Freiheitsphilosophie

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1894 ist das Jahr, in dem das deutlich von Haeckel, vor allem aber von Fichte und Goethe beeinflußte Werk Steiners "Die Philosophie der Freiheit" erscheint. Steiners Ausgangspunkt ist - im Gegenzug zu Kant und auch jeder Art von Offenbarungsreligion - ein erkenntnistheoretischer Monismus - allerdings kein einseitiger Monismus, der entweder die Materie verabsolutiert und den Geist leugnet oder umgekehrt, sondern ein Monismus, der Geist und Materie untrennbar miteinander verbindet. Und diese Einheit von Geist und Materie, von Geist und Natur wird erlebt im Wesen des Menschen:

"Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein" (627, 27).

Ausgehend von diesem erkenntnistheoretischen Ansatz im sich selbst erkennenden, die ganze Welt in sich tragenden Menschen, gelangt Steiner zu seiner Ethik vom sich selbst bestimmenden, autonomen Individuum, verbunden mit der Leugnung eines überweltlichen Gottes. An die Stelle des göttlichen Gebotes oder der Kantschen "Pflicht" tritt die menschliche Freiheit und "moralische Phantasie", an die Stelle eines göttlichen Weltenlenkers eine unpersönliche Ideenwelt, mit der sich das Individuum intuitiv verbindet. Steiner schreibt:

"In seinem Handeln leben sich also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen menschlichen Intuitionen. Der Monismus kennt keinen solchen Weltenlenker, der außerhalb unserer selbst unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte. Der Mensch ... ist auf sich selbst zurückgewiesen ... Er wird ... durch nichts, als durch sich selbst bestimmt ... Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner Handlung. Er ist frei" (627, 201).

Ist er das wirklich? Steiner geht von einem optimistischen Menschenbild aus, das weder in der Bibel noch in der alltäglichen Erfahrungswelt eine wirkliche Grundlage hat (vgl. Röm 3; 7 u.a.). Er traut dem Menschen zuviel zu, wenn er ihn an die Stelle Gottes setzen und zu seinem eigenen Gesetzgeber machen will. Einmal ganz abgesehen von der gotteslästerlichen Dimension des Haeckelschen, Fichteschen und Steinerschen Atheismus, ist festzustellen, daß der Mensch, der die "Philosophie der Freiheit" zu praktizieren versucht, gerade in der Unfreiheit endet: in der Unfreiheit seiner eigenen Sünde, die sich ja nicht erst in niederen Trieben und Begierden äußert (gegen diese spricht sich auch Steiner aus), sondern gerade in selbstgesteckten, hohen Idealen der Person, die sich in titanischer Anmaßung an die Stelle Gottes setzen will. "Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist" (1. Mo 3,5) - diesen Satz spricht nicht Gott zu den Menschen, sondern der Versucher, der uns vom lebendigen Gott und seinen guten Ordnungen wegreißen möchte. Der "ethische Individualismus", den Steiner als einer der ersten propagiert hat, ist heute freilich weit verbreitet. Das heißt aber keineswegs, daß er richtig ist. Nicht ganz zu Unrecht hat Eduard von Hartmann, dem Steiner seine "Philosophie der Freiheit" zuschickte, deren Autor "Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus" vorgeworfen. Steiner gesteht ein:

"Ich finde das Tor nicht, das uns aus dem Immanenten in das Transzendente führt. Deshalb suche ich die Elemente der Welterklärung bloß im Gebiete des Immanenten" (39, 224ff.).

Welche Tragik!

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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