Historismus

Aus Christ-Wiki.de

Begriff

Historismus (H.; lat. historia „Geschichte“) ist ein vielschichtiger Begriff, der mitunter gegensätzliche Bedeutung haben konnte und bis heute hat, der auch Verwendung fand, um das jeweils eigene philosophische oder theologische Geschichtsverständnis von anderem, dann als H. bezeichnetem, abzugrenzen. So war der Begriff vor allem in kritischer Verwendung wirksam, auch wenn er in seltenen Fällen positiv verwendet wurde, etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit diesem Begriff im Anschluss an Hegel (1770-1831) eine Philosophie bezeichnet wurde, die die Weltgeschichte als Realisierung des Absoluten versteht. Trotz seines schillernden Inhalts verbinden sich mit H. einige charakteristische und kritische Anfragen. Er betreibe eine Geschichtsforschung, die keinen Bezug zur Gegenwart habe und nur um ihrer selbst willen betrieben werde. Er sehe von einer Beurteilung, Verallgemeinerung und philosophischen Reflexion ab, da er sich mit einer einfachen Feststellung der Tatsachen zufrieden gebe. Er betrachte alles als geschichtliche Entwicklung, handle es sich nun um Staat, Recht, Moral, Religion und Kunst. Damit ist alles geschichtlich geworden, veränderlich, im ständigen Wechsel und Fluss und relativ. Unabänderliche, ewige Wahrheiten sind dem H. deshalb fremd.

Vorkommen

Erste Vorkommen im 19. Jahrhundert

Vereinzelt kam der Begriff bei Novalis (1772-1801, eigentlich Friedrich von Hardenberg, Dichter der frühen Romantik) vor. Eine Häufung taucht ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Dahinter steht ein Wandel in der Auffassung der Welt und damit der Geschichte, an deren Beginn allem Anschein nach Johann Gottfried Herder (1744-1803) steht. Die Welt wird als Geschichte begriffen, die es aufzuhellen gilt. Soll etwas verstanden werden, so bedeutet dies, sein Gewordensein zu verstehen. Deshalb wurde bei allen Erscheinungen deren Entwicklung zu erforschen gesucht. Dabei wurde davon ausgegangen, dass in den historischen Abläufen und Gestalten eine Sinnhaftigkeit walte, wobei der Historiker durch rationalistische Maßnahmen in der Lage sei, diese objektiv aufzuzeigen. Beim Recht wurde die Vorstellung des Naturrechts ersetzt durch die Vorstellung, das Recht sei jeweils mit den einzelnen Völkern gewachsen. In der Geschichtswissenschaft wurde der Begriff H. zuerst von C. Prantl (1852) und R. Haym (1857) verwendet, die darunter eine empirische Geschichtserkenntnis im Gegensatz zur spekulativen Geschichtsbetrachtung nach Hegel verstanden. Gedanken Hegels haben jedoch auf die Theologie eingewirkt, indem die Weltgeschichte als fortschreitende Objektivierung des Geistes betrachtet wurde (Geschichtspantheismus). Folge dessen war die Ersetzung der Dogmatik durch Geschichtswissenschaft.

Um 1900

In der Zeit zwischen 1880 und 1914 gab es eine Diskussion um H. in Nationalökonomie, Rechtswissenschaft und Geschichtswissenschaft, aber auch in Philosophie und Theologie. Für Martin Kähler (1835-1912) bedeutete der H. einen verfehlten Versuch, das von modernen Historikern ermittelte Bild an die Stelle des biblischen Christus zu setzen. Kähler wandte sich damit gegen die von Exegeten um 1900 betriebene Leben-Jesu-Forschung. Die Schwächen des H. hat auch Ernst Troeltsch (1865-1923) erkannt. Ihm war deutlich, dass dessen Grundproblem sein Werterelativismus und seine handlungshemmende Wirkung war. Weil es ihm um die Erforschung der Vergangenheit allein um deren Erforschung willen ging und die Beziehung zur Gegenwart ausblieb, blieb er für die Gegenwart unproduktiv. Ethischer Relativismus ist nach Troeltsch grundsätzlich mit dem modernen historischen Denken verbunden. Für Troeltsch ist H. ganz allgemein die „grundsätzliche Historisierung alles unseres Denkens über den Menschen, seine Kultur und seine Werke“ (Historismus, S. 102). Deshalb hat Troeltsch versucht, einen H. zu entwerfen, auf den der Relativismus nicht zutrifft. Max Weber (1864-1920) wollte Tatsachenerkenntnis und Werterkenntnis, Wissenschaft und Glaube trennen. Nach Weber hätte es die Wissenschaft nur mit Tatsachen zu tun. Ethische Normen zu bilden sei ausschließlich Sache des Glaubens und eine subjektive Wertentscheidung. Doch führt Webers Trennung von Glaube und Wissen nicht weiter. Denn wenn der Glaube nur als objektiv nicht zu begründende persönliche Wertentscheidung verstanden wird, kann er von willkürlicher Entscheidung nicht unterschieden werden. Die von Troeltsch und Weber aufgebrachten wissenschaftstheoretischen Fragen fanden in der Folgezeit nur teilweise eine Fortsetzung.

Späte Verwendung

Nach Troeltsch und im Anschluss an ihn gab es Versuche, den Begriff im neutralen und positiven Sinn zu verwenden. Friedrich Meinecke (1862-1954) konnte mit H. das seit der Aufklärung entwickelte Geschichtsdenken generell bezeichnen. Ist die Verwendung des Begriffs H. in einem neutralen Sinne auch in der neueren Theologie anzutreffen, etwa in der „Systematischen Theologie“ (Systematic Theology) von G. D. Kaufman (1968), so wurde der H. wie in der Philosophie auch in der Theologie kritisch betrachtet. Paul Tillich (1886-1965) sah im H. eine „unverantwortliche Stellung zur Geschichte“ und setzte dem das Modell einer „prophetischen Zeitdeutung“ entgegen. Dazu hin gab es seit 1968 unter Aufnahme der Gedanken Max Webers ein gesellschaftswissenschaftliches Konzept von „Historischer Sozialwissenschaft“ oder „Gesellschaftsgeschichte“, das sich „jenseits des Historismus“ ansiedelt. Alle Versuche, den Begriff H. positiv zu deuten, konnte dessen polemischen Sinn nicht beseitigen. In „Sein und Zeit“ betrachtet Martin Heidegger (1889-1976) das Dasein des Menschen grundsätzlich als geschichtlich. Durch die philosophische Arbeit von Martin Heidegger und Hans Georg Gadamer ist das Problem des H. selbst ein Stück weit zu einem historischen Problem geworden, so dass er mehr als Erscheinung der Vergangenheit interessiert. Karl R. Popper verwendet den Ausdruck H, den auch schon Friedrich Nietzsche und Edmund Husserl benutzten, um geschichtliche Entwicklungen aufzuzeigen. Popper verwendet ihn vor allem gegen den Marxismus (Kommunismus).

Bewertung

H. kann, da er keine bleibenden Wahrheiten kennt, vom christlichen Glauben aus keine generelle Anerkennung erfahren, unbeschadet der sicher zutreffenden Einzelbeobachtungen die er liefert und die zu gebrauchen sind. Zwar ereignet sich nach biblischem Verständnis Offenbarung in geschichtlichen Ereignissen, wobei aber nicht das historische Faktum an sich Offenbarung ist, sondern nur wenn es vom Wort Gottes als solche qualifiziert wird. In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung von Heils- und Profangeschichte nicht allein sinnvoll, sondern nötig. Die Wahrheit des Evangeliums lässt sich nicht einfach aus der Geschichte und aus Vernunftwahrheiten ablesen, da Gottes Offenbarung es nicht mit zeitlosen Vernunftwahrheiten zu tun hat, aber doch als Offenbarung in der Geschichte unaufhebbare Geltung hat, da sich Gott in ihnen zu erkennen gibt. Ethischer Beliebigkeit, welche der H. begünstigt, steht christlicher Glaube entschieden entgegen. Für christliche Ethik ist ethischer Relativismus ausgeschlossen. Christlicher Glaube sieht den Sinn der Weltgeschichte nicht in dieser an sich, so dass er nicht durch historische Arbeit zu ermitteln ist; vielmehr richtet sich christlicher Glaube auf das Reich Gottes, das als Ende der Weltgeschichte aber auch als Vollendung eintreten wird. Damit stimmt christlicher Glaube auch nicht der Auffassung zu, dass die Weltgeschichte schon das Weltgericht sei (gegen Hegel, Schiller).

Literaturhinweise

O. Cullmann, Heil als Geschichte, 1965; H. G. Gadamer, Wahrheit und Methode, 1960
H. Hempelmann, Heilsgeschichte am Ende?, in: Epochen der Heilsgeschichte, hg. v. H. Stadelmann, 1984
G. D. Kaufman, Systematic Theology. A Historicist Perspective, 1968
F. Meinecke, Die Entstehung des Historismus, 1936
K. R. Popper, The Poverty of Historicism, 1957 (dt. 1965); P. Tillich, Der Widerstreit von Raum und Zeit. Schriften zur Geschichtsphilosophie (GW Bd. VI), 1963
E. Troeltsch, Der Historismus und seine Probleme, 1922
E. Troeltsch, Die Krisis des Historismus, Die Neue Rundschau 33 / 1922, S. 572 ff
Kleines Theologie-Handbuch in 2 Bänden ,MABO PROMOTION 20081

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben


Orginärer Autor: Walter Rominger