Hartmann-Impuls

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1889 lernt Rudolf Steiner bei einer Reise nach Berlin den Philosophen Eduard von Hartmann persönlich kennen Er steht mit ihm bereits seit September 1884 im Briefwechsel, als er ihm den ersten von ihm herausgegebenen Band von Goethes "Naturwissenschaftlichen Schriften" mit der Bitte um eine Rezension zugesandt hat. Am 21.12.1886 beispielsweise schrieb er an Hartmann (38,145):

"Immer mehr befestigt sich in mir die Überzeugung, daß ich mit meiner Gedankenrichtung ganz im Sinne ihrer Philosophie wirke ... Ich sehe das Große und Bedeutsame Ihrer Philosophie (darin), daß Sie - namentlich in der Geschichtsphilosophie - zwei Dinge vereinigen, die immer irrigerweise für unvereinbar gehalten werden: empirische Methode und idealistisches Forschungsresultat. Deshalb muß ich auch unbedingt zugestehen, daß ich Ihren konkreten Idealismus in Geschichte und Ästhetik für die für mich denkbar vollkommenste Entwicklungsstufe der Philosophie ansehe."

Hartmann war durch seine "Philosophie des Unbewußten" bekannt geworden, in der er - Jahrzehnte vor Sigmund Freud und in Anknüpfung an Hegel - das absolute Unbewußte als übergreifende Einheit und Quelle des Weltwesens betrachtete und die Entfaltung dieses Unbewußten vom Materiellen bis zu den höchsten Erscheinungsformen des Geistigen (Liebe, Gefühl, Kunst, Sprache etc.) beschrieb. Auf erkenntnistheoretischem Gebiet stellte er sich mit seinem "kritischen Realismus" zwischen einen naiven Realismus, der das Gegebene einfach als die Wirklichkeit ansieht, und den transzendentalen Idealismus im Sinne Kants, der das Ding und die Welt an sich als unerkennbar betrachtet. Der kritische Realismus unterscheidet zwar auch zwischen der Welt als Erscheinung in unserer Vorstellung und der Welt an sich, hält aber die Welt an sich nicht für schlechthin unerkennbar. Das Wesen der Dinge offenbart sich im Unbewußten. Trotz seiner überschwenglichen Würdigung Hartmanns in den frühen Briefen tut sich für Steiner doch bald ein Graben zu dem Philosophen des Unbewußten auf. Er besteht darin, daß Steiner die Resultate Hartmanns für zu wenig konkret, ja letztlich resignativ hält:

"Für ihn (sc. Hartmann) lag das Wesen der Dinge im Unbewußten und muß für das menschliche Bewußtsein immer dort verborgen bleiben; für mich war das Unbewußte etwas, das durch die Anstrengungen des Seelenlebens immer mehr in das Bewußtsein heraufgehoben werden kann" (636, 116f.).

Hier deutet sich bereits der spätere anthroposophische Erkenntnisweg an. Als Steiner 1894 an Hartmann seine "Philosophie der Freiheit" schickt, bekommt er sie - mit kritischen Randbemerkungen versehen - zurück. Hartmann konnte Steiners Weg nicht mitgehen.

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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