Homiletik

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"Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Das ist unsere Bedrängnis. Alles andere ist daneben ein Kinderspiel.“[1]

Mit diesen geradezu klassisch gewordenen Sätzen hat Karl Barth im Jahre 1924 die Not des Predigers beschrieben, der vor der schönen aber zugleich schweren Aufgabe steht, das Wort Gottes weiterzusagen. Und noch schwieriger wird die Situation. wenn die Gemeinde in den Blick kommt, der das Wort gesagt werden soll. Läßt sich die Gemeinde durch das gepredigte Wort verändern? Oder wird das gepredigte Wort seinerseits durch die Gemeinde beeinflußt und verändert? Wird es gar verfälscht? Ist es überhaupt "Wort Gottes", was der Prediger verkündigt, oder nur Menschenwort? Ist die Predigt Zuspruch einer Botschaft "von oben", von Gott, her oder bloße zwischenmenschliche Kommunikation? Kann und soll es eine "gemeindegemäße" Predigt geben? Die Antworten auf diese Fragen fallen unterschiedlich aus. Einige davon möchte ich nachfolgend skizzieren und miteinander ins Gespräch bringen.

Karl Barth

Karl Barth hat sich in seinen Bonner Homiletik-Seminaren der Jahre 1932 und 1933 unter anderem mit der Frage der "Gemeindemäßigkeit der Predigt" beschäftigt.[2] Ferner liegt eine stenographische Nachschrift eines Vortrags zu dieser Thematik vor, den er am 9.1.1935 auf einer Studentenfreizeit in Kaiserswerth gehalten hat.[3] Barth nimmt seinen Ausgangspunkt bei der- Priorität des Wortes Gottes gegenüber allem menschlich-subjektiven (Erkenntnis-) Bemühen. Predigt ist für ihn Wort Gottes, gesprochen von Gott selber, unter Inanspruchnahme des Dienstes der zur Auslegung beauftragten Kirche und ihrer Diener, die das Wort in freier Rede in die jeweilige Gegenwart hinein anzusagen haben. Die Kirche unternimmt dabei den Versuch, Gottes Wort nachzusprechen. So prägte Barth die bekannt gewordene Doppeldefinition der Predigt:

„Die Predigt ist Gottes Wort, gesprochen von ihm selbst unter Inanspruchnahme des Dienstes der in freier Rede stattfindenden, Menschen der Gegenwart angehenden Erklärung eines biblischen Textes durch einen in der ihrem Auftrag gehorsamen Kirche dazu Berufenen ... Die Predigt ist der der Kirche befohlene Versuch, dem Worte Gottes selbst durch einen dazu Berufenen so zu dienen, daß ein biblischer Text Menschen der Gegenwart als gerade sie angehend in freier Rede erklärt wird als Ankündigung dessen, was sie von Gott selbst zu hören haben.“[4]

Gegen einen menschlich-subjektiven Zeugen- und Verkündigungsanspruch setzt Barth den Aufruf zum Nachsprechen der empfangenen Offenbarung Gottes. Der Prediger sagt "das von ihm gehörte Schriftwort als sein eigenes, selbständiges Wort".[5]

Wie stellt Barth nun den Bezug zur Gemeinde und ihrer Situation her? Indem er - vom Wort Gottes ausgehend - die Menschen als solche sieht, an denen Gott bereits gehandelt hat. Die Gemeinde wird als "ekklesia", als von Gott versöhnte und aus der Verlorenheit herausgerufene Gemeinschaft betrachtet: "Für diese Menschen da vor mir ist Christus gestorben und auferstanden: das ist die Wahrheit über sie selber, die ich ihnen zu sagen habe.“[6]

Zur ekklesia gewinnt der Prediger ein dialektisches Verhältnis von Nähe und Distanz. Die Nähe ergibt sich daraus, daß er mit der Gemeinde lebt. Die Distanz beruht darauf, daß er ihr Gottes Wort auszurichten hat. Wenn Barth von der "Überlegenheit" des Predigers redet, dann meint er damit nicht dessen Überlegenheit als Person, sondern die Überlegenheit Gottes und seines Wortes über die Gemeinde und ihre Situation:

"Zur Gemeindemäßigkeit gehört die Aufgeschlossenheit für die wirkliche Situation der Gemeinde und die Überlegenheit dieser Situation gegenüber, sie in die Predigt mit hineinzunehmen... Die Gemeinde wartet darauf, daß das bewegte Leben von Gott aus beleuchtet werde, nicht darauf, daß auch der Prediger in eines jener Hörner, die da (im Dorfalltag) geblasen werden, stößt.“[7]

