Eschatologie (Zeugen Jehovas)

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Übersicht

Im folgenden fasse ich zunächst den Ablauf der Endzeit-Ereignisse zusammen, wie er sich aus der Sicht der WTG darstellt und aus ihren neueren Schriften (seit dem Zweiten Weltkrieg) ergibt (v.a. aus: „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“; „Gott bleibt wahrhaftig“; „Die Offenbarung - ihr großartiger Höhepunkt ist nahe!“; „Das Paradies für die Menschheit durch die Theokratie wiederhergestellt“ u.a.). Im Anschluß daran gehe ich auf wesentliche Punkte kritisch ein.

Nach Ansicht der Zeugen Jehovas ist Jesus Christus 1914 unsichtbar wiedergekommen und hat sein unsichtbares Königreich im Himmel errichtet. Bei diesem Ereignis wurde Satan aus dem Himmel auf die Erde geworfen, wo er Chaos und Katastrophen, Kriege und Unruhen verursacht, die sich immer mehr verdichten und zur Schlacht von Harmagedon führen. Der Erste Weltkrieg wird auf diesen „Satanssturz“ zurückgeführt und das Jahr 1914 als zeitlicher Einschnitt hervorgehoben, seit dem die Katastrophen und Gerichte schlimmer und schlimmer geworden seien, aber auch das Verkündigungswerk der WTG große Fortschritte gemacht habe. Seit 1914 - so wird behauptet - erfüllen sich in der Welt die positiven und negativen Zeichen, die in der Johannesoffenbarung, in Mt 24 parr. und anderen Stellen vorausgesagt worden seien.

Das 1988 veröffentlichte Wachtturm-Buch „Die Offenbarung - ihr großartiger Höhepunkt ist nahe!“ etwa bezieht sämtliche Ereignisse in der Welt- und Wachtturm-Geschichte seit 1914 auf die Prophezeiungen der Johannesoffenbarung. Einige Beispiele sollen diese Art der „Exegese“ illustrieren: Die „Stunde der Erprobung, die über die ganze bewohnte Erde kommen soll“ (Apk 3,10; NWÜ) wird mit der Bedrängnis der „Ernsten Bibelforscher“ während des Ersten Weltkriegs in Verbindung gebracht, die in der Gefangennahme Joseph Franklin Rutherfords und seiner Vorstandsmitglieder im Sommer 1918 gipfelte:

„Wie jene standhafte Versammlung in Philadelphia mußte die Johannes-Klasse, die gesalbten Christen, im Jahre 1918 der Gegnerschaft der neuzeitlichen ´Synagoge des Satans` ins Auge sehen. Religiöse Führer der Christenheit, die vorgaben, geistige Juden zu sein, veranlaßten die Herrscher auf verschlagene Weise, wahre Christen zu unterdrücken“ (S. 62).

Auch die „zwei Zeugen“ aus Apk 11 werden mit der „gesalbten Klasse“ identifiziert, die während des Ersten Weltkriegs vieles erdulden mußte, aber 1919 wieder „zum Leben erweckt“ wurde (die Wachtturm-Führer wurden aus dem Gefängnis freigelassen):

„Welch ein Schock für ihre Verfolger! Die Leichname der zwei Zeugen waren plötzlich wieder am Leben und aktiv. Das war für jene Geistlichen eine bittere Pille ...“ (S. 169).

Die in Apk 9 beschriebenen Heuschrecken- und Reiterheere, welche die gerichtsreife Menschheit plagen, werden mit den Zeugen Jehovas identifiziert, die durch ihre Verkündigung der Königreichsbot-schaft der Christenheit Schaden zufügen:

„Was versinnbildlichen also diese Reiterheere? Da die gesalbte Jo-hannes-Klasse damit begonnen hat, Jehovas Beschluß, an der Chris-tenheit Rache zu üben, wie mit Trompeten zu verkünden und so von ihrer Gewalt, zu ´stechen und zu verletzen`, Gebrauch zu machen, ist anzunehmen, daß die gleiche Gruppe gebraucht wird, um zu ´töten`, das heißt, um bekanntzumachen, daß die Christenheit und ihre Geistlichkeit geistig vollständig tot sind, reif, von Jehova in den ´Feuerofen` geworfen bzw. für immer vernichtet zu werden. Ja, alles, was zu Babylon der Großen gehört, muß zugrunde gehen“ (S. 150).

Die sieben „Trompetenstöße“ aus Apk 6 und 11 werden mit den auf Wachtturm-Kongressen der Jahre 1922 bis 1928 verlautbarten „Gerichtsbotschaften“ an die Welt und Christenheit gleichgesetzt:

„Im Jahre 1922 wurde mit dem Blasen der sieben Trompeten begonnen ... Gottes Königreich unter Jesus Christus wurde in den Vordergrund gestellt, und das gab dem Predigen des Königreiches Aufschwung, das die Strafgerichte einschloß, die durch das Blasen aller sieben Trompeten der Engel angekündigt wurden. Der Trompeten-stoß des siebten Engels fand seinen Niederschlag in den Höhepunkten des Kongresses der Bibelforscher in Detroit (Michigan, USA), vom 30. Juli bis 6. August 1928“ (S. 172 f.).

