ein und verläuft bis zur Wiederkunft Jesu. Dabei werden weltweite Nöte, Verfolgung, Falschprophetie, Völkermission, letzte Trübsal, kosmische Veränderungen und die Vereinigung der Gemeinde mit dem wiederkehrenden Jesus angekündigt. Man könnte die erste als die Israel-Perspektive bezeichnen, die zweite als die Völker-Perspektive“ (Maier II/1980, S. 267).
Jesus antwortet nämlich auf zwei (oder drei) unterschiedliche Fragen der Jünger. Und seine erste Antwort bezieht sich auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, der sich bei der Ölbergrede direkt vor den Augen Jesu und seiner Jünger befand:
„Und Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde. Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? (Frage 1) Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? (Frage 2 und 3)“ (Mt 24,1-3).
Die erste Frage hat Jesus m. E. klar beantwortet: „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“ Die Naherfüllung ereignete sich in der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n. Chr. durch die Römerheere - und diese Erfüllung hat „dieses Geschlecht“ miterlebt, das seinen Retter Jesus Christus ans Kreuz geschlagen hatte. Raymond Franz zitiert in seinem Buch „Der Gewissenskonflikt“ die Frage eines langgedienten Wachtturm-Missionars, der ihm gegenüber diese Möglichkeit äußerte:
„Bruder Franz, könnte es sein, daß Jesus mit ´dieser Generation` nur die Menschen damals meinte, die die Zerstörung Jerusalems miterlebten? In dem Fall würde alles zusammenpassen“ (Franz 1991, S. 210).
Eine Unsicherheit in dieser Deutung enthält allerdings die Wendung „bis das alles geschieht“. Bezieht sich „das alles“ auf alle in Mt 24 geschilderten Ereignisse (was keineswegs sicher ist), so würde „dieses Geschlecht“ doch noch die endzeitlichen Entwicklungen bis zur Wiederkunft Jesu und dem Ende der Welt miterleben. Dann bezöge sich „dieses Geschlecht“ vom sonstigen Sprachgebrauch her mit großer Wahrscheinlichkeit zwar auch auf die Juden, aber nun auf die Juden allgemein, nicht nur auf die Zeitgenossen Jesu. Dieser Interpretation neigt Gerhard Maier zu:
„... ´dieses Geschlecht` ist das Geschlecht der Juden überhaupt. Keine Macht der Erde kann sie auslöschen. Weder die Judenverfolgungen des Mittelalters noch die Pogrome im Rußland des 19. Jhs., noch die Vernichtungsmaschinerie der nazistischen KZs haben das vermocht. Der ´Feigenbaum` existiert bis zur Wiederkunft Jesu“ (Maier II/1980, S. 297).
Mag die Naherwartung oder die Fernerwartung zutreffend sein - hier zeigt sich jedenfalls wieder, wie die ZJ versuchen, die Stelle Israels als Heilsvolk einzunehmen. Zu welch absurden Spekulationen dieser Versuch führt, haben wir gesehen.
Bevor ich auf die beiden letzten bedeutenden Jahreszahlen 1925 und 1975 eingehe, verdient ein anderes Datum zumindest Erwähnung: 1918. Als die Errichtung des sichtbaren Königreiches Christi im Herbst 1914 nicht erfolgt war, bemühte man sich eine Zeitlang um eine Verschiebung dieses Termins auf einen Zeitpunkt dreineinhalb Jahre später, auf Frühling 1918, so etwa in dem 1917 herausgegebenen Band 7 der „Schriftstudien“ mit dem Titel „Das vollendete Geheimnis“. Begründet wurde diese Verschiebung mit den parallelen Heilszeitordnungen, für die es allerdings - wie schon erwähnt - keine Begründung in der Heiligen Schrift gibt.
Die Herausgeber verschoben einfach Beginn und Ende der „Erntezeit“ um jeweils vier Jahre nach hinten (von 1874 auf 1878 und von 1914 auf 1918) - in Parallele zur völligen Unterwerfung Israels durch die Römer im Jahr 73 n. Chr. 40 Jahre nach der Taufe Jesu (vorher hatte Russell die Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. als Parallele für das Ende der Erntezeit herangezogen). Aber auch dieser „Zeitgewinn“ brachte nichts. 1918 wurde zwar der Erste Weltkrieg beendet, aber damit war keineswegs das Friedensreich Christi angebrochen. Man mußte nach weiteren Terminen Ausschau halten.