Die Dialektik von Nähe und Distanz kann Barth an einer anderen Stelle auch durch das Verhältnis von Transzendenz und Inkarnation verdeutlichen:

"Die Gemeinde erwartet von uns diejenige Verkündigung, die ihrer Menschlichkeit gewiß nahekommt, gewiß hineingeht in die tiefsten Tiefen dieser Menschlichkeit, gewiß sie aufnimmt und annimmt und herannimmt, aber nun eben so, daß die Verkündigung zum Menschen als Menschen, als Sünder und Sterbender kommt, nicht sozusagen auf einer Ebene, sondern die zu ihm kommt wirklich aus der Höhe, wirklich von oben, und zwar senkrecht von oben. Wie die Gnade zur Natur kommt, wie das Wunder eintritt in unsere Welt!"

Und unter Bezugnahme auf die Menschwerdung Jesu Christi führt er weiter aus:

"In der Predigt will es geschehen, daß Gottes ewiges Wort Mensch wird, menschliche Natur annimmt, also Wort eines Menschen, eines Sünders, eines Sterbenden wird und Wort, das von Menschen, von Sündern, von Sterbenden gehört werden soll.“[8]

Das Eingehen auf die Situation der Gemeinde nun erfordert die neutestamentlich begründeten Gaben oder "Tugenden" der Liebe (1. Kor 13), des Taktes (Kol 3,16 u.a.) und des richtigen Zeitpunktes (vgl. Gal 4,4). Voraussetzung ist das Leben mit, in und für die Gemeinde. Mit anderen Worten: Der Pfarrer darf kein ''Einsiedler", kein "Tyrann" und kein Anpasser sein, sondern Zeuge, der Gottes Wort in die Situation hinein in Liebe, Takt und zur rechten Zeit ausrichtet:

"Der Pfarrer als Tyrann, der Pfarrer, der es den Leuten recht macht, und der Pfarrer als Einsiedler sind die Folgeerscheinungen, wenn die Forderung der Gemeindemäßigkeit außer acht gelassen wird.“[9]

Der Pfarrer darf also nicht der Mund der Gemeinde auf der Kanzel sein, sondern der Mund Gottes, der die Situation von Gottes Wort her beleuchtet und zur Veränderung ruft. Er hat zwar "fortwährend zu bedenken,.. das Leben dieser Menschen... Aber es darf auf keinen Fall geschehen, daß eine Umkehrung eintritt, daß, was diese Menschen bewegt und was sie mitbringen, die Führung bekommt in den Gedanken des Predigers, daß das Schriftwort hinzukommt als Erläuterung dieses Ersten!“[10]

Hans-Joachim Iwand

Ganz ähnlich wie Barth äußert sich Hans-Joachim Iwand in einer Homiletik-Vorlesung am illegalen Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Bloestau aus dem Jahre 1935 oder 1936. Ich zitiere nachfolgend aus dem mir vorliegenden, bisher unveröffentlichten Manuskript. Iwand geht aus von Martin Luthers Definition der Kirche als Schöpfung des Wortes Gottes (vgl. Röm 10,17; Act 2,42). Dem Wort Gottes kommt absolute Priorität zu. Seine Verkündigung baut oder zerstört Gemeinde - je nach dem, ob sie dem Wort Gottes gemäß ist oder nicht. Nicht das Wort soll der Gemeinde und deren Situation angepaßt werden, sondern die Gemeinde soll sich am Wort ausrichten. Für Iwand ist ja bekanntlich die biblische Kategorie des Hörens entscheidend: "Der Glaube kommt aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi" (Röm 10,17). Nachfolgend zitiere ich längere Passagen aus Iwands Vorlesung, die das Gesagte verdeutlichen:

"Das Wort schafft die Kirche, die Verkündigung baut oder zerstört, sammelt oder zerstreut. Darum ist es Irrlehre, die Gemeinde als konstant zu sehen und in der Predigt eine Lebensfunktion der Gemeinde zu finden... Diese Rede von der gemeindegemäßen Verkündigung kehrt die Verhältnisse schlechthin um. Denn die Gemeinde soll prüfen, ob die Predigt dem Worte Gottes gemäß ist, darf aber nicht prüfen, ob die Predigt gemeindegemäß ist. Das widerspräche ihrem Auftrag. Dann würde sie sich selbst zum letzten Maßstab der Predigt machen."