Die Gerichte werden ihren Höhepunkt in der Schlacht von Harmagedon finden, die nach Ansicht der WTG nahe bevorsteht (auch wenn man nach den vielfachen Enttäuschungen zur Zeit keinen konkreten Termin mehr nennt; s. Endzeit-Daten). Bei Harmagedon rechnet Jehova mit allen seinen Feinden ab (die zugleich die Feinde der WTG sind). Sie werden in einem unvor-stellbaren Blutbad vernichtet. So heißt es im Wachtturm vom 1.2.1985:

„Ja, Blut wird in Strömen fließen, wenn Gottes Hinrichtungsstreitkräfte zur Tat schreiten. Die 69 Millionen Toten der zwei Weltkriege werden nichts sein im Vergleich zu den Opfern des Krieges von Harmage-don... Und Gottes Hinrichtungsstreitkräfte werden ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht zuschlagen. Denn Gott gebietet ihnen, keine Barmherzigkeit zu zeigen.“

Keiner, der bei der Schlacht von Harmagedon vernichtet wird, wird wieder geschaffen oder „auferstehen“ (Auferstehung), denn es handelt sich ja um die „Feinde Jehovas“. Die Feinde Jehovas verfallen der ewigen Vernichtung, nicht der ewigen Qual (Hölle). Wer wird dann aber Harmagedon überleben oder nach Harma-gedon neu geschaffen, um ewig im Himmel oder auf der para-diesischen Erde zu existieren? Die Zeugen Jehovas unterscheiden unterschied-liche Gruppen; vgl. Zwei-Klassen-System):

  1. Himmlische Existenz als Mitregenten der göttlichen Theokratie unter Leitung von Michael-Christus erhalten nur die 144.000 besonders Auserwählten, die „Gesalbten“, die „Johannes-Klasse“ o.ä. Sie erleben die „erste Auferstehung“, d.h. nach Wachtturm-Vorstellung die Neuer-schaffung mit einem unsichtbaren geistigen Leib.
  2. Existenz im irdischen Paradies, das nach Harmagedon von allen Spuren der Verwüstung gereinigt wird, erhalten: die Überlebenden von Harmagedon; die Kinder, die diese dann bekommen; die neu erschaffenen Überwinder der christlichen und vorchristlichen Zeit (einzelne Verehrer Jehovas in allen Jahrhunderten); insbesondere aber die „große Volksmenge“ der Zeugen Jehovas, die seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts eingesammelt wird. Auferweckt werden auch die Men-schen, die keine Gelegenheit hatten, sich bei Lebzeiten für Jehova zu entscheiden, und die nach einer Bewährungszeit im Millennium ent-weder ewiges Leben erhalten oder vernichtet werden. Alle diese Men-schen existieren auf der Erde mit einem physisch-stofflichen neuen Leib.

Die zweite Auferstehung (bzw. Neuerschaffung) bezieht sich auf die, welche sich bewähren; es ist die „Auferstehung zum Leben“. Diejenigen, die sich nicht bewähren, erleben ihre Neuerschaffung schließlich als „Auferstehung zum Gericht“. Die Feinde Jehovas aus früheren Zeiten (z.B. Adam und Eva, Kain, die Leute von Sodom, Judas Ischarioth, die Gegner Jesu während seiner irdi-schen Existenz, die schon verstorbenen Feinde der WTG) stehen nicht wieder auf, sondern bleiben der ewigen Vernichtung verhaftet.

Das Millennium dient also dazu, die Überlebenden von Harmagedon und die neu Erschaffenen aus früheren Zeiten einer Prüfung zu unterziehen. Unter der himmlischen Theokratie bekommen sie die Möglichkeit, aufgrund des Loskaufopfers Christi zu reifen, sich zu bewähren und sich zu vervollkommnen (s. Erlösungslehre). Wem das nicht gelingt, der wird am Ende des Mil-lenniums, wenn Satan noch einmal losgelassen wird, schließlich doch vernichtet (selbst wenn er einmal ein treuer Zeugen Jehovas war). Es gibt also nach Ansicht der WTG eine Bewährungszeit nach dem irdischen (ersten) Tod.

Nachdem auch diese letzte Bewährungszeit von 1.000 Jahren (die Zahlen in Apk 20,1-7 werden buchstäblich aufgefaßt) ver-gangen ist, können endlich der „neue Himmel“ und die „neue Erde“ in ihrer endgültigen Gestalt entstehen. Dabei werden nach Ansicht der WTG der alte (jetzige) Himmel und die alte (jetzige) Erde nicht vernichtet, sondern „neuer Himmel“ und „neue Erde“ bezeichnen neue Regierungsformen einer vollkommenen Theo-kratie nach Beseitigung aller jehovafeindlichen Menschen und Mächte (auch der Dämonen) in einem gereinigten Zustand des Kosmos. Anthony A. Hoekema faßt die „vier möglichen Bestim-mungen“ eines Menschen nach seinem Tod, wie die WTG sie versteht, folgendermaßen zusammen:

  1. Er kann im Zustand der Nichtexistenz verbleiben, in den ihn der Tod geworfen hat.
  2. Er kann mit einem ´geistigen Leib` ´auferweckt` werden und so Unsterblichkeit erhalten, um danach unmittelbar in den Himmel einzugehen und dort mit Christus zu regieren.
  3. Er kann mit einem stofflichen Leib auferweckt werden und dann, nachdem er die Prüfungen im Tausendjährigen Reich bestanden hat, ewiges Leben auf der erneuerten Erde erhalten.
  4. Er kann, nachdem er mit einem stofflichen Leib auferweckt worden ist, bei der Prüfung im Millennium scheitern und so möglicherweise vernichtet (ausgelöscht) werden“ (Hoekema 1972, S. 88; Übersetzung: L. G.).

Zur Beurteilung der eschatologischen Ansichten der Zeugen Jehovas siehe das unter Endzeit-Daten, Hölle, Ganztod und Zwei-Klassen-System Ausgeführte. So kann ich mich an dieser Stelle auf die folgenden wesentlichen Fragen beschränken, die noch offenstehen: Spricht das Neue Testament von einer unsichtbaren Wieder-kunft Jesu Christi? Lassen sich die in den apokalyptischen Schrif-ten der Bibel enthaltenen Zukunftsprophezeiungen wirklich auf die Wachtturm-Geschichte beziehen? Werden die Zeichen der Zeit, Harmagedon, das Millennium sowie neuer Himmel und neue Erde von der WTG zutreffend interpretiert? Stehen wir in der Endzeit oder nicht?

