Anthropologie (Zeugen Jehovas)

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Ist der Mensch eine Seele oder hat er eine Seele? Ist die Seele unsterblich? Bevor ich auf diese zentrale Frage der Anthropologie (Lehre vom Menschen) eingehe, schicke ich einige Beobachtungen über die außermenschliche Schöpfung, insbesondere die Engel und Dämonenwelt, voraus, wie die Zeugen Jehovas sie sehen und wie sie auch für die Anthropologie von Bedeutung sind.

Engel und Dämonen

Die Wachturm-Gesellschaft (WTG) beschreibt in ihrem Bibellexikon die Engel als unsichtbare Geister, als Geschöpfe Jehovas, die nicht heiraten und sich nicht fortpflanzen können und die Jehova deshalb durch seinen »erstgeborenen Sohn«, den »Anfang der Schöpfung« einzeln erschaffen hat. Der höchste Engel ist Michael, der Erzengel, welcher von den Zeugen Jehovas mit Jesus Christus, dem »erstgeborenen Sohn«, identifiziert wird (Christologie). Die Engel sind den Menschen an Geisteskraft und Macht überlegen, können sich schneller fortbewegen als der Mensch und leben im Luftraum. Sie wissen mehr Dinge als die Menschen, aber nicht, »wann das gegenwärtige System der Dinge weggefegt werden würde«. Sie sind dienstbare Geister, Diener Jehovas (HVB, S. 357 f.). - Diese Aussagen sind zum Teil biblisch begründet (vgl. z. B. Eph 6,12; Mt 22,30; 24,36), zum Teil aber weltanschaulich durch die Sektenlehre verfälscht und gegen die göttliche Trinität gerichtet (Dreieinigkeit).

Die Zeugen Jehovas lehren weiter: Satan, der Teufel, ist Jehovas Hauptwidersacher. Er war bei seiner Erschaffung ein »vollkommenes, gerechtes Geschöpf Gottes«, eine Geistperson. Seine erste böse Handlung war die Verführung von Adam und Eva, indem er durch eine Schlange sprach. Satan handelt seither als »ein rivalisierender Gott vor Jehova im Himmel«, der Jehova herausforderte (vgl. Hiob 1). Er bekommt eine gewisse Macht, aber doch nur so weit, als Jehova-Gott ihm das ermöglicht. Satan herrscht als Ankläger und Verleumder über ein Heer von Dämonen (gefallenen Engeln), wollte Jesus (alias Michael) versuchen und bekämpft die Christen. Sein Ende wird nicht die ewige Qual, sondern die »endgültige Vernichtung« sein (HVB, S. 1.290 ff.; s. Hölle).

Der vollkommene Mensch

Nun nähern wir uns der Frage nach dem Menschen. Wie sah nach Ansicht der Zeugen Jehovas das Wesen des Menschen ursprünglich aus? Der ursprüngliche Mensch - Adam - gilt als vollkommen, und diese Vollkommenheit muß wiederhergestellt werden. Diese Anschauung, die ich gleich näher darstellen werde, möchte ich als Restitutionalismus (Lehre von der Wiederherstellung eines guten oder vollkommenen Urzustandes) kennzeichnen. In dem Artikel »Vollkommenheit« des Bibellexikons der WTG wird zwar ausgeführt, daß nur Jehova vollkommen ist; aber von der absoluten Vollkommenheit Jehovas wird eine relative Vollkommenheit des Menschen unterschieden:

»Es sei daran erinnert, daß die Vollkommenheit des Menschen relativ ist und sich auf den menschlichen Bereich beschränkt. Adam war zwar vollkommen erschaffen worden, doch durfte er nicht über die von seinem Schöpfer festgesetzten Grenzen hinausgehen« (HVB, S. 1.530).

