Hölle (Zeugen Jehovas)
»Keine ewige Qual«
Nach Ansicht der ZJ existiert eine Hölle im traditionellen Sinne nicht. Kein Mensch wird ewig im Höllenfeuer gepeinigt werden. Hölle ist ein Ort der Ruhe, des Schlafes, letztlich identisch mit dem Grab (NWÜ: »Gedächtnisgruft«). Die Menschen und Dämonen, die sich gegen Jehova entschieden haben, werden nicht ewig gequält, sondern einfach vernichtet.
Josef Franklin Rutherford nennt in seiner Schrift „Die Harfe Gottes“ vier Gründe, warum die Lehre von der ewigen Qual nicht wahr sein könne: “1. weil sie gänzlich widersinnig ist; 2. weil sie unvereinbar mit der Gerechtigkeit Gottes ist; 3. weil sie gegen das Prinzip der Liebe verstößt, und 4. weil sie gänzlich unbiblisch ist“ (S. 45).
- Sie sei widersinnig, »weil niemand in Ewigkeit gequält werden könnte, wenn er nicht in Ewigkeit bei Bewußtsein wäre« (S. 46). - Hier setzt Rutherford die Lehre von der Bewußtlosigkeit nach dem Tod voraus. Diese Lehre werde ich weiter unten hinterfragen.
- Zweitens sei die Lehre von der ewigen Qual ungerecht, denn Gott sei es ja, der den Menschen unvollkommen geschaffen und ihm damit gar nicht die Möglichkeit gegeben habe, sein Gebot vollkommen zu erfüllen. »Es würde sehr ungerecht seitens des Schöpfers sein, ein Kind unvollkommen in die Welt kommen zu lassen, unter Umständen geboren, über die es keinerlei Kontrolle hatte, und es dann, weil es nicht vollkommen gehorchen konnte, zu ewiger Höllenqual zu verdammen« (S. 47). - Hier begegnet ein auffallender Widerspruch zur ZJ-Lehre von der »relativen Vollkommenheit«, die offensichtlich doch nicht so »vollkommen« war. Vor allem aber übersieht Rutherford mit diesem Argument, daß ja kein Mensch in die Hölle gehen muß; denn aus Liebe hat Gott seinen Sohn Jesus Christus geopfert, um uns von Sünde, Teufel und ewiger Qual zu erlösen.
- Drittens sei die Lehre von der ewigen Qual lieblos, denn nur ein Teufel könnte auf die Idee kommen, seine Kinder zu quälen. Da Gott aber Liebe sei, könne diese Lehre nicht mit seinem Wesen übereinstimmen. - Hier wird übersehen, daß Gott seine »Kinder« (das heißt die zu ihm Gehörigen) gar nicht ewig quält. In die Hölle kommen nur diejenigen, die den Gott der Bibel zu Lebzeiten ablehnten und bekämpften (s. u.).
- Viertens sei die Lehre von der ewigen Qual unbiblisch. Rutherford behauptet:
»In der ganzen Bibel findet sich nicht ein einziger Schrifttext, der als Stütze der Lehre ewiger Qual dienen könnte. Es gibt einige Texte, die in symbolischer Ausdrucksweise, Gleichnissen und dunklen Reden geschrieben sind, die geschrieben wurden, um andere große Wahrheiten zu illustrieren, aber ohne irgendeinen Hinweis auf ewige Qual für das Menschengeschlecht... Die ganze Schrift zeigt, daß die Gottlosen bestraft werden, aber Strafe bedeutet nicht Qual«, sondern »Vernichtung« (S. 48).
Während die ersten drei Argumente von einem menschlich-humanistischen Denken und Empfinden ausgehen, das teilweise nachvollziehbar sein mag, aber gegenüber Gottes Wort in der Heiligen Schrift nicht ausschlaggebend sein kann, ist der eigentliche und entscheidende Nerv der Auseinandersetzung mit dem vierten Argument angesprochen: Ist die Lehre von der Hölle biblisch oder nicht? Was ist mit »Hölle« gemeint? Was bedeutet das Verständnis von »Hölle« für den Menschen?
Der Begriff »Hölle«
Betrachten wir den deutschen Begriff »Hölle« etwas näher, so sehen wir, daß er ungenau ist. Mit dem deutschen Wort »Hölle« wurden - etwa in Martin Luthers Bibelübersetzung - ganz unterschiedliche hebräische und griechische Begriffe zusammengefaßt. So ist von den biblischen Sprachen her zu unterscheiden (wenn auch nicht immer mit letzter Klarheit zu scheiden) zwischen:
- Abyssos (griech.) als dem »Abgrund«, der »Unterwelt«, insbesondere als »Gefängnis bestrafter Dämonen« (Lk 8,31; Offb 9,1 f.; vgl. EWNT I/1980, Sp. 8 f.); eine ähnliche Bedeutung hat Tartaros (2. Petr 2,4);
- Scheol (hebr.) bzw. Hades (griech.) als dem vorläufigen, zwischenzeitlichen Aufenthaltsort der immateriellen Persönlichkeit (»Seele«) bis zur Auferstehung, und zwar sowohl der Gerechten wie der Ungerechten, die durch eine tiefe Kluft voneinander getrennt sind; der Teil, in dem die Gerechten leben, ist der »Schoß Abrahams« (Lk 16,22) oder das »Paradies« (Lk 23,43; s. u.);
- Gehenna (griech.) als der endgültigen Feuerhölle für die Verlorenen (benannt nach dem aram. »gehinnam“ dem »Tal Hinnom« im Süden Jerusalems, in dem bis zur Zeit Josias Kinderopfer durch Verbrennen dargebracht wurden und das als Stätte des göttlichen Gerichts galt).