Gegen subjektivistische Tendenzen - etwa in der Predigtlehre Schleiermachers (Anknüpfung bei der religiösen Empfindung des Menschen, Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit) - setzt Iwand die Objektivität des gegebenen Wortes Gottes. Er wehrt sich gegen die Anpassung des Predigers an die Kasual-Bedürfnisse oder Erwartungen von Gemeindegliedern:

"Hier (etwa bei Schleiermacher) ist der Prediger nicht der Mund des Wortes Gottes, sondern der Gemeinde, der zum Ausdruck bringt, was die Gemeinde bewegt. Bei Beerdigungen, Hochzeiten, großen Feiertagen wird das deutlich; der Pfarrer gleicht einem Dichter und Redner, der dem Gefühl der Menge Worte verleiht, sodaß sich die Gemeinde durch den Prediger selbst versteht. Diese Gemeindegemäßheit ist eine Irrlehre. Dann redet der Prediger nicht mehr Gottes Wort in die Gemeinde hinein, sondern dann redet er aus der Gemeinde heraus. Das ist nicht mehr eine Gemeinde unter Gottes Wort, sondern eine Gemeinde, die über das Wort verfügt. Gerade dadurch wird das Amt zerstört."

Nach Iwand ist also "weder der Wille des Predigers noch der Wille der Gemeinde der Maßstab für die Verkündigung", sondern allein das Wort Gottes. "Die Gemeinde ist aufgerufen, ihren Prediger an diesem Maßstab zu prüfen." Anläßlich der Situation der Bekennenden Kirche im Dritten Reich ist Iwands Argumentation gut verständlich, das Wort Gottes als einzigen Maßstab auch gegenüber der Bestimmtheit des Pfarrers und der Gemeinde zu betonen. Viele Gemeinden und Pfarrer hatten sich "anderen Herren" als Christus unterworfen (vgl. die erste These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934). Freilich gilt dieser Maßstab allezeit, da immer die Gefahr droht, daß Gemeinden oder ihre "Hirten" vom Wort Gottes abirren.

Hier ist es hilfreich; wenn die von Iwand aufgezeigte gegenseitige Hilfe und Korrektur zwischen Pfarrer und Gemeinde im gemeinsamen Hören auf das Wort stattfindet. Voraussetzung ist die Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen (vgl. 1. Petr 2,9), welche die geordnete Beauftragung einzelner Diener am Wort nicht ausschließt (vgl. das Augsburger Bekenntnis, Artikel 14). Der Auftrag, Lehre zu prüfen, findet sich immer wieder im Neuen Testament (z.B. 1. Joh 4,1; 2. Thess 5,21).

Dietrich Bonhoeffer

Über das Verhältnis von "Wort und Gemeinde" hat sich Dietrich Bonhoeffer in einer Vorlesung[11] geäußert, die er im Wintersemester 1935/36 am illegalen Finkenwalder Predigerseminar gehalten hat. Wie Barth geht er aus von der Selbstwirksamkeit und Eigenbewegung des Wortes Gottes, aber viel stärker als jener betont er seinen inkarnatorischen Charakter (Fleischwerdung des Wortes). Denn die Eigenbewegung des Wortes ist eine Bewegung zur Gemeinde hin und in die Gemeinde hinein entsprechend zur Inkarnation (Fleischwerdung, Menschwerdung) Jesu Christi. So kann Bonhoeffer sogar sagen: "Das Predigtwort ist der inkarnierte Christus selbst." Er meint dies offensichtlich in dem existentialen Sinn, daß es - wie Christus und in der Kraft Christi - den schuldbeladenen Menschen annimmt und trägt:

"Es (das Predigtwort) ist nicht eine neue Inkarnation, sondern der Inkarnierte, welcher der Welt Sünde trägt. Durch den Heiligen Geist ist es die Aktualisierung dieses Annehmens und Tragens. Menschen annehmen will das Wort der Predigt, sonst nichts... Alle Sünde soll in der Gemeinde auf das Wort fallen.“[12]

Aus dieser Eigenschaft des Wortes Gottes folgt sein Bezug zur Gemeinde: "Weil das Wort die neue Menschheit trägt, darum ist es seinem Wesen nach schon immer auf die Gemeinde gerichtet... Es geht von selbst zur Gemeinde, um sie zu tragen." Sehr eindrücklich beschreibt Bonhoeffer, wie er sich diese Eigenbewegung des Wortes zur Gemeinde hin vorstellt:

"Das Wort steigt gleichsam aus der Bibel heraus, nimmt Gestalt an als Predigt und geht so zur Gemeinde, sie zu tragen.“[13]

Wichtig ist, zu beachten, daß auch für Bonhoeffer - wie für Barth und Iwand - diese Bewegung eine einseitige, in einer Richtung verlaufende ist: vom Wort zur Gemeinde und nicht umgekehrt. Anders gesagt: Das Wort soll die Gemeinde tragen - und nicht die Gemeinde das Wort. Dem Wort soll sich niemand in den Weg stellen, auch nicht der Prediger:

"Diese Eigenbewegung des Wortes zur Gemeinde soll der Prediger nicht hindern, sondern anerkennen. Ihr soll er sich nicht mit eigenen Bewegungen in den Weg stellen. Wenn wir das Wort bewegen, dann wird es als unser Eigenwort entstellt zum Lehr-Wort, zum Erziehungs-Wort, zum Erlebnis-Wort. Auf diese Weise trägt und tröstet es nicht mehr. Auf Christus als das Predigtwort aber soll alle Not, Sünde und Sterben der Gemeinde fallen dürfen.“[14]

Ernst Lange

Eine andere Position als Barth, Iwand und auch Bonhoeffer vertreten die Autoren, die von der empirischen Wende in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt sind. Was sich bereits bei Otto Haendler[15] seit den vierziger Jahren angekündigt hat (nämlich die verstärkte Aufnahme von Erkenntnissen der säkularen Humanwissenschaften und die Schwerpunkt-verlagerung weg vom Wort Gottes hin zum Ich des Predigers) - das ist bei Ernst Lange, Gert Otto und anderen vollends zum Durchbruch gekommen. Bei Ernst Lange nun ist es weder das Wort Gottes noch der Prediger, der im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern der Hörer. Lande entwirft seine Homiletik von den Adressaten her. Er führt aus:

"Der eigentliche Gegenstand christlicher Rede ist eben nicht ein biblischer Text oder ein anderes Dokument aus der Geschichte des Glaubens, sondern nichts anderes als die alltägliche Wirklichkeit des Hörers selbst - im Lichte der Verheißung... Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben."[16]

Predigt ist somit für Lange ein Kommunikations-Geschehen. Die christliche (und nichtchristliche) Tradition wird in ihrer Relevanz für die Gegenwart zur Sprache gebracht. Die Bibel wird zwar nicht ausgeschlossen, aber sie besitzt keine normative Bedeutung im Dialog zwischen Hörer (Gemeinde), Prediger und ihr selbst. Normativ ist vielmehr der Hörer und seine Situation:

"Erst wenn den Hörer angeht, was ich sage, geht ihn auch an, daß und inwieweit ich es aufgrund der Heiligen Schrift, im Einklang mit der Überlieferung der Geschichte des Glaubens, im Auftrag meiner Kirche und persönlich überzeugend sage."[17]

Das Predigtwort wird somit bei Lange nicht "von oben her" in die Gemeindesituation hineingesprochen, es vollführt auch keine inkarnatorische Bewegung in Richtung der Gemeinde, sondern die Situation der Gemeinde und - bei Lange wichtig - der Welt bestimmt, was gepredigt wird. Die homiletische Situation definiert er deshalb als "diejenige Situation, durch die die Kirche sich, eingedenk ihres Auftrages, jeweils in einem ganz bestimmten Sinn zur Predigt herausgefordert sieht".[18]

Gert Otto

Auch für den langjährigen Mainzer Praktischen Theologen Gert Otto liegt der Bezugspunkt der Predigt im Zeitgeschehen und somit in der Hörersituation:

"In der Predigt geht es darum, auf dem Forum der Kirche öffentlich, verständlich und wirksam ins Zeitgespräch zu. bringen, was christlicher Glaube heute heißt, im gegenwärtigen Gefüge von Zeit, Welt und Gesellschaft."[19]

Otto definiert Predigt als "Rhetorik", wobei Rhetorik verstanden wird als Wahrheitssuche durch Gespräch nach Art des Diskursmodells der Frankfurter Schule (Th. W. Adorno, J. Habermas):

"Rhetorik ist ... für uns das Stichwort, das einen komplexen Prozeß anvisieren hilft: das Finden von Wahrheit, die mitteilbar gemacht werden soll für Zeitgenossen ... Es gibt keine unvermittelte Wahrheit, sondern sie ist nur vermittelt zu haben, vermittelt durch einen Prozeß gemeinsamer Suchbemühungen, in dem die einzelnen durch gemeinsame Mit-Teilung miteinander verbunden werden. Wahrheit wird also nicht erst gefunden und dann mitgeteilt, sondern durch Mitteilung gefunden. So sind Redner und jeweiliger Hörer miteinander verbunden.“[20]

Hier kommt also der Hörerschaft bzw. Gemeinde eine entscheidende Bedeutung zu, da durch die Kommunikation mit ihr Wahrheitsfindung in der Predigt geschehen soll. Die Bibel verliert völlig ihre normative Funktion und dient nur noch als ein "Materiallieferant" neben anderen Quellen:

"So sehr der, der allsonntäglich predigen muß, auf Anregungen und Material und also zum Beispiel auf das `Potential` biblischer Überlieferung angewiesen ist, so sehr ist vor einer Bindung der Predigt an den `Text` zu warnen, die so beschaffen ist, daß sie unfrei oder den Prediger zum Rezitator von Tradition statt zum lebendigen Redner in einer konkreten Situation macht.“[21] Kommen Bibeltexte zur Anwendung, dann werden sie der gegenwärtigen Situation angepaßt - manchmal bis zur Unkenntlichkeit: „Predigt schmilzt den Bibeltext ein, schmilzt ihn um in Wort, Vorstellung, Problematik, Leben gegenwärtiger Hörer. Das Bild vom Einschmelzen sagt deutlich genug, daß biblische Texte in der Predigt unkenntlich, unerkennbar werden können.“[22]

Ein größerer Gegensatz zum "senkrecht von oben" in die Gemeinde einfallenden Offenbarungswort Gottes in der Dialektischen Theologie des frühen Karl Barth, aber auch zum Wahrheitsanspruch der Heiligen Schrift selber (vgl. Joh 17,17; 2. Tim 3,16 u.a.) ist kaum denkbar.

Rudolf Bohren

Im Unterschied zu Ernst Lange und Gert Otto hält der langjährige Heidelberger Praktische Theologe Rudolf Bohren an der transzendenten Wirklichkeit und Wahrheitsrelevanz des Wortes Gottes fest. Bohrens Homiletik ist der Versuch, „das Predigen als menschliches Werk zu betonen, ohne die Herkunft von einer Theologie des Wortes Gottes verleugnen zu wollen.“[23]

Bohren ist bestrebt, den dialektischen Ansatz des frühen Barth (Theozentrik) über die Pneumatologie (Blumhardt d. Ä. u. J.; Anton A. van Ruler) mit der Situation des Menschen (Anthropologie) in Verbindung zu bringen:

"Der pneumatologische Aspekt ermöglicht - ohne den theologischen Primat zu leugnen - dem anthropologischen Aspekt gerecht zu werden." Er ermöglicht "eine neue Betonung des Menschlichen und des Machbaren ... Das Predigen, ganz und gar in Gottes Möglichkeit beschlossen, wird im Geist und durch den Geist ganz und gar Sache des Predigers und Sache des Hörers, wird im Geist und durch den Geist zur menschlichen Möglichkeit in Kunst und Technik.“[24]

Der Mensch wird also durch den Heiligen Geist berufen und befähigt, das Wort Gottes weiterzusagen bzw. zu hören und zu verstehen. Dabei bleibt der Primat des Wirkens Gottes und seines Wortes erhalten. Im Anschluß an A. A. van Ruler spricht Bohren deshalb von der "theonomen Reziprozität":

"Die `theonome Reziprozität' meint als gottgesetzte Wechselseitigkeit und Gegenseitigkeit eine Art Austausch, eine eigentümliche Partnerschaft, die das Intolerante, `das der Christologie eigen ist`, aufhebt ... Ist alles, aber auch alles von Gott her zu erwarten und erscheint alles tief menschlich, umschreibt die Rede von der theonomen Reziprozität den Primat Gottes und vergißt nicht des Menschen Dabeisein: Die Geistesgegenwart gerät in Bewegung, die Begriffe werden austauschbar. Die Gegenwart des Geistes wird zur Geistesgegenwart des Sprechenden und Hörenden, ohne in ihr aufzugehen.“[25]

Im Gegensatz zur Enhypostasie (Einwohnung) der göttlichen Natur in Jesus Christus kommt es zu einer Einwohnung (keiner Identität) des Heiligen Geistes im Menschen. Der Mensch kann über den Geist nicht verfügen, sondern sich immer neu von ihm beschenken lassen und das Empfangene an die Gemeinde weitergeben, welche ihrerseits eine Empfangende ist:

"Das Wunder der Predigt ist von pfingstlicher Art, und der Prediger darf hoffen, daß im Weitergeben eines geistgeschenkten Wortes der Geist selber sich schenke. Drum wird er besorgt sein, daß sein Eigenes dem Geist nicht das Spiel verderbe ... Predigen heißt, den Tod erfahren: und zur `Begeisterung für das Sein` kommt es nur, weil die Auferstehung mächtig wird.“[26]