Der Mensch besaß Vollkommenheit innerhalb seiner Geschöpflichkeit und wird diese nach Ansicht der WTG wieder erlangen und in einem ewigen irdischen Paradies leben. Auch Jesus wurde nach Wachtturm-Vorstellung als »vollkommener, heiliger, sündenloser Mensch« geboren:

»Seine körperliche Vollkommenheit war natürlich nicht grenzenlos, sondern auf den menschlichen Bereich beschränkt; er erfuhr, daß man als Mensch Grenzen hat - er wurde müde, durstig, hungrig und war sterblich ... Außerdem mußte er nach dem Tod als vollkommenes Opfer und seiner Auferstehung unsterbliches Leben als Geistgeschöpf im Himmel erhalten« (HVB, S. 1.531).

Restitution bedeutet im Rahmen der Lehre der Wachtturm-Gesellschaft Rückkehr der Menschen zur Vollkommenheit auf Erden. Diese Lehre berührt sich mit der >Eschatologie. Im Bibellexikon der Zeugen Jehovas wird ausgeführt:

»Gemäß dem Gebet: >Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde< wird dieser Planet mit Sicherheit die volle Wirkungskraft der Ausführung der Vorsätze Gottes erleben ... Dies schließt die Vollkommenheit der irdischen Verhältnisse und der menschlichen Geschöpfe ein ... Dies bedeutet eine Rückkehr zu dem vollkommenen Zustand, dessen sich der Mensch zu Beginn der Menschheitsgeschichte in Eden erfreute ... Die Prophezeiung in Offenbarung 21,1-5 berichtet ... von der Tausendjahrherrschaft Christi, denn das >Neue Jerusalem<, dessen >Herabkommen< mit der Beseitigung der Leiden der Menschheit in Verbindung gebracht wird, wird als Christi >Braut< oder Versammlung - diejenigen, die die königliche Priesterschaft der Tausendjahrherrschaft Christi bilden – dargestellt... Die Vollkommenheit der Menschen wird relativ, d. h. auf den menschlichen Bereich beschränkt, sein. Doch wird sie sicherlich denen, die sie erhalten, die Fähigkeit verleihen, sich des irdischen Lebens in vollstem Maß zu erfreuen« (HVB, S. 1.532).

Hier wird ein irdisches Paradies für die Masse der Wachtturm-Anhänger erwartet. Der Himmel bleibt für die 144.000 „besonders Auserwählten“ reserviert. Das Millennium (Tausendjähriges Reich) und die Ewigkeit werden bezüglich der in der Bibel gemachten Verheißungen miteinander vermischt (Eschatologie; Gemeindeverständnis; Zwei-Klassen-System). Bereits Charles Taze Russell hatte behauptet:

»Unser Herr... kam in die Welt auf der Stufe der menschlichen Vollkommenheit, N, während wir alle vom Geschlechte Adams von Hause aus (sic) auf der niedrigeren Stufe R, - der Stufe der Sünde, der Unvollkommenheit und der Feindschaft wider Gott - sind... So ist also die Bedingung, unter der wir auf die Stufe der Rechtfertigung oder der vollkommenen Menschheit gelangen, die, daß Christus für unsere Sünden starb, uns erkaufte und uns »durch den Glauben an sein Blut« auf die Stufe der Vollkommenheit, von der wir durch Adam fielen, zurückversetzte« (Russell 1912, S. 240).

Das Loskaufopfer Christi soll dem Menschen also die „vollkommene“, Ausgangsposition Adams wieder schenken, um es ihm zu ermöglichen, sich in der Bewährungszeit des irdischen Paradieses sel ber zu läutern und zu erlösen. Das wird deutlich im Bibellexikon der WTG gesagt:

»Um die Vollkommenheit des menschlichen Organismus wiederherzustellen und so die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß der Mensch ewig leben kann, hat Jehova ihn mit der Wahrheit versehen, mit dem »Wort des Lebens«, das ihm, wenn er es befolgt, zu ewigem Leben verhilft.« Das »Lösegeld«, das Opfer Christi, »ist der einzige Weg, auf dem die Verbindung des Menschen zu Gott und seine körperliche Vollkommenheit völlig wiederhergestellt werden können« (HVB, S. 952).

