Freimaurer-Impuls

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Steiners Weg in den Abgrund (Theosophie) setzt sich weiter fort in Gestalt eines Ereignisses, das von anthroposophischen Kreisen gerne heruntergespielt wird, aber unleugbar bezeugt ist: der Aufnahme Rudolf Steiners in einen Freimaurer-Orden. Ein indirektes Indiz stellen verschiedene Vorträge Steiners aus den Jahren 1904-06 dar, in denen er Traditionen der Hochgradfreimaurerei behandelt. So spricht er z.B. am 24.1.1906 in Weimar vor Freimaurern über "Die Bedeutung der Freimaurerei" (Wachsmuth 1951, 85). Im Lexikon des Geheimwissens findet sich folgender Hinweis:

"Seit 1905 stand S(teiner) auch mit den 'echten` Rosenkreuzern, d.h. mit dem deutschen Ableger der SRIA (Societas Rosicruciana in Anglia, eine englische Rosenkreuzer-Gesellschaft, die nur Freimaurer vom 3. Grad an aufnimmt; L. G.) kurze Zeit in Verbindung; 1906 wurde er von Reuß zum Rex Summus, d.h. Großmeister des OTO (Ordo Templi Orientis; L. G.) und seines Zweiges Mysteria Mystica Aeterna gemacht; der Bruch mit Reuß erfolgte ca. 1918. In diesem Zusammenhang gründete S(teiner) einen neuen 'Inneren Kreis` nach Freimaurer-Gesichtspunkten, d.h. mit 3 Graden, deren Eingeweihte aus seiner Hand ein goldenes Kreuz erhielten. Der Text der Rituale soll ... aus Werken von Eliphas Lévi, den S(teiner) hoch schätzte, zusammengestellt sein" (Miers 1986, 386).

Steiner selber erwähnt den Beitritt zur Freimaurerei in seinem "Lebensgang", versucht aber im nachhinein aufgrund der erlittenen "Verleumdungen", sie als bloße "Formsache" hinzustellen:

"Ich nahm ... das Diplom der angedeuteten Gesellschaft, die in der von Yarker vertretenen Strömung lag. Sie hatte die freimaurerischen Formen der sogenannten Hochgrade. Ich nahm nichts, aber auch gar nichts aus dieser Gesellschaft mit als die rein formelle Berechtigung, in historischer Anknüpfung selbst eine symbolisch-kultische Betätigung einzurichten. Alles was in den 'Handlungen` inhaltlich dargestellt wurde, die innerhalb der von mir gemachten Einrichtung gepflogen wurden, war ohne historische Anlehnung an irgend eine Tradition. Im Besitze der formellen Diplomierung wurde nur solches gepflegt, das sich als Verbildlichung der anthroposophischen Erkenntnis ergab ... Unsere (sc. Steiners und Marie von Sivers`) Unterschriften waren unter 'Formeln` gegeben" (636, 335ff.).

Man fragt sich, warum Steiner und seine Mitarbeiterin überhaupt unterschrieben haben, wenn es sich nur um "Formeln" gehandelt haben soll. Trotz aller späteren Distanzierungen muß doch eine innere Beziehung zur Freimaurerei vorliegen. Und wenn man sich die Frage stellt, warum sich Rudolf Steiner im "Lebensgang" so vehement von den damals geleisteten Unterschriften abgrenzt bzw. diese als bloße Formeln hinzustellen sucht, so gelangt man mit Gerhard Wehr zu folgenden Ergebnis:

"Die Gründe sind freilich schwerwiegend, denn aus der 'singulären` Verbindung mit Reuß als dem Bevollmächtigten von Hochgrad-Logen innerhalb des O.T.O. (Ordo Templi Orientis, Östlicher Templerorden) erwuchsen Rudolf Steiner später Schwierigkeiten. Als er, der österreichische Staatsbürger, sich in der Schweiz naturalisieren lassen wollte, versagte man ihm die Staatsbürgerschaft. Einerseits war der persönliche Lebenswandel von Theodor Reuß anstoßerregend; andererseits führte man dies auf rituelle Praktiken im O.T.O. zurück, in der (sic) tantrische (Sexual-)Symbolik, ja Sexualmagie im Spiele war" (Wehr 1993, 206).