Im »Theologischen Begriffslexikon zum Neuen Testament« werden Hades und Gehenna so definiert:
»Für das NT ist die ... gehenna eine präexistente Größe (Mt 25,41), ein feuriger Abgrund (Mt 13,42.50). Sie ist der Ort der endzeitlichen Strafe nach dem jüngsten Gericht, die ewig dauert (Mt 25,41.46; 23,15.33). Es werden Leib und Seele in ihr gerichtet (Mk 9,43..45..47 f; Mt 10,28). Sie ist also zu unterscheiden vom Hades, der in der Zeit vor der Auferstehung die Seelen der Verstorbenen beherbergt« (TBLNT I/1977, S. 713).
Eine fomal ähnliche Unterscheidung nehmen die ZJ vor. So schreibt Rutherford in seinem Buch »Schöpfung«:
»Hades, oft mit Hölle übersetzt, bezeichnet jenen Todeszustand, aus dem eine Auferstehung stattfinden wird. Gehenna jedoch bezeichnet einen Zustand, aus dem keine Auferstehung sein wird« (S. 271).
Diese äußerlich-formal ähnliche Definition kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß bei der WTG inhaltlich etwas völlig anderes gemeint ist als in der traditionellen kirchlichen Auslegung. Die ZJ deuten diese Begriffe (Hades, Gehenna, Hölle, Feuersee etc.) nämlich symbolisch, wie schon oben angeklungen ist. Hades und Gehenna sind somit nach Wachtturm-Aussage keine Orte der zwischenzeitlichen oder endgültigen Qual. Vielmehr bezeichnet »Hades« oder »Scheol« für sie einen Zustand der Bewußtlosigkeit, »Grab, Gruft, Grube oder Tiefe« bis zur etwaigen Auferstehung (je nach der Stellung zu Jehova und seiner Theokratischen Gesellschaft) (vgl. ebd., S. 269). Und »Gehenna« wird gedeutet als »Zustand vollständiger Vernichtung, aus dem es keine Auferweckung oder Auferstehung geben wird« - und der somit auch nichts mit ewiger Qual zu tun hat (ebd., S. 270). So heißt es in der Wachtturm-Schrift »Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben«:
»Das hebräische Wort Zeugen Jehovas Scheol und das griechische Wort Hades bezeichnen eindeutig das Grab. Was ist dann die Gehenna? In den Hebräischen Schriften ist die Gehenna das Tal Hinnom. Hinnom war der Name eines Tales vor den Mauern Jerusalems, wo die Israeliten ihre Kinder im Feuer opferten. Später ließ der gute König Josia das Tal für diesen schrecklichen Brauch ungeeignet machen (2. Könige 23,10). Es wurde zu einer gewaltigen Mülldeponie. Als Jesus auf der Erde lebte, war die Gehenna somit der Müllabladeplatz Jerusalems. Durch die Hinzufügung von Schwefel unterhielt man dort Feuer, um den Abfall zu verbrennen...
Jesus benutzte die Gehenna somit als ein passendes Sinnbild für vollständige und ewige Verrichtung... Seine Zuhörer konnten verstehen, daß diejenigen, die in die Gehenna kämen, ähnlich wie Abfall für immer vernichtet würden... der Feuersee ... hat eine ähnliche Bedeutung wie die Gehenna. Er bedeutet nicht Qual bei Bewußtsein, sondern ewigen Tod und Vernichtung« (S. 85 ff.).
Ist das wirklich so? Wie sind die biblischen Passagen zu interpretieren, in denen die Begriffe »Scheol«, »Hades«, »Gehenna« und »Feuersee« vorkommen? Sind es Symbolbegriffe und symbolische Geschichten (dies behaupten außer den ZJ auch andere Anhänger der »Annihilation« und des »Konditionalismus«, z. B. Fudge 1994; vgl. auch Harris 1961) - oder handeln sie von einer Wirklichkeit jetzt und in zukünftiger Zeit? Ist die Hölle »ein Ort der Ruhe - der Hoffnung«, wie die Wachtturm-Schrift »Gott bleibt wahrhaftig« (S. 73) ein Kapitel überschreibt - oder ist sie ein Ort des »Heulens und Zähneklapperns«, wie es Jesus mehrmals formuliert (s. u.)?
Zunächst ist festzustellen, daß die Begriffe »scheol« und »hades« nicht das Grab, sondern die Unterwelt als Aufenthaltsort der Toten, das Totenreich bezeichnen (THAT II/1984, Sp. 837ff.; Bauer 1974 Sp. 32 f.; EWNT I/1980, Sp. 72 f.; ThWAT VII/1993, Sp. 901 ff.). Der gewöhnliche Begriff für »Grab« hingegen ist im Hebräischen »qeber“ ; im Griechischen »taphos« oder »mnemeion«. Die Scheol unterscheidet sich u. a. dadurch vom Grab, daß sie sich in sehr großer »Tiefe« befindet (5. Mose 32,22; Hiob 11,8; 26,5; Jes 14,15), durch »Tore« verschlossen ist (Ps 9,14; Jes 38,10; vgl. Mt 16,18) und daß man in sie »hinabsteigen« oder »hinabfahren« kann (1. Mose 37,35; 4. Mose 16,23; Hiob 7,9; Ps 9,18), während man in das Grab hineingelegt wird. In der Scheol herrscht zwar Weltvergessenheit (Hiob 14,21; Pred 9,5 ff.), aber nicht Bewußtlosigkeit, sondern Wahrnehmungsfähigkeit und Aktivität. Entsprechende Bibelstellen (z. B. Jes 14,9-17; Hes 31 f.; Hiob 14,18-22; 26,5; vgl. Lk 16,19-31) mögen zwar bildhafte Elemente im Blick auf Detailschilderungen enthalten, aber die Berichte als Ganze weisen m. E. doch deutlich auf eine Existenz nach dem Tode hin (gegen Harris 1961). Gegenüber alttestamentlicher Zeit hat der Begriff »scheol/hades« im Neuen Testament eine Sinnerweiterung erfahren: »... über die alte Verwendung als Bezeichnung der gesamten Totenwelt hinaus kann das Wort den zwischenzeitlichen Aufenthaltsort entweder aller Toten oder der Seelen der Gottlosen meinen« (THAT II/1984, Sp. 841).
