Nietzsche-Impuls
In Abgrenzung sowohl gegen den Pessimismus als auch gegen den traditionellen Gottesglauben verkündet Rudolf Steiner in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die Inthronisation des freien, autonomen Menschen. In seinem 1886 veröffentlichten Aufsatz "Die Natur und unsere Ideale" sieht er den Kern zu seiner späteren "Philosophie der Freiheit" gelegt (Freiheitsphilosophie). Die Erhebung aus dem Pessimismus wird seiner Ansicht nach möglich,
" ... wenn ich auf die Welt unseres Innern schaue ... Ein erkennendes Wesen kann nicht unfrei sein. Es bildet die Gesetzlichkeit zuerst in Ideale um und gibt sich diese selbst zum Gesetze. Wir wollen endlich zugeben, daß der Gott, den eine abgelebte Menschheit in den Wolken wähnte, in unserem Herzen, in unserem Geiste wohnt. Er hat sich in voller Selbstentäußerung ganz in die Menschheit ausgegossen. Er hat für sich nichts zu wollen übrigbehalten, denn er wollte ein Geschlecht, das frei über sich selbst waltet. Er ist in der Welt aufgegangen ... Es gibt einen 'Gott in der Geschichte` nicht; er hat aufgehört zu sein um der Freiheit der Menschen willen, um der Göttlichkeit der Welt willen ... Die Menschheit ist die Lenkerin ihres eigenen Geschickes" (zit. nach Wehr 1993, 72).
Hier finden wir pantheistische Vorstellungen, die direkt auf den Atheismus hinauslaufen. Wo Gott tot ist, wird der autonome Mensch inthronisiert. Der Weg Steiners zu Friedrich Nietzsche ist vorgezeichnet, die spätere Begegnung unabwendbar. Und doch hat Steiner zu diesem Zeitpunkt, wie er sagt, noch nichts von Nietzsche gelesen. Das sollte erst 1889 geschehen (636, 139). Im Jahre 1889 kommt Steiner zum ersten Mal mit dem "Zermalmer" in Kontakt: Er liest Nietzsches Werk "Jenseits von Gut und Böse". Sein erster Eindruck ist zwiespältig:
"Ich war ... von dieser Betrachtungsart zugleich gefesselt und wieder zurückgestoßen. Ich konnte schwer mit Nietzsche zurecht kommen. Ich liebte seinen Stil, ich liebte seine Kühnheit; ich liebte aber durchaus die Art nicht, wie Nietzsche über die tiefsten Probleme sprach, ohne im geistigen Erleben mit der Seele bewußt in sie unterzutauchen" (636, 139).
Im Sommer 1894 liest Steiner dann Nietzsches "Antichrist". Der "Philosoph mit dem Hammer" nimmt hier eine erbarmungslose Kritik am Christentum, wie er es kennen gelernt hat, aber auch an Jesus Christus selber vor. Dieses Buch, das Nietzsche wenige Monate vor seinem völligen geistigen Zusammenbruch geschrieben hat und das man aus christlicher Sicht nur als dämonisch inspiriert ansehen kann, greift Steiner mit Begeisterung auf und bringt es in enge Nähe zu seiner "Philosophie der Freiheit". In einem Brief vom 23.12.1894 fragt er Pauline Specht:
"Ist Ihnen Nietzsches 'Antichrist` vor Augen gekommen? Eines der bedeutendsten Bücher, die seit Jahrhunderten geschrieben worden sind! Ich habe meine eigenen Empfindungen in jedem Satze wiedergefunden. Ich kann vorläufig kein Wort für den Grad der Befriedigung finden, die dieses Werk in mir hervorgerufen hat."
Und Steiner fährt fort:
"Ich empfinde Nietzsches Erkrankung besonders schmerzlich. Denn ich habe die feste Überzeugung, daß meine 'Freiheitsphilosophie` an Nietzsche nicht spurlos vorübergegangen wäre. Er hätte eine Menge von Fragen, die er offengelassen hat, bei mir weitergeführt gefunden und hätte mir gewiß in der Ansicht recht gegeben, daß seine Moralansicht, sein Immoralismus, seine Krönung erst in meiner 'Freiheitsphilosophie` findet, daß seine 'moralischen Instinkte` gehörig sublimiert und auf ihren Ursprung verfolgt das geben, was bei mir als 'moralische Phantasie` figuriert" (39, 238f.).
