Jung, Carl Gustav

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Psychiater und Psychologe, * 26.7.1875 Kesswil Kanton Thurgau (Schweiz), 6.6.1961 Küsnacht Kanton Zürich. (evangelisch)


Genealogie

Vater: Paul (1842–96), Dr. phil., Pfarrer, S d. →Carl Gustav (1794–1864), aus Mannheim, Prof. d. Med. in Basel (s. L), u. d. Sophie Frey; Mutter: Emilie (1848–1923), T d. →Samuel Preiswerk (1799–1871), Antistes in Basel, geistl. Dichter (s. ADB 26), u. d. Augusta Faber aus Nürtingen;


Biographische Darstellung

J. hat zeitlebens seine basler. Abstammung hochgehalten und seine Herkunft aus einem prot. Pfarrhause nie verleugnet. Er studierte, nach Absolvierung des Basler Gymnasiums, in Basel zuerst Naturwissenschaften, dann Medizin (Staatsexamen 1900). Nach Assistentenjahren bei →Eugen Bleuler an der psychiatrischen Universitätsklinik „Burghölzli“ in Zürich und einer Ausbildungsperiode bei Pierre Janet in Paris war er 1905-13 Oberarzt des „Burghölzli“ und Dozent für Psychiatrie an der Univ. Zürich. Seit 1913 praktizierte er als Psychotherapeut in Küsnacht (Zürich). 1933-41 war er Dozent für Psychologie und Professor an der Abteilung für allgemeine Wissenschaften der ETH Zürich, von 1944 bis zu seinem Lebensende o. Professor für medizinische Psychologie an der Univ. Basel (Lehrtätigkeit 1945 eingestellt). 1911-13 war J. Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft, 1934-61 der Schweiz. Gesellschaft für praktische Psychologie, der schweiz. Mitgliedgesellschaft der Internationalen Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie, 1934-41 auch der Internationalen Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie. Letzteres Präsidium hat J. verschiedene politische Vorwürfe eingetragen, nicht nur weil es Kontakte mit der deutschen Mitgliedgesellschaft mit sich brachte, sondern auch, weil die Internationale Gesellschaft mit der deutschen Mitgliedgesellschaft vielfach verwechselt wurde.

Als Oberarzt am „Burghölzli“ gelang es J., zusammen mit Mitarbeitern die Existenz des vom habituellen Bewußtsein abgespaltenen Komplexes mittels des Wundtschen Assoziationsversuchs nachzuweisen und auch die Auswirkung des Komplexes bis in den Körper hinein zu zeigen (psychogalvanisches Phänomen). 1907-13 arbeitete er mit S. Freud zusammen. In dieser Zeit konnte er gemeinsam mit E. Bleuler die Psychoanalyse in die psychiatrische Klinik einführen und beobachten, wie die sog. Wahnideen der Kranken das vorliegende psychische Problem bildhaft ausdrücken. Seine Arbeit über die „Libido“ (Wandlungen und Symbole der Libido, 1912), in der er die Sexualität lediglich als eine der möglichen Ausdrucksformen der psychischen Energie und nicht wie Freud als die Zentralquelle dieser Energie ansah, führte 1913 zum Bruch mit Freud. J. begründete dann eine eigene psychologische Richtung, welche er Analytische (oder Komplexe) Psychologie nannte: ein entsprechendes Organ, die „Psychologischen Abhandlungen“, veröffentlichte in 12 Bänden (1913-57) Arbeiten von J. und seinen Mitarbeitern. 1921 legte er eine größere Monographie über „Psychologische Typen“ vor, in welcher er die Einstellungsmöglichkeiten der Introversion und der Extraversion beschrieb (und beide Begriffe prägte), und die psychischen Funktionen des Denkens, des Fühlens, der Empfindung und der Intuition analytisch erklärte. Anschließend untersuchte J. in ausgedehnter Weise die Möglichkeiten der seelischen Entwicklung.

