Tillich, Paul

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Kurzbiographie

Paul Tillich (Tillich) wurde am 20. August 1886 in Starzettel bei Guben im heutigen Polen als Sohn des lutherischen Pfarrers Johannes Oskar Tillich und dessen Ehefrau Wilhelmina Mathilde geboren. Da die Mutter früh starb, ist Paul Tillich sehr durch seinen Vater geprägt worden. 1898 besuchte Tillich bis zur Untersekunda das Gymnasium zu Königsberg in der Neumark und beschäftigte sich schon in seiner Gymnasialzeit mit Philosophie - eine erste Prägung - . Er las insbesondere Fichtes „Wissenschaftslehre“ und Kants „Kritik der reinen Vernunft“. (Diese Werke prägten auch Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie; s.u.). 1901 wurde der Vater zum königlichen Konsistorialrat in Berlin befördert und so zog Tillich in die Hauptstadt, die ihn Zeit seines Lebens faszinierte und ihm Orte wie später Marburg provinziell erschienen ließ. So war für ihn Berlin symbolisch für die Weite des Denkens in der Philosophie und Theologie.

1904 machte Paul Tillich in Berlin das Abitur und begann dort auch mit dem Studium der Theologie. Er las nach Fichte und Kant nun auch Friedrich Wilhelm Josef von Schelling. Der junge Schelling steht für die sogenannte Identitätsphilosophie, die besagt, dass sich der Geist in der Natur manifestiert. Dies prägte Tillich: Er war sehr naturliebend und ist viel gewandert. Seine Werke schrieb und konzipierte er meistens in der Natur und war so nicht unbedingt ein Schreibtischgelehrter. Diese Naturmystik, Naturidentitätsphilosophie, Naturgeistidentität bei Schelling zeigt schon das synthetische (verbindende) Denken bei Tillich auf diesem Gebiet. 1905 ging Tillich für ein Semester nach Tübingen, wo die von ihm verehrten Dichter wie z. B. Hölderlin sowie berühmte Theologen gelebt hatten. Dort machte er ausgedehnte Wanderungen.

Im Herbst 1905 wechselt er nach Halle, wo die Liberale Theologie, das liberale System der Aufklärung von Christian Wolffs Philosophie, und der Pietismus, wenn auch nur noch in Gestalt einer Vermittlungstheologie, aufeinander trafen. So hat Tillich in Halle Liberale Theologie und Vermittlungstheologie kennen gelernt. Der Liberalismus hat ihn dort abgestoßen, wo er sich auf einen reinen liberalen Ethizismus beschränkte. Tillich hingegen betonte das Ekstatische und Paradoxe im Denken, das in der Naturmystik, im kosmischen Denken und in der Anthroposophie, für welche Tillich auch offen war, vorherrscht. Andererseits schätzte Tillich an der Liberalen Theologie die historisch-kritische Methode (Bibelkritik), die er (wie z. B. die Bibelkritik bei Gunkel, die Quellenscheidung etc.) in sein Lehrsystem integrierte. Tillich ist kein bibeltreuer Theologe - dies sei klar gesagt. Er hörte in Halle auch Martin Kähler, der für gewisse vermittlungstheologische Gedankengänge steht, wie z. B. die „Ablösung“ des historischen Jesus durch den geschichtlichen oder gepredigten Christus. Angesichts der historischen Kritik, der Fixierung auf den historischen Jesus, wollte Kähler zu einer historisch losgelösten Christusgestalt vordringen: Der verkündigte Christus sei der Entscheidende, also das, was wir heute erleben und was in unserem Innenleben geschieht, die innere Führung. Das – so merken wir - kann alles sehr fromm klingen und sich fast pietistisch anhören. Aber das Historische in der Bibel war so angegriffen worden, dass man es immer mehr beiseite geräumt und damit auch das Glaubensfundament verloren hat. Martin Kähler ist für diese Vermittlungstheologie geradezu symbolisch und wird meiner Meinung nach in pietistischen Kreisen zu positiv gesehen.

Paul Tillich studierte nun von 1905 bis 1907 Theologie und Philosophie in Halle. So war er von Anfang an ein Mensch „auf der Grenze“ zwischen Theologie und Philosophie. 1909 machte er das erste theologische Examen in der Provinz Brandenburg. 1910 folgte die Promotion zum Doktor der Philosophie an der Universität Breslau. Seine Dissertation lautete: „Die religionsgeschichtliche Konstruktion in Schellings positiver Philosophie - ihre Voraussetzungen und Prinzipien.“

1911-1912 war Tillich Lehrvikar in der Nähe von Berlin. Im Jahre 1911 machte er die Lizenziatenprüfung für Theologie in Halle. Sein Thema lautete diesmal: „Mystik und Schuldbewusstsein in Schellings philosophischer Entwicklung.“ Schelling war Tillichs Thema in verschiedensten philosophischen und theologischen Variationen. 1912 folgten das 2. Theologische Examen und die Ordination in Berlin. Tillich wurde Hilfsprediger im Arbeiterviertel von Berlin-Moabit. Diese Tätigkeit hatte er bis zum Kriegsausbruch inne. 1914 heiratete Tillich seine erste Frau Margarete Wever. Er meldete sich als Kriegsfreiwilliger und war Feldprediger an der Westfront. 1918 erhielt er das Eiserne Kreuz erster Klasse.

1919-1924 wandte er sich durch den Zusammenbruch des Kaiserreiches immer mehr dem Sozialismus zu, wie er von den religiösen Sozialisten vertreten wurde, wie z.B. von den Schweizern Ragaz und Kutter und auch von Blumhardt dem Jüngeren (Sohn des Möttlinger Exorzisten Blumhardt). Diese Hinwendung zum religiösen Sozialismus war prägend für viele damalige Theologen. Tillich arbeitete dann als Privatdozent für Theologie in Berlin. Dort entstand ein Kontakt zu den Anthroposophen durch den Pfarrer Friedrich Rittelmeyer, von dessen Predigten Tillich begeistert war. Rittelmeyer, der engen Kontakt zu Rudolf Steiner hatte, gründete später eine eigene Kultusgemeinschaft, die Christengemeinschaft, die wir eine anthroposophisch inspirierte Sekte nennen müssen. Tillich löste sich später von Steiner und ist auch nie Anthroposoph geworden, obwohl er bei den ersten Gründungsversammlungen Rittelmeyers teilgenommen hatte. Diese waren ihm aber zu esoterisch und enttäuschten ihn.

Prägender war für ihn die sogenannte Berneuchener Bewegung und seine Vorliebe für die Tiefenpsychologie des Schweizers Carl Gustav Jung. Die Berneuchener Bewegung, die es heute noch gibt, betont sehr stark das Sakramentale, das Kultische. Hier bricht die Transzendenz in die Immanenz ein, was in Ritualen und kultischen Handlungen gefeiert wird. Die Eucharistiehandlung steht natürlich im Vordergrund und auch Priestergewänder ähneln dem katholischen Weihecharakter. Die Bewegung ist eine im evangelischen Bereich aufgebrochene hochkirchlich-kultische Erneuerungsbewegung.

1921wurde die Ehe mit Margarete Wever geschieden. 1924 heiratete Tillich Hannah Werner und wurde im selben Jahr als außerordentlicher Professor für systematische Theologie an die Universität in Marburg gerufen. Dort wollte er aufgrund des für ihn provinziellen Charakters der Stadt nicht lange verweilen und blieb auch nur ein Jahr. In Marburg hatte er eine Begegnung mit Martin Heidegger, der an der Universität im philosophischen Bereich las. Durch dessen repräsentative Person lernte er den Existentialismus kennen und merkte erst später (so schrieb er selber), wie sehr ihn diese Begegnung geprägt hatte. Seine Systematische Theologie zeugt von dieser Richtung, so z. B. der Teil „Der Christus und die Existenz“: Der Christus sei derjenige, der die Existenz wieder zur Essenz bringt (s.u.). Die Existentialphilosophie kann laut Tillich für die Theologie geradezu erlösend sein und mit ihr wie eine Bundesgenossenschaft harmonieren.

Weiter lernte Tillich in Marburg Rudolf Otto kennen, welcher durch sein Werk „Das Heilige“ bekannt wurde. In diesem Buch geht es um das „Fascinosum“, das „Mysteriosum“, das „Tremendum“, das, was uns „erschauern lässt vor dem Geheimnis, das sich in allen Religionen manifestiert“ (Otto). Daran lehnt sich später die Tillich`sche These an: „Gott ist dasjenige, was uns unbedingt angeht.“ Gott wird bei Tillich eher nicht als personal definierbare Macht geglaubt, sondern als etwas Schillerndes, das Faszinierende, auch Unheimliche des übersinnlichen und kosmisch-allgöttlichen Bereichs. Dieses Denken in kosmischen Kategorien ist auch in anthroposophischen und Berneuchener Prägungen zu finden und hat Tillich fasziniert (wobei faszinieren ja „verzaubern“ heißt).

1925 wechselte Tillich nach Dresden und lehrte dort als ordentlicher Professor für Religionswissenschaft an der Technischen Hochschule Dresden und von 1927 bis 1929 gleichzeitig als Professor für Systematische Theologie an der Universität in Leipzig. 1928 erschien seine wichtige Schrift „Das religiöse Symbol“, in welcher er aufzeigen möchte, dass im Symbol sich etwas von der Wahrheit des Unsichtbaren verkörpert. Für Tillich sind Begriffe wie „Christi Himmelfahrt“ und „Wiederkunft“ Symbole, die unsere Existenz abbilden.

1929-1933 lehrte Tillich als Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Dort begegnete er Theodor W. Adorno (Frankfurter Schule; Neomarxismus). Im Zuge der Etablierung des Naziregimes 1933 wurde Tillichs Buch „Die sozialistische Entscheidung“, das gerade veröffentlicht worden war, eingestampft. Am 3. April desselben Jahres emigrierte Tillich in die USA, nachdem ihm die Lehrerlaubnis entzogen worden war, weil er nationalsozialistischen Studenten den Zugang zu seinen Vorlesungen verwehrt hatte. Tillich ging nach New York, wo er hauptsächlich den Rest seines Lebens verbrachte. Die Prägung durch Tillich ist in den USA beinahe größer als in Deutschland. Viele seiner Werke verfasste er auf Englisch. Tillich wurde zunächst Visiting Lecturer of Philosophy an der Columbia Universität in New York, dann Visiting Professor für Religionsphilosophie und Systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York.

1936 erschien sein Buch: „Auf der Grenze“, in welchem deutlich wurde, dass er ein Grenzgänger zwischen Philosophie, Theologie u. v. a., was ich noch ausführen werde, ist. Tillich machte in diesem Jahr auch eine Europareise durch England, Holland, Frankreich und in die Schweiz, wobei er Deutschland meiden musste. 1940 erhielt Tillich die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1942 bis 1944 hielt er Radioansprachen an das deutsche Volk in der „Stimme Amerikas“ (Voice of America), welcher als Feindsender in Deutschland bei Todesstrafe verboten war, da die Nazis die Antipropaganda fürchteten.

1948 nach dem Krieg kann Tillich endlich einen Deutschlandbesuch machen. 1951 erscheint sein erster Band über Systematische Theologie. Er wird Professor in Harvard. 1957 erscheint sein zweiter Band über Systematische Theologie. 1962 erhält Tillich in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für seine theologischen Leistungen. 1963 erscheint sein dritter Band über systematische Theologie. Am 22. Oktober 1965 stirbt Paul Tillich in Chicago im Alter von 79 Jahren an Herzversagen und wird in New Harmony / Indiana im Paul-Tillich-Gedächtnispark beigesetzt.

Entscheidende Prägungen

Zunächst ist Martin Kähler zu nennen, der vom Historizismus weg zum „geschichtlichen Christus“ gedacht hatte. Ferner Ernst Troeltsch in seinem „Verständnis der Religionen“, welches besagt, dass das Christentum nicht die einzig wahre Religion sei, sondern nur die höchste Stufe innerhalb eines relativen Kanons von Religionen. Durch dieses Denken wurde Tillich für den Synkretismus offen. Dies drückt sich z. B. in seiner These vom „latenten und manifesten Christentum“ aus: Das manifeste Christentum ist die christliche Kirche in ihren Ausprägungen. Das latente Christentum findet sich im Heidentum, in den anderen Religionen, es ist verborgen vorhanden - nur noch nicht ausgeprägt. Eine Bekehrung im biblischen Sinne, den rettenden Herrschaftswechsel von der Finsternis zum Licht (von Satan zu Gott) finden wir bei Tillich und in der Tillich`schen Religionsphilosophie nicht.

Zu nennen sind auch Julius Wellhausen und Hermann Gunkel mit ihren Thesen von der Quellenscheidung sowie Albert Schweitzer mit seiner „Konsequenten Eschatologie“, die besagt, dass Jesus sich mit dem Zeitpunkt seiner Wiederkunft geirrt habe: Da das Ende der Welt nicht so schnell kam wie erwartet, müssen wir dem Reich Gottes durch unsere ethischen Leistungen hier auf der Erde den Weg bereiten. Hier begegnet uns der proleptische Messianismus (die – vergebliche - Vorwegnahme eines Friedensreiches, wie es nur Jesus Christus, der Messias, nach Seinem zweiten Kommen errichten kann).

Philosophisch stark geprägt war Tillich von Schelling durch dessen bereits erwähnte „Identitätsphilosophie von Natur und Geist“ sowie von der Lebens- und Existenzphilosophie Martin Heideggers: Philosophie als Bundesgenosse der Theologie. Auch von Rilke war Tillich beeindruckt. Weiter als Prägung zu erwähnen ist der religiöse Sozialismus, vertreten durch Kutter, Ragaz und Blumhardt den Jüngeren. Durch seine Ablehnung des Nationalsozialismus und seine Befürwortung der sozialistischen Politik war Tillich an der Universität im Dritten Reich eine „Persona non grata“ (unerwünschte Person).

Kommen wir noch zu Tillichs Verhältnis zu Karl Barth: Barth legte in seinem Römerbriefkommentar von 1921, in der zweiten Auflage, seinen ganzen Akzent auf die Transzendenz bzw. die Überweltlichkeit Gottes: Gott, der sich senkrecht von oben in diese Welt hinein offenbart. Gott ist für Barth der unobjektivierbare Herr, der in seiner Souveränität in die Immanenz einbricht. Barth integrierte aber später die Inkarnation doch stärker in sein System. - Tillich dagegen verlagert seinen Schwerpunkt völlig auf die Immanenz, auf die Innerweltlichkeit Gottes. Bei ihm ist das innerweltliche Gottes- und Christusverständnis dominierend: „Das, was uns unbedingt angeht“. Der anthropozentrische Ansatz, der Barth stets zuwider war, ist bei Tillich tonangebend. Tillich setzt beim Menschen an, obwohl er doch noch Theologe bleiben möchte. Der Schellingsche Satz: „Gott ist nicht das Transzendente, Er ist das immanent gemachte Transzendente“ ist für Tillich grundlegend. Nach diesem Satz ist Gott nicht das Transzendente, das in der Überweltlichkeit bleibt, sondern er ist das immanent gemachte Transzendente - Geist wird nur fassbar in der Natur. Der junge Barth vertritt eine Theologie „von oben“, während man Tillichs Theologie als „Tiefentheologie“ oder auch Theologie „von unten“ bezeichnet.  Bei Tillich ist Gott nicht in der Höhe zu finden, wie bei Barth, sondern in der Tiefe der Welt. Bei Tillich mischen sich nun Einflüsse Schellings mit Einflüssen aus der Tiefenpsychologie von C. G. Jung und der Tiefenmystik von Rilkes Dichtung. So hat Tillich als „Grenzgänger“ auch immer den Dialog zwischen Theologie und Psychologie gesucht. Tillich muss auch als Wegbereiter der Pastoralpsychologie (siehe unter: Seelsorge) gesehen werden, sowie aller Humanwissenschaften, die in die Theologie eingedrungen sind, die Gott-ist-tot-Theologie eingeschlossen. Daher ist es so wichtig, sich mit Tillich auseinanderzusetzen, um die Gefahren zu erkennen. Tillich ist – nach Schleiermacher - somit auch ein Wegbereiter aller Synthese- und Bindestrich-Theologie - was den Gegensatz zu Barth aufzeigt (wobei auch Barth leider Bibelkritiker geblieben ist).

Für Tillich ist die Grenze der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis. Es geht ihm um die sogenannte „Grenzerfahrung“. Auf welchen Grenzen bewegt sich Tillich? Es gibt eine Schrift von ihm mit dem Titel: „Auf der Grenze“. Er ist auf der Grenze zwischen Theologie und Philosophie, Kirche und Gesellschaft, Religion und Kultur, Luthertum und Sozialismus, Theorie und Praxis, Stadt und Land, Idealismus und Marxismus, Heimat und Fremde. Die Emigration durch Vertreibung hat Tillich geprägt und war sicherlich auch durchlittenes Schicksal für ihn.

Tillichs „Systematische Theologie“

Entstehung

Die „Systematische Theologie“ wurde in den Jahren 1951 bis 1963 in drei Bänden zu fünf Teilen veröffentlicht. Der Anfang dieses Werkes liegt im Dezember 1913, als ein erstes Thesenkonzept mit 72 Paragraphen über systematische Theologie verfasst wurde. Dies betrachtete Tillich selbst als Anfang seiner Arbeit. 1924 hielt er in seiner Tätigkeit als Professor in Marburg eine Vorlesung über Systematische Theologie. Erst jedoch nach dem 2. Weltkrieg in Amerika konnte er sein Hauptlebenswerk in Angriff nehmen, wobei er folgendermaßen vorging: Er hatte ein Thesenblatt auf seinem Katheder liegen, das er frei kommentierte. Studenten und Assistenten haben seine Ausführungen mitstenografiert, diese abgetippt und Tillich musste das Ergebnis dann nur noch Korrektur lesen. Renate Albrecht - deutscher Herkunft - hatte das Werk in den USA und dann auch in Deutschland herausgegeben.

Philosophie und Theologie

Gegenstand der Theologie bei Tillich ist „das, was uns unbedingt angeht.“ Es ist eine Theologie die vom Menschen ausgeht, also anthropozentrisch ist. Es ist eine typische Vermittlungstheologie zwischen Vernunft und Offenbarung, zwischen dem Sein und Gott, zwischen der Existenz und dem Christus, zwischen dem Leben und dem Geist (Heiliger Geist, aber auch Geist allgemein) und zwischen der Geschichte und dem Reich Gottes. (So sind die großen Paragraphen, die großen Teile von Tillichs Systematischer Theologie überschrieben.) Es ist eine „und“-Theologie: ein Bindestrich ist immer dabei. Die Philosophie stellt die existentiellen Fragen, die Theologie gibt die theologischen Antworten. Dies ist ein ontologischer Ansatz, d.h. beim Sein ansetzend und darauf antwortend - von der Theologie her, von der Offenbarung her, wie Tillich sie versteht.

Vernunft und Offenbarung

„Vernunft und Offenbarung“ ist das Thema des ersten Teiles von Tillichs Systematischer Theologie. In ihr stellt er fest, dass die Offenbarung die Vernunft nicht zerstöre, vielmehr stelle die Vernunft selbst die Frage nach der Offenbarung. Tillich geht von der sog. „coincidentia oppositorum“ (Zusammentreffen der Gegensätze) von Nikolaus von Kues (Cusanus) aus. Es ist die Vorstellung, dass die Vernunft trotz ihrer Endlichkeit ihrer unendlichen Tiefe gewahr wird. Sie kann das Unendliche erfassen, das in jedem Endlichen gegenwärtig ist, obwohl es dieses unendlich transzendiert (übersteigt) = das Zusammenfallen der Gegensätze. Deshalb sieht Tillich hier keinen Gegensatz wie etwa Karl Barth oder auch Luther, der von der „Hure Vernunft“ geredet hat, sondern es existiert für ihn ein Anknüpfungspunkt an unsere Vernunft-Erkenntnis. Die Vernunft muss so bei Tillich nicht unbedingt wiedergeboren sein, um Gott zu erkennen. Er sieht sie allgemein im Menschen vorhanden. Offenbarung ist bei Tillich „das Sichtbarwerden des Seinsgrundes für die menschliche Erkenntnis“. Dies ist die Erfahrung des Mysteriums, was man nicht in alltäglicher Sprache ausdrücken kann. Das Mysterium als Quellgrund der Offenbarung kann innerhalb der alltäglichen Erfahrung begegnen, aber diesen Erfahrungszusammenhang doch transzendieren: „Offenbarung ist die Manifestation dessen, was uns unbedingt angeht“ (Tillichs bekannte These).

Durch Tillichs Vernunftfreundlichkeit kommt bei ihm auch die Offenheit für die Philosophie. Tillich schreibt: „Wir können der Philosophie nicht entrinnen, weil die Wege, auf denen wir ihr entrinnen wollen, gebaut und gepflastert sind von der Philosophie selbst.“ Da ist durchaus etwas Richtiges dran. Wenn wir von der Philosophie davonlaufen wollen, dann tun wir das schon wieder mit philosophischen Kategorien, behauptet Tillich. Auch Bultmann äußerte, dass er die Heideggersche Begrifflichkeit benutze, in Bewusstsein dessen, dass es zur Zeit keine bessere gäbe. Es gäbe kein unphilosophisches Herangehen an die Theologie. Dies denken viele. Auch uns stellt sich immer wieder die Frage, in wieweit unser Denken in philosophischen Kategorien verläuft und uns Rationalismus im Umgang mit dem Schriftverständnis vorzuwerfen ist. Hier muss man sich von der Heiligen Schrift immer wieder hinterfragen lassen. Die Frage ist natürlich immer, in wieweit man sich in einem hermeneutischen Zirkel bewegt und ob wir diesen als Menschen jemals durchbrechen können. Ich denke, wir müssen uns auch mit dem begnügen, was uns offenbar wird. Es gibt hier doch Grenzen, auch wenn sie viele überschreiten wollen.

Was ist nun also Offenbarung im Tillich`schen Sinn? Offenbarung ist die Manifestation dessen, was uns unbedingt angeht. Die Offenbarung ergeht an uns in drei Ebenen:

  1. In der Natur: Tillich war ein leidenschaftlicher Wanderer und hatte immer eine große Verbindung zur Schöpfung.
  2. In der Geschichte: Das, was durch Gruppen und Individuen in der Geschichte geschieht.
  3. Durch das Wort: das Wort Gottes in unterschiedlicher Gestalt.

Was an dieser Trilogie auffällt, ist die Tatsache, dass eben nicht nur das Wort Gottes Quelle der Offenbarung ist, sondern sogar noch andere Ebenen, die sogar vor dem Wort genannt werden. Dadurch fließen philosophische und humanwissenschaftliche Erkenntnisse in Tillichs Theologie mit hinein und prägen sie: Die Offenbarung beschränkt sich nicht auf das Wort Gottes - in der Bibel - , sondern weitet sich zur Erfahrungstheologie aus. So ist z. B. von der universalen Erfahrung in allen Religionen die Rede. Allerdings kommt dann ein Prozess in Gange, den Tillich „Dämonisierung“ nennt: Wenn das Endliche vergottet wird und man nicht mehr die Weite für die universale Erfahrung des Transzendenten behält; wenn es verdinglicht, verhärtet wird zur Ideologie, wie z. B. im Nationalsozialismus zu einer Blut-und-Boden-Religion. So wird die Ideologie zur „Quasi-Religion“. Dies ist ein bekannter Begriff, eine bekannte Äußerung Paul Tillichs: Ideologie ist Quasi-Religion. Die Wurzel von Tillichs Offenbarungsbegriff ist bei Justin zu finden: Das Reden vom Logos spermatikos: Gemeint ist das samenhafte Wort (Gott), das sich nicht erst in Christus offenbart, sondern überall - auch in Philosophen wie Sokrates u. a. Allerdings hält Tillich daran fest, dass in Jesus die letztgültige Offenbarung erfolgt ist, wenn auch - wie schon erwähnt - nicht die einzige.

Glauben und Denken

Für Tillich gilt, dass die christliche Botschaft paradox, aber nicht absurd ist. Drei Schlüsselbegriffe sind zu nennen: a) Korrelation, b) analogia entis (Seins-Entsprechung) und c) der Symbolbegriff.

  1. Die Korrelation bezieht sich auf die Wechselbeziehung zwischen existentiellem Fragen und theologischem Antworten. Ausgangspunkt ist letztendlich die existentielle Erfahrung des Menschen. Das was er z. B. an Angst und Verzweiflung erlebt - Grenzsituationen des Lebens. Aber Tillich wäre nicht mehr christlicher Theologe, wenn er nicht an dem einzigartigen Ereignis Jesus, dem Christus festhalten würde, welcher auch für ihn Norm und der Erfahrung vorgegeben ist, als eben dieser wahre und wirkliche Mensch zugleich (s.u.). Deshalb können durchaus Antworten von diesem Offenbarungsverständnis her, wie Tillich es hat, gegeben werden, von dem, was er Theologie nennt. Apologetische Theologie antwortet laut Tillich auf Fragen, die die Situation stellt. Sie antwortet in der Macht der ewigen Botschaft und mit den begrifflichen Mitteln, die die Situation liefert, um deren Fragen es sich handelt. Es geht also bei der korrelativen Methode eminent um den Gegenwartsbezug und es geht zentral um die existentielle Lage des Adressaten. Hier wird die Sprache gebraucht, die durch die jeweilige philosophische Umwelt gegeben ist und auch durch die Fragen, die der Mensch stellt. Die situative Bedingtheit der Fragen erfordert eine bestimmte Antwort aus theologischer Offenbarungswirklichkeit
  2. Die „analogia entis“ betrachtet die Kultur als Ausdrucksform der Religion. Religion geschieht laut Tillich in all dem, was im kulturell-menschlich-geschöpflichen Bereich sich ereignet: „Alles Seiende partizipiert (nimmt teil) am Sein selbst (an Gott).“ Tillich unterscheidet zwar zwischen dem Sein selbst (Gott) und dem Seienden (der Schöpfung), wobei in Tillichs oben genannter These eben nicht radikal zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf unterschieden wird, da Gott sich gewissermaßen nach Tillich in der Schöpfung manifestiert. Für ihn gibt es eine „analogia entis“ - eine Anteilhabe der Schöpfung am Sein selbst - an dem, was Tillich Gott nennt. Nun ist allerdings zwischen dem Sein selbst und dem Seienden durch die Sünde Entfremdung eingetreten, die die Erlösung - im Sinne Tillichs - erforderlich macht.
  3. Der Symbolbegriff ist bei Tillich stark von C. G. Jung geprägt. Das Symbol vermittelt zwischen dem Wurzelgrund des Göttlichen und dem Menschen. Es ist ein Zeichen, das am Bezeichneten Teil hat. Das Symbol hat also eine selbsttranszendierende Bedeutung (es weist über sich hinaus). Der Symbolbegriff übersteigt sich selbst hin zum Überweltlichen, was Tillich „göttlich“ nennt.

Gott

Gott ist bei Tillich das immanent gemachte Transzendente. Wir wollen einige Gottesbezeichnungen nennen, die uns bei Tillich begegnen:

  • Gott ist der Name für das, was den Menschen unbedingt angeht.
  • Gott ist das Sein selbst, das jenseits des Gegensatzes von essentiellem und existentiellem Sein steht. (Näher erklärt in Tillichs Erlösungslehre).
  • Gott ist die Tiefe des Lebens und der Welt. Gott ist der tiefste Grund allen Seins.
  • Gott ist die Macht des Seins.

„Gott ist der Name für das, was den Menschen unbedingt angeht.“ Er ist nicht die höchste, sondern die tiefste Wirklichkeit (nach C. G. Jung ein Archetyp in der Tiefenschicht des Unbewussten im Menschen). So kann Tillich sagen: „Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott.“ Ich würde das umgekehrt formulieren: Wer um Gott weiß, der kann auch die Tiefen durchleiden. Natürlich kann der Mensch existentielle Tiefen erfahren und dadurch näher zu Gott kommen. Horst Georg Pöhlmann schreibt zu Tillich: „Dass Gott nichts anderes als die Tiefe meines Lebens ist, scheint wohl die kühnste Tillich`sche Neuinterpretation des Gottesbegriffes zu sein. Religion wird durch sie wieder so selbstverständlich wie das Atmen und Gehen, und sie ist nicht mehr der aufgesetzte Überbau, als der sie so oft erscheint.“ So verteidigt und kritisiert Pöhlmann zugleich. Der Gottesglaube wird also hier anthropologisch vom Menschen her begründet, bzw. von der Ansicht, dass jeder Mensch religiös sei und das Göttliche durch seine Religiosität finden könne. Ich zitiere aus der Tillichs Systematischer Theologie Band II, Seite 19:

„Die Quelle der Sinnbejahung in der Sinnlosigkeit, der Gewissheit im Zweifel, ist nicht der Gott des traditionellen Theismus, sondern der ´Gott über Gott`, die Macht des Seins, die auch noch in denen wirkt, die keinen Namen für sie haben, nicht einmal den Namen Gott.“ Gott als Gott über den einzelnen personalen Verkörperungen einer unbegreifbaren Macht - dies erinnert an das brahmanische Gottesverständnis, dieses übertranszendente, kosmische Allsein, das nun über den einzelnen Verkörperungen der Gottheit steht (Hinduismus). Tillich war bekannterweise sehr offen für die fernöstlichen Religionen. Die brahmanische Vorstellung findet sich übrigens auch bei Schelling in Form der Identitätsphilosophie - Brahma, das alles durchflutet, Natur und Geist, die miteinander verschmelzen. Dies ist aber nicht der persönliche Gott der Bibel, wenn auch sich Tillich gegen diesen Vorwurf wehrt. Er sagt:

„Das Hauptargument der personalistischen Theologie gegen den Gebrauch des Begriffs Sein entstammt der menschlichen Erfahrung des Heiligen als Person, wie sie in den personhaften Göttergestalten und in der Ich-Du-Beziehung des Menschen zu Gott im religiösen Leben zum Ausdruck kommt. Ein solcher Personalismus findet sich in ausgesprochenem Maße in der biblischen Religion. (Man achte auf Tillichs distanzierte Formulierung; L.G.). Im Gegensatz zu vielen asiatischen Religionen und zur christlichen Mystik wird von ihr die Frage nach dem Sein nicht gestellt ... Dennoch habe ich die ontologische Frage gestellt ... Das Sein Gottes ist überpersönlich. Aber ´überpersönlich` ist nicht ´unpersönlich`“ (ebd., S. 18).

Auch hier möchte Tillich beides miteinander verbinden - eine gewagte Synthese. Gibt es noch ein Gottessein über dem persönlichen Gott, müssen wir hier fragen! Wenn Gott nicht Person wäre - und es kann ja keine zwei Götter geben - dann könnten wir gar nicht mit ihm reden und er hätte uns nicht durch sein Wort erschaffen können. Ein unpersönliches Sein, das erst Götter aus sich hervorgehen lässt, ist ein Widerspruch in sich selber. Hier treten viele Fragen auf! Hierzu meint Pöhlmann:

Es bleibt „eine Menge kritischer Rückfragen ... Ich habe selber andernorts darauf hingewiesen, dass die Umschreibung Gottes als die Tiefe meines Lebens leicht zur Tütendefinition werden kann, in die jeder hineinsteckt, was ihm passt. Tillich scheint zumindest die Ambivalenz des Symbols Tiefe zu übersehen. Was mich unbedingt angeht und meinem Leben Tiefe gibt, kann auch ein Götze sein und muss nicht notwendig Gott sein. Heydrich liebte Hölderlin. Die hitlergläubigen Massen auf den Nürnberger Reichsparteitagen waren genauso vom Unbedingten umgetrieben wie die über 700 Anhänger des ´Volkstempels`, die 1978 auf Befehl ihres Sektenführers Jim Jones sich das Leben nahmen. Das Geld kann einen Menschen genauso unbedingt angehen wie der Schlußchor aus der Matthäuspassion ...“

Dies muss man berücksichtigen. Das, was mich unbedingt angeht - Luther sagte dies ähnlich - das ist mein Gott oder mein Götze. Wird der personale biblische Gottesglaube nicht durch die unpersönlichen Gottessymbole „Grund, Tiefe, Ziel und Sinn“ verfehlt? Kann man durch diese unpersönlichen Symbole den persönlichen Gott begreifen? Und natürlich stellt sich auch die Frage – nach den biblischen Aussagen – gegen die Universaloffenbarung, gegen den Synkretismus, gegen die Religionsvermischung, die ja ein Widerspruch zum ersten Gebot ist: „Ich bin der HERR, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben Mir haben.“ (2. Mose 20, 2ff). Ein unpersönliches Brahma kann niemals dieser allmächtige und auch eifersüchtige Gott sein, der keine anderen Götter neben sich duldet.

Sünde

Sünde ist bei Tillich der Übergang von der Essenz zu Existenz - oder anders ausgedrückt, der Übergang von der träumenden Unschuld zur Selbstverwirklichung, was eine notwendige Durchgangsstufe sei. Hier deckt sich Tillich mit der Esoterik: Der Sündenfall als notwendige Stufe für die Freiheit des Menschen (eine teuflische verdrehte Deutung!). Der Mensch verliert seine träumende Unschuld und steigt durch die Stufe des Falls zu einem geläuterten Sein hinauf, indem er aus der Entfremdung wieder in die Heimat gerufen wird. Dies ist übrigens ein uraltes gnostisches Motiv, das auch von Hegel aufgenommen wurde: Der Ruf aus dem eigentlichen Sein in die Fremde und die Rückkehr in die Heimat der ewigen Geistgeborgenheit (Gnosis). Sündenfall ist bei Tillich also Übergang von der Essenz zur Existenz als universaler Vorgang; nicht als geschichtlicher Vorgang - Adam hat es für Tillich nie gegeben! „Das Schicksal wird zur Freiheit“ und es kommt durch diesen Fall zur Zweideutigkeit der Existenz: Es bleibt immer die Potentialität zur Essenz vorhanden - analogia entis! -. Die träumende Unschuld wird zur Selbstverwirklichung.

Der Sündenfall bei Tillich gliedert sich in die drei Bereiche aus der klassischen Harmatiologie (Sündenlehre), die Tillich übernimmt: Unglaube, Hybris (Hochmut) und Konkupiszenz (Begehren). Unglaube ist für ihn das Zerreißen der essentiellen Einheit mit Gott als dem Sein selbst, dem Welt- und Seinsgrund durch die existentielle Selbstverwirklichung. Diese essentielle Einheit wird zerrissen. Die Hybris oder der Hochmut ist die Selbsterhebung des Menschen in die Sphäre des Göttlichen. Die Konkupiszenz ist das Begehren bzw. die unbegrenzte Sehnsucht, das Ganze der Wirklichkeit dem eigenen Selbst einzuverleiben.

Christus und Erlösung

Wer ist Christus für Tillich? Dies ist nun der Kern der Tillich`schen Lehre überhaupt und auch meiner Kritik an Tillich: In der traditionellen Christologie sagen wir, dass Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist: vere Deus, vere homo. Dies wurde auf dem Konzil von Nizäa (325 n. Chr.) zutreffend formuliert. Aber dies lehnt Tillich erschütternder Weise ab. Er sagt stattdessen: Christus ist wahrer Mensch und wirklicher Mensch in einer Person: homo essentialis und homo existentialis. Christus ist für ihn nicht Gott, sondern der mit Gott restlos geeinte Mensch und insofern homo essentialis. Diese Ansicht deckt sich mit Schleiermacher, mit dem Tillich große Ähnlichkeiten in seinem Denken aufweist - allerdings gibt es auch Unterschiede. In Christus kommt die Essenz (das wahre Sein) zur Existenz (zum wirklichen Sein) unter den Bedingungen des Falls, um dieses wirkliche Sein an Ort und Stelle (nämlich in der Entfremdung des Menschen) zu überwältigen, d. h. im Menschen, der in Entfremdung lebt. Ein genialer Gedanke, nur leider im Widerspruch zur Heiligen Schrift. Denn wie kann Jesus den Konflikt zwischen Essenz und Existenz überