338
Bearbeitungen
(Die Seite wurde neu angelegt: „__TOC__ Die transzendental-präsentische Deutung, wie sie vor allem bei dem jungen Karl Barth und Paul Althaus begegnet, ist eine Reaktion auf die "tabula rasa", die von der Konsequenten Eschatologie hinterlassen wurde. Die Meinung, Jesus und seine Jünger hätten sich mit der Naherwartung getäuscht, veranlasst sie zum Betreten einer ganz anderen, zeitüberschreitenden, transzendenten Dimensi…“) |
K (Formatierungen angepasst) |
||
| Zeile 3: | Zeile 3: | ||
Die transzendental-präsentische Deutung, wie sie vor allem bei dem jungen [[Barth Karl|Karl Barth]] und [[Althaus, Paul|Paul Althaus]] begegnet, ist eine Reaktion auf die "tabula rasa", die von der [[Konsequente Eschatologie|Konsequenten Eschatologie]] hinterlassen wurde. Die Meinung, Jesus und seine Jünger hätten sich mit der Naherwartung getäuscht, veranlasst sie zum Betreten einer ganz anderen, zeitüberschreitenden, transzendenten Dimension. Sie tritt gewissermaßen die "Flucht" aus der Zeit in die Ewigkeit, aus der Geschichte in die Übergeschichte, aus der Chronologie in die Axiologie an. | Die transzendental-präsentische Deutung, wie sie vor allem bei dem jungen [[Barth Karl|Karl Barth]] und [[Althaus, Paul|Paul Althaus]] begegnet, ist eine Reaktion auf die "tabula rasa", die von der [[Konsequente Eschatologie|Konsequenten Eschatologie]] hinterlassen wurde. Die Meinung, Jesus und seine Jünger hätten sich mit der Naherwartung getäuscht, veranlasst sie zum Betreten einer ganz anderen, zeitüberschreitenden, transzendenten Dimension. Sie tritt gewissermaßen die "Flucht" aus der Zeit in die Ewigkeit, aus der Geschichte in die Übergeschichte, aus der Chronologie in die Axiologie an. | ||
Die klassische Stelle der transzendental-präsentischen Deutung bei ''Karl Barth'' (1886-1968) findet sich in der zweiten Auflage seines bahnbrechenden Werkes ''"Der Römerbrief" von 1921'', und zwar in der Auslegung von Röm 13,11 ("Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden"). Ich zitiere nachfolgend aus der unveränderten dritten Auflage von 1922. Barth schreibt:<blockquote>"Was darüber ist, das ist nicht Zeit, sondern Ewigkeit. Nein, an der Grenze aller Zeit, vor der überhängenden Wand Gottes, die die ''Aufhebung'' aller Zeit und alles Zeitinhalts bedeutet, steht der Mensch der ´letzten` Stunde, der Mensch, der die Parusie Jesu Christi erwartet. Er steht vor ''dem'' Tag und ''den'' Stunden, die niemand weiß, auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, ''nur der Vater!'' (Mc. 12,32). Gellen denn gar niemandem die Ohren? Will das unnütze Gerede von der ´ausgebliebenen` Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn ´ausbleiben`, was seinem Begriff nach überhaupt nicht ´eintreten` kann? Denn kein zeitliches Ereignis, kein fabelhafter ´Weltuntergang`, ganz und gar ohne Beziehung zu etwaigen geschichtlichen, tellurischen oder kos-mischen Katastrophen ist das im Neuen Testament verkündigte Ende, sondern wirklich das ''Ende'', so sehr das Ende, dass die neunzehnhundert Jahre nicht nur wenig sondern ''nichts'' zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft, so sehr das Ende, dass schon Abraham diesen Tag sah und sich freute. Wer heißt uns, diese ewige Wahrheit, weil von ihr ''nur'' im Gleichnis geredet werden kann, abzuschwächen zu einer zeitlichen Wirklichkeit?"</blockquote>Und weiter: <blockquote>"Wer heißt uns die Erwartung des Endes, ''jenes'' Augenblicks, in dem die Lebenden verwandelt und die Toten auferstanden ''miteinander'' vor Gott stehen (I Cor 15,51-52), zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht ´ausbleibt`, uns getrost wieder schlafen zu legen, ein harmloses ´eschatologisches` Kapitelchen am Ende der Dogmatik unsre einzige Erinnerung daran, dass wir uns eigentlich - erinnern sollten und wollten! Nicht die Parusie ´verzögert` sich, wohl aber unser Erwachen. ''Erwachten'' wir, ''erinnerten'' wir uns, ''vollzögen'' wir den Schritt von der unqualifizierten in die qualifizierte Zeit, ''erschräken'' wir vor der Tatsache, dass wir, ob wir wollen oder nicht, an der Grenze aller Zeit, in jedem zeitlichen Augenblick tatsächlich stehen, ''wagten'' wir es, an dieser Grenze stehend, den Ungekannten zu lieben, im Ende den Anfang zu erkennen und zu ergreifen, wir würden wahrlich weder mit den Aufgeregten auf irgend ein glänzendes oder schreckliches Finale warten, noch uns mit der geradezu frivolen ´Frömmigkeit` der unentwegten Kulturprotestanten des Ausbleibens dieses Finales getrösten" (K. Barth, Der Römerbrief 1922, Zürich, 13. Aufl. 1984, S. 484 f.).</blockquote>Für den jungen Barth ist das Christentum identisch mit Eschatologie im eben zitierten Sinne: "Christentum, das nicht ganz und gar und restlos Eschatologie ist, hat mit Christus ganz und gar und restlos nichts zu tun" (a.a.O., S. 298). Fragt man nach den Wurzeln dieser Deutung von "Eschatologie", so gelangt man zur ''platonischen'' Vorstellung von der Überwelt der Ideen, zu [[Kant, Immanuel|Immanuel ''Kants'']] transzendental-ethischer und ungeschichtlicher "Eschatologie" sowie zu ''[[Kierkegaard, Sören|Sören Kierkegaard]]<nowiki/>s'' Postulat des unendlichen qualitativen Unterschieds von Zeit und Ewigkeit, von Mensch und Gott. | Die klassische Stelle der transzendental-präsentischen Deutung bei ''Karl Barth'' (1886-1968) findet sich in der zweiten Auflage seines bahnbrechenden Werkes ''"Der Römerbrief" von 1921'', und zwar in der Auslegung von Röm 13,11 ("Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden"). Ich zitiere nachfolgend aus der unveränderten dritten Auflage von 1922. Barth schreibt:<blockquote>"Was darüber ist, das ist nicht Zeit, sondern Ewigkeit. Nein, an der Grenze aller Zeit, vor der überhängenden Wand Gottes, die die ''Aufhebung'' aller Zeit und alles Zeitinhalts bedeutet, steht der Mensch der ´letzten` Stunde, der Mensch, der die Parusie Jesu Christi erwartet. Er steht vor ''dem'' Tag und ''den'' Stunden, die niemand weiß, auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, ''nur der Vater!'' (Mc. 12,32). Gellen denn gar niemandem die Ohren? Will das unnütze Gerede von der ´ausgebliebenen` Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn ´ausbleiben`, was seinem Begriff nach überhaupt nicht ´eintreten` kann? Denn kein zeitliches Ereignis, kein fabelhafter ´Weltuntergang`, ganz und gar ohne Beziehung zu etwaigen geschichtlichen, tellurischen oder kos-mischen Katastrophen ist das im Neuen Testament verkündigte Ende, sondern wirklich das ''Ende'', so sehr das Ende, dass die neunzehnhundert Jahre nicht nur wenig sondern ''nichts'' zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft, so sehr das Ende, dass schon Abraham diesen Tag sah und sich freute. Wer heißt uns, diese ewige Wahrheit, weil von ihr ''nur'' im Gleichnis geredet werden kann, abzuschwächen zu einer zeitlichen Wirklichkeit?"</blockquote>Und weiter: <blockquote>"Wer heißt uns die Erwartung des Endes, ''jenes'' Augenblicks, in dem die Lebenden verwandelt und die Toten auferstanden ''miteinander'' vor Gott stehen (I Cor 15,51-52), zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht ´ausbleibt`, uns getrost wieder schlafen zu legen, ein harmloses ´eschatologisches` Kapitelchen am Ende der Dogmatik unsre einzige Erinnerung daran, dass wir uns eigentlich - erinnern sollten und wollten! Nicht die Parusie ´verzögert` sich, wohl aber unser Erwachen. ''Erwachten'' wir, ''erinnerten'' wir uns, ''vollzögen'' wir den Schritt von der unqualifizierten in die qualifizierte Zeit, ''erschräken'' wir vor der Tatsache, dass wir, ob wir wollen oder nicht, an der Grenze aller Zeit, in jedem zeitlichen Augenblick tatsächlich stehen, ''wagten'' wir es, an dieser Grenze stehend, den Ungekannten zu lieben, im Ende den Anfang zu erkennen und zu ergreifen, wir würden wahrlich weder mit den Aufgeregten auf irgend ein glänzendes oder schreckliches Finale warten, noch uns mit der geradezu frivolen ´Frömmigkeit` der unentwegten Kulturprotestanten des Ausbleibens dieses Finales getrösten" (K. Barth, Der Römerbrief 1922, Zürich, 13. Aufl. 1984, S. 484 f.).