Sichtbare oder unsichtbare Wiederkunft Jesu Christi?

Die WTG spricht von der unsichtbaren Wiederkunft Christi, die 1914 erfolgt sei. Seither sei Christus als Herrscher des himmli-schen Königreichs unsichtbar auf der Erde gegenwärtig. Das griechische Wort parousia, das häufig mit „Wiederkunft“ übersetzt werde, bedeute auch „Gegenwart, Anwesenheit“ und sei heute in diesem Sinne zu verstehen (vgl. „Unterredungen anhand der Schriften“, S. 428 f.).

Es ist - so denke ich - sicherlich richtig, daß parousia mehrere Bedeutungen hat und sowohl „Anwesenheit, Gegenwart“ als auch „Ankunft, Wiederkunft“ meinen kann (vgl. Bauer 1971, Sp. 1.248; TBLNT I/1977, S. 470 ff.). Deshalb muß der Kontext ergeben, welche Bedeutung im Einzelfall zutrifft. Freilich ist festzustellen, daß das zweite Kommen Jesu für die Verfasser des Neuen Testaments auf jeden Fall noch in der Zukunft lag, selbst falls Jesus inzwischen (1914) gekommen und unsichtbar gegenwärtig wäre. Somit ergibt sich schon von daher die Übersetzung „Ankunft, Wiederkunft“ im Blick auf die von Jesus sprechenden neutestamentlichen parousia-Stellen (z.B. 1. Kor 15,23; 1. Thess 4,15-17). Die Frage bleibt nur, ob das Kommen Jesu in sichtbarer oder unsichtbarer Weise erfolgen soll. Betrachten wir die wesentlichen Stellen im Neuen Testament im einzelnen, dann fällt auf, wie sehr das „Sehen“ derer betont wird, die Zeugen seines Kommens sind:

„Alle Geschlechter auf Erden ... werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Mt 24,30). „Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde“ (Apk 1,7). „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen“ (Act 1,11). Vgl. auch Mk 13,26; Lk 21,27 u.a.

Der WTG bleibt nichts anderes übrig, als dieses „Sehen“ zu hinterfragen und umzudeuten:

„In welchem Sinne ´wird ihn jedes Auge sehen`? Aufgrund von Ereignissen auf der Erde wird zu erkennen sein, daß er gegenwärtig ist“ („Unterredungen anhand der Schriften“, S. 431).

Aber die neutestamentlichen Stellen sprechen nicht (nur) davon, daß jedes Auge die Begleitumstände seines Kommens sieht (diese sicher auch), sondern daß es „ihn“ selber sieht. Die WTG kann das nicht verstehen und versucht ein rationalistisches Gegenargument zu finden:

„Erschiene Christus sichtbar am Himmel, dann könnte er logischerweise nicht von´jedem Auge` gesehen werden. Könnte er, wenn er beispielsweise über Australien erscheinen würde, in Europa, Afrika und Amerika gesehen werden?“ (S. 431).

Hier denkt die WTG viel zu gering von den Möglichkeiten Gottes. Wenn es heute bereits dem Menschen möglich ist, über Satelliten weltweite Kommunikation zu pflegen und auch sichtbare Nachrichten weiterzugeben, sollte es dann etwa Gott nicht möglich sein, sich der Menschheit durch seinen Sohn zu offenbaren? Ein weiteres Gegenargument knüpft an die neutestamentlichen Hinweise auf die „Wolken“ an, mit denen Jesus kommt:

„Worauf deuten diese ´Wolken` hin? Auf Unsichtbarkeit. Wenn sich ein Flugzeug in dichten Wolken oder über den Wolken befindet, kann es, obwohl das Geräusch seiner Motoren zu hören ist, von der Erde aus gewöhnlich nicht gesehen werden. Jehova sagte zu Moses: ´Ich komme in einer dunklen Wolke zu dir.` Moses sah Gott nicht, aber die Wolke deutete Jehovas unsichtbare Anwesenheit oder Gegenwart an (2. Mose 19:9; siehe auch 3. Mose 16:2; 4. Mose 11:25)“ (a.a.O.).

Hier zeigt sich, daß die WTG kein heilsgeschichtliches Denken besitzt. Gewiß war Gott in seiner Majestät dem Menschen des Alten Bundes verborgen, aber in seinem Sohn Jesus Christus hat er sich auf Erden als der leidende Gottesknecht geoffenbart und wird sich bei seinem zweiten Kommen der ganzen Menschheit sichtbar als Herrscher offenbaren. Dann wird keiner mehr vor ihm entfliehen können, sondern jeder wird ihn sehen, ob er es will oder nicht (vgl. Mt 24,29-31 parr.). Das wäre bei einer unsichtba-ren Wiederkunft nicht möglich. War Gott im Alten Bund „in“ (hebr. „be“, 2. Mose 16,10; 24,18; 40,34 u.a.) einer Wolke verborgen, so kommt Jesus Christus „in“ (griech. „en“; Mk 13,26; Lk 21,27), aber auch „mit“ (griech. „meta“; Apk 1,7; vgl. Dan 7,13) oder „auf“ (griech. „epi“; Mt 24,30) den Wolken wieder. Die Wolken sind weiterhin Ausdruck des Geheimnisvollen und Majestätischen, aber nun nicht mehr der Verhüllung, sondern der Offenbarung und Regentschaft Christi in Macht und Herrlichkeit (vgl. Künneth 1982, S. 281 ff.). Als letzter Ausweg bleibt der WTG nur noch der Versuch, das „Sehen“ - etwa in Offb 1,7 - als symbolischen Aus-druck zu interpretieren:

„Die Bibel gebraucht das Wort ´sehen` hier nicht in buchstäblichem Sinne, sondern im Sinne von erkennen oder wahrnehmen. Wenn jemand zum Beispiel weiß, daß ihm Gefahr droht, mag er sagen: ´Ich sehe die Gefahr.` Tatsächlich spricht die Bibel von den ´Augen eures Herzens` (Epheser 1:18, Luther). Der Ausdruck ´jedes Auge wird ihn sehen` bedeutet daher, daß jeder dann erkennen oder verstehen wird, daß Christus gegenwärtig ist“ („Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“, S. 146).

