Frieling, Rudolf

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Leben

Rudolf Frieling kam am 23.3.1901 in Leipzig als Sohn des evangelischen Pastors Rudolf Frieling und seiner Frau Maria, geb. Sohm, zur Welt und wuchs von 1902 bis 1909 in Rüdigsdorf zwischen Chemnitz und Leipzig auf (87f; diese und die folgenden Seitenzahlen im Text beziehen sich auf die Nachrufe von J. Lenz, T. Bay, Chr. Rau und A. Büttner auf Rudolf Frieling in: ChrGem 1986). 1904 wurde er, wie Johannes Lenz berichtet, durch den Tod seines kaum zweijährigen Schwesterchens auf dramatische Weise mit der Realität von Vergänglichkeit und Tod konfrontiert und davon tief geprägt. Die Worte "Erde zu Erde, Staub zu Staub, Asche zu Asche" bei der Beerdigung durchzuckten ihn "wie ein Blitz" und übten eine "mantrische Kraft" auf ihn aus (88). Fortan sollte - so kommentiert Taco Bay - die Erfahrung von der "Vergänglichkeit des Leibseins" und das "Streben nach dem Gottähnlich-Werden" sein Leben bestimmen (137).

Mit sieben Jahren erhielt der Knabe vom Vater Privatunterricht, lebte mit der Bibel und lernte das erste Kapitel der Genesis auswendig (137). Im Vorwort des ersten Bandes seiner "Gesammelten Schriften" berichtet er selber, daß er sich von seiner Kindheit an "zu den biblischen Inhalten Alten und Neuen Testamentes hingezogen" fühlte (Frieling 1983, 7).

Im Jahre 1909 zog die Familie nach Chemnitz um, wo der Vater Anstaltsgeistlicher wurde. Der Lebensrhythmus der Familie war nun von mehreren Beerdigungen in der Woche mitbestimmt (88). Von 1911 bis 1920 besuchte Rudolf Frieling in Chemnitz das Gymnasium, das er als "Primus omnium" abschloß. Dort lernte er die alten Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein, die ihn auf sein späteres Theologiestudium vorbereiteten, und später auch Arabisch, was für seine Beschäftigung mit dem Islam wichtig werden sollte (88.138).

Sein Interesse am religiösen Kultus war früh erwacht. Von der Frage bewegt, wie auf Erden "Materie und Geist, Lebendiges und Totes" zusammenzubringen sind, führte er als Zwölfjähriger die "Haspelfeier" - eine kindliche Art kultischer Handlung mit Backsteinaltar, Glocken und Räucherkerzen - zu Hause durch (137f). In dieser Zeit und auf diesem Hintergrund entdeckte "der evangelisch Erzogene aus eigener Initiative und tiefer Sehnsucht heraus die katholische Messe" (88).

Der christliche Altar galt ihm dabei als ein "Grab, über dem der Tisch des Herrn errichtet ist" und von dem das "höhere Leben" ausgeht (88). Dieses Verständnis des Altars als Medium zur übersinnlichen Welt führte ihn später auf geradem Wege zur "Menschenweihehandlung" der >Christengemeinschaft. Taco Bay beschreibt das Leben Frielings als "religiös, aber ungeheuer frei" (138).

Am Gymnasium lernte Frieling auch die "liberaltheologische Bibelkritik" kennen. Er äußert sich darüber nicht weiter, sondern bemerkt nur, daß sie ihm "zu schaffen machte" (Frieling 1983, 7).

Dennoch nahm er 1920 das Studium der evangelischen Theologie auf, das ihn an folgende Universitäten führte: Rostock (Wintersemester 1920/21), Marburg (Sommersemester 1921) und Leipzig (vom Wintersemester 1921/ 22 bis zum Doktorexamen 1925; dort studierte er auch Philologie). Über sein Verhältnis zu den Professoren und zu dem, was er an den Universitäten hörte, hat er nichts Näheres berichtet, doch wird deutlich, daß ihn das Gehörte nicht befriedigte.

Nur so ist es nämlich erklärlich, daß er schon am Anfang seines Studiums Ausschau nach Menschen hielt, die sich "um das Verständnis der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners und der Theologie" bemühten (88). Auf die Namen Rudolf Steiners, Friedrich Rittelmeyers und Christian Geyers war er erstmals 1917 in Zeitschriften gestoßen (ebd). 1918 hatte er Vorträge Steiners gehört (138). Im März 1920 hatte er einen Aufsatz mit dem Titel "Das Johannes-Evangelium im Lichte des Expressionismus" in der von Geyer und Rittelmeyer herausgegebenen Zeitschrift "Christentum und Gegenwart" veröffentlicht. Seine endgültige Entscheidung für die Anthroposophie fiel jedoch erst Ende 1920 / Anfang 1921, als ihm durch die Vermittlung seines Studienkollegen Martin Borchart die Bedeutung der Anthroposophie für die "grundlegende Erneuerung" des religiösen Lebens deutlich wurde und ihm Friedrich Rittelmeyer die Zusicherung gab, daß "in der Anthroposophie der historische Tod Jesu wirklich gelehrt und nicht zugunsten doketischer Anschauungen umgangen" wird (88). Offensichtlich hatte Frieling die Anthroposophie zunächst - nicht ganz zu Unrecht - in der Nähe antiker gnostischer Systeme angesiedelt und die eigentümliche Weiterbildung durch Rudolf Steiner in bezug auf die >Christosophie übersehen. Aufgrund der prägenden Kraft der Todeserfahrungen in seinem Leben war Rittelmeyers Antwort für seine Entscheidung von ausschlaggebender Bedeutung. So schreibt der Anthroposoph Johannes Lenz:

"Die Lebensentscheidung; die Rudolf Frieling daraufhin traf, fiel im Hinblicken auf den Tod als Quell und Segen des höheren Lebens: `Na, dann kann ich ja mitmachen`“-(88).

Fortan war er bei allen vorbereitenden Kursen und bei der Gründungsversammlung der Christengemeinschaft dabei und erhielt am 17.9.1922 durch Friedrich Rittelmeyer die Priesterweihe. In verschiedenen Städten und Ländern, u.a. in den USA, bemühte er sich um den Aufbau von Gemeinden. 1929 wurde er zum Lenker, 1949 zum Oberlenker und am 24.2.1960 - nach dem Tod Emil Bocks - zum Erzoberlenker der Christengemeinschaft ernannt. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tod am 7.1.1986 nach einem sechsjährigen Krankenlager in Stuttgart (41.88f).

Werk

Frielings exegetisches Werk zeichnet sich durch die Gründung auf das Weltbild der Anthroposophie und die Liebe zu den Einzelheiten der Texte aus. So schreibt er:

"Eine Befreiung [sc. aus der Aporie der liberaltheologischen Bibelkritik] war mir dann das nähere Bekanntwerden mit dem Weltbild der Anthroposophie. Darin eröffneten sich ganz neue Erkenntnisperspektiven für die biblischen Inhalte" (Frieling 1983, 7f).

Insbesondere im "Johannes-Evangelium-Erlebnis Friedrich Rittelmeyers" fand er "moderne Religiosität und solide theologische Bildung mit der anthroposophischen Erkenntnis harmonisch vereinigt". Ferner regte ihn Emil Bocks monumentales Werk über die Bewußtseinsgeschichte der Menschheit an, "diese neu auftauchende Erkenntniswelt bis in die Einzelheiten der Texte zu bewähren und zu bewahrheiten" (ebd., 8). Während Emil Bock seinen Schwerpunkt mehr in der Anwendung des Steinerschen Weltbildes auf das Gesamte der biblischen Schriften sah, ging es Rudolf Frieling - gewissermaßen als Ergänzung hierzu - um die Arbeit am Detail.

So sind im Zeitraum von 1923 bis 1976 über 250 Aufsätze zu einzelnen biblischen Begriffen oder Abschnitten entstanden (145). Diese Aufsätze, die selten mehr als zehn Druckseiten umfassen, sind zuerst in der Zeitschrift "Die Christengemeinschaft" sowie in den Bänden "Aus der Welt der Psalmen" (1948) und "Bibel-Studien" (1953) erschienen. Sie wurden in den Jahren 1982-86 in vier Bänden als "Gesammelte Schriften zum Alten und Neuen Testament" herausgegeben. Als Alterswerk erschienen die beiden Bücher "Christentum und Wiederverkörperung" (1974) und "Christentum und Islam" (1977). Zur Beurteilung s. >Bibelverständnis, >Christosophie, >Reinkarnation, >Spirituelle Interpretation.

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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