Bibelverständniss (Zeugen Jehovas)
Inspiration und Irrtumslosigkeit
Gott wird von den ZJ als Urheber und Verfasser der Heiligen Schrift betrachtet. Menschliche Mitwirkung beim Entstehen der Bibel wird dabei nicht ausgeschlossen. Gott hat sich durchaus einzelner Menschen bedient, und der Heilige Geist gilt nicht als Person, sondern als Gottes „wirksame Kraft“, die diese Menschen geleitet hat. Im Bibellexikon der ZJ mit dem Titel „Hilfe zum Ver-ständnis der Bibel“ (HVB) wird unter dem Stichwort „Inspiration“ ausgeführt:
„Das Mittel oder Werkzeug, durch das die Inspiration der ´ganzen Schrift` bewirkt wurde, war Gottes heiliger (man achte auf die Klein-schreibung! L. G.) Geist oder seine wirksame Kraft.... Dieser heilige Geist wirkte auf Männer ein, um sie zu veranlassen, Gottes Botschaft niederzuschreiben... Die Bibelschreiber befanden sich somit unter der ´Hand` oder der lenkenden und leitenden Kraft Jehovas“ (HVB, S. 708 f.).
In diesem Bibellexikon wird weiter durchaus richtig betont, „daß die Männer, durch die Gott die Bibel schreiben ließ, keine Roboter waren, die lediglich das aufzeichneten, was ihnen diktiert wurde“. Der Autor des Lexikon-Artikels weist darauf hin, daß die Verfasser der Bibel Nachforschungen anstellten (vgl. z B. Lk 1, 1-4) und ihre natürlichen Fähigkeiten erhalten blieben, was etwa den unter-schiedlichen Stil erklärt. Das schließt jedoch nicht aus, daß die biblischen Schriften irrtumslos sind:
„Mit ´Inspiration`ist nicht lediglich die plötzliche Eingebung einer Idee, ein spontanes Entstehen von Gefühlen, die einen hohen Grad von Kreativität und Empfindsamkeit auslösen, gemeint (wie es oft von weltlichen Künstlern oder Dichtern gesagt wird), sondern die Abfas-sung irrtumsloser Schriften, die so maßgebend sind, als wären sie von Gott selber geschrieben... Dem geschriebenen Wort Gottes ist also absolute Irrtumslosigkeit zuzuschreiben, jedenfalls den Original-texten“ (HVB, S. 710 f.). „Die Männer, durch die Jehova die Bibel schreiben ließ, wirkten ... mit seinem heiligen Geist zusammen“ (HVB, S. 709).
Gleichwertigkeit und Rösselsprung
Neben dieser teilweise durchaus „orthodoxen“ Sicht findet sich nun aber eine Reihe problematischer Lehren. Die Veränderung beginnt fast unmerklich, indem behauptet wird:
„Ganz gleich, wie die einzelnen Botschaften übermittelt wurden, sind doch alle Teile der Bibel gleich wertvoll, sie sind alle inspiriert oder ´von Gott eingehaucht`... Alle Teile sind gleich maßgebend, da sie alle inspiriert und frei von Irrtümern sind“ (HVB, S. 709 und 711).