Im Unterschied hierzu bezeichnet »gehenna« den endgültigen Bestimmungsort der Verdammten, die ewige Feuerhölle. Die damit verbundene Realität wird im Neuen Testament folgendermaßen gekennzeichnet:
- Heulen und Zähneklappern (Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,10)
- Finsternis (Mt 22,13; 2. Petr 2,4.17; Jud 6)
- Feuer (Mt 3,10; 13,40; Joh 15,6)
- ewiges Feuer (Mt 18,8; 25,41; Mk 9,43)
- Feuer und Schwefel (Offb 14,9 ff.)
- Feuersee (Offb 20,14 f.)
- Feuer- und Schwefelsee (Offb 20,10; 21,8)
- feuriger Pfuhl (Offb 19,20; 20,15)
- Feuerofen (Mt 13,41 f. 50)
- Strafe ewigen Feuers (Jud 7)
- unauslöschliches Feuer (Mk 9,43-48; Lk 3,17)
- nicht sterbender Wurm (Mk 9,48; vgl. Jes 66,24)
- Qual (Offb 14,11; vgl. Lk 16,23 ff.)
Selbst wenn man davon ausgeht, daß diese Charakterisierungen ganz oder teilweise bildlich gemeint sein sollten, so sind doch entsetzliche Wirklichkeiten erkennbar: Gottesferne, Finsternis und quälende Schmerzen. Die drastischen Hinweise auf quälende Schmerzen in der Gehenna lassen sich m. E. nicht mit einer Auslöschung oder Vernichtung der Existenz vereinbaren, wie Vertreter der Annihilations-Theorie behaupten. Würde der Mensch bei seinem irdischen Tod wirklich ausgelöscht, dann wäre der Hinweis auf das »ewige« oder »unauslöschliche Feuer« (to pyr to asbeston), den »nicht sterbenden Wurm« (ho skolex ou teleuta) und die damit verbundene Qual überflüssig, ja unverständlich. Nirgends in der Heiligen Schrift findet sich ein klarer Beleg dafür, daß dieses »Feuer« ein einmaliger Vernichtungsakt sei, welcher die Existenz des Menschen beende, sondern es wird im Gegenteil seine ewige Dauer (aionios; s. u.) betont. Faßt man die Charakterisierungen oder Umschreibungen für das ewige Schicksal der Verdammten zusammen, so kann man also keinesfalls von der Hölle als einem »Ort der Ruhe und der Hoffnung« sprechen, wie die WTG das tut. Wenn von »Hölle« als dem ewigen Schicksal der Verdammten in der Bibel die Rede ist, so werden hierfür durchgehend Begriffe gebraucht, die ein Schaudern und Erschrecken hervorrufen. Die Gehenna ist nicht unwirklich, irdisch, zeitlich, leer, das Fegefeuer, die Vernichtung oder der Zustand zwischen Wiederverkörperungen, wie von unterschiedlichen Lehrrichtungen behauptet wird. Sie ist vielmehr der Ort ewiger Bestrafung, Qual und Gottesferne (vgl. Kreeft/Taelli 1994, S. 280 ff.; gegen Fudge 1994 u. a.).
»Der zweite Tod«
Die WTG argumentiert unter Berufung auf Offb 20,14 folgendermaßen:
» ... der Feuersee bedeutet den zweiten Tod, den Tod, aus dem es keine Auferstehung gibt. Offensichtlich ist dieser Feuersee symbolisch, denn Tod und Hölle (Hades) werden dort hineingeworfen. Tod und Hölle können nicht buchstäblich verbrannt werden. Sie können und werden jedoch beseitigt oder vernichtet werden« (Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben, S. 87).
Ähnlich weist E. W. Fudge darauf hin, daß »der Tod und sein Reich« in den Feuersee geworfen werden: »Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl« (Offb 20,14). Fudge schreibt:
»Traditionalistische Autoren lesen die Gleichung immer in die andere Richtung, als ob es heißen würde, der zweite Tod (der unbestimmt, sei) sei der Feuersee (der eindeutig sei). Tatsächlich jedoch sagt Johannes: Der Feuersee (sein Symbol) ist der zweite Tod (eine eindeutigere Wirklichkeit)« (Fudge 1994, S. 194; Übersetzung: L. G.).