Was den Gemeindebezug der Predigt angeht, so plädiert Bohren für "Freiheit vom Hörer", die sich gerade als "Freiheit für den Hörer" erweist. Denn gerade im "neuen Respekt vor Gott" und der Absage an alles Menschengefällige und Situationsangepaßte liegt die wahre Humanität, betont er in Anschluß an seinen Lehrer Eduard Thurneysen. Bohren möchte somit der Gemeinde und ihrer Situation durchaus Raum geben, wendet sich aber gegen die - seiner Meinung nach z.B. bei Ernst Lange - auftauchende Gefahr, daß ''der Hörer und seine Situation heimlicherweise zum Gesetz der Predigt wird". Demgegenüber gilt:

"Predigt, die ihrer Situation gerecht wird, hat sich der Frage zu stellen, ob sie Gott recht sei. Die Rücksichtnahme auf den Hörer muß in neuem Respekt vor Gott gefunden werden, wie ja der Respekt vor Gott die Rücksichtnahme auf den Hörer in Freiheit einschließt.“[27]

Predigt als Wort-Antwort-Geschehen – eine biblische Antwort

Ich selber tendiere am ehesten zur Position des frühen Wolfgang Trillhaas, der zwar den Wort-Gottes-Charakter der Predigt betont, aber zugleich - ähnlich wie Dietrich Bonhoeffer - die Kondeszendenz (Herablassung) dieses Wortes in den Mittelpunkt stellt:

"Die Predigt ist zwar Gottes Wort, aber `Gottes unerforschliche Majestät` verbietet es, daraus einen Grundsatz zu machen, mit dann in der Predigtlehre weitergebaut werden könnte. Der Prediger soll und kann nichts anderes tun, als predigend Gottes Wort sagen zu wollen und dabei von dem in Christus Fleisch gewordenen Wort Gottes herzukommen. Die Christlichkeit seiner Predigt entscheidet sich einfach daran, daß er die von ihm vernommene Botschaft ´ausrichtet`, d.h. dem Inhalt wie der Richtung nach zur Geltung bringt. Alles andere ist Gottes Geheimnis, das Gott, indem er zu uns redet, nicht lüftet, sondern wahrt ... Wer im Worte Gottes nur eine Paradoxie sähe, die uns kaum mehr als das bloße Nachsprechen des Textes erlaubte, täte der Majestät Gottes gerade keine Ehre an, er überginge Gottes Kondeszendenz.“[28]

Dabei ist es mir persönlich wichtig, die Parallele zwischen dem "vere Deus - vere homo" (wahrer Gottheit und Menschheit) Jesu Christi und dem göttlichen und zugleich menschlichen Charakter der biblischen Texte zu ziehen. Menschen, getrieben vom Geist Gottes, haben hier geredet und geschrieben (vgl. 2. Tim 3,16; 2. Petr 1,21). Somit läßt sich das Wort der Heiligen Schrift nicht wie ein "vom Himmel gefallenes Wort" der Gemeinde "auf den Kopf zusagen“, sondern nur in menschlicher Vermittlung und Interpretation. Hier geschieht quasi eine neue Kondeszendenz (Herablassung) des Wortes Gottes in der Predigt - und das ist nur möglich in der Offenheit des Predigers und der Gemeinde für die Gabe des Heiligen Geistes, der das Wort für die jeweilige Situation immer neu erschließt, ohne es menschlichem Gutdünken zu unterwerfen (vgl R. Bohren).

Folglich kann in der Predigt die Gemeindesituation zur Sprache kommen, solange sie nicht das Wort an sich reißt oder verfälscht. Mit Barth und Iwand halte ich durchaus an der Überlegenheit des Wortes Gottes fest und lehne seine situationsbedingte Verfälschung ab. Aber - und das wollen auch Barth und Iwand nicht - wir können die Situation der Gemeinde nicht verschweigen, wenn wir predigen. Predigt bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern im Bereich der Menschen und ihrer Welt, in die Gott sein richtendes und rettendes Wort hineinspricht, ja selbst als "das Wort" hineingeht, indem er in Jesus Christus Mensch geworden ist.