Die völlig richtige Feststellung, daß die Heilige Schrift als Ganze von Gott inspiriert ist (vgl. 2. Tim 3,16), wird mit der falschen Fol-gerung verkoppelt, daß deshalb auch alle Teile „gleich wertvoll“, von gleichem Gewicht seien. Die Folge dieser Ansicht ist die Ver-nachlässigung der Heilsgeschichte sowie ein Abweichen von Christus als Mitte der Schrift hin zu - vor allem eschatologischen - Nebenschauplätzen. Wie aus einem Steinbruch werden Aussa-gen der Bibel aus den unterschiedlichsten Stellen herausge-nommen und - meist ohne Rücksicht auf Textzusammenhang und historische Entstehungssituation - frei miteinander kombi-niert. Zwischen Altem und Neuem Testament, zwischen Verhei-ßung und Erfüllung wird kaum unterschieden, ja die Bezeichnun-gen „Altes“ und „Neues Testament“ werden abgelehnt und durch die Termini „Hebräische Schriften“ und „Christliche Griechische Schriften“ ersetzt (s. u.). Der Sekten-Experte Kurt Hutten spricht von der Methode des „Rösselsprungs“ (man „hüpft“ wie ein Pferd von einer Stelle zur anderen ohne Rücksicht auf den heilsge-schichtlichen Zusammenhang) und führt aus:
„Die Zeugen kennen dieses Schriftverständnis, das an Christus ori-entiert ist, nicht. Allerdings, auch sie haben ein Zentrum, auf das sie alles beziehen. Es ist bei ihnen der auf das Tausendjährige Reich zuführende Geschichtsplan. ... Weil sie die gesamte Offenbarung eingeebnet haben, können die Zeugen die Schrift ohne Beschwernis in ihre Einzelbestandteile auflösen, wie Kinder ihre aus dem Baukas-ten errichteten Bauten wieder zerlegen können ... So können die ZJ die Bibel als ein Feld für Rösselsprungrätsel betrachten; sie können ihre Linien kreuz und quer durch die ganze Schriftmasse der Bibel ziehen, fröhlich im Zickzack kombinieren und die abenteuerlichsten Beziehungen herstellen“ (Hutten 1982, S. 128 f.).
Da die ZJ zwischen Altem und Neuem Bund, Verheißung und Erfüllung, Gesetz und Evangelium kaum (höchstens peripher) unterscheiden, gelangen sie zu Lehren wie: Verehrung des „Je-hova-Namens“, Gesetzlichkeit (z. B. völliges Blutverbot), Ganztod und ähnlichem (s. Blutgenuß; Jehova-Name; Ganztod-Lehre). Der ehemalige ZJ Hans-Jürgen Twisselmann stellt fest, daß die WTG „neutestamentliche Texte so ´gesetzlich` anwendet, als lebten wir noch in der Zeit des jüdischen Gesetzes“ und fragt sich, „ob nicht auch die Verehrung des Jehova-Namens zum Rückfall in vorchristliches Denken gehört“. Jede Lehre aber ist „zurückzu-weisen, die wieder hinter Christus zurückfällt, etwa in das jüdi-sche ´Gesetz`“ (Twisselmann 1992, S. 13f.).
Vorschattung und Parallelisierung
Ein weiteres charakteristisches Element der Bibelauslegung bei den ZJ ist die „Vorschattung“. Dies bedeutet, daß man Personen oder Ereignisse in der Bibel als Vorbilder oder „Typoi“ für spätere Gestalten oder Ereignisse betrachtet. So ist es etwa ein auch in der traditionellen Theologie verbreitetes Vorgehen, Menschen oder Geschehnisse im Alten Testament als Hinweise auf Christus und sein Werk zu sehen. Dieses Verfahren kann freilich nur in Vorsicht und Disziplin angewandt werden. Zu leicht wird sonst die Deutung allgemein und willkürlich, z. B. in der Form (wie es bei manchen Kirchenvätern vorkam), daß man jedes Holz im Alten Testament für eine Vorschattung des Kreuzes Christi hielt (vgl. hierzu Goppelt 1973).
Die ZJ nun gehen mit ihrer Methode der Vorschattung über jedes gebotene Maß hinaus. Die Personen und Ereignisse der Bibel werden so gedeutet, wie es am besten zu ihrer Anschauung paßt. So sei z. B. die Sintflut Vorschattung auf die Vernichtung der Kir-chen bei der Schlacht von Harmagedon - und die Arche Noah bilde die Theokratische Gesellschaft ab, die den einzigen Schutz vor der Vernichtung in den endzeitlichen Katastrophen gewährt („Wachtturm“ vom 15.1.1952 u. ö.; vgl. Hutten 1982, S. 129 f.).