1925 n. Chr.: „Rückkehr der alttestamentlichen Überwinder“
Nach dem Scheitern der Prophezeiungen für 1874, 1914 und 1918 sah sich der Nachfolger Russells, Joseph Franklin >Rutherford, herausgefordert, diese umzudeuten und ein neues Datum in den Mittelpunkt der Erwartungen zu stellen: das Jahr 1925. In seinem weit gestreuten Buch mit dem zugkräftigen Titel „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“, das 1920 herauskam, wurde das neue Programm verkündigt. Rutherford behauptete, daß 1925 die „Große Drangsal“ zuende gehe, das Tausendjährige Reich anbreche und dies durch die „Wiederherstellung des Menschengeschlechts“, d.h. durch die stufenweise Auferstehung (bzw. richtiger: Neuerschaffung) der Verstorbenen, charakterisiert sei. Als erste würden direkt im Jahre 1925 die vorherbestimmten Herrscher des irdischen Millenniums, die treuen alttestamentlichen Patriarchen, Könige und Propheten auferstehen. Und da 1925 das Millennium beginne, würden Millionen jetzt lebender Menschen unmittelbar in dieses hinüberschreiten und somit „nie sterben“. Rutherford schrieb:
„Das menschliche Geschlecht zum Leben zurückzubringen ist es hauptsächlich, was wiedergebracht werden soll; und da andere Schriftstellen der Tatsache bestimmt Ausdruck geben, daß eine Auferstehung Abrahams, Isaaks, Jakobs und anderer Treuen des alten Bundes stattfinden wird, und daß diese die erste Gunsterweisung empfangen werden, können wir erwarten, im Jahr 1925 Zeuge zu sein von der Rückkehr dieser treuen Männer Israels aus dem Zustande des Todes“ (Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben, S. 79). „Wir erwarten mit großer Gewißheit, daß die jetzige große Drangsal (Dan 12; Matth. 24; Luk. 21,5-36) im Jahre 1925, etwa im Herbst, ihren furchtbaren Höhepunkt erreicht und alsdann zum furchtbaren Abschluß kommen wird, damit anschließend das Werk der Wiederherstellung aller Dinge (Apg. 3,19-20) beginnen kann. Wir erwarten mit absoluter Zuverlässigkeit die nach der Drangsal beginnende Auferstehung der gesamten Menschheit ... innerhalb eines Zeitraumes von 1.000 Jahren ..., so, daß die zuletzt Gestorbenen zuerst ... auferstehen werden und durch die Gnade Gottes ewiges Leben unter vollkommenen Verhältnissen auf einer neu gestalteten Erde empfangen können ... Ferner dürfen wir verkündigen, daß den vielen Menschen, die jetzt leben, die Möglichkeit werden kann, überhaupt nicht erst sterben zu brauchen ... Zwar werden sie durch großes Leiden in der Drangsal heimgesucht, aber dennoch lebend in das goldene Zeitalter hinüberkommen, um dann mit den Auferstehenden der Menschheit an der Segnung ewigen Lebens auf Erden teilzuhaben“ („Das goldene Zeitalter“, 15.3.1924).
Wie ist Rutherford zu dieser „großen Gewissheit“ und „absoluten Zuverlässigkeit“ im Blick auf solche Voraussagen gelangt? Er ging in seiner „Millionen“-Schrift - anders als Russell - von dem Jahr 1575 v. Chr. aus, in dem nach seinen Berechnungen das Volk Israel das Land Kanaan betrat, womit eine „vorbildliche Wiederherstellung“ der Theokratie erfolgte. In diesem Jahr hat Gott nach Ansicht Rutherfords Mose die Einrichtung des Sabbat- und Erlaßjahrs geboten. Jedes 50. Jahr sollte ein „großes Sabbatjahr“, „Jubeljahr“ oder „Erlassjahr“ sein. (vgl. 3. Mose 25,8-12). Aus Stellen wie Jer 25,11 und 2. Chron 36,17-21 entnahm Rutherford die Zahl von „70 Jahren“ und folgerte, daß sich diese auf eine Summe von „70 großen Jubeljahren“ beziehen. Multipliziert man 70 mit 50, dann gelangt man zu 3.500 Jahren. Zählt man 3.500 Jahre ab dem Jahr 1.575 v. Chr., dann gelangt man zum Jahr 1925 n. Chr., in dem die Wiederherstellung aller Dinge erfolgen und das Tausendjährige Reich auf Erden anbrechen soll.