Wer erhält Unsterblichkeit und damit die Möglichkeit zur Selbstvervollkommnung auf der Grundlage des »Lösegeldes«? Nur diejenigen, die zu Jehova gehören. Alle anderen - Menschen, und auch böse Engel bzw. Dämonen - werden vernichtet. So wird gesagt:

»Gemäß der Bibel ist Jehova unsterblich und unvergänglich (1. Tim 1,17). Diese Eigenschaften hat er zuerst seinem Sohn verliehen. Zu der Zeit, als der Apostel Paulus an Timotheus schrieb, war Christus der einzige, dem Unsterblichkeit zuteil geworden war... Aber auch denen, die geistige Brüder Christi werden, ist sie verheißen worden... Zudem werden sie Teilhaber an der >göttlichen Natur<, Geistpersonen wie Gott, der Göttliche, der ein Geist ist... Engel sind Geistgeschöpfe, aber sie sind nicht unsterblich, denn diejenigen, die zu bösen Geistern oder Dämonen geworden sind, werden vernichtet« (H-VB, S. 952)..

Jehova also habe seinem Sohn, Engeln und auch Menschen Unsterblichkeit verliehen, mit der Möglichkeit verbunden, Vollkommenheit zu erlangen, ja sogar „Teilhaber an der göttlichen Natur, Geistpersonen wie Gott“ zu werden. - Hier sehen wir wiederum deutlich, daß die biblische Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf (vgl. Röm 1,25) nicht durchgehalten wird, sondern eine heillose Vermischung von Gott, Christus, Engelwelt und Menschenwelt eintritt. So wie Christus kann sich nach dieser Vorstellung auch der Mensch zur göttlichen Natur emporentwickeln. Das aber ist genau das Wesen der Sünde. Satan in Gestalt der Schlange nämlich ist es, der zum Menschen spricht: »Ihr werdet sein wie Gott« (1. Mose 3,5). Die Lehre von der Selbstvervollkoininnung des Menschen begegnet bei den Zeugen Jehovas in ähnlicher Weise wie in (anderen) esoterischen Systemen, etwa bei den Mormonen (vgl. hierzu Dekker/Matrisciana 1993) oder in der Anthroposophie Rudolf Steiners. Ist es in der Anthroposophie der »Christus-Impuls« in Form des »Blut-Erde-Kontaktes« beim „Mysterium von Golgatha“, der die Evolution des Menschengeschlechts vorantreibt (vgl. hierzu ausführlich Gassmann 1993), so ist es bei den Zeugen Jehovas das »Loskaufopfer«, welches die Grundlage für die Selbstvervollkommnung des Menschen bildet (vgl. Erlösungslehre).

Gegen die »Unsterblichkeit der Seele«

Wer ist nun der Mensch nach Ansicht der Zeugen Jehovas? Der Mensch ist eine Kombination des Staubes der Erde und des Odems (Atems) des Lebens oder Geistes Gottes: Staub und Odem ergeben gemeinsam eine lebende Seele (nefesch haja; 1. Mose 2,7). Der Mensch ist also eine Seele, aber er hat keine Seele. Die Wachtturm-Gesellschaft wendet sich gegen die Meinung der »Religionisten« (Kirchen), die (angeblich) an eine Unsterblichkeit der Seele glauben. Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele sei jedoch - ebenso wie die katholische Auffassung von einem Fegfeuer als nachtodlichem Läuterungsort - heidnisch und nicht schriftgemäß. Aus der Bibel gehe hervor, daß die Seele (= der Mensch) sterblich sei: Er stirbt beim irdischen Tod ganz und gar, und es gibt keinen Teil des Menschen, etwa eine Seele, die isoliert weiterexistieren würde (Ganztod). Das ewige Leben beginnt nicht unmittelbar nach dem Tod (bzw. für den Gläubigen hier und jetzt und setzt sich nach dem Tod fort), sondern erst durch einen Akt der Neuschaffung, den Jehova an seinen Auserwählten vornimmt. Alle anderen Menschen, auch alle gefallenen Engel (Dämonen), werden - wie schon erwähnt - vernichtet. Die Bestimmung des Sünders ist der Tod, d. h. die ewige, endgültige Vernichtung (Annihilation). In der Wachtturm-Schrift »Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt« heißt es:

»Wo war Adam, bevor Gott ihn aus dem Staub der Erde bildete und ihm Leben gab? Er existierte vorher einfach nicht. Bei seinem Tod kehrte er wieder zu diesem Zustand der Nichtexistenz zurück. Er kam weder in eine Feuerhölle, noch wurde ihm himmlische Seligkeit zuteil, sondern er starb, so wie Gott es gesagt hatte ... Die Bibel lehrt deutlich, daß sich die Toten im Grab befinden, daß sie ohne Bewußtsein und ohne Leben sind... Da die menschliche Seele der Mensch selbst ist, kann sie keine geistige Substanz im Menschen sein, die getrennt vom Körper leben kann ... deine Seele, das bist in Wirklichkeit du ... Wir sehen somit, daß die Menschenseele die Person selbst ist, und wenn die Person stirbt, so stirbt die Menschenseele« (S. 34ft.).

Was ist nach Vorstellung der WTG der »Geist«? Er ist ganz ähnlich wie in ihrer Gotteslehre »die Lebenskraft«. So lesen wir in derselben Schrift:

»Die Menschenseele ist nichts anderes als die lebende Person selbst, und der Geist ist die Lebenskraft, die dieser Person ermöglicht zu leben. Der Geist ist kein persönliches Wesen; er kann auch nicht tun, was eine Person tun kann: Er kann nicht denken, nicht reden, nicht hören, nicht sehen und nicht fühlen. In dieser Hinsicht könnte man ihn mit dem elektrischen Strom einer Autobatterie vergleichen ... er ist ... die Kraft, die es ermöglicht, daß der Motor und diese elektrischen Ausrüstungen funktionieren können. Dieser Geist oder diese Lebenskraft ist in allen lebenden Geschöpfen vorhanden und wird bei der Zeugung von den Eltern auf die Nachkommen übertragen« (S. 39).

Rutherford weist in seiner Schrift »Schöpfung« darauf hin, daß der Geist oder Odem von Gott stammt und ihm gehört:

»Der Odem, den der Mensch atmet, gehört Jehova, weil alle Dinge von Gott sind. Das Recht zum Leben ging von Gott aus. Der Odem ist nicht unsterblich. Der Atem selbst besitzt kein Leben. Er erhält nur den Blutkreislauf aufrecht, durch welchen der menschliche Körper belebt wird. Die Schrift erklärt deutlich, daß das Leben im Blute liegt« (S. 53).

Nach dem Tod kehrt der Odem zu Jehova zurück. Der Mensch besitzt keine Verfügungsgewalt darüber. Auch im Bibellexikon der WTG wird betont:

»>Nefesch< ist die Person selbst, ihr Nahrungsbedürfnis, das Blut in ihren Adern, ihr Wesen ... nephesch ist besonders im Blut enthalten ... In direktem Gegensatz zu der griechischen Lehre, daß die psycbe (>Seele<) unstofflich, nicht greifbar, unsichtbar und unsterblich sei, zeigt die Bibel, daß sowohl mit psyche als auch mit nephesch, auf irdische Geschöpfe angewandt, Stoffliches, Greifbares, Sichtbares und Sterbliches gemeint ist« (HVB, S. 1.339).

Kontinuität oder Diskontinuität?

Zur Beurteilung ist zu sagen, daß diese Lehren der Wachtturm-Gesellschaft über den Menschen Biblisches und Unbiblisches enthalten und miteinander vermischen. Das kommt daher, daß sie einen viel zu engen Begriff von »Seele« und »Geist« zugrunde legen, eben nur »Seele« als »ganzer Mensch« und »Geist« als »Lebenskraft«. Immerhin sind die Autoren des Bibellexikons so offen, zuzugeben, daß »diese Begriffe einen weitgespannten Bedeutungsgehalt mit verschiedenen Nuancen haben« (HVB, S. 1.340), auch wenn sie aus dieser Erkenntnis keine Konsequenzen für ihre Interpretation ziehen. Gerade aber weil die Begriffe »ruach« und »neschama« (hebr.) und »pneuma« (griech.) für »Geist« sowie »nefesch« (hebr.) und »psyché« (griech.) für »Seele« einen so »weitgespannten Bedeutungsgehalt« haben, ist ihre Deutung und Einordnung auch in der theologischen Wissenschaft schwierig. So können auch hier nur einige Grundlinien aufgezeigt werden - mit dem Schwerpunkt auf der Frage, ob es nach dem Tode eine Weiterexistenz gibt (Kontinuität) oder der Mensch dem »Ganztod« verfällt (Diskontinuität). (Diese Frage ist auch für das Gespräch mit den Adventisten von Belang, von denen Russell und seine Nachfolger Ansichten über »Ganztod«, »Vernichtung« usw. übernommen haben.)

Ist der Mensch eine lebendige Seele oder hat er eine Seele? Die Bibel sagt beides: Daß der Mensch als »nefesch haja« (»lebendige Seele«, man könnte auch allgemeiner übersetzen: »lebendiges Wesen«) von Gott erschaffen wurde, geht deutlich aus der grundlegenden Stelle 1. Mose 2,7 hervor: »Da machte Gott JHWH den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen (nefesch haja).« Der Alttestamentler Claus Westermann kommentiert diese Stelle so:

»... der Mensch besteht nicht aus mehreren Bestandteilen (wie Leib und Seele o. ä., sondern er besteht in einem »Etwas« [Staub vom Ackerboden; L. G.], das durch die Belebung zum Menschen wird... der Mensch bekommt nicht den Atem Gottes in sich, sondern Gott bläst ihm Lebensatem ein... Der »Lebensatem« bedeutet also einfach die Lebendigkeit, das Einhauchen des Lebensatems, die Belebung des Menschen... Der von Gott geschaffene Mensch ist der lebendige Mensch... der Mensch wird zur nefesch haja geschaffen, es wird nicht in seinen Körper eine »lebendige Seele« hineingegeben. Der Mensch in seinem Lebendigsein ist ganzheitlich verstanden« (Westermann 1976, S. 282 f.).

Daß die Zeugen Jehovas diese »Ganzheitlichkeit« des Menschen betonen, ist das wahre Element in ihrer Argumentation. Ja, der Mensch ist als Ganzer eine »lebendige Seele«, die Gott aus Erde geformt und mit seinem Lebensatem (wenn auch nicht so dynamistisch, fast materialistisch verstanden wie von der Wachtturm-Gesellschaft; s. o.) erfüllt hat. Aber weil der nefesch- und psyché-Begriff im Alten und Neuen Testament weiter gefaßt wird und eine Reihe von Bedeutungsnuancen aufweist, kann er auch noch anders verwendet werden, nämlich in folgenden Bedeutungen: »seine Seele (psyche) ist in ihm (en auto)« (Apg 20,10; vgl. 1. Kön 17,21 f.); »Seelen besitzen (ta echonta psychas)« (Offb 8,9) u. ä. Probleme bereiten den Zeugen Jehovas auch immer wieder Stellen, die von einer Unterscheidung oder gar Trennung von Leib und Seele handeln, z.B. Mt 10,28:

»Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele (psyche) nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.« 

Im Theologischen Begriffslexikon zum Neuen Testament werden folgende Bedeutungsnuancen der Begriffe nefesch (hebr.) und psyché (griech.) in der Heiligen Schrift aufgelistet und durch Bibelstellen belegt:

»der Sitz des Lebens oder das Leben«, »das ganze natürliche Sein und Leben des Menschen«, »lebendige Seele«, »das innenmenschliche Leben ... Ich, Person, Persönlichkeit, mit den verschiedenen Kräften der Seele... Person mit allen Kräften des Bewußtseins«, »die Lebendigkeit und die Seite des Willens und Gemütes im Menschen«, »das eschatologische Leben“; »jene Größe, innerhalb deren sich Tod und Leben, Verderben und Seligkeit entscheiden« (TBLNT II/1977, S. 1.116 ff.).