Ich denke, das Ereignis der Predigt läßt sich am besten als Wort-Antwort-Geschehen beschreiben, als nie endender Dialog zwischen Gott und Mensch. Gott spricht sein Wort in die Gemeinde hinein. Die Gemeindeglieder antworten durch ihr Hören oder Nichthören, durch ihren Gehorsam oder Ungehorsam. Darauf ergeht wiederum Gottes Wort, worauf die Gemeinde wiederum so oder so reagiert. Aber auch die Predigt ihrerseits ist zumindest teilweise Antwort auf die Reaktion der Gemeinde: Die Situation der Gemeinde kommt zur Sprache (ohne Priorität zu erlangen) - und Gottes Wort gibt die angemessene Antwort darauf.

Diese Position ist nicht mit dem Modell der "Predigt als Kommunikation" zu verwechseln, wie sie Ernst Lange und Gert Otto vorschwebt. Bei diesen bewegen sich Gottes Wort, Menschenwort und Situation der Gemeinde letztlich auf der gleichen Ebene. Das ist hier nicht der Fall und - so meine ich -biblisch nicht haltbar. Vielmehr bleibt Gottes Wort normativ. Es verändert die Situation der Gemeinde und ihrer Glieder autoritativ und wird nicht seinerseits von der Situation der Gemeinde her verändert, sondern nur mit unterschiedlicher Akzentuierung zugesprochen. So kann man mit dem Beter des 119. Psalms sagen: "Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig. Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falschen Wege. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg" (Ps 119,103-105).

Das Wort Gottes soll in der Predigt zu Worten aus unserem Munde werden. Die "institutionelle Hörversammlung“ des Gottesdienstes soll zu einem Ort werden, in den hinein Gottes prophetischer Ruf in aufdeckender und zurechtbringender Weise erklingt. Das ist das bleibende homiletische Grundproblem, für das es keine Lösung gibt - außer dem Vertrauen auf die Zusage der Gegenwart Gottes und die Verheißung seines Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit leiten wird. Die Predigt stützt sich somit auf die gleiche biblische Zusage, die auch dem Gebet gilt: "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie es sich gebührt, aber der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen" (Röm 8,26).

Kriterien der Predigt

Abschließend nenne ich - neben der Gemeindebezogenheit - in Kürze einige weitere Kriterien, die m.E. für eine christliche Predigt wichtig sind. Dabei greife ich in freier Variation auf eine Aufzählung bei Karl Barth[29] zurück.

Offenbarungsmäßigkeit: Christliche Predigt sollte an Gottes Offenbarung ausgerichtet sein als Quelle und Ursache (causa) des Wortes. Sie sollte nicht (primär) aus eigenen Gedanken, Schöngeistigkeiten und ähnlichem schöpfen, sondern aus dem Hören auf Gottes Wille in Heil und Gericht.

Daraus ergibt sich als weiteres Kriterium die Textgemäßheit oder Biblizität: Predigt sollte sich auf den Bibeltext stützen. Sie kann zwar auch einmal andere Texte zugrunde legen (z.B. Katechismusstücke, Lieder), doch erfolgt auch dann die Predigt im biblischen Kon-Text, d.h.die Botschaft der Bibel steht im Hintergrund.

Amtsmäßigkeit: Obwohl das allgemeine Priestertum aller Gläubigen besteht und auch Laien zum Predigen berufen sein können, ist doch die ordentliche Berufung von hierzu speziell beauftragten Dienern unverzichtbar; denn Gott will, daß alles geordnet zugehe (vgl. 1. Kor 12,28; 14,33; Augsburger Bekenntnis, Artikel 14).

Damit hängt zusammen das Kriterium der Kirchlichkeit: Predigt geschieht in und für die Kirche (Gemeinde), aber auch für die Welt. "Die Kirche ist eine Schöpfunq des Wortes Gottes" (Luther) - und als solche hat die Kirche den Auftrag, für die rechte Wortverkündigung und Evangeliumsverwaltung zu sorgen (vgl. das Augsburgische Bekenntnis, Artikel 7).

Rhetorik ist für die Predigt hilfreich, aber nicht konstitutiv. Sie kann die Predigt unterstützen, aber auch verfälschen (z.B. als Agitation, falsches Pathos, Unwahrhaftigkeit). Eine rhetorische Kommunikation des Evangelium im Sinne Gert Ottos steht m.E. zu der Offenbarungsmäßigkeit des Wortes Gottes im Widerspruch.

Glaubensgemäßheit: Christliche Predigt sollte dem christlichen Glauben gemäß sein und diesen vermitteln. Das ist ihre ureigene Aufgabe (vgl. Röm 10,17). Der christliche Glaube ist konzentriert in den altkirchlichen Bekenntnissen (Symbolum Apostolicum, Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum) zusammengefaßt. Eng mit der Glaubensgemäßheit hängt daher die Bekenntnismäßigkeit der Predigt zusammen, die auch ein Prüfstein für wahre und falsche Lehre sein kann.