Aber auch in dieser Rechnung stecken Fehler, welche die 1925 eingetretene Enttäuschung (das Millennium brach auch in diesem Jahr nicht an) erklären:
- Das Ausgangsdatum 1575 v. Chr. hinsichtlich der Besiedlung Kanaans durch die Israeliten entbehrt jeder sicheren historischen Grundlage. Die grundsätzliche Problematik einer genauen Chronologie für diese frühen Zeiträume habe ich bereits oben aufgezeigt. Die theologische Forschung nimmt für die Landnahme und Konsolidierung Israels in Kanaan die Zeit zwischen 1400 und 1200 v. Chr. an (vgl. Gunneweg 1979, S. 193).
- Aus Stellen wie Jer 25,11 und 2. Chron 36,17-21 läßt sich kein Bezug zu einer Berechnung der „großen Jubeljahre“ herstellen. Vielmehr beziehen sich diese Zahlenangaben auf die siebzigjährige Herrschaft der Babylonier und die siebzigjährige Verwüstung Jerusalems und seines Tempels im Zusammenhang damit (s.o.).
Nach 1925 mußte Rutherford seinen Irrtum zwangsläufig einsehen. Wie Raymond Franz berichtet, habe er geäußert: „Ich habe mich lächerlich gemacht“ bzw. im amerik. Original-Wortlaut: „I know I made an ass of myself“ (Franz 1991, S. 136; vgl. Wachtturm 15.12.1984, S. 26). 1931 bekennt er in einer ernüchterten Weise:
„Jehovas Getreue auf der Erde wurden in ihren Erwartungen für die Jahre 1914, 1918 und 1925 in etwa enttäuscht, und ihre Enttäuschung hielt eine Zeitlang an. Später lernten die Treuen, daß, obwohl jene Daten in der Heiligen Schrift in bestimmter Weise festgesetzt sind, sie dennoch keine Daten mehr für die Zukunft festsetzen und nicht voraussagen sollten, was sich an einem gewissen Zeitpunkt ereignen sollte, sondern daß sie sich, was die einzutretenden Ereignisse betrifft, auf Gottes Wort verlassen sollen, was sie auch tun. Jehova hat sein Wort gesprochen und wird es auch ausführen; und die Heilige Schrift zeigt anscheinend deutlich, daß Jehova seinen treuen Zeugen das Vorrecht gewähren wird, seine ´Großtaten` zu sehen, wodurch er beweisen wird, daß sie sein Wort der Wahrheit seinem Willen gemäß geredet haben; und das wird er tun, bevor seine Zeugen zu herrlichen Organismen, gleich Christus Jesus, verwandelt sein werden. Das ist kein Voraussagen von Zeitpunkten, sondern lediglich ein Hinweis auf Ereignisse, die eintreten müssen, weil sie deutlich im Worte Gottes beschrieben werden“ (Rechtfertigung, Bd. 1, 1931, S. 332 f.).
Rutherford hielt sich daran. Bis zu seinem Tod im Jahre 1942 hütete sich die WTG vor der Festsetzung definitiver Zeitpunkte. Das sollte sich jedoch unter seinen Nachfolgern wieder ändern.
1975 n. Chr.: „Beginn des Tausendjährigen Reiches“
1966 wurde unter der Präsidentschaft Nathan Homer Knorrs und der Vizepräsidentschaft Frederick William Franz` das Buch „Ewiges Leben - in der Freiheit der Söhne Gottes“ herausgegeben. Darin wurde ein neues Endzeitdatum festgesetzt:
„In diesem 20. Jahrhundert wurde ein unabhängiges Studium durchgeführt, das nicht blindlings den traditionellen chronologischen Berechnungen der Christenheit folgte, und die veröffentlichte Zeittafel, die von diesem unabhängigen Studium herrührt, gibt das Datum der Erschaffung des Menschen mit 4 026 v.u.Z. an. Gemäß dieser zuverlässigen Bibelchronologie werden 6000 Jahre, von der Zeit der Erschaffung des Menschen an, mit dem Jahr 1975 enden, und die siebente Periode von eintausend Jahren Menschheitsgeschichte beginnt im Herbst des Jahres 1975 u.Z.“ (S. 29 f.).