Was Wehr hier nur andeutet, findet seine Bestätigung im Lexikon des Geheimwissens. Dort steht über Theodor Reuß, von dem Rudolf Steiner das Zertifikat des O.T.O. erhielt, zu lesen:

Er experimentierte "mit dem Memphis-Misraim-Ritus, dem Swedenborg-Ritus, dem Cerneau-System, dem OTO und sogar mit einer Art Sexual-Yoga ... R(euß) hat Rudolf Steiner der Freimaurerei zugeführt und mit Franz Hartmann zusammen den AASR ('Alter und Angenommener Schottischer Ritus`; das am weitesten verbreitete und vollkommenste Hochgradsystem der Freimaurerei; L. G.) in Deutschland praktiziert ... R(euß) ist auch der Gründer des Theosophical Publishing House der Adyar-T(heosophischen) G(esellschaft). An Rudolf Steiner verkaufte R(euß) ein selbstgemachtes (daher also wertloses) Patent zur Gründung eines Großrates 'Mystica Aeterna` für 1500 Mark" (Miers 1986, 343).

Mit dem letzten Satz stimmt sehr gut Gerhard Wehrs Information überein, daß Steiner "das 1906 erworbene Zertifikat zerrissen" habe (Wehr 1993, 206).

Versucht man, die dunklen und verworrenen Informationen über Steiners Verhältnis zur Freimaurerei zu sortieren, dann ergibt sich folgendes Bild: Nach der Jahrhundertwende sucht Rudolf Steiner zu freimaurerischen Gruppen Kontakt. Diese Tatsache wird auch von ihm selber nicht bestritten. Er gerät offensichtlich an Theodor Reuß als deutschen Vertreter des englischen Hochgradfreimaurers und Ehrenmitglieds der Theosophischen Gesellschaft John Yarker (vgl. Miers 1986, 438f.). Den Namen Yarker erwähnt er im "Lebensgang", den Namen Reuß verschweigt er - vermutlich wegen dessen schlechtem Ruf und - falls die entsprechende Angabe stimmt - weil ihm dieser ein ungültiges Patent verkauft hat. Aber trotz solcher Abgrenzungen knüpft Steiner an freimaurerische Strukturen an und führt, wie Wehr erwähnt, mindestens bis 1914 zusammen mit Marie von Sivers "kultische Arbeit ... am Altar der Loge" (wohl "Mystica Aeterna") aus (Miers 1993, 206).

Auch wenn es somit schwierig ist, Steiner einfach als "Freimaurer" zu bezeichnen und ihn einer bestimmten freimaurerischen Richtung zuzuordnen, so ist seine Nähe zu freimaurerischem Denken zweifellos gegeben. Er will an gewisse Ideale und Rituale dieser Richtung anknüpfen, wird dabei von Vertretern wie Theodor Reuß jedoch enttäuscht. So führt er - zumindest eine Zeitlang - seinen eigenen freimaurerisch inspirierten Kultus durch. Das Ideal des Tempelbaus der Menschheitsbruderschaft, das sowohl in der Freimaurerei als auch in der Zielsetzung der von den Freimaurern (!) Olcott und Blavatsky initiierten "Theosophischen Gesellschaft" begegnet, dürfte übrigens für das spätere "Goetheanum" Pate gestanden haben. So erwähnt Wehr zu Recht:

"Der Goetheanum-Bau, zunächst durchaus als Tempelbau aufgefaßt, kann als Manifestation dieser frühen (sc. freimaurerischen) Intentionen verstanden werden" (Wehr 1993, 207).

Die Freimaurerei ist eine synkretistische, deistische, evolutionistische, gnostische, antitrinitarische, autonom-humanistische und okkulte Religion, die in Widerspruch zum christlichen Glauben tritt. Zur Beurteilung s. ausführlich: Freimaurerei.

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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