Existential-präsentische Eschatologie

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Die existential-präsentische Deutung, wie sie von dem Neutestamentler Rudolf Bultmann (1884-1976) und zum Teil von seinen Schülern vertreten wird, ist sehr stark philosophisch geprägt. Insbesondere die Existenzphilosophie Martin Heideggers hat hier Pate gestanden. Bultmann ist in seiner Ablehnung einer heils- oder endgeschichtlichen Deutung biblischer Aussagen am radikalsten. Das, was er als "Eschatologie" bezeichnet, ist eine rein präsentische und immanente - nämlich in der Existenz des Menschen verankerte – Gegebenheit. Mit dieser zwar präsentischen, aber nicht-transzendentalen Deutung der Eschatologie unterscheidet er sich auch deutlich vom jungen Barth und Althaus.

Allerdings knüpft er ähnlich wie Barth und Althaus an die Destruktion der biblischen Naherwartung durch die "Konsequente Eschatologie" an. So sagt er in seinem programmatischen, 1941 in Alpirsbach gehaltenen Vortrag "Neues Testament und Mythologie": "Die mythische Eschatologie ist im Grunde durch die einfache Tatsache erledigt, dass Christi Parusie nicht, wie das Neue Testament erwartet, alsbald stattgefunden hat, sondern dass die Weltgeschichte weiterlief und - wie jeder Zurechnungsfähige (sic!) überzeugt ist – weiterlaufen wird" (in: Kerygma und Mythos, Bd. 1, hg. v. H. W. Bartsch, Hamburg 1948, S. 18f.).

Unter "mythischer Eschatologie" versteht er die Eschatologie im üblichen, chronologischen Sinn mit Wiederkunft Jesu Christi, Weltende, Jüngstem Gericht usw.

Aber nicht nur diese ist für ihn erledigt, sondern der Glaube an übernatürliche Wunder und Offenbarungen überhaupt. Das hat nach Bultmanns Ansicht die "moderne Naturwissenschaft" sowie die Erforschung des Selbstverständnisses des Menschen ergeben: "Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den ´Himmel` im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebenso wenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Jesu Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden ´Menschensohnes` und das Entrafftwerden der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen (1. Thess 4,15 ff.) ... Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben" (a.a.O., S. 18).

Wie sieht nun aber für Bultmann "Eschatologie" aus? Sie ereignet sich in der eschatologischen Existenz des Menschen, einer qualitativ neuen Art zu leben. Insofern könnte man Bultmanns Ansatz als "existentialistische Eschatologie" kennzeichnen. Er führt aus:

"Das Sichtbare, Verfügbare ist vergänglich, und deshalb ist, wer von ihm her lebt, der Vergänglichkeit, dem Tode verfallen. Wer aus dem Verfügbaren lebt, der begibt sich in Abhängigkeit von ihm ... Demgegenüber wäre ein echtes Leben des Menschen dasjenige, das aus dem Unsichtbaren, Unverfügbaren lebt, das also alle selbst-geschaffene Sicherheit preisgibt. Das eben ist das Leben ´nach dem Geist`, das Leben im ´Glauben`... Und eben das heißt ´Glaube`: sich frei der Zukunft öffnen ... die radikale Hingabe an Gott, die alles von Gott, nichts von sich erwartet, die damit gegebene Gelöstheit von allem weltlich Verfügbaren, also die Haltung der Entweltlichung, der Freiheit. So existieren aber heißt: eschatologisch existieren, ein ´neues Geschöpf` sein (2. Kor 5,17). Die apokalyptische und die gnostische Eschatologie ist insofern entmythologisiert, als die Heilszeit für den Glaubenden schon angebrochen, das Zukunftsleben schon Gegenwart geworden ist" (a.a.O., S. 30f.).

Der Glaubende erwartet also nach der Vorstellung Bultmanns nicht die Wiederkunft Jesu Christi mit allen damit verbundenen Ereignissen, sondern Gericht, Parusie, ewige Seligkeit usw. ereignen sich hier und jetzt:

"Das Weltgericht ist nicht ein bevorstehendes kosmisches Ereignis, sondern ist die Tatsache, dass Jesus in die Welt gekommen ist und zum Glauben gerufen hat (Joh 3,19; 9,39; 12,31). Wer glaubt, der hat schon das Leben, der ist vom Tode zum Leben hinübergeschritten (5,24 f. usw.). Äußerlich ist für den Glaubenden nichts anders geworden, aber sein Weltverhältnis ist ein anderes: die Welt kann ihm nichts mehr anhaben; der Glaube ist der Sieg über die Welt (1. Joh 5,4)" (a.a.O., S. 31f.).

Wie aus dem letzten Zitat hervorgeht, stützt sich Bultmann mit dieser Ansicht exegetisch vor allem auf Stellen in den johanneischen Schriften im Neuen Testament, deren Verfasser seines Erachtens "die apokalyptische Eschatologie überhaupt eliminiert" (a.a.O., S. 31). In Wirklichkeit allerdings - so ist kritisch anzumerken – eliminiert nicht der Verfasser der johanneischen Schriften die apokalyptische Eschatologie, sondern Bultmann. Dieser nämlich erklärt die Passagen, die von einer apokalyptischen Totenauferstehung, von einem zukünftigen Gericht, vom Weltuntergang usw. handeln und die es in der johanneischen Literatur (wie in der Bibel insgesamt) neben den mehr präsentischen Stellen ebenfalls gibt (z.B. Joh 5,28 f.; 6,54; 12,48; 1. Joh 4,17; Mt 24,3 ff. parr.; 1. Kor 15,52), einfach als redaktionelle Zusätze. So meint er etwa in seiner Auslegung von Joh 5,28 f.:

"Auf alle Fälle aber sind VV. 28 f. der Zusatz eines Red(aktors), der den Ausgleich der gefährlichen Aussagen V. 24 f. mit der traditionellen Eschatologie herstellen will. Die Quelle wie der Ev(an)g(e)list sehen ja das eschatologische Geschehen im gegenwärtigen Erklingen des Wortes Jesu. Die damit radikal beseitigte populäre Eschatologie aber wird gerade in V. 28 f. wieder aufgerichtet" (Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1941, S. 196).

Hier ist offensichtlich der Wunsch der Vater des Gedankens - oder mit anderen Worten: Eine vorgefasste theologische oder philosophische Meinung befindet über die "Echtheit" oder "Unechtheit" biblischer Aussagen. Dass aber präsentische und futurische Eschatologie (z.B. in Gestalt von Joh 5,24 f. und 5,28 f.) durchaus keine Gegensätze bilden müssen, sondern sich gegenseitig ergänzen können, deutet Bultmann selber an - allerdings nur, um diese Deutung dann abzulehnen:

"Die Korrektur des Red(aktors) besteht in dem einfachen Zusatz, sodass schwer zu sagen ist, wie er sich den Ausgleich mit V. 24 f. gedacht hat; etwa so, dass die in Jesu gegenwärtigem Wirken sich vollziehende krisis (Scheidung) eine Antizipation (Vorwegnahme) des Endgerichtes ist, sodass also die Totenauferstehung am Ende ´sein Wort vor allen Menschen bewahrheiten wird`" (a.a.O., S. 196f.).

Bultmanns existential-präsentische Deutung wurde vielfach kritisiert - nicht nur von seinen Gegnern, von denen hier stellvertretend Oscar Cullmann und Walter Künneth genannt seien, sondern auch von Schülern. So betonte etwa Ernst Käsemann ganz neu die futurische Dimension der Eschatologie, die damit rechnet, dass die Vollendung noch aussteht:

"Präsentische Eschatologie allein und nicht von der futurischen umfangen, - das wäre nichts anderes als die Hybris des Fleisches, wie sie der Enthusiasmus zu genugsam zu allen Zeiten bezeugt" (E. Käsemann, Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. 2, 1964, S. 130).

Auch der spätere Barth und Althaus haben Bultmanns ungeschichtliche und rein präsentische Auffassung infrage gestellt. So ist es für Althaus "ein allzu einfacher Ausweg, wenn R. Bultmann die johanneischen Stellen, ´die offenbar eschatologisch im Sinne der alten dramatischen Eschatologie gemeint sind`, einem kirchlichen Bearbeiter zuweist: 6,54; 12,48. Auch Johannes wartet auf den ´letzten Tag`. Das ist vollends deutlich im ersten Brief: die Parusie kommt (2,28), der ´Tag des Gerichts` steht bevor (4,17) ..."  (Die letzten Dinge, Gütersloh, 5. Aufl. 1949, S. 57 f.). Und Althaus betont: "Die ´echte Zukunft` ist auf alle Fälle zeitliche Zukunft" (a.a.O., S. 4). Walter Künneths Urteil, das er im Zusammenhang mit der Diskussion über die Auferstehung trifft, gilt - aus der Vergangenheit in die Zukunft gewendet - auch für Bultmanns Eschatologie:

"Das aktuelle Ereignis des ´mit Christus Sterben` und ´mit Christus Auferstehen` fällt als Wirklichkeit in sich zusammen und wird zu einer bloßen Idee eines Lebensvorganges verdünnt, wenn nicht das ´gewesene` und damit ´ein für allemal` gesetzte Faktum der Auferstehung Jesu feststeht ... Die fortschreitende Loslösung der Offenbarung von ihrer Geschichtsgebundenheit ... führt zum Sieg einer neuen geschichtsfernen Gnosis. So trägt die Bultmannsche Theologie das Gepräge eines ´gnostischen Mythus`, welchem die Wirklichkeit des geschichtsgebundenen Perfektums der Auferstehung Jesu (bzw. des geschichtlichen Futurums der Wiederkunft Jesu; L. G.) gegenübertritt" (Theologie der Auferstehung, Gießen, 6. Aufl. 1982, S. 46).

Literaturhinweise

L. Gassmann; Handbuch: Endzeit Israel, Entrückung …; Jeremia Verlag; (Mai 20213)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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