Das siebte Jahrtausend sei identisch mit dem Millennium. So stand im Wachtturm vom 1.8.1968 zu lesen:
„Es dauert höchstens noch ein paar Jahre, bis sich der letzte Teil der biblischen Prophezeiung über diese ´letzten Tage` erfüllen wird und die Menschen, die dann noch am Leben sind, durch die herrliche Tausendjahrherrschaft Christi befreit werden.“
Aber auch 1975 trat das Millennium nicht ein. Daß sich die Erschaffung des ersten Menschenpaares nicht chronologisch berechnen läßt, habe ich oben bereits aufgezeigt. Von daher mußte diese ganze Konstruktion scheitern. Nach früheren negativen Erfahrungen war man allerdings vorsichtiger geworden. So hieß es bereits im Wachtturm vom 1.1.1967 im Blick auf die „1975-Prophetie“:
„Es könnte das bedeuten. Doch wir sagen das nicht. Alle Dinge sind bei Gott möglich. Doch wir sagen das nicht.“
Der eigentliche Grund für die Nennung eines neuen Datums dürfte die Panik gewesen sein, welche die WTG angesichts des Rückgangs getaufter Anhänger Mitte der 60er Jahre erfaßt hatte. Zählte sie 1964 noch 68.236 Getaufte, so waren es 1965 64.393 und 1966 nur noch 58.904. „Ab dem Jahr 1966 jedoch, als man 1975 zum Thema gemacht hatte, kam es ... zu einem phänomenalen Wachstumsschub“ (Franz 1991, S. 199). Dieser hielt bis 1975 an. Danach jedoch gab es infolge der enttäuschten Hoffnungen zunächst einen Rückgang. Die Wachtturm-Organisation brauchte mehrere Jahre, bis sie sich dazu durchrang, ihren Irrtum wenigstens teilweise einzugestehen.
Neuere „Voraussagen“
Nach dem Verstreichen des Jahres 1975 legte die WTG Wert darauf, keine konkreten Endzeitdaten hinsichtlich des Beginns des Millenniums mehr zu nennen. Sie spricht seither lieber von „Zeiträumen“ und gebraucht zur Charakterisierung des Zeitraums bis zur sichtbaren Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches den Begriff „Generation“. Dabei spielt das Jahr 1914, das Datum der „unsichtbaren Inthronisation Jesu Christi im Himmel“, wie schon dargestellt, allerdings weiterhin eine bedeutende Rolle als Ausgangspunkt der endgeschichtlichen Entwicklungen.
Hier trat in jüngerer Zeit eine gravierende Veränderung ein: Während die WTG jahrzehntelang den Begriff „Generation“ auf den Zeitraum eines Menschenalters unterschiedlicher Länge bezog, wurde diese Begrenzung seit 1995 fallengelassen. Dies hat einen einfachen Grund: Die Generation, die 1914 im jugendlichen Alter oder zumindest schon geboren war, hatte 1995 das 80. oder 90. Lebensjahr überschritten und ist zusehends ausgestorben. Es wurde immer schwieriger, den Anhängern der WTG klarzumachen, daß Jesus noch zu Lebzeiten der 1914er-Generation sichtbar kommt.
Raymond Franz hatte auf diese Schwierigkeiten schon in seinem 1983 in Amerika erschienenen Buch „Der Gewissenskonflikt“ hingewiesen. Darin schilderte er, wie die Leitende Körperschaft in mehreren Sitzungen über die Datierungsfrage debattierte und sich am 14.11.1979 für eine Beibehaltung der „1914er-Generation“ und der damit verbundenen Erwartungen entschloß (Franz 1991, S. 205 ff.). Erst 1995 hat man diese Lehre notgedrungen fallengelassen und sich einer nüchterneren Position in Datierungsfragen angenähert. Unter der Überschrift „Eine Zeit, in der wir wach bleiben müssen“ erschien am 1. November 1995 im Wachtturm ein Artikel, der die jahrzehntelang gehegten Erwartungen der ZJ zwar nicht pauschal widerrief, aber doch in wesentlichen Punkten, vor allem in der Zeitpunktfrage, revidierte. Der Schwierigkeit der aussterbenden 1914er-Generation begegnet die Brooklyner Zentrale jetzt mit einer symbolischen Deutung - und das heißt praktisch: mit einer nicht chronologisch fixierten zeitlichen Dehnung - des „Generations“-Begriffs. Nachfolgend zitiere ich die wichtigsten Passagen aus diesem in mancher Hinsicht sensationellen Artikel:
„Jesus verband seine Voraussage von bestimmten Ereignissen, die zu einer Zeit ´großer Drangsal` führen würden, mit folgendem Zusatz: ´Von jenem Tag und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater` (Matthäus 24:3-36; Markus 13:3-32). Uns muß also die genaue zeitliche Einordnung der Ereignisse gar nicht bekannt sein. Wir müssen unser Augenmerk vielmehr darauf richten, einen starken Glauben zu entwickeln sowie wachsam und im Dienst für Jehova eifrig zu sein - nicht darauf, ein Datum zu berechnen...