Will man diese verwirrende Breite der Definitionen (und das sind noch nicht alle) auf einen Nenner bringen, dann kann man vielleicht so formulieren: „Seele“ ist ein Begriff, der sich sowohl auf die menschliche Person als Ganze als auch auf deren wesentliche Eigenschaften und Befindlichkeiten beziehen kann. Altes und Neues Testament beschreiben den Menschen als „Seele“, aber auch als „Geist-Seele-Leib“-Einheit, die beim leiblichen Tod zeitweise aufgelöst und bei der leiblichen Auferstehung wiederhergestellt wird. In der dazwischenliegenden Zeit (Zwischenzustand zwischen irdischem Tod und Auferstehung am jüngsten Tag) existiert der Mensch als Person weiter, wenn auch ohne irdisch-materiellen Leib. Die Personkontinuität zwischen irdischem Tod und Auferstehung kann man als Weiterleben des menschlichen Ichs - oder auch: der »Seele« - bezeichnen, ohne damit heidnisch-platonischen Vorstellungen von einer »Unsterblichkeit der Seele« zu huldigen (s.u.). »Seele« ist in diesem Sinne die den materiellen Tod überdauernde Personalität des Menschen.

Biblische Texte wie Mt 10,28; Lk 16,19-34; 1. Petr 3,19 sowie alttestamentliche Aussagen über den Scheol sind deutliche Hinweise darauf, daß es einen Zwischenzustand - und damit auch ein Weiterexistieren des Menschen nach seinem irdischen Tod – gibt (Hölle). Die »Ganztod«-Hypothese ist daher mehr als fraglich. Mit Martin Luther und Fritz Heidler (der sich u. a. auf Luther beruft) bin ich der Ansicht, daß die Bibel »von der seelischen Weiterexistenz der verstorbenen Personen im Zwischenzustand« redet, und daß Gott »die Seele unsterblich und ewig schafft«, um »die Ich-Kontinuität zu bewahren und so die Auferstehung der Toten in personaler Identität zu ermöglichen« (E Heidler, »Ganztod oder nachtodliche Existenz?«, Theologische Beiträge Nr. 4/1985, S. 169 ff.).

Wolfgang Trillhaas hat darauf aufmerksam gemacht, daß Auferstehung und Unsterblichkeit keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Unsterblichkeit und Auferstehung verhalten sich zu einander wie Schale und Kern, wie Anfang und Vollendung. Die Auferstehung ist »ein Modus des Glaubens an die Unsterblichkeit«. Sie kann »nur dann gedacht werden, wenn ein Leben jenseits des Todes überhaupt im Horizont der Denkbarkeit liegt« (W. Trillhaas, »Einige Bemerkungen zur Idee der Unsterblichkeit«, Neue Zeitschrift für Systematische Theologie, 1965, S. 147 ff.).

Wenn in der Bibel davon die Rede ist, daß die „Seele“ stirbt (z. B. in 4. Mose 23,10; 1. Kön 19,4), ist damit immer der Mensch als Ganzer (weite Bedeutung), aber niemals die Seele als Beschaffenheitselement des Menschen (enge Bedeutung) gemeint. Das gilt insbesondere für Stellen wie Hes 18,4, welche die WTG gerne anführt (z. B. in »Unterredungen anhand der Schriften«, S. 388). Wenn es dort heißt »Die Seele, die sündigt, soll sterben« ist damit selbstverständlich der Mensch in seiner geistig-seelisch-leiblichen Gesamtheit gemeint, denn eine isolierte Seele könnte weder sündigen noch sterben.

Sterblichkeit ist eine Eigenschaft, welche im Neuen Testament nur in Verbindung mit dem irdischen Leib gebraucht wird (vgl. Röm 6,12; 8,11; 1. Kor 15,53 f.; 2. Kor 4,11; 5,4). Denn der irdische Leib gehört zur Sphäre des Sichtbaren und Vergänglichen (2. Kor 4,18). Der neue Leib aber, welcher dem in seiner personalen Kontinuität weiterexistierenden Menschen bei der Auferstehung am jüngsten Tag zuteil wird, ist unvergänglich (1. Kor 15,35-54; 2. Kor 5,1-10; Phil 3,21; vgl. Ronsdorf 1992, S. 114 f.).

Biblische contra platonische Unsterblichkeitsauffassung

Auch wenn es somit nach biblischer Lehre eine Unsterblichkeit des Menschen (oder - wenn man so will: der Seele) gibt, ist diese Auffassung von der Unsterblichkeit mit den heidnisch-platonischen Vorstellungen keineswegs identisch. Der Vorwurf der Zeugen Jehovas, die Kirchen würden hier eine heidnische Lehre vertreten, ist (von gewissen Ausnahmen, z. B. Fegfeuer oder volkstümliche Auffassungen von einer Unsterblichkeit der Seele abgesehen) nicht begründet.

Die Unterschiede zwischen biblischer und heidnisch-platonischer Unsterblichkeitsauffassung sind gravierend. Es handelt sich vor allem um folgende vier Punkte:

  1. Die platonische Philosophie betrachtet den Leib als „Kerker der Seele“ und wertet ihn damit gegenüber dem Seelisch-Geistigen ab. - In der Bibel hingegen wird betont: »Das Wort wurde Fleisch« (Joh 1,14). Der Mensch ist als Ganzheit »sehr gut« geschaffen worden (1. Mose 1,31). In der Bibel ist der Leib niemals zweitrangig, sondern wird als gute Schöpfung Gottes betrachtet.
  2. Der platonischen Philosophie ist eine Auferstehung des Leibes fremd. Nach ihrer Vorstellung entkommt beim Sterben die Seele wie ein Schmetterling dem Körper. - Die Bibel legt hingegen die Betonung darauf, daß nach einem nur zeitweiligen leibfreien Zwischenzustand (»Nacktsein«, »Entkleidetsein«; vgl. 2. Kor 5,1-10) die leibliche Auferstehung erfolgt. Der irdische Leib stirbt zwar; das leibliche Dasein des Menschen wird aber dadurch keineswegs abgewertet, was in der leiblichen Auferstehung Christi und der vorausgesagten zukünftigen leiblichen Auferstehung aller Menschen zum Ausdruck kommt (1. Kor 15). Die Seligkeit der Seelen wird daher in der Heiligen Schrift immer verstanden »unter dem Gesichtspunkt der Auferstehung des Leibes, also einer neuen Leiblichkeit der Seelen« (TBLNT II/1977, S. 1.119).
  3. Die platonische Philosophie lehrt, daß nach dem Tod „das Göttliche im Menschen“ zu »Gott« (stark pantheistisch verstanden) zurückkehrt. Unsterblichkeit wird hier als eine qualitative Veranlagung betrachtet, die jedem Menschen von Natur aus eignet - unabhängig von irgendeiner Beziehung zu einem personalen Gott. – Die Bibel kennt ein solches »Göttliches« nicht, das im Menschen veranlagt sei, sondern spricht von der Sündenverfallenheit jedes Menschen von Natur aus und dem daraus resultierenden Tod, dem bei zu irdischen Lebzeiten versäumter Umkehr die ewige Verdammnis folgt. Das ewige Leben - verstanden als ewiges Heil - ist ganz allein Gottes Gabe und freies Geschenk (Röm 6,23; Mt 25,31 ff.; Offb 21,11-15). Gott allein besitzt Unsterblichkeit (1. Tim 6,16), aber er verfügt über die Unsterblichkeit und verleiht sie dem Menschen - zum ewigen Heil oder ewigen Unheil.
  4. Die platonische Philosophie geht von einer Präexistenz des Menschen (Existenz vor seiner Zeugung) - zum Teil sogar verbunden mit einer »Seelenwanderung« (>Reinkarnation) - aus, während die Bibel das klar verneint. Die Bibel kennt zwar einen Plan Gottes für das Leben des Menschen vor seiner Zeugung (vgl. Ps 139,16; Jer 1,5) und eine ewige Erwählung von Menschen durch Gott (Eph 1,4); aber von einer Existenz des Menschen vor seiner Zeugung ist dabei nicht die Rede. Der Präexistenzgedanke findet sich in der Bibel allein im Blick auf den Logos Jesus Christus (Joh 1,1 f.; 8, 58; Phil 2,5 f.). Dem Menschen ist es gesetzt, »einmal zu sterben, danach aber das Gericht« (Hebr 9, 27).

Literaturhinweise

L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben




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