Nietzsches neue Moral, seine Philosophie des "Willens zum Leben", ist eine Umkehrung von Schopenhauers pessimistischer "Verneinung des Willens zum Leben". An die Stelle der buddhistisch inspirierten Entsagungs-Philosophie bei Schopenhauer tritt die griechisch-dionysisch inspirierte Philosophie des Lebensgenusses, des Rausches und der Ekstase, verkörpert im titanisch Gottes Platz einnehmenden "Übermenschen". Nach der literarischen folgt 1895 eine persönliche Begegnung Steiners mit Friedrich Nietzsche. Dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche besucht das Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar und gewinnt Rudolf Steiner dafür, Nietzsches Bibliothek zu ordnen. Bei seinem ersten Besuch in Naumburg anläßlich dieser Tätigkeit läßt Frau Förster-Nietzsche Rudolf Steiner in das Zimmer ihres seit sechs Jahren geistig völlig umnachteten Bruders treten. Und wieder ist Steiner von dem Autor des "Antichrist" fasziniert:
"Da lag der Umnachtete mit der wunderbar schönen Stirne, Künstler- und Denkerstirne zugleich, auf einem Ruhesofa. Es waren die ersten Nachmittagsstunden. Diese Augen, die im Erloschensein noch durchseelt waren, nahmen nur noch ein Bild der Umgebung auf, das keinen Zugang zur Seele mehr hatte ... Und so stand vor meiner Seele: Nietzsches Seele wie schwebend über seinem Haupte, unbegrenzt schön in ihrem Geisteslichte; frei hingegeben geistigen Welten, die sie vor der Umnachtung ersehnt, aber nicht gefunden; aber gefesselt noch an den Leib, der nur so lange von ihr wußte, als diese Welt noch Sehnsucht war" (636, 189).
Von Nietzsche empfängt Steiner im Blick auf die Ausbildung der Anthroposophie vor allem zwei Impulse: die Idee vom Übermenschen und eine weitere Bestätigung seiner Vorstellung von der Reinkarnation. Beide Gedanken werden z.B. in Nietzsches bekanntestem Werk "Also sprach Zarathustra" - stilistisch und inhaltlich eine Art Gegenbuch zum Johannes-Evangelium - in dichterisch packender Form ausgeführt. So läßt Nietzsche seinen Zarathustra ausrufen:
"Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser Gott war eure größte Gefahr. Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst kommt der große Mittag, nun erst wird der höhere Mensch - Herr! Verstandet ihr dies Wort, o meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch hier der Höllenhund? Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreißt der Berg der Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen wir - daß der Übermensch lebe" (Nietzsche 1985, 274).
Und gegen die christliche Ethik der Nächstenliebe wie auch gegen die Schopenhauersche Mitleidsethik gerichtet, betont er:
"Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein erstes und einziges - und nicht der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste, nicht der Leidendste, nicht der Beste ... 'Der Mensch ist böse` - so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach, wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen beste Kraft."
Gemeint ist das Streben des Menschen nach seiner Selbsterhöhung, das in der Bibel als böse und Wesen der Sünde gekennzeichnet wird. In diesem Sinne kann Nietzsche - gegen Jesus Christus gerichtet - fortfahren:
"Das Böseste ist nötig zu des Übermenschen Bestem. Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, daß er litt und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der großen Sünde als meines großen Trostes" (a.a.O., 274.276).
Im "trunknen Lied" Zarathustras klingt der Gedanke von der "Wiederkehr des Gleichen" an:
"Weh spricht: 'Vergeh! Weg, du Wehe!` Aber alles, was leidet, will leben, daß es reif werde und lustig und sehnsüchtig, - sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. 'Ich will Erben`, spricht alles, was leidet, 'ich will Kinder, ich will nicht mich` - Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder - Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich" (a.a.O., 310).
Steiner erwähnt im "Lebensgang", wie er auf die vermutliche Quelle des Nietzscheschen Gedanken von der ewigen Wiederkehr gestoßen ist: Er entdeckt in Nietzsches Bibliothek das 1875 veröffentlichte Werk "Kursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung" des Positivisten Eugen Dühring. Dühring stellt den Gedanken dar, daß das Weltall in einem Augenblick eine Kombination von Elementarteilchen sei. "Dann wäre das Weltgeschehen der Ablauf aller möglichen Kombinationen. Wären diese erschöpft, dann müßte die allererste wiederkehren und der ganze Ablauf sich wiederholen." Dühring verwirft diesen Gedanken. Nietzsche aber greift ihn auf, wie aus seinen handschriftlichen Randbemerkungen in Dührings Buch deutlich wird (636, 190). Auch für Steiners Kosmologie - etwa in seiner 1909 veröffentlichten "Geheimwissenschaft im Umriß" - wird dieser Gedanke eine grundlegende Bedeutung gewinnen.