Aus dem sehnlichen Wunsch heraus, das Ende des gegenwärtigen bösen Systems zu erleben, hat Jehovas Volk manchmal Vermutungen angestellt, wann die ´große Drangsal` beginnen wird, und dies sogar mit Berechnungen über die Länge der Lebensspanne der Generation seit 1914 verbunden. Doch wir wollen ´ein Herz der Weisheit einbringen`, nicht dadurch, daß wir darüber spekulieren, wie viele Jahre oder Tage eine Generation dauert, sondern dadurch, daß wir uns Gedanken darüber machen, wie wir ´unsere Tage zählen`, das heißt Jehova freudig lobpreisen (Psalm 90:12). Der Begriff ´Generation`, wie Jesus ihn gebrauchte, liefert uns keinen Maßstab für das Messen der Zeit, sondern bezieht sich hauptsächlich auf die Zeitgenossen eines bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitts mit ihren charakteristischen Merkmalen...
Ja, der vollständige Triumph des messianischen Königreiches steht bevor! Hat man daher irgendeinen Nutzen davon, daß man in bezug auf Daten Erwartungen hegt oder daß man Spekulationen über die buchstäbliche Lebenszeit einer ´Generation` anstellt? Auf gar keinen Fall!... In Jesu Tagen war ´diese Generation` das abtrünnige jüdische Volk, das Jesus verwarf (1. Mose 6:11, 12; 7:1). Heute, wo sich die Prophezeiung Jesu endgültig erfüllt, bezieht sich der Begriff ´diese Generation` daher offensichtlich auf jene Erdbewohner, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht von ihren verkehrten Wegen umkehren...
´Diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis; und dann wird das Ende kommen` (Matthäus 24:14). Niemand kann sagen, wann dieses Ende erreicht sein wird, aber wir wissen, daß das Ende ´dieser Generation` böser Menschen kommen wird, sobald das Zeugnis zu Gottes Zufriedenheit ´bis zum entferntesten Teil der Erde` gegeben worden ist (Apostelgeschichte 1:8)... Wenn das globale Zeugnis in dem von Jehova vorgesehenen Umfang gegeben worden ist, wird für ihn ´der Tag und die Stunde` gekommen sein, das gegenwärtige Weltsystem zu beseitigen. Wir müssen diesen Zeitpunkt nicht im voraus wissen...
Bedeutet unsere genauere Erklärung in Bezug auf ´diese Generation`, daß Harmagedon in fernerer Zukunft liegt, als wir gedacht haben? Keineswegs! Wir haben noch nie ´den Tag und die Stunde` gewußt. Jehova Gott hat dagegen sei eh und je davon Kenntnis, und er ändert sich nicht... Der entscheidende ´Tag Jehovas` rückt immer näher!“
Soweit der Wachtturm-Artikel vom 1.11.1995. Manches klingt hier zurückhaltender und nüchterner als früher, als man sich bemühte, immer neue Termine zu konstruieren. Aber das gegenwärtige Zurücktreten der Datierungsfrage nach rund 120 Jahren Wachtturm-Geschichte kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die grundlegenden eschatologischen Erwartungen der ZJ im Wesentlichen die gleichen geblieben sind (>Eschatologie).