Eng mit der Vorschattung hängt die Methode der „Parallelisie-rung“ zusammen, die bei den ZJ nach einem einfachen Schwarz-Weiß-Schema verläuft: Die positiven Gestalten in der Bibel wer-den mit der WTG gleichgesetzt, die bösen mit deren Gegnern. Als klassisches Beispiel hierfür kann die Auslegung der Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) gelten., die aufgrund ihrer Legnung einer nachtodlichen Existenz (Hölle) von den ZJ umgedeutet werden muß. In dem Buch „Gott bleibt wahrhaftig“ von 1946 stellt der (negative) Reiche „die gar selbst-süchtige Klasse der Geistlichkeit der ´Christenheit`“, der (positive) arme Lazarus hingegen den Überrest des „Leibes Christi“ dar, der sich in der WTG verkörpert (S. 84ff.).
Eine weitere bei den ZJ gebräuchliche Form der Parallelisierung ist die Übertragung von Zeitabständen der biblischen Chronologie auf die nähere Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft („paralle-le Heilszeitordnungen“). Beispielsweise seien die 40 Jahre zwi-schen dem öffentlichen Auftreten Jesu und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (30-70 n. Chr.) eine Parallele zur 40jährigen Zeit der Ernte am Ende der Tage (bei Russell: unsicht-bare Wiederkunft Christi 1874, Ausreifen des Gerichts und Auf-richtung des Tausendjährigen Reiches 1914 n. Chr.; ähnliche Schemata bei seinen Nachfolgern). Daß solche Parallelsetzun-gen sehr willkürlich sind, hat die Nichterfüllung sämtlicher bishe-riger Berechnungen gezeigt (Endzeit-Daten).
Neuoffenbarung und Allegorese
Die ZJ beanspruchen zwar, ihre Lehren allein auf die Bibel zu stützen, aber in Wirklichkeit gehen sie weit über das hinaus, was die Bibel sagt. Viele ihrer Auslegungen sind in Wirklichkeit „Einle-gungen“ fremder, weltanschaulich vorgegebener Inhalte in die Heilige Schrift. Nur so lassen sich die wilden Spekulationen mit Jahreszahlen erklären, nur so auch die Ablehnung oder Verfäl-schung der wirklichen biblischen Lehren. Begründet wird diese Vorgehensweise mit Stellen wie Daniel 12, 4, wo es heißt: „Und du, Daniel, verbirg diese Worte, und versiegle dies Buch bis auf die letzte Zeit. Viele werden es dann erforschen und große Er-kenntnis finden.“ Mit solchen Stellen wird die Anschauung unter-mauert, daß sich am Ende der Tage „die Erkenntnis mehre“ und daß die ZJ die Empfänger dieser Erkenntnis seien. „Mehr Licht“ führe zur Erkenntnis einer „fortschreitenden Wahrheit“ (vgl. JZ, S. 121. 133). Insofern zählen die ZJ zu den Neuoffenbarungsbewe-gungen (Neuoffenbarung).
Nun ist es sicherlich so, daß sich vor allem aus dem Buch Daniel und der Johannesoffenbarung Aufschlüsse über die endge-schichtlichen Entwicklungen ergeben. Aber gerade die lange Liste der nicht eingetroffenen Spekulationen in den vergangenen Jahrhunderten (nicht nur bei den ZJ!) hat gezeigt, wie vorsichtig man mit Deutungen sein sollte. Und was die Terminberechnun-gen angeht, so gelten hierfür die grundlegenden Aussagen Jesu, daß niemand Zeit und Stunde des Endes weiß (Mt 24,36; Apg 1, 7; s. Eschatologie; Endzeit-Daten).
Jede Neuoffenbarung muß sich darüber hinaus daran messen lassen, wie sie sich zur „Grundtradition“ der im biblischen Kanon zusammengefaßten Schriften verhält. Sobald ein Widerspruch zu den Aussagen der eindeutigen Stellen der Bibel auftritt, ist der Bibel recht zu geben und nicht der Neuoffenbarung bzw. deren Vertretern (vgl. hierzu ausführlicher: Gassmann 1993, S. 144-151).
Da die Empfänger der „Neuoffenbarung“ ihre Erkenntnisse, Ein-gebungen oder Schauungen gerne durch biblische Stellen un-termauern möchten, greifen sie häufig zur Allegorese, d.h. den biblischen Aussagen wird eine andere Bedeutung untergescho-ben, als sich aus dem Wortsinn und Textzusammenhang ergibt. Auch die ZJ wenden diese „Einlegungsmethode“ (so möchte ich es nennen) häufig an. Ich bringe einige Beispiele aus dem be-rühmten Band 7 der Schriftstudien mit dem Titel „Das vollendete Geheimnis“ (1917), in dem die Allegorese fast durchgehend be-nutzt wird.
Dort wird der Engel aus Offb 14,17 mit Charles Taze Russell gleichgesetzt (S. 301), die sieben Bände der Schriftstudien seien „das dritte und letzte Wehe [nach Offb. 15,1; L. G.], das über das Papsttum ausgegossen wird“ (S. 308) - und über Offb 22,18 („wenn jemand etwas zu den Worten der Weissagung dieses Buches hinzusetzt“) wird gesagt:
„So wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die in diesem Buche ge-schrieben sind: Seine Strafe wird die sein, daß er, wenn er in den Zeiten der Wiederherstellung aus dem Grabe hervorkommt, die sie-ben Bände der Schriftstudien zu lesen haben wird, die ihm dann das Fehlerhafte seines Tuns zeigen werden“ (S. 451).
Im gleichen Band finden sich weitere Passagen, die den unvor-eingenommenen Leser zum Schmunzeln veranlassen können, weil in ihnen die Allegorese auf die Spitze getrieben wird. So schildern die biblischen Bücher Nahum (2,4f.) und Hiob nach Ansicht der Verfasser in prophetischer Fernsicht die Erfindung der Dampfmaschine! In der „Auslegung“ zu Hiob 40,15-41,25 (Behemoth und Leviathan) heißt es :
„Hiob schildert... in prophetischen Worten die Errungenschaften heutiger Zeiten, die Dampfmaschine - feststehend und sich bewegend -, auf Eisenbahnzügen und zur See.... Sieh doch einen mit großer Hitze (der feststehenden Dampfmaschine), den ich mit dir gemacht habe; er wird Futter verzehren (Torf, Holz, Kohle) wie das Vieh. Siehe doch, seine Kraft ist in seinen Lenden (Kesselplatten), und seine Stärke innerhalb der in einem Kreis gebogenen Teile (Kesselwände) seines Bauches. Sein Schwanz (Schornstein - gegenüber dem Futter-ende, Brennmaterial) wird aufrecht stehen wie eine Ceder ... Du wirst den Leviathan (die Lokomotive) mit dem Angelhaken (auto-matische Kuppelung) ausdehnen, verlängern, oder mit einer Schlinge (Kuppelbolzen), mit der du seine Zunge (Kuppelverbindung) sich senken lassen wirst. Willst du nicht einen Ring (Kolben) in seine Nase (Zylinder) legen oder seine Kinnbacken (Zylinderenden) mit einem Stabe (Zylinderstange) durchbohren? Wird er viel Flehens an dich richten (entgleisen)? Oder wird er dir sanfte Worte geben (wenn er einen schrillen Ton mit der Dampfpfeife von sich gibt)? Wird er einen Bund mit dir machen, daß du ihn zum ewigen Knechte nehmest (ohne Reparaturen)? ...“ (S. 106ff.).
Neben solchen eher grotesken Beispielen (zu diesen rechne ich z.B. auch die - später fallengelassene - Deutung der Maße der Cheops-Pyramide auf die biblische Chronologie bei Russell) gibt es aber auch eine allegorische oder symbolische Uminterpretati-on in zentralen biblischen Bereichen, etwa in der Lehre von Hölle und ewiger Verdammnis. Da Russell und seine Nachfolger eine ewige Verdammnis leugnen, deuten sie die entsprechenden biblischen Passagen (Feuersee, Ort der Qual, Heulen und Zähne-klappern und viele andere Aussagen) um und bezeichnen sie als Symbole für eine ewige Vernichtung (nicht Qual; Hölle). Ein klassisches Beispiel für die Uminterpretation der Heiligen Schrift ist die Neue-Welt-Übersetzung.
Literaturhinweise
L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)
Einzelhinweise und Quellen
Anmerkungen
Quellenangaben
Weitere Artikel in gedruckter Form finden Sie auf der Website von Dr. Lothar Gassmann (Redakteur).