Aber - so antworte ich darauf - dieses Erkennen kommt eben für jeden erst durch das Sehen zustande, welchem sich beim Er-scheinen Christi in Macht und Herrlichkeit keiner entziehen kann und welches den Glauben der Einzelnen ablösen wird: Jetzt „wandeln wir im Glauben und nicht im Schauen“ (2. Kor 5,7). Indem dieses gesagt wird, ist zugleich das zukünftige Schauen impliziert, das an zahlreichen Stellen des Alten und Neuen Tes-taments zum Ausdruck kommt (s.o.). Ein Begriff wie „Augen eures Herzens“ in Eph 1,18 mag symboli-sche Bedeutung besitzen. Aber ein gelegentlicher symbolischer Gebrauch bedeutet keineswegs, daß „Augen“ und „sehen“ immer symbolisch aufgefaßt werden müßten. Vielmehr leitet sich der gelegentliche symbolische Gebrauch von dem gewöhnlichen nichtsymbolischen Gebrauch erst ab:

„Der geistige Sinn eines biblischen Textes ist nur dann zu erkennen, wenn zuallererst der buchstäblich-historische Sinn erforscht ist“ (Piet-ron 1979, S. 327).

Apokalyptik und Wachtturm-Geschichte

Ich habe oben Beispiele dafür zitiert, wie die WTG Aussagen der Johannesoffenbarung auf ihre eigene Geschichte seit 1914 be-zieht. Ein solcher Umgang mit der Bibel ist m.E. aus folgenden Gründen nicht möglich:

  1. Das Datum 1914 läßt sich nicht halten (s. Endzeit-Daten)
  2. Die Identifikation biblischer Aussagen (etwa über die „zwei Zeugen“, die „sieben Trompeten“ u.ä.) mit der eigenen Gruppe unter Ausschluß aller anderen Menschen und Ereignisse offenbart deutlich den Sek-tengeist der Zeugen Jehovas. Die „Auslegung“ der Offenbarung aus dem Jahr 1988 steht der Publikation „Das vollendete Geheimnis“ aus dem Jahre 1917 an Polemik und Intoleranz kaum nach. Manche Inhalte haben sich geändert, der Ton hat sich etwas gemäßigt, aber die Absolutsetzung der Sekte und ihrer Erlebnisse ist gleich geblieben.
  3. Die „Auslegung“ der Johannesoffenbarung durch die WTG ist durch und durch allegorisch, d.h. es werden Inhalte an den Bibeltext herangetragen, die sich aus seinem Wortsinn und Zusammenhang nicht ergeben. Das Problem bei der apokalyptischen Literatur ist frei-lich, daß hier manches verschlüsselt und symbolisch nur angedeutet wird. Deshalb sind Bücher wie Daniel und Offenbarung ein beliebter Tummelplatz für abenteuerliche sektiererische Spekulationen. Um solchem Mißbrauch vorzubeugen, besagt deshalb eine schon Augus-tin (De doctr. chr. II, 9; III, 27) bekannte exegetische Grundregel, daß wir, wenn wir eine Lehre aufstellen wollen, von den klaren Bibelstellen ausgehen sollten, um von daher auch die unklaren zu verstehen. Sekten wie die Zeugen Jehovas jedoch machen es umgekehrt.

Um meine Kritik an den oben zitierten Beispielen zu verdeutli-chen, seien folgende Fragen an die „Interpretationen“ der WTG gestellt: Wo steht in der Heiligen Schrift, daß die „Stunde der Erprobung“ im Ersten Weltkrieg erfolgt? Wo steht, daß die „zwei Zeugen“ gar keine „zwei Zeugen“ sind, sondern eine ganze „Klas-se“ von gesalbten Menschen der Leitung der WTG, die während des Ersten Weltkrieges agitiert? Wo steht, daß deren „Tötung“ und „Auferweckung“ einer bloßen Bedrängnis, Gefangensetzung und Freilassung aus dem Gefängnis entspricht? Wo steht, daß die „sieben Trompeten“ sich auf Predigten bei Wachtturm-Kongressen beziehen? Wo steht, daß die Heuschrecken- und Reiterheere mit der Verkündigung einer Botschaft (einer „König-reichsbotschaft“) beauftragt sind?

Man sieht, daß alle diese „Interpretationen“ an die biblischen Texte herangetragen, ja in sie eingetragen sind. Auf eine solche Weise läßt sich aber alles Mögliche unter Berufung auf die Bibel behaupten. Eine solche Art der „Exegese“ (Auslegung) stellt in Wirklichkeit eine willkürliche und somit illegitime Form des Um-gangs mit der Bibel, eine „Eisegese“ (Hineinlegung von fremden Inhalten) dar.

Harmagedon

Solche neuen Inhalte werden auch an zentrale eschatologische Begriffe wie „Harmagedon“, „Tausendjähriges Reich“ sowie „neuer Himmel und neue Erde“ herangetragen. Die WTG zitiert in diesem Zusammenhang zwar viele Bibelstellen und knüpft an biblische Aussagen an, deutet diese aber gemäß ihrer oben dargestellten Lehre um.