Wie „Berechnungen“ entstehen können
In den zurückliegenden Abschnitten habe ich anhand historischer und biblisch-theologischer Argumente versucht, die Unhaltbarkeit der Zahlenspekulationen nachzuweisen, welche die WTG vornimmt. Abschließend möchte ich mit Hilfe eines Beispiels zeigen, wie leicht solche „Berechnungen“ konstruiert werden können, wenn man bestimmte allegorische Deutungen in die Heilige Schrift hineinträgt. Ich entnehme das Beispiel dem Materialdienst „Exodus“ Nr. 7 vom Okt./Nov. 1985 (S. 3), den der ehemalige ZJ Erich Brüning herausgibt. Es lautet so:
„Liebe Brüder! Der treue und verständige Sklave vertritt mit dieser Wachtturm-Ausgabe eine andere Auffassung über den Beginn der ´Sieben Zeiten der Nationen`. Entgegen der jahrelang vertretenen Meinung, daß die ´Zeiten der Nationen` im Jahre 1914 abgelaufen wären, erkennt die `Prophetenklasse` jetzt das Ende der ´Heidenzeit` für das Jahr 1939. Wenn Ihr die Tabelle anschaut, werdet Ihr dabei feststellen, daß die Zerstörung Jerusalems erst im Jahre 587 v.Chr. erfolgte. Da nach der Eroberung Jerusalems Nebukadnezar sieben Zeiten (= 2.520 Tage) wahnsinnig war, begann er natürlich erst sieben Jahre später zu regieren. Somit begann seine unumschränkte Herrschaft im Jahre 581 v.Chr. Nach unserer jetzigen Erkenntnis verstehen wir: Die ´bestimmten Zeiten der Nationen` (2.520 Jahre) beginnen im Jahre 581 v. Chr. und enden im Jahre 1939 zu Beginn des 2. Weltkrieges.
So trat Christus genau am Ende der vorhergesagten Zeitspanne seine Macht an. Als erstes warf er den Satan aus dem Himmel. Da Christus sein 1.000-Jahrreich begonnen hatte, wollte Satan ihm zuvorkommen. Er inspirierte Adolf Hitler zur Errichtung eines 1.000-Jahrreiches. Das war die Idee des 3. Reiches. Hitler ließ in Nürnberg einen Tempel bauen, bestehend aus 144 Säulen. Diese 144 Säulen erinnern an Offb. 3,12. Unsere Brüder, welche die großen Kongresse in Nürnberg miterlebten, konnten diese Überbleibsel des 1.000-jährigen Reiches bestaunen.
Da nun den ´Sieben Zeiten der Nationen` eine 7-jährige Wahnsinnszeit von 587-581 v. Chr. vorausging, folgte auch eine 7-jährige Wahnsinnszeit von 1939-1945. Es war der 2. Weltkrieg. Satan versuchte, alles in seine Gewalt zu bekommen, aber er wurde von Christus in Schach gehalten. Während dieser Wahnsinnszeit versuchte Hitler, die Juden und die ZJ zu vernichten. Hierdurch erfüllten sich die Worte aus Hes. 21,36 + 37, daß sie in die Hände roher Menschen fielen und durch das Feuer mußten. Die Verbrennungsöfen der KZ-Lager bestätigen es.
Woran konnte man nun untrüglich erkennen, daß Christus seine Macht angetreten hat? Es war der ´verheißene Blitz`, der laut Matth. 24,27 von Osten bis Westen leuchten sollte. Es war der Blitz der Atombombe, die im ´Osten` über Japan (1945) abgeworfen worden war. Dieser Blitz schreckte die Welt auf und bewirkte das Ende der Wahnsinnszeit.“
Der Verfasser dieses fingierten Rechenkunststücks kommentiert:
„Diese Interpretation... zeigt, was mit etwas Phantasie und Kenntnis der Wachtturm-Praktiken zusammengedichtet werden kann. Die ´phantasie-volle` Darbietung ist nicht weniger ´plausibel` als die Wachtturm-Version, jedoch genauso irreal. Wir hoffen, daß ZJ hiermit begriffen haben, daß die ´Sieben Zeiten`-Lehre der WTG, das Jahr 607 v.Chr. und das Jahr 1914 n. Chr., bedenkenlose Manipulationen sind, die viele aufrichtige Menschen in die Irre führen.“
Literaturhinweise
L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)
Einzelhinweise und Quellen
Anmerkungen
Quellenangaben
Weitere Artikel in gedruckter Form finden Sie auf der Website von Dr. Lothar Gassmann (Redakteur).