</blockquote>Für den jungen Barth ist das Christentum identisch mit Eschatologie im eben zitierten Sinne: <blockquote>"Christentum, das nicht ganz und gar und restlos Eschatologie ist, hat mit Christus ganz und gar und restlos nichts zu tun" (a.a.O., S. 298). </blockquote>Fragt man nach den Wurzeln dieser Deutung von "Eschatologie", so gelangt man zur ''platonischen'' Vorstellung von der Überwelt der Ideen, zu [[Kant, Immanuel|Immanuel ''Kants'']] transzendental-ethischer und ungeschichtlicher "Eschatologie" sowie zu ''[[Kierkegaard, Sören|Sören Kierkegaard]]<nowiki/>s'' Postulat des unendlichen qualitativen Unterschieds von Zeit und Ewigkeit, von Mensch und Gott. | ||
Diese Wurzeln hat Barth im Vorwort zur zweiten Auflage des Römerbriefs selber genannt. So weist er darauf hin, dass er seinem Bruder Heinrich Barth eine "bessere Belehrung über die eigentliche Orientierung der Gedanken Platos und Kants" zu verdanken hat (a.a.O., S. VII). Größer noch ist aber der Einfluss Kierkegaards auf ihn: "Wenn ich ein ´System` habe, so besteht es darin, dass ich das, was Kierkegaard den ´unendlichen qualitativen Unterschied` von Zeit und Ewigkeit genannt hat, in seiner negativen und positiven Bedeutung möglichst beharrlich im Auge behalte. ´Gott ist im Himmel und du bist auf Erden`." Dabei gesteht er zu: "Der Verdacht, hier werde mehr ein- als ausgelegt, ist ja wirklich das Naheliegendste, was man über meinen ganzen Versuch sagen kann" (a.a.O., S. XIII). | Diese Wurzeln hat Barth im Vorwort zur zweiten Auflage des Römerbriefs selber genannt. So weist er darauf hin, dass er seinem Bruder Heinrich Barth eine "bessere Belehrung über die eigentliche Orientierung der Gedanken Platos und Kants" zu verdanken hat (a.a.O., S. VII). Größer noch ist aber der Einfluss Kierkegaards auf ihn: <blockquote>"Wenn ich ein ´System` habe, so besteht es darin, dass ich das, was Kierkegaard den ´unendlichen qualitativen Unterschied` von Zeit und Ewigkeit genannt hat, in seiner negativen und positiven Bedeutung möglichst beharrlich im Auge behalte. ´Gott ist im Himmel und du bist auf Erden`." </blockquote>Dabei gesteht er zu: <blockquote>"Der Verdacht, hier werde mehr ein- als ausgelegt, ist ja wirklich das Naheliegendste, was man über meinen ganzen Versuch sagen kann" (a.a.O., S. XIII).</blockquote> | ||
Der Vorwurf, der sich an eine solche Flucht in die Ewigkeit bzw. den "ewigen Augenblick" richtet, ist der einer ''Zeitlosigkeits-Metaphysik'' und ungeschichtlichen Schwärmerei. Dieser Vorwurf wurde schon früh - etwa von Seiten Adolf Jülichers, Philipp Bachmanns und Adolf Schlatters - gegenüber Barth laut. Barth selber weist darauf hin, indem er im Vorwort zur fünften Auflage fragt:<blockquote>"Habe ich dazu die ´Zeit` und die ´Geschichte` so gering geachtet, wie man es mir wenigstens vorgeworfen hat, dass ich gekränkt sein dürfe, wenn man mir nun ankündigt, dass auch mein Tag einen Abend haben und einmal ein gestern gewesener Tag sein werde?" (a.a.O., S. XXVIII).