Der Begriff „Harmagedon“ ist so sehr in das Vokabular der Zeugen Jehovas übergegangen, daß sich viele Christen nicht einmal mehr getrauen, ihn zu gebrauchen, um nicht in den Geruch einer Sekte zu geraten. Was aber bedeutet „Harmagedon“ in der Heiligen Schrift? In Offb 16 wird vom Ausgießen der sieben Zornschalen des Gerichtes Gottes berichtet. Über die sechste Zornschale ist zu lesen:

„Und der sechste Engel goß aus seine Schale auf den großen Strom Euphrat; und sein Wasser trocknete aus, damit der Weg bereitet würde den Königen vom Aufgang der Sonne. Und ich sah aus dem Ra-chen des Drachen und aus dem Rachen des Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, gleich Fröschen; es sind Geister von Teufeln, die tun Zeichen und gehen aus zu den Königen der ganzen Welt, sie zu versammeln zum Kampf (polemos) am großen Tag Gottes, des Allmächtigen... Und der ver-sammelte sie an einen Ort, der heißt auf hebräisch Harmagedon“ (Offb 16,12-14.16). Diese Stelle hat im Laufe der Kirchengeschichte eine Reihe un-terschiedlichster Auslegungen erfahren - von der ganz wörtlichen Deutung einer endzeitlichen Völkerschlacht in der israelischen Jesreel-Ebene bei Megiddo (so z.B. Pentecost 1993, S. 373) bis hin zur symbolischen Interpretation von „Harmagedon“ als „Ver-kündigungsbegriff“ zur Kennzeichnung des Angriffs unsichtbarer dämonischer Verführungsmächte (so z.B. Pohl II/1978, S. 190 f.).

Die Zeugen Jehovas nehmen eine zwiespältige Deutung vor: Zum einen reden sie im Zusammenhang mit „Harmagedon“ von einer wirklichen Schlacht in der sichtbaren Welt. Zum anderen aber lokalisieren sie diese nicht in der Jesreel-Ebene bei Megiddo, sondern be-trachten diesen Ort nur als Symbol für das Auftreten eines welt-weiten Konflikts:

„Der Gebrauch des Namens Harmagedon (Har-Magedon) kann nicht bedeuten, daß der Krieg auf einem buchstäblichen Berg von Megiddo stattfinden wird. Es gibt keinen buchstäblichen Berg von Megiddo, nur einen etwa 21 m hohen Erdhügel, wo sich die Ruinen des alten Megiddo befinden. Die Könige und Militärstreitkräfte ´der ganzen bewohnten Erde` hätten auf der buchstäblichen Ebene von Esdrelon, zu Füßen Megiddos, nicht Platz. Die Ebene bildet ein Dreieck mit einer Länge von nur 32 km und einer Breite von 29 km an der Ostseite ... Der Name ist aufgrund der geschichtlichen Rolle Megiddos passend; in der Ebene zu Füßen Megiddos fanden entscheidende Kriege statt ... Der Hinweis auf Megiddo (was ´Truppenansammlung`) bedeutet) ist passend, weil es sich bei Harmagedon um eine Weltsituation handelt, in die die Truppen und andere Unterstützer der Herrscher aller Natio-nen verwickelt sein werden“ („Unterredungen anhand der Schriften“, S. 193).

Fragt man sich, warum die WTG diese zwiespältige Deutung vertritt und sich gegen die Lokalisierung der Schlacht in der Jes-reel (= Esdrelon) - Ebene wendet, so ist die Antwort nicht schwer zu erraten: Die endzeitlichen Ereignisse sollen aus ihrem Bezug zu Israel herausgenommen werden. Die Zeugen Jehovas betrachten sich ja seit 1931 selber als das neue Volk Gottes, das die Stelle Israels einnimmt (Rutherford). Die Schlacht von Harmagedon findet daher ihrer Meinung nach nicht auf israelischem Gebiet statt, sondern weltweit - überall, wo Feinde Jehovas und seiner Theokratischen Gesellschaft vorhanden sind. Diese Feinde werden vernichtet:

„Die Menschheit wird weltweit durch brennende Geschosse, Feuerre-gen und andere verheerende elementare Kräfte, die mit dem Gericht Gottes einhergehen, in Schrecken versetzt werden. In der allgemei-nen Verwirrung wird sich ein jeder gegen seinen Nächsten wenden. Und Gottes Hinrichtungsstreitkräfte werden ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht zuschlagen“ (Wachtturm vom 1.2.1985).

Das oben zitierte Argument gegen eine buchstäbliche Deutung auf die israelische Jesreel-Ebene kann allerdings nicht überzeu-gen. Denn erstens wird in der Bibel nicht gesagt, wieviele Solda-ten bei der Schlacht von „Harmagedon“ auftreten; es ist somit fraglich, ob diese dort wirklich keinen Raum finden würden. Zwei-tens kann der griechische Begriff polemos nicht nur „Kampf, Schlacht“, sondern auch „Krieg“ bedeuten, so daß es sich bei dem mit „Harmagedon“ in Verbindung gebrachten Ereignis auch um einen länger anhaltenden Konflikt unmittelbar vor dem Millenni-um handeln könnte; folglich müßten gar nicht alle Heere auf ein-mal in der Jesreel-Ebene Platz finden (vgl. Pentecost 1993, S. 357). Drittens schließen die Kämpfe in der Jesreel-Ebene Gerich-te Gottes und Kämpfe an anderen Orten nicht aus, sondern ein, doch kann die Lokalisierung („ein Ort namens Harmagedon“) nicht einfach übergangen oder spiritualisiert werden. Viertens schließlich legt es sich von Stellen wie Sach 12,2 f.; 14,2 ff. u.a. her gesehen, die sich ebenfalls auf die Ereignisse vor dem „Tag des Herrn“ beziehen, nahe, Offb 16,12 ff. und den Krieg von Harmagedon keineswegs losgelöst von Israel zu sehen. René Pache schreibt:

„Letztlich hat der Herr selbst Seine Gründe, um Seine Feinde in Paläs-tina besiegen zu wollen. Hier war der Ort Seines irdischen Wirkens und Seiner Gegenwart. Hier wurde Sein Name verhöhnt, hier haben die Völker, nach der scheinbaren Niederlage Seiner Sache, begon-nen, den Tempel und das Volk Gottes mit Füßen zu treten. Hier hatte vor allem der eingeborene Sohn gelitten und war Er schließlich ver-worfen worden. Darum ist es notwendig, daß gerade an diesem Ort ´die Rache des Tempels des Herrn` (Jer. 50,28) und die glanzvolle Rache Jesu kundwerden“ (Pache 1987, S. 213).

Das Tausendjährige Reich

Ähnlich problematisch wie die Auslegung der „Harmagedon“-Prophetie ist die Deutung der „tausend Jahre“ in Offb 20,1-7. Auch hier zeigt die Vielzahl unterschiedlichster Interpretationsver-suche (z.B. A-, Post- und Prämillenniarismus mit den jeweiligen Variationen; vgl. Clouse 1983) die Unsicherheit der Lage. Die Zeugen Jehovas vertreten - hier deutlich aus adventistischer Tradition kommend - eine eigenwillige Form des Prämillennialismus, d.h. daß nach ihrer Ansicht Christus-Michael zuerst wiederkommen wird (was „unsichtbar“ 1914 bereits „geschehen ist“) und dann nach der (noch in der Zukunft liegenden) „Säuberungsaktion“ von Harmagedon sein Tausendjähriges Reich auf Erden errichtet. Dieses geht nach Ablauf der - wörtlich verstandenen - tausend Jahre und den verschiedenen Auferstehungen, Reifungen, Prüfungen und Säuberungen in die Regierungsform der ewigen Theokratie über. Das „Tausendjährige Reich“ kann auch als „Gerichtstag“ („Tag“ im übertragenen Sinn von 1.000 Jahren Dauer) bezeichnet werden. So heißt es in der Schrift „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“:

„Der Gerichtstag ist ... kein buchstäblicher 24-Stunden-Tag ... Der Gerichtstag wird ... 1 000 Jahre lang sein ... Während des Gerichtstages werden diejenigen, die Harmagedon überlebt haben, arbeiten, um die Erde zu einem Paradies zu gestalten. In diesem Paradies werden die Auferstandenen willkommen geheißen ... Während des Gerichts-tages werden alle Menschen von Jehova lernen, und sie werden die Gelegenheit haben, ihm zu gehorchen und ihm zu dienen“ (S. 175 ff.).

Selbst wenn man sich der Erwartung eines noch kommenden Tausendjährigen Reiches anschließt - und ich denke, aus bib-lisch-heilsgeschichtlicher Sicht spricht durchaus einiges dafür - sind doch etliche Kritikpunkte gegen die Auffassung der WTG zu erheben:

  1. Die in der Heiligen Schrift nur spärlich vorhandenen Hinweise auf das Tausendjährige Reich (deutlich nur Offb 20,1-7; sonst evtl. noch Jes 2,2-4; 11,6-9; 65,18-25; Mi 4,1-5 u.a.) werden von der WTG in buntesten Farben (auch graphisch in ihren Publikationen) ausgemalt und ihren Anhängern als Heilsversprechungen vor Augen gestellt. Das „ewige Leben im irdischen Paradies“ wird dadurch für die aller-meisten zu einem Ziel, das die Hoffnung auf die himmlische Seligkeit verdeckt. Die Problematik, die mit dieser geraubten Hoffnung auf die himmlische Herrlichkeit zusammenhängt, habe ich im Artikel Zwei-Klassen-System dargestellt.
  2. Zwischen „Tausendjährigem Reich“ und „ewigem Paradies auf Erden“ wird von den Zeugen Jehovas keine scharfe Grenze gezogen, da die Ver-nichtung des alten Himmels und der alten Erde nach dem Millennium entfällt (s.u.). Übrig bleibt lediglich die Vernichtung der „Versager“, die Jehovas Willen im Millennium nicht erfüllen, bei der letzten Sichtung durch die satanischen Heere am Ende der tausend Jahre (vgl. Offb 20,7-10). Ob eine solche Kontinuität zwischen der alten, gefallenen Welt und der neuen Welt Gottes exegetisch haltbar ist - diese Frage werde ich im nächsten Abschnitt untersuchen.
  3. Die Wachtturm-Lehre von den verschiedenen „Auferstehungen“ (eigentlich: „Neuerschaffungen“) weist eine Reihe von Problemen auf: Erstens läßt sich nicht zwischen einer himmlischen und einer irdi-schen Klasse bis in alle Ewigkeit hinein unterscheiden. Zweitens werden im Millennium nur diejenigen von Gott auferweckt, „die ent-hauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angenommen hatten das Tier und sein Bild und die sein Zeichen nicht angenommen hatten an ihre Stirn und auf ihre Hand.“ Nur diese „wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre“, während „die anderen Toten nicht wieder lebendig wurden, bis die tausend Jahre vollendet waren“ (Offb 20,4 f.). Die „erste Auferstehung“ ist also die Auferstehung der Glaubenszeugen und Bekenner Jesu Christi, denen Herrlichkeit und Herrschaft schon während des Millenniums verheißen ist (vgl. Mt 19,28; Lk 12,32; 22,28 f.; Offb 5,9 f.) Es ist die Auferstehung zum ewigen Leben am Anfang des Millenniums (vgl. Joh 5,28 f.; Phil 3,11; Dan 12,2 f.). Die „zweite Auferstehung“ hingegen ist die Auferstehung aller anderen verstorbenen Menschen zum Gericht nach dem Millennium und dem letzten Verfüh-rungsversuch Satans (Offb 20,7-15; vgl. Joh 5,29). Von einer Auferweckung, Reifungs- oder Bewährungszeit der vor Harmagedon verstor-benen ungläubigen Menschen während des Tausendjährigen Rei-ches ist in der Heiligen Schrift nirgends die Rede (zur Kritik an der „Vervollkommnung“ s. Erlösungslehre), ebensowenig wie von einer „Vernichtung“ der Versagenden (s. Hölle).