Christusgemäßheit: In der christlichen Predigt sollte Christus verkündigt werden. Luther nennt als zentrales Kriterium: "was Christum treibet". Hier entsteht das Problem der Auslegung alttestamentlicher Texte. Sind sie auszulegen: Nach dem Schema Verheißung (Altes Testament) - Erfüllung (Neues Testament)? Christozentrisch (W. Vischer, K. Barth)? Heilsgeschichtlich-theologisch (G. v. Rad)?

Traditionsgeschichtlich (H. Gese)? Durch das Aufsuchen analoger Strukturen (H.-D. Preuß) oder Situationen (W. Herrmann) im Alten und Neuen Testament? Oder nach der Vorstellung, daß das Alte Testament die "Geschichte des Scheiterns", das Neue Testament hingegen der Zuspruch der Rechtfertigung ist (F. Baumgärtel, R. Bultmann)? - Ich denke, die Entscheidung muß der jeweilige Kontext bringen. Wenn Jesus z.B. in Lk 24 auf Jes 53 Bezug nimmt, so ist eine christologische Auslegung vom Neuen Testament her gegeben. An anderen Stellen wiederum ist dies nicht ohne weiteres möglich. Auf diese Fragen kann ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Doch denke ich grundsätzlich, daß eine Predigt nicht christozentrisch ''um jeden Preis“ sein, sondern das Alte Testament seine eigene Stimme kundtun lassen sollte.

Geistlichkeit: Jede gelungene Predigt ist ein Wunder des Heiligen Geistes. Ihn im Gebet zu erbitten, ist das A und Q jeder homiletischen Bemühung. "Man kann nicht predigen, ohne zu beten"[30] (Karl Barth).

Literaturhinweise

Kleines Theologie-Handbuch in 2 Bänden ,MABO PROMOTION 20081

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben


Orginärer Autor: Lothar Gassmann


[1] K. Barth, Das Wort Gottes und die Aufgabe der Theologie, München 1924, S. 158.

[2] Abgedruckt in: K. Barth, Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt, Zürich, 3. Aufl. 1986, S. 67 f.

[3] K. Barth, Die Gemeindemäßigkeit der Predigt, in: G. Hummel (Hrsg.), Aufgabe der Predigt, Darmstadt 1971, S. 165-178.

[4] K. Barth, Homiletik, S. 30 (im Original hervorgehoben).

[5] A.a.O., S. 31.

[6] A.a.O., S. 67.

[7] A.a.O.

[8] K. Barth, Gemeindemäßigkeit, S. 170 ff.

[9] K. Barth, Homiletik, S. 68.

[10] K. Barth, Gemeindemäßigkeit, S. 173.

[11] Abgedruckt als „Finkenwalder Homiletik“ in: D. Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, Bd. IV: Auslegungen – Predigten, 1933-1944, München 1961, S. 237-289.

[12] A.a.O., S. 241 f.

[13] A.a.O. S. 242.

[14] A.a.O., S. 242 f.

[15] Vgl. O. Haendler. Die Predigt. Tiefenpsychologische Grundlagen und Grundfragen, 1941.

[16] E. Lange, Predigen als Beruf. Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit. Gesammelte Aufsätze, hrsg. v. E. Schloz, München 1982, S. 58.

[17] A.a.O., S. 57.

[18] A.a.O., S. 25.

[19] G. Otto, Die Predigt als Rede- und Kommunikationsprozeß in der Gemeinde, in: Handbuch der Praktischen Theologie (HPTh), Bd. III, Gütersloh 1983, S. 135.

[20] A.a.O., S. 141.

[21] G. Otto, Predigt als rhetorische Aufgabe. Homiletische Perspektiven, Neukirchen-Vluyn 1987, S. 49.

[22] A.a.O.

[23] R. Bohren, Predigtlehre, München, 4. Aufl. 1980, S. 53.

[24] A.a.O., S. 74.

[25] A.a.O., S. 76.

[26] A.a.O., S. 87.

[27] A.a.O., S. 446 f. 454.

[28] So fasst Jürgen Henkys die Position des frühen Trillhaas zusammen in: Handbuch der Predigt (HdP), Berlin 1990, S. 40; vgl. W. Trillhaas, Evangelische Predigtlehre, München 1935, S. 34 ff. 100 ff.

[29] Vgl. K. Barth, Homiletik, S. 32-72.

[30] K. Barth, Homiletik, S. 68.



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