Diese Folgerung - so antworte ich - könnte nur dann einleuchten, wenn der Feuersee an den anderen Stellen auch im Sinne von »Vernichtung« verstanden werden könnte. Dies ist aber weder im näheren noch im weiteren Kontext dieser Stelle der Fall (vgl. z. B. Offb 20,10, wo von der ewigen Qual des Teufels, des »Tieres« und des »falschen Propheten« die Rede ist): So ist »der zweite Tod« unausweichlich von der Realität der Gehenna und des Feuersees her zu interpretieren - und nicht umgekehrt. Auch die Tatsache, daß »der Tod und sein Reich« in den feurigen Pfuhl geworfen werden, spricht nicht gegen die Realität der Gehenna. Vielmehr kommt durch diese Formulierung der Übergang vom Totenreich (Scheol, Hades) als Zwischenzustand (vgl. den Kontext in Offb 20,12 f.) zur endgültigen Stufe der ewigen Verdammnis zum Ausdruck. Die Scheol wird aufgelöst - und das heißt: alle, die in ihr sind, werden ihrer endgültigen Bestimmung preisgegeben.
»Aionios«
Nun behauptet die WTG, daß »ewig« (aionios) nicht einen unaufhörlichen Zustand der Qual, sondern die Folge eines einmaligen Aktes der Auslöschung bezeichne: das niemals endende Vernichtetsein (s.o.). Diese Argumentation stimmt nicht mit dem neutestamentlichen Gebrauch des Begriffes »aionios« überein, der eine unaufhörliche Dauer zum Ausdruck bringt (vgl. Bauer 1974 Sp. 55f.)
Ferner läßt sich darauf antworten, daß das gleiche griechische Wort „aionios“, welches im Neuen Testament für die »ewige Verdammnis« gebraucht wird,- auch auf Gott und seine Segnungen Anwendung findet. Rene Pache hat errechnet, daß das Neue Testament „aionios“ »vierundsechzigmal auf himmlische und selige Wirklichkeiten der anderen Welt« anwendet: »der ewige Gott, Seine ewige Macht, der ewige Geist, das ewige Leben, das ewige Evangelium, das ewige Reich, das ewige Heil, die ewige Erlösung, der ewige Bund, das ewige Erbe, die ewige Herrlichkeit, der ewige Trost, die ewigen Hütten, die ewigen Zeiten, die ewigen unsichtbaren Dinge«. Siebenmal findet es Anwendung auf Kennzeichen der Verdammnis: Mt 18,8; 25,41; Jud 7: das ewige Feuer; Mt 25,46: die ewige Pein; Mk 3,29; Hebr 6,2: das ewige Gericht; 2. Thess 1,9: das ewige Verderben. Bei den Kennzeichnungen Gottes und der Eigenschaften der Seligkeit steht außer Frage, daß „aionios“ »ewig« im Sinne einer Dauer ohne Ende meint; nicht nur eine andere »Daseinsqualität« (gegen Fudge 1994, S. 11 ff.). Pache fragt zu Recht: »Wie kann ein Wort, das vierundsechzigmal ewig bedeutet, sieben andere Male einen anderen Sinn haben?« (Pache 1973, S. 163 f.).Wenn die Bibel somit von einer ewigen Qual der Dämonen und gottlosen Menschen spricht, folgt daraus, daß sie nicht einfach vernichtet werden.
»Apoleia«
Von den ZJ wird nun immer wieder das im Neuen Testament gebrauchte Wort »apoleia« ins Feld geführt, das angeblich »Vernichtung« bedeuten soll. So heißt es im »Wachtturm« vom 1.7.1982 unter der Überschrift »Die große Drangsal überleben oder vernichtet werden«:
»Lexika zur griechischen Sprache geben dem Wort apoleia die Bedeutung von Ausrottung, ewige Vernichtung (Arndt & Gingrich) oder ein definitives Scheitern, nicht einfach das Erlöschen der physischen Existenz (Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament).«
Das letzte Zitat besagt allerdings vom Zusammenhang her gerade das Gegenteil von dem, was die WTG damit belegen möchte, denn unverkürzt lautet es so:
»Apollusthai ist nun [sc. im Neuen Testament] im Gegensatz zum sozesthai oder zur zoe aionios ein definitives Scheitern, nicht einfach das Erlöschen der physischen Existenz, sondern das ewige Versinken im Hades, ein hoffnungsloses Todesgeschick ... Einfaches Erlöschen der Existenz ist auch hier nicht gemeint ... sondern ein nicht endender qualvoller Todeszustand« (ThWNT I, S. 395 f.).
Vom biblischen Befund her ist nämlich festzustellen, daß „apollymi“, »apoleia« und die wurzelverwandten Formen eine ganze Reihe von Bedeutungen haben können: »verlieren« (Mt 10,6.39; 15,24; 16,25; 18,11.14; Lk 15,4.6.8.9.24.32 u. a.); »verderben« (Mt 7,13; 9,17; 10,28; 2. Petr 2,1; Offb 17,8.11 u. a.); »verschwenden« (Mt 26,8; Mk 14,4); »umbringen« (Mt 2,13; 12,14; 21,41 u. a.); »umkommen« (Mt 5,29 f.; 26,52 u. a.). Apoleia hat somit nicht in erster Linie die Bedeutung von »vernichten«, sondern von »verloren gehen«, von »Untergang«. Apoleia ist »nicht der Verlust der Existenz, sondern das Ende einer wohlbefindlichen Existenz« (Ronsdorf 1992, S. 150).
Fragen
Die WTG und andere Annihilationisten sind zu fragen: Wenn es keine Weiterexistenz des Menschen unmittelbar nach dem Tode geben soll, sondern die Ungerechten vernichtet werden und die Gerechten noch auf ihre Neuerschaffung warten, wie lassen sich dann folgende biblische Berichte erklären?
- Bei der Verklärung (Mt 17,1-8 parr.) erschienen Jesus und drei Jüngern die alttestamentlichen Gestalten Mose und Elia. Wie hätten sie diesen erscheinen können, wenn sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr (oder noch nicht) existiert hätten?
- Wie könnte Paulus sagen, er wünsche sich »abzuscheiden und bei Christus zu sein« (Phil 1,23) und »nicht entkleidet, sondern überkleidet (verwandelt)« (2. Kor 5,4) zu werden, wenn sich nicht unmittelbar an den irdischen Tod eine Weiterexistenz anschließt?
- Wie könnten die getöteten Zeugen Jesu Christi unter dem himmlischen Altar Gott um sein Eingreifen bitten und wie könnte ihnen geantwortet werden, sie sollten »noch eine kurze Zeit abwarten, bis auch ihre Mitknechte und Brüder vollendet sind« (Offb 6,9-11), wenn es keine Existenz zwischen irdischem Tod und jüngstem Gericht geben sollte.
- Wie könnte Jesus dem Verbrecher am Kreuz zurufen: »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein« (Lk 23, 43) - und wie könnte er in Lk 16,19-31 den nachtodlichen Zustand beschreiben, wenn es alles das gar nicht wirklich gäbe (s. u.)?
Im folgenden gehe ich auf die beiden letztgenannten und andere Bibelstellen, die für das Gespräch mit den ZJ von besonderem Gewicht sind, etwas ausführlicher ein. Zuvor fasse ich die Position der WTG noch einmal in wenigen Sätzen zusammen. Die ZJ sagen: Es gibt keinen Ort ewiger Qual. Der Mensch ist nach dem Tod bewußtlos. Die Seele lebt nach dem Tod nicht weiter. Rutherford etwa schreibt in seinem Buch »Schöpfung«:
»Wenn nun der Schriftbeweis die Tatsache feststellt, daß ein Toter weder Kenntnis noch Weisheit hat, daß er kein Gedächtnis besitzt, daß er nichts denken kann, und daß er sich in einem Zustand des Schweigens befindet, so wird damit die von der Geistlichkeit gegebene Antwort, daß die Toten sich entweder in irgendeinem qualvollen oder in irgendeinem glückseligen Zustand befinden, durchaus widerlegt« (S. 260).
Alttestamentliche „Belege“
Rutherford beruft sich dabei vor allem auf Bibelstellen aus dem Alten Testament, insbesondere aus den Psalmen und dem Buch Prediger, die von der Vergänglichkeit des Menschen und seiner abgebrochenen Beziehung zu Gott und der Schöpfung im Zustand des Todes handeln (z. B. Ps 6,5; 49,14; 115,7; Pred 3,18-22; 9,3-10). Liest man solche Stellen isoliert und beachtet nicht den heilsgeschichtlichen Ort, an dem sie stehen, dann kann man tatsächlich zu so einseitigen Ergebnissen wie Rutherford und seine Nachfolger gelangen. Aber gerade eine solche Bibelexegese, die Stellen aus ihrem heilsgeschichtlichen und gesamtbiblischen Zusammenhang herausreißt und das Fortschreiten vom Alten zum Neuen Bund übersieht, kennzeichnet ja das Bibelverständnis der WTG. Welches ist nun der heilsgeschichtliche Ort von Prediger (Kohelet)? Es ist der Erkenntnisstand des Menschen zu alttestamentlicher Zeit vor der Auferstehung Jesu Christi. Die Gewißheit des ewigen Lebens und der Auferstehung ist hier - wie im Alten Testament überhaupt - noch nicht so deutlich offenbart wie im Neuen Bund. Auch wenn eine Weiterexistenz nach dem Tode immer wieder an einzelnen Stellen des Alten Testaments (z. B. Ps 88,11; 139,8; Jes 26,19; Hes 37; Dan 12,1; Hi 19,25 ff.) anklingt, so ist völlige Gewißheit erst durch die Auferstehung Jesu Christi und die dadurch erfolgte Grundlegung für eine allgemeine Totenauferstehung gegeben. Im Alten Testament steht hingegen an vielen Stellen die Angst vor dem drohenden Gericht und vor der Vergänglichkeit des irdischen Lebens im Vordergrund, so auch bei Kohelet.
Kohelet ist »noch stark diesseitsorientiert« und hat »keine Gewißheit über die Auferstehung zum Leben« (Stoll 1993, S. 34). Er rechnet aber damit, »daß mit dem Tod eben nicht alles aus ist« (3,17; 12,7), daß es »ein Gericht« gibt. In Pred 3,18 ff. redet z. B. »der Mensch ohne Gott, der sich nur für sich selbst (V. 18) betrachtet und im Vergleich mit dem Vieh zu der Einsicht kommt und kommen muß, letztlich gebe es bis in den Tod hinein keinen Unterschied«. Die Linie führt aber »konsequenterweise von hier weiter zum Todesüberwinder Jesus Christus« (ebd., S. 76 f.). Ähnliches gilt für Pred 9,3 ff.:
»Die Lokalisierung unter der Sonne gibt erneut zu erkennen, daß Kohelet mit seinen Beobachtungen die nüchterne Wirklichkeit eines Lebens an Gottes Bestimmung vorbei beschreibt« (ebd., S. 139).
Wenn sich die ZJ also auf solche Stellen stützen, dann übersehen sie, daß sich diese wie Anfragen verhalten, die in Jesus Christus ihre Beantwortung und Erfüllung erfahren haben. Wenn Pred 3,21 etwa fragt: „Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre?«, dann gibt die neutestamentliche Stelle 2. Kor 5,1 darauf die Antwort: »Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.« Zwei wesentliche neutestamentliche Stellen zu diesem Thema wollen wir daher noch etwas ausführlicher betrachten: Lk 16,19-31 und Lk 23,43.
Lukas 16,19-31
Lukas 16,19-31 enthält das sogenannte Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus. In der Wachtturm-Schrift »Die Wahrheit, die zum ewigen Leben führt« wird mit Nachdruck betont, daß es sich hier um ein Gleichnis und um nichts anderes handelt. Jeder Gedanke an einen buchstäblichen Ort der Qual soll ausgeschlossen werden. In rationalistischer Weise wird gefragt:
»Ist es vernünftig oder biblisch, zu glauben, ein Mensch müsse Qualen leiden, nur weil er reich ist, schöne Kleider trägt und genug zu essen hat? Ist es biblisch, zu glauben, daß ein Mensch mit himmlischem Leben gesegnet wird, nur weil er ein Bettler ist? Man überlege ferner: Ist die Hölle buchstäblich nur so weit vom Himmel entfernt, daß jemand, der in der Hölle ist, mit jemandem, der im Himmel ist, sprechen könnte? Hätte sich der Reiche in einem buchstäblichen Feuersee befunden, wie hätte dann Abraham Lazarus hinsenden können, um mit nur einem Tropfen Wasser an seiner Fingerspitze die Zunge des Reichen zu kühlen? « (S. 42 f.).
Aus all diesen Gründen könne es sich nicht um einen Bericht buchstäblicher Vorgänge handeln. Was aber wollte Jesus dann damit sagen? Die WTG deutet die Erzählung allegorisch:
»In diesem Gleichnis versinnbildete der Reiche die Klasse der religiösen Führer, die Jesus verwarfen und später dafür sorgten, daß er getötet wurde. Lazarus veranschaulichte das einfache Volk, das den Sohn Gottes annahm« (S. 43)
Hier werden die Einzelpersonen zu ganzen Volksgruppen ausgeweitet. Auch die Qual, von der die Erzählung spricht, wird umgedeutet. Sie bezieht sich nicht mehr auf das Dasein nach dem Tod (Lk 16,22), sondern auf das irdische Schicksal der religiösen Führer kurz nach dem Pfingstereignis: »Da sie verstoßen waren, litten sie Pein, als die Nachfolger Christi nach Pfingsten kraftvoll ihre bösen Werke bloßstellten« (S. 43).
Daß diese Deutung nicht überzeugend ist, wird einerseits durch die Tatsache bewiesen, daß der Bibeltext selber keinen Anhaltspunkt für eine solche rein zeitgeschichtliche Interpretation liefert, andererseits dadurch, daß die WTG in ihrer Geschichte mindestens fünf verschiedene Auslegungen von Lk 16,19-31 vorgelegt hat. Ich fasse die wesentlichen -Deutungsversuche zusammen:
- Charles Taze Russell als glühender Zionist bezog die Figur des reichen Mannes - mit eher positivem Beiklang - auf Israel. Die »jüdische Nation« werde »noch gequält«: »Israel ist sicherlich der Vergessenheit verfallen; als Nation ist es tot, aber die unter alle Völker zerstreuten Kinder Israel leben weiter, und sie haben seit ihrer Verwerfung des Messias fortwährend Qual gelitten und werden weiter leiden müssen« (Schriftstudien, Bd. 5, Ausgabe 1926, S. 361)
- Joseph Franklin Rutherford, der 1931 offiziell die »ZJ« als das »neue Heilsvolk« an die Stelle Israels setzen wollte (Substitution), bezog die Figur des reichen Mannes ebenfalls auf Israel, gab diesem aber eine sehr negative Färbung: Der Reiche verkörpere das jüdische Volk, das von Gott sehr begünstigt worden war, Lazarus aber verkörpere die Nichtjuden. »Gott hat durch Christus die Juden verworfen und ihnen damit seine Gunst gänzlich entzogen. Darauf wurden zur bestimmten Zeit die Nationen oder Nichtjuden in Gottes Gunst versetzt« (Versöhnung, S. 173).
- In dem 1942 herausgegebenen Buch »Die Neue Welt« wird Lazarus mit der frommen »Hiob-Klasse« (= ZJ), der Reiche mit deren Gegnern gleichgesetzt. Die durch den Reichen repräsentierte »Klasse«, welche die »Theokratie« bekämpft, werde »gequält durch die feurige Botschaft vom Gericht des Herrn« (S. 360 ff.).
- Eine darauf aufbauende Deutung findet sich in dem 1946 erschienenen Buch »Gott bleibt wahrhaftig«. Dort heißt es, daß es sich beim »Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus« um eine »Prophezeiung« handle, die sich »seit dem Jahre 1918 n. Chr. erfüllt«: Sie beziehe sich »auf zwei Klassen, die heute auf Erden bestehen. Der reiche Mann stellt die gar selbstsüchtige Klasse der Geistlichkeit der Christenheit dar, die nun von Gott entfremdet und seiner Gunst abgestorben ist und durch die Verkündigung der Wahrheit gequält wird. Lazarus stellt den Überrest des Leibes Christi und auch die Klasse der Menschen guten Willens dar. Wenn diese der Religion den Rücken kehren, empfangen sie Gottes Gunst und Trost aus seinem Worte« (S. 85).
Eine fünfte, wieder zurück auf die Zeit Jesu gerichtete Deutung (aus dem Jahr 1968) haben wir bereits oben kennengelernt. Dietrich Hellmund (1971, o. S.) spricht in seiner Dissertation im Blick auf diese Vielzahl von sehr unterschiedlichen Deutungsversuchen von einem »ungelösten Dauerproblem« der ZJ. Russells Zugeständnis war noch am ehrlichsten: »Hier haben wir die einzige Stelle der Heiligen Schrift, die die Möglichkeit des Denkens und Fühlens, der Qual oder der Freude im Hades oder Scheol andeutet« (Schriftstudien, Bd. 5, Ausgabe 1926, S. 361). Wie wir gesehen haben, ist Lk 16,19-31 allerdings keineswegs die einzige Stelle, welche dies belegt.
Wie ist nun Lk 16,19-31 wirklich auszulegen? Das ist eine schwierige Frage auch in der theologischen Forschung. Dennoch lassen sich m. E. einige grundlegende Aussagen hierzu machen.
Zunächst ist nicht restlos klar, ob es sich wirklich um ein Gleichnis handelt. Zu den (sonstigen) Gleichnissen Jesu gibt es nämlich mindestens einen auffallenden Unterschied: die Nennung eines Eigennamens (»Lazarus«), was sonst in Gleichnissen Jesu niemals vorkommt. Verschiedene Kirchenväter waren deshalb der Ansicht, daß hier nicht ein Gleichnis vorliegt, sondern daß Jesus auf ein wirkliches Ereignis in Israel Bezug nimmt. So schrieb Tertullian (De anima 7):
»Was sollte dort der Name Lazarus, wenn es nicht ein wirkliches Ereignis wäre? Aber selbst wenn es ein Bildwort wäre, das Glauben verlangt, wäre es ein Zeugnis der Wahrheit.«
Auch der bedeutende Bibelgelehrte Theodor Zahn weist auf die Namensgebung in Lk 16,19-31 hin, die »ohne Beispiel in sämtlichen uns überlieferten Parabeln Jesu im engeren und weiteren Sinn dieses Titels« ist. Zahn zieht die erwähnte Deutung der Kirchenväter in Betracht, hält aber die Möglichkeit für wahrscheinlicher, daß es sich dennoch um ein Gleichnis handelt und »Jesus gerade diesen Namen mit Rücksicht auf seine Wortbedeutung gewählt habe« (»Lazarus« ist wahrscheinlich eine Abkürzung von »Eleazar« = »Gott hilft«, »Gott hat geholfen«) (Zahn 1920, S. 583f.).
Selbst falls es sich somit um ein Gleichnis handeln sollte (was heute die überwiegende Zahl der Ausleger annimmt), so ist es dennoch nicht willkürlich in der Weise allegorisch zu deuten, wie die WTG es tut. Vielmehr ist ernstzunehmen, daß Jesus an geläufige Vorstellungen aus der Tradition und Umwelt seiner Hörer anknüpft, um geistliche Wahrheiten zu demonstrieren. Konkret: Er gebraucht die Jenseits-Vorstellungen vom Scheol aus alttestamentlich-jüdischer Tradition, um die Notwendigkeit einer rechtzeitigen Umkehr zu Gott bei Lebzeiten zu illustrieren. Auch wenn der Zielpunkt (Skopus) der Erzählung somit nicht auf der Jenseitslehre liegt, so ist diese doch nicht unwesentlich, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt. Und selbst wenn es sich bei den Einzelheiten wie »Flamme«, »Zunge« und der tiefen »Kluft« um bildhafte Vorstellungshilfen aus dem irdischen Bereich für unsichtbare geistliche Tatsachen der jenseitigen Welt handeln sollte, so sind diese geistlichen Wirklichkeiten als solche doch existent.
Die Geschichte von dem reichen Mann und dem armen Lazarus benutzt wie der Rest der Gleichnisse Jesu »eine wirkliche Situation, um geistliche Dinge zu illustrieren«. Menschen müssen »wirklich eine bewußte Existenz nach dem Tod besitzen, und einige von ihnen müssen wirklich in Qualen sein und ihr vergangenes Leben zutiefst bedauern«. Ungeachtet dessen, was das Gleichnis illustriert, muß die ihr zugrunde liegende Geschichte (wie die anderen Geschichten, die Jesus erzählte) »vom wirklichen Leben genommen sein« (Reed 1994, S. 64; Übersetzung: L. G.). Betrachten wir z. B. die Gleichnisse vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Sohn (Lk 15,4 ff.) usw.: Überall sind wirkliche Situationen aufgegriffen, die vielleicht nicht genau so geschehen sein mögen, die aber jederzeit so geschehen könnten. Sie sind also aus dem alltäglichen Leben gegriffen, um geistliche Wahrheiten zu illustrieren. Und ebenso stützt sich Jesus in seiner Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus - um es paradox zu formulieren - auf »das wirkliche Leben nach dem Tod«, wie es ihm als Sohn Gottes bekannt ist und vor Augen steht, und veranschaulicht es durch Bilder, welche er dem irdischen Leben entnimmt.
Lukas 23,43
Weil Jesus das Leben nach dem Tode kennt, kann er auch am Kreuz dem mit ihm hingerichteten bußfertigen Verbrecher zurufen: »Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein« (Lk 23,43). Da die ZJ eine Weiterexistenz unmittelbar nach dem Tode leugnen, bemühen sie sich, auch diesen Vers anders zu deuten. Für sie ist es unvorstellbar, daß Jesus zu dem Verbrecher sagte: »Heute (also am gleichen Tag) wirst du mit mir im Paradiese (im Zwischenzustand der Seligen) sein.« Die Neue-Welt-Übersetzung gibt diese Stelle daher so wieder: »Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradiese sein.«
Also nicht am gleichen Tag wird der Verbrecher mit Jesus in das Paradies (den Zwischenzustand der Seligen) gelangen, sondern irgendwann einmal - nach seiner Neuerschaffung - ewig im »Paradies auf Erden« leben (vgl. Eschtologie; Auferstehung). Wie wird diese Übersetzung begründet? Im Bibellexikon der WTG heißt es:
»Die Interpunktion bei der Wiedergabe dieser Worte hängt zwangsläufig davon ab, wie der Übersetzer den Ausspruch Jesu auffaßt. Der griechische Urtext weist keine Satzzeichen auf, denn die heutige Zeichensetzung kam erst im 9. Jahrhundert u. Z. auf. In vielen Übersetzungen steht vor dem Wort heute ein Komma, so daß man den Eindruck gewinnt, der Übeltäter sei noch am gleichen Tag ins Paradies gekommen, wofür aber in der Bibel keine Stütze zu finden ist. Jesus selbst war tot und im Grab, bis er am dritten Tag als Erstling derer, die auferstehen, auferweckt wurde ... Alles deutet deshalb darauf hin, daß Jesus mit dem Wort heute nicht sagen wollte, wann der Übeltäter im Paradies sein würde, sondern die Aufmerksamkeit auf die Zeit lenken wollte, zu der die Verheißung gemacht wurde und der Übeltäter einen gewissen Glauben an ihn bewiesen hatte. Es war der Tag, an dem Jesus von den höchsten geistlichen Führern seines Volkes verworfen, dann zum Tod verurteilt und den Römern zur Hinrichtung ausgeliefert worden war« S. 1.135).
Durchaus richtig wird im Bibellexikon der ZJ darauf hingewiesen, daß der griechische Urtext keine Satzzeichen enthält und die (nachträgliche) Interpunktion von der Auffassung des Übersetzers abhängt. Freilich kann diese Interpunktion nicht willkürlich sein, sondern sie muß sich aus dem unmittelbaren und gesamtbiblischen Textzusammenhang ergeben. Es sind also zwei Fragen zu stellen: Was wollte Jesus an dieser Stelle zu dem Verbrecher sagen? Und: Wie wird an sprachlich parallelen oder ähnlichen Stellen die Zeichensetzung vorgenommen?
Zur ersten Frage: Was wollte Jesus sagen? Wollte der Evangelist wirklich die Betonung darauf legen, daß Jesus dem Verbrecher am Tag ihres gemeinsamen Sterbens ein Leben im Paradies in ferner Zeit zuspricht? Oder wollte er das sofortige Eingehen in den Zustand der Seligen hervorheben?
Aus dem Textzusammenhang ergibt sich zweifellos das letztere. Denn vorher sagte der Verbrecher zu Jesus: »Denke an mich, wenn du in dein Königreich kommst!« (Lk 23,42). Der Glaube an das in der Endzeit aufgerichtete Königreich Gottes war im Judentum sehr verbreitet. Demgegenüber betont Jesus in unvergleichlicher Vollmacht: »Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein« - zwar noch nicht im ewigen Königreich, aber doch im Zwischenzustand der Seligen zwischen irdischem Tod und jüngstem Tag. Jesus spricht hier »nach der Weise der Rabbinen seiner Zeit von dem Zustand, in welchen die Seelen der Frommen im Augenblick des Sterbens eintreten, als einem Weilen im Paradiese, dem Gan-Eden (Gen 2, 8 ff.), ohne damit diejenige Seligkeit und Herrlichkeit vorwegzunehmen, welche erst im zukünftigen Gottesreich der vom Tode auferstandenen Frommen wartet« (Zahn 1920, S. 703 f.).
Diese Deutung wird unterstützt durch die inhaltlich ähnliche Stelle Joh 11,23-26. Auch Maria spricht Jesus gegenüber von der »Auferstehung am jüngsten Tag«, die dem Judentum wohl vertraut war. Dem stellt Jesus das Neue gegenüber: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.« Entgegen der geläufigen endzeitlichen Erwartung betont Jesus das »Hier und jetzt«, das ewige Leben, das unverlierbar ist und mit seinem Kommen den Gläubigen geschenkt wird.
Weiter gestützt wird diese Deutung - und wir kommen hier zur Beantwortung der zweiten oben gestellten Frage - durch den gesamtbiblischen Kontext der Stelle, insbesondere den sonstigen Gebrauch des griechischen Wortes »semeron« (»heute«). Gerade im Lukas-Evangelium findet sich ein charakteristischer Gebrauch dieses Wortes. Und zwar wird es immer wieder betont vorangestellt, um die Gegenwart des Heils und des Heilandes zu betonen:
»Heute ist euch der Heiland geboren« (Lk 2,11). »Heute ist dieses Wort der Schrift vor euren Ohren erfüllt« (Lk 4,21). »Heute haben wir Ungeheuerliches gesehen« (Lk 5,26). »Heute muß ich in deinem Haus einkehren« (Lk 19,5). »Heute ist diesem Hause Heil widerfahren« (Lk 19,9).
Organisch fügt sich in diese Kette der Satz: »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein« (Lk 23,43). Vor allem aber aus der Wendung »wahrlich, ich sage dir“, die Jesus häufig benutzt, ergibt sich, daß das »heute« zur zweiten Satzhälfte gehören muß: »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« Denn an keiner der über 70 Stellen im Neuen Testament, wo das »wahrlich, ich sage dir« (oder »wahrlich, wahrlich, ich sage dir«) begegnet, ist ein »heute« hinzugesetzt - und demzufolge mit größter Wahrscheinlichkeit auch nicht in Lk 23,43.
Literaturhinweise
L. Gassmann; Kleines Zeugen Jehovas Handbuch; MABO PROMOTION (Oktober 20061)
Einzelhinweise und Quellen
Anmerkungen