Der neue Himmel und die neue Erde

Der neue Himmel und die neue Erde sind nach Auffassung der WTG nichts anderes als der alte Himmel und die alte Erde - mit dem einzigen Unterschied, daß infolge der „Reinigungsprozesse“ während Harmagedon und des Millenniums alle jehovafeindli-chen Mächte und Menschen ausgelöscht sind und die Theokratie zu ihrer Entfaltung gelangen kann. Das Zwei-Klassen-System (a. himmlische Klasse; b. irdische Klasse) der theokratischen Herr-schaft setzt sich bis in alle Ewigkeit hinein fort. So heißt es im „Bibellexikon“ der WTG unter dem Stichwort „Himmel“:

„Die Bedeutung des Ausdrucks ´neue Himmel und eine neue Erde`, der in Jesaja 65:17 und 66:22 zu finden ist und vom Apostel Petrus in 2. Petrus 3:13 zitiert wird, ist leichter zu verstehen, wenn man im Sinn behält, daß ´die Himmel` mit Herrschermacht in Verbindung stehen ... Genauso, wie sich der Begriff ´Erde` auf eine menschliche Gesell-schaft beziehen kann (Ps 96,1...), können auch ´die Himmel` die hö-herstehende Herrschermacht oder Regierung über eine solche ´Erde` symbolisieren. Die von Jesaja übermittelte Prophezeiung, die die Verheißung auf ´neue Himmel und eine neue Erde` enthielt, handelte ursprünglich von der Wiederherstellung Israels nach dem Babyloni-schen Exil. Als die Israeliten in ihre Heimat zurückkehrten, traten sie in eine neue Ordnung der Dinge ein ... Der Umstand, daß der ´frühere Himmel` vergeht, bedeutet also das Ende der Staatsregierun-gen zusammen mit Satan und seinen Dämonen“ (HVB, S. 663 f.).

Hier werden die biblischen Begriffe Himmel und Erde umgedeu-tet, indem eine Nebenbedeutung zur Hauptbedeutung erhoben wird. Tatsächlich hängen Himmel und Erde mit Herrschaftsberei-chen zusammen (Gott herrscht im Himmel und seine Herrschaft wirkt sich - auch heute schon - auf der Erde aus; vgl. Mt 6,10; 11,25 u.a.), aber damit kann doch nicht ausgeschlossen werden, daß diese Herrschaftsbereiche Räumen zugeteilt sind, welche Gott geschaffen hat bzw. welche er nach dem Vergehen der al-ten, der Sünde und dem Tode verfallenen Schöpfung neu er-schaffen wird. Die biblischen Aussagen zu dieser Frage sind ganz klar. Im Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament werden sie in folgenden Sätzen zusammengefaßt:

„Im N[euen] T[estament] ist in Kontinuität mit dem Sprachgebrauch des A[lten] T[estaments] ouranós [Himmel] als der obere und führende Teil des fast immer als ouranós kai ge [Himmel und Erde] bezeichneten Alls verstanden ... Der Himmel ist mit der Erde von Gott geschaffen ... Nicht nur die Erde, sondern mit und vor ihr vergeht der Himmel: ... Mk 13,31 Par; vgl. Apk 21,1; Heb 12,26 ...; ähnlich 2 Pt 3,10.12. Für diesen Un-tergang sind Himmel und Erde aufgespart (2 Pt 3,7), und beiden wi-derfährt das eschatologische Entsetzen der Flucht vor Gottes Offen-barwerden (Apk 20,11) ... Der Himmel steht mit der Erde unter der glei-chen Herrschaft Gottes ... Mit Js 66,1 werden Himmel u[nd] Erde in Mt 5,34 und Ag 7,49 als absoluter Herrschaftsbereich Gottes erwiesen“ (ThWNT 7/1954, S. 513 ff.).

Wer bestreitet, daß Himmel und Erde im buchstäblichen und materiellen Sinne vergehen werden, muß sämtliche Aussagen in der Heiligen Schrift eliminieren oder spiritualisieren, die von ent-sprechenden kosmischen Katastrophen sprechen. Die Zeugen Jehovas haben sich zur Spiritualisierung und Allegorisierung der betreffenden Stellen entschlossen, wie ich an verschiedenen Beispielen (Trompetengerichte u.a.) oben bereits gezeigt habe. Ein solches Verfahren kann jedoch nicht überzeugen, wenn kein zwingender und allgemein einleuchtender exegetischer Grund dafür vorhan-den ist.