Die seelische Reaktion des Menschen ist nach J. wesentlich mitbestimmt durch eine unbewußte dunkle Seite (Schatten) sowie durch eine emotional getönte, gegengeschlechtlich gefärbte Reaktionsform (anima beim Manne, animus bei der Frau). Den sinnreich verlaufenden Entwicklungsprozeß nannte J. „Individuationsprozeß“, das Ziel des Prozesses, das vom Ich verschieden ist und Ganzheit will, das „Selbst“. Das Studium der seelischen Entwicklung führte J. zu fruchtbaren Kontakten mit Gelehrten anderer Gebiete der Geisteswissenschaft, mit der Indologie (H. Zimmer), mit der Sinologie (R. Wilhelm), mit der antiken Mythologie (K. Kerényi). Besonders interessierte ihn auch die Projektion der seelischen Entwicklung, welche er in der Alchimie vorfand; er hat hierbei zugleich Wesentliches zum Verständnis dieser Wissenschaft selbst beigetragen. Die Lebendigkeit und die großen Kenntnisse, welche J. beim Studium dieser so weitschichtigen Gebiete zeigte, haben auch außerhalb der engeren Fachkreise viele Menschen fasziniert und angeregt. Untermauert hat J. diese Studien durch ethnologische Expeditionen zu den Pueblo-Indianern in Neumexiko und zu den Eingeborenen in Kenia. Als letzte größere Arbeit publizierte er eine Studie über den sinnreichen Zufall, die „Synchronizität“ (Naturerklärung und Psyche, 1952). Als eine seiner wohl größten wissenschaftlichen Leistungen können seine Memoiren, die 1962 erschienenen „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ (hrsg. v. A. Jaffé) gelten, denn hier wird psychologisch nicht dargelegt, was der Psychologe an Anderen beobachtet, sondern es wird in rückhaltloser Offenheit gezeigt, was in ihm selbst vorgegangen ist. J. kann als einer der Pioniere der modernen Psychologie bezeichnet werden. Neben vielen wichtigen Einzelbeobachtungen liegt seine Bedeutung vor allem auch darin, daß er in seiner Forschung den engeren Rahmen der experimentellen und der medizinischen Psychologie durchbrochen hat und den Blick für jene Themen öffnete, welche alle angehen und nicht unumstritten sind. Diese Themen, welche sowohl die Geistes- wie die Instinktwelt umfassen, beschrieb er unter dem Begriff der „Archetypen“, jener Urbilder, welche in allen Zeitaltern und Kulturen und bei allen Völkern anzutreffen und immer auch mit einer bestimmten Verhaltensform des Menschen verbunden seien. Die Welt der Archetypen ist nach J. jener Bereich des Unbewußten, der sich nicht nur auf die Schwierigkeiten des einzelnen Menschen (persönliches Unbewußtes), sondern auch auf allgemeine Fragen des Menschseins und der Menschheit bezieht: J. nannte diesen Bereich des Unbewußten „das kollektive Unbewußte“. Den Archetypus und das kollektive Unbewußte darf man als die zentralen Begriffe jener psychologischen Richtung bezeichnen, welche J. „Analytische Psychologie“ nannte.[1]

Die Theorien von Carl Gustav Jung hatten Einflüsse auf viele gesellschaftliche Bereiche (u.a. Theologie, Psychologie, Kunst, Literatur). Er prägte die Begriffe Introversion, Extraversion, Komplex und Archetypus.

Laut C.G. Jung ist der Traum der wichtigste Zugang zum Unbewussten, die Archetypen (unbewusste Grundassoziationen die durch mythische Figuren dargestellt werden können: z.B. der Vater, der Weise, der Tod, die Göttin etc.) begegnen uns in den Träumen. Ein Hauptaspekt von Jungs analytischer Therapie ist die Individuation (Selbstwerdung), die Begegnung mit "dem Göttlichen in uns selbst". Als Werkzeug zur Erforschung der psychischen Reallität gilt laut Jung die innere Erfahrung (sowohl persönliche Erfahrungen als auch menscheitsgeschichtliche Erfahrungen), also das Bewusstwerden seelischer Inhalte. Er ging neben einem persönlichen Unbewussten auch von einem kollektiven Unbewussten aus.[2]

Einzelhinweise und Quellen

  1. Fierz, Heinrich Karl, "Jung, Carl Gustav" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 676-678 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118558749.html#ndbcontent
  2. https://flexikon.doccheck.com/de/Carl_Gustav_Jung