Kant-Impuls

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Einen wesentlichen Schritt auf die geistige Welt zu bedeutet für Steiner das Eindringen in das Reich der Philosophie, das im Jahre 1875 für den Vierzehnjährigen mit der Lektüre von Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" beginnt. Betrachtet man Steiners späteres Lehrsystem und die Äußerungen über die frühe Kant-Lektüre in seinem "Lebensgang", so wird deutlich, daß er Kant in Anknüpfung und Widerspruch zugleich rezipiert. Die Anknüpfung liegt in der anthropozentrischen Ausrichtung von Kants Erkenntnistheorie, der Widerspruch tut sich auf, wo Kant von den Grenzen der Erkenntnis spricht.

Die revolutionäre Ansicht, die Kants Erkenntnistheorie kennzeichnet, lautet: Unsere Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegen-ständen, sondern die Gegenstände richten sich nach unserer Erkenntnis. Der Mensch ist der Gesetzgeber der Natur. Unser Verstand verknüpft die uns begegnenden Erscheinungen nach den in ihm liegenden Normen oder Kategorien und schafft damit die gesetzmäßige Ordnung der Natur. Dieser Anthropozentrismus in der Erkenntnistheorie steht in formaler Parallele zum Heliozentrismus im kopernikanischen Weltbild: Die Erde dreht sich um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde. Es gibt für Kant allerdings Grenzen der Erkenntnis, etwa im Blick auf das Dasein eines höchsten Wesens und der jenseitigen Welt. So betont Kant:

"Denn alle synthetischen Grundsätze des Verstandes sind von immanentem Gebrauch; zu der Erkenntnis eines höchsten Wesens aber wird ein transzendenter Gebrauch derselben erfordert, wozu unser Verstand gar nicht ausgerüstet ist. Soll das empirischgültige Gesetz der Kausalität zu dem Urwesen führen, so müßte dieses in die Kette der Gegenstände der Erfahrung mitgehören; alsdann wäre es aber, wie alle Erscheinungen, selbst wiederum bedingt ... Man sieht also hieraus wohl, daß transzendentale Fragen nur transzendentale Antworten, d.i. aus lauter Begriffen a priori ohne die mindeste empirische Beimischung, erlauben ... Das höchste Wesen bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff, welcher die ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönet, dessen objektive Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden kann ... " (Kant 1985, 668ff.).

Den anthropozentrischen, bei der Vernunft des Menschen anknüpfenden Ansatz kann Steiner durchaus übernehmen. So schreibt er:

"Ich strebte auf meine knabenhafte Art danach, zu verstehen, was menschliche Vernunft für einen wirklichen Einblick in das Wesen der Dinge zu leisten vermag" (636, 29).

Größer jedoch ist der - spätere - Widerspruch zu Kant, den Steiner - seinerseits an Goethe anknüpfend - zum Ausdruck bringt:

"Kant verneinte die Möglichkeit, über die Wirklichkeit der Ideenwelt aus deren Verhältnis zur Sinneswahrnehmung etwas wissen zu können. Aus dieser Voraussetzung heraus ergab sich für ihn als wissenschaftliches Ergebnis dasjenige, was, ihm unbewußt, von seiner religiösen Empfindungsrichtung gefordert wurde: daß das wissenschaftliche Erkennen Halt machen müsse vor solchen Fragen, welche die Freiheit, die Unsterblichkeit, die göttliche Weltordnung betreffen. Ihm ergab sich, daß das menschliche Erkennen nur bis an die Grenzen gehen könne, die den Sinnesbereich umschließen, und daß für alles, was darüber hinausliegt, nur ein Glaube möglich sei. Er wollte das Wissen eingrenzen, um für den Glauben Platz zu erhalten. Im Sinne der Goetheschen Weltanschauung liegt es, das Wissen erst dadurch mit einer festen Grundlage zu versehen, daß die Ideenwelt in ihrem Wesen an der Natur geschaut wird, um dann in der befestigten Ideenwelt zu einer über die Sinneswelt hinausliegenden Erfahrung zu schreiten" (625, 44).

Im "Lebensgang" bezeichnet Steiner es als "unerträglich", an Erkenntnisgrenzen stehen zu bleiben:

"Ein 'Stoff`, der außerhalb des Denkens liegen bleibt, über den bloß 'nachgedacht` wird, war mir ein unerträglicher Gedanke. Was in den Dingen ist, das muß in die Gedanken des Menschen herein, das sagte ich mir immer wieder. An dieser Empfindung stieß aber auch immer wieder das an, was ich bei Kant las ... Ich verhielt mich zu Kant damals ganz unkritisch; aber ich kam durch ihn nicht weiter" (636, 31).

Ähnlich bemerkt der Steiner-Schüler Friedrich Rittelmeyer einmal im Blick auf Kant:

"Im Denken üben konnte er, im wesenhaften Wissen fördern kaum ... wenn ich in dieser Weise denke, fühle ich förmlich, wie ich dabei verkalke ... Man gewinnt ein Denkgerüst, aber man wird zum Denkskelett" (Rittelmeyer 1937, 61).

Im Gegensatz zu solchen Aussagen stellt sich die Frage, ob nicht Kant - trotz aller auch an seiner Konzeption nötigen Kritik - dem biblisch-christlichen Denken näher steht als Steiner. Dadurch, daß Kant - übrigens auch gegenüber seinem Zeitgenossen, dem "Geisterseher" Emanuel Swedenborg - gewisse Grenzen der Erkenntnis postuliert, befindet er sich faktisch in Übereinstimmung mit den biblischen Warnungen, nicht eigenmächtig in übersinnliche Bereiche einzudringen, die Gott dem Menschen verwehrt hat (vgl. die Problematik des Spiritismus). Ferner gibt es für die menschliche Vernunft deutliche Grenzen, über die sie ohne Erleuchtung durch den Geist Gottes nicht hinauskommt. Und selbst dann kann sie nur erkennen, was ihr Gott in seiner Freiheit und Souveränität offenbart, nicht was sie in eigenmächtigem Streben erzwingen möchte. So heißt es im 1 Korintherbrief:

"Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes. Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden" (1. Kor 2,11-14).

Bezüglich Kant sei an dieser Stelle lediglich darauf hingewiesen, daß sich Gott – in seiner Freiheit! - auf vielerlei Arten, vor allem in seinem Sohn Jesus Christus doch empirisch erfahrbar zu erkennen gibt (vgl. Apg 14,17; 1. Joh 1,1ff. u.a.) und daß das von Kant postulierte Sittengesetz, verbunden mit der Vorstellung vom autonomen Menschen, in Widerspruch tritt zur biblisch-reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden (Röm 3,9-28; vgl. z.B. Lamparter 1976, 23ff.).

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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