Nicht nur die „geheimnisvolle“ Johannesapokalypse ist voll von Stellen (z.B. Offb 6; 8 f.; 16; 19 ff.), die vom Vergehen dieser Welt und der daran anschließenden (!) Erschaffung der neuen Welt Gottes handeln (weshalb übrigens die Zeugen Jehovas, die das ablehnen, sich zu Unrecht den Namen „Neue-Welt-Gesellschaft“ beigelegt ha-ben), sondern auch andere Teile der Bibel (z.B. Mt 24,35; 1. Kor 7,31; 1. Joh 2,17; 2. Petr 3,10-13) zeugen deutlich davon. Zwei abschließende Zitate können gut die Radikalität des Neubeginns deutlich machen, der nach dem Vergehen dieser Welt und Zeit eintritt und „Ewigkeit“ heißt:

„Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden (andere Lesart: verbrennen). Wenn sich das nun alles so auflösen wird, wie müßt ihr dann dastehen in heiligem Wan-del und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petr 3,10-13). „Und ich sah einen großen, weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel, und es wurde keine Stätte für sie gefunden ... Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind ver-gangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 20,11; 21,1-5).

Wenn in den „Unterredungen anhand der Schriften“ argumentiert wird, ein buchstäbliches Vergehen von Himmel und Erde stünde „im Widerspruch zu der Zusicherung, die in Texten wie Matthäus 6:10, Psalm 37:29, 104:5 und Sprüche 2:21,22 gegeben wird“ (S. 131), so wird hier ein scheinbarer Widerspruch konstruiert. Denn mit der eretz, welche die „Gerechten besitzen“ und auf der sie „immerdar wohnen“ werden (Ps 37,29), ist entweder das jüdische Land oder - nach dem Ende des Millenniums - die neue Erde gemeint (vgl. THAT I/1984, Sp. 228 ff.).

Wie weit sind wir in der Endzeit? Durch die bisherige Darstellung der Eschatologie könnte der Eindruck entstanden sein, daß ich die Möglichkeit einer baldigen Wiederkunft Jesu Christi ablehne. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Wenn ich auch die Endzeitspekulationen und -modelle der WTG aus biblisch-theologischen Gründen kritisieren muß, so komme ich doch aus denselben biblisch-theologischen Gründen zum Schluß, daß wir ständig bereit sein sollten, die Wiederkunft Jesu Christi zu erwarten. Der Herr selber hat uns dazu nämlich immer wieder aufgerufen: „Wachet; denn ihr wißt nicht, an wel-chem Tag euer Herr kommt“ (Mt 24,42; vgl. auch die daran an-schließenden Gleichnisse; Mt 24,43-51; 25,1-41).

Ferner bin ich durchaus der Ansicht, daß sich die Zeichen der Zeit, die auf die Nähe des Kommens Jesu Christi hinweisen, in den letzten Jahrzehnten stark verdichtet haben. Jesus hat die wichtigs-ten Zeichen in seiner Ölberg- oder Endzeitrede (Mt 24 parr.) ge-nannt: Verführung von Christen, das Auftreten falscher Christus-se, Kriege, Hungersnöte, Erdbeben, Seuchen, Christenverfol-gung, das Abfallen vieler Christen vom Glauben, das Auftreten falscher Propheten, Ungerechtigkeit, Gesetzlosigkeit, Lieblosig-keit, aber auch die weltweite Verkündigung des Evangeliums und manches andere. Jesus hat in diesem Zusammenhang auch vor der Berechnung von Terminen gewarnt, wann seine Wiederkunft stattfinden könnte (Mt 24,36; Apg 1,7). Freilich - so könnte man argumentieren - fanden sich solche Zei-chen (die mit einer gewissen Berechtigung in ähnlicher Weise auch die Zeugen Jehovas ins Feld führen) schon immer. Das ist richtig. Aber ein Zeichen habe ich bisher verschwiegen, das in der Literatur der Zeugen Jehovas so gut wie keine Rolle spielt und doch das entscheidende ist: Es handelt sich um die Staatsgründung Israels im Jahre 1948. Die-ses Ereignis mit seinen teilweise noch ausstehenden Folge-Erfüllungen ist schon vor Jahrtausenden von den Propheten und Jesus vorausgesagt worden (vgl. z.B. Jes 11,10 ff.; 43,5 f.; Hes 36-39; Sach 8,7 f.; Dan 12,7; Lk 21,24) und galt schon vielen Ge-nerationen von Christen, die vor seiner Erfüllung lebten, als göttli-cher Zeiger an der Weltenuhr. Der begnadete Bibellehrer René Pache beispielsweise meint unter Bezugnahme auf Mt 24,32 f.:

„Für die ganze Welt sind die Juden ein lebender Beweis für die Wahr-heit der Weissagungen und der Absichten Gottes mit ihnen ... Es ist ein Wunder, daß Israel trotz der Jahrtausende der Zerstreuung und der Verfolgung noch besteht, während alle Völker des Altertums ver-schwunden sind ... In der Schrift ist der Feigenbaum ... oft ein Symbol des Volkes Israel. Lange war der Stamm dieses Volkes dürr und tot. Nun brechen die Knospen auf, und die Blätter sprießen. Darum wis-sen wir, daß der Sommer nahe ist und der Menschensohn vor der Tür“ (Pache 1987, S. 259).

Wollte man also ein Datum - nicht für die Wiederkunft Christi, aber für das Eintreten in die Endzeit im engeren Sinne - vorschla-gen, so nenne ich in Einklang mit zahlreichen evangelikalen Au-toren (z.B. Dyer/Hunt, Fruchtenbaum, Heide, Hubmer, Hunt, Koch, Lindsey/Carlson, Pache, Pentecost, Rosenthal, Walvoord; siehe Literaturverzeichnis) die Staatsgründung Israels im Jahre 1948 (und nicht das prophetisch bedeutungslose Jahr 1914 o.ä.). Die-ses Datum sagt uns allerdings nicht mehr und nicht weniger, als daß wir besonders wachsam sein und die Dinge, die in unserer Welt und in unseren Kirchen und Gemeinden geschehen, mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen sollten, um durch unseren Glauben und unser Leben bereit zu sein für den Tag des Herrn:

„So laßt uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus“ (1. Thess 5,6-9).


Literaturhinweise

L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben




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