Und doch sieht Steiner auch bei Nietzsche Grenzen, über die er selber hinausgehen will: "Den in der Materie waltenden Geist fand er. Bis zur Anschauung des in sich selbst lebenden und waltenden Geistes wollte er nicht gehen." Apollo und Dionysos waren für Nietzsche Geistgestalten in mythischer Form. Demgegenüber will Steiner bis zur "Anschauung wirklicher geistiger Wesenheit" vordringen. Und was den "Übermenschen" angeht: Für Steiner wird er zum "Geistesmenschen" - einer Stufe in der Evolution, zu welcher sich die Menschheit emporschwingen soll (636, 193ff.).
Die biblisch-theologische Kritik an Nietzsche - und an Steiner, soweit er an Nietzsche anknüpft - läßt sich anhand der vier Lügen der Schlange in der Sündenfall-Geschichte (1. Mo 3,1ff.) entfalten, die Nietzsche und Steiner ihrerseits positiv auffassen, die aber - vom biblischen Kontext her betrachtet - eindeutig satanisch inspiriert sind.
Die erste Lüge verbirgt sich hinter der Frage "Sollte Gott gesagt haben?" Legt man die Betonung auf "Gott", dann wird die Existenz Gottes infrage gestellt (Atheismus). Legt man die Betonung auf "gesagt", dann wird die Autorität Gottes bezweifelt und die Autonomie des Menschen im Blick auf Verhalten und sittliche Ordnungen behauptet. Beide Lehren begegnen bei Nietzsche und Steiner. So heißt es im "Zarathustra": "Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher: - das aber ist der Schaffende" (Nietzsche 1985, 17). Und auch Steiner möchte, wie schon gezeigt, an die Stelle Gottes "den freien Menschen" setzen.
Die zweite Lüge soll den Menschen, der sich über Gottes Wort und Ordnung hinwegsetzt, in Sicherheit wiegen. Sie lautet: "Ihr werdet keineswegs des Todes sterben." Wir wissen, daß dies nicht wahr ist. Um die Unausweichlichkeit und Endgültigkeit des irdischen Todes zu verbergen bzw. um dieser Tatsache zu entfliehen, haben Nietzsche und Steiner - in Einklang mit fernöstlichen Religionen und vielen esoterischen Systemen - eine Lehre entwickelt, die ebenso unbeweisbar wie unmoralisch und verderblich ist: die Lehre von der "Wiederkehr des Gleichen", der Wiederverkörperung, der Reinkarnation (zur Beurteilung s. dort).
Die dritte Lüge ist die dämonisch inspirierte Hauptlüge: "Ihr werdet sein wie Gott". Der Nietzschesche "Übermensch" und der Steinersche "freie Mensch" ist letztlich ein neuer "Gott". Die Bibel aber sieht in dieser Anmaßung das Wesen der Sünde, die Wurzel des Verderbens. Der Mensch, der die Stelle Gottes einnehmen möchte, stürzt aus seiner scheinbaren Selbsterhöhung unmittelbar in den Abgrund - so wie die Engel, die vor der Erschaffung des Menschen bereits Gottgleichheit erstrebten und zu Dämonen wurden: "Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden" (2. Petr 2,4; vgl. Hes 28,11ff.; Jes 14,12ff.; Jud 6).
Die vierte Lüge verspricht dem Menschen Bewußtseinserweiterung: "Eure Augen werden aufgetan ... und ihr werdet wissen, was gut und bse ist." Nietzsche suchte diesen Weg in Drogen. Steiner versucht später, durch einen methodisch erlernbaren Erkenntnisweg in die übersinnlichen Bereiche einzudringen. Und doch gelangen beide nur zu einer dämonisch inspirierten Scheinwelt (Erkenntnisse höherer Welten).
Literaturhinweise
L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)
Einzelhinweise und Quellen
Anmerkungen
Quellenangaben
Weitere Artikel in gedruckter Form finden Sie auf der Website von Dr. Lothar Gassmann (Redakteur).