</blockquote>Bemerkenswerterweise hat sich Barth später von seiner früheren radikalen Position teilweise entfernt. So hält er in seiner ''"Kirchlichen Dogmatik"'' zwar am absoluten qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch, Ewigem und Zeitlichem fest, nähert sich aber mehr und mehr dem Gedanken des ''Inkarnatorischen'' und ''Historischen:'' Gott geht in die Welt - und damit auch in die Geschichte - ein. | Der Vorwurf, der sich an eine solche Flucht in die Ewigkeit bzw. den "ewigen Augenblick" richtet, ist der einer ''Zeitlosigkeits-Metaphysik'' und ungeschichtlichen Schwärmerei. Dieser Vorwurf wurde schon früh - etwa von Seiten Adolf Jülichers, Philipp Bachmanns und Adolf Schlatters - gegenüber Barth laut. Barth selber weist darauf hin, indem er im Vorwort zur fünften Auflage fragt:<blockquote>"Habe ich dazu die ´Zeit` und die ´Geschichte` so gering geachtet, wie man es mir wenigstens vorgeworfen hat, dass ich gekränkt sein dürfe, wenn man mir nun ankündigt, dass auch mein Tag einen Abend haben und einmal ein gestern gewesener Tag sein werde?" (a.a.O., S. XXVIII).</blockquote>Bemerkenswerterweise hat sich Barth später von seiner früheren radikalen Position teilweise entfernt. So hält er in seiner ''"Kirchlichen Dogmatik"'' zwar am absoluten qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch, Ewigem und Zeitlichem fest, nähert sich aber mehr und mehr dem Gedanken des ''Inkarnatorischen'' und ''Historischen:'' Gott geht in die Welt - und damit auch in die Geschichte - ein. | ||
| Zeile 25: | Zeile 25: | ||
Viel stärker philosophisch als Althaus argumentiert ''[[Tillich, Paul|Paul Tillich]]'' (1886-1965). In Band III seiner "[[Systematische Theologie|Systematischen Theologie]]" hat er sein Verständnis der Eschatologie entfaltet. Es lässt sich als ''transzendental'', aber zugleich auch als ''existential-präsentisch'' bezeichnen und steht somit als eigenständiger Entwurf im Übergang zwischen Barth, Althaus und Bultmann. | Viel stärker philosophisch als Althaus argumentiert ''[[Tillich, Paul|Paul Tillich]]'' (1886-1965). In Band III seiner "[[Systematische Theologie|Systematischen Theologie]]" hat er sein Verständnis der Eschatologie entfaltet. Es lässt sich als ''transzendental'', aber zugleich auch als ''existential-präsentisch'' bezeichnen und steht somit als eigenständiger Entwurf im Übergang zwischen Barth, Althaus und Bultmann. | ||
Für Tillich existieren nicht einzelne Eschata als Ereignisse auf einer zeitlichen, heilsgeschichtlichen Linie, sondern nur ''"das Eschaton"'' als Ausdruck für die Tatsache, "dass wir in jedem Augenblick vor dem Angesicht des Ewigen stehen", als "Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen". Zentral ist für Tillich das ''Symbol "Reich Gottes"'', das "einen innergeschichtlichen und einen übergeschichtlichen Aspekt hat". "Soweit es innergeschichtlich ist, nimmt es an der Dynamik der Geschichte teil; soweit es übergeschichtlich ist, enthält es die Antwort auf die Fragen, die mit der Zweideutigkeit der geschichtlichen Dynamik gegeben sind. In der ersten Eigenschaft manifestiert es sich in der ´Gegenwart des göttlichen Geistes`, in der zweiten Eigenschaft ist es identisch mit dem ´Ewigen Leben`" (Systematische Theologie Bd. III, Stuttgart 1966, S. 407. 447). | Für Tillich existieren nicht einzelne Eschata als Ereignisse auf einer zeitlichen, heilsgeschichtlichen Linie, sondern nur ''"das Eschaton"'' als Ausdruck für die Tatsache, "dass wir in jedem Augenblick vor dem Angesicht des Ewigen stehen", als "Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen". Zentral ist für Tillich das ''Symbol "Reich Gottes"'', das "einen innergeschichtlichen und einen übergeschichtlichen Aspekt hat". <blockquote>"Soweit es innergeschichtlich ist, nimmt es an der Dynamik der Geschichte teil; soweit es übergeschichtlich ist, enthält es die Antwort auf die Fragen, die mit der Zweideutigkeit der geschichtlichen Dynamik gegeben sind. In der ersten Eigenschaft manifestiert es sich in der ´Gegenwart des göttlichen Geistes`, in der zweiten Eigenschaft ist es identisch mit dem ´Ewigen Leben`" (Systematische Theologie Bd. III, Stuttgart 1966, S. 407. 447).</blockquote>Das ''"Ewige Leben"'' ist das Ende der Zeit im Sinne des Ziels der Geschichte. Das Eschaton meint keine ferne oder nahe Katastrophe in Raum und Zeit, sondern das Stehen des Menschen vor dem Ewigen in jedem Augenblick. Am Ende der Geschichte erfolgt die Erhebung der positiven Inhalte der Zeit in die Ewigkeit und die Vernichtung der negativen Teile. Das ''"Jüngste Gericht"'' ist ein immerwährender Prozess, indem das Positive zu seiner Essentifikation (Leben im neuen, wirklichen Sein) gelangt, während das Negative auf sein Nicht-Sein geworfen wird: "... hier und jetzt, in dem dauernden Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen wird das Negative vernichtet mit seinem Anspruch, ein Positives zu sein" (a.a.O., S. 451). Da die Essentifikation durch das "Jüngste Gericht" gegenwärtig und fortlaufend erfolgt und universal ist, gibt es laut Tillich keine ewige Verdammnis ([[Hölle]]). Der Weg seiner - deutlich von [[Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph|Schelling]] und [[Hegel, Georg Wilhelm|Hegel]] beeinflussten - Theologie führt "von der Essenz über die existentielle Entfremdung zur Essentifikation", "vom bloß Potentiellen über die aktuelle Trennung zur Wieder-vereinigung und Erfüllung, die die Trennung von Potentialität und Aktualität transzendiert" (a.a.O., S. 475). | ||
Das ''"Ewige Leben"'' ist das Ende der Zeit im Sinne des Ziels der Geschichte. Das Eschaton meint keine ferne oder nahe Katastrophe in Raum und Zeit, sondern das Stehen des Menschen vor dem Ewigen in jedem Augenblick. Am Ende der Geschichte erfolgt die Erhebung der positiven Inhalte der Zeit in die Ewigkeit und die Vernichtung der negativen Teile. Das ''"Jüngste Gericht"'' ist ein immerwährender Prozess, indem das Positive zu seiner Essentifikation (Leben im neuen, wirklichen Sein) gelangt, während das Negative auf sein Nicht-Sein geworfen wird: "... hier und jetzt, in dem dauernden Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen wird das Negative vernichtet mit seinem Anspruch, ein Positives zu sein" (a.a.O., S. 451). Da die Essentifikation durch das "Jüngste Gericht" gegenwärtig und fortlaufend erfolgt und universal ist, gibt es laut Tillich keine ewige Verdammnis ([[Hölle]]). Der Weg seiner - deutlich von [[Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph|Schelling]] und [[Hegel, Georg Wilhelm|Hegel]] beeinflussten - Theologie führt "von der Essenz über die existentielle Entfremdung zur Essentifikation", "vom bloß Potentiellen über die aktuelle Trennung zur Wieder-vereinigung und Erfüllung, die die Trennung von Potentialität und Aktualität transzendiert" (a.a.O., S. 475). | |||
Hier hat die [[Philosofie|Philosophie]] vollends über die biblische [[Heilsgeschichte]] gesiegt. Die biblischen Begriffe und endgeschichtlichen Ereignisse werden nur noch als ''Symbolträger'' benutzt, die eine tiefere Wahrheit verbergen sollen. Im Unterschied zum späteren Barth und Althaus ist Tillich zu keiner wirklich geschichtlichen Schau durchgedrungen, sondern in der philosophischen Spekulation stecken geblieben. Zeitkategorien sind in Wertkategorien oder ungeschichtliche Theologoumena umgeschlagen. | Hier hat die [[Philosofie|Philosophie]] vollends über die biblische [[Heilsgeschichte]] gesiegt. Die biblischen Begriffe und endgeschichtlichen Ereignisse werden nur noch als ''Symbolträger'' benutzt, die eine tiefere Wahrheit verbergen sollen. Im Unterschied zum späteren Barth und Althaus ist Tillich zu keiner wirklich geschichtlichen Schau durchgedrungen, sondern in der philosophischen Spekulation stecken geblieben. Zeitkategorien sind in Wertkategorien oder ungeschichtliche Theologoumena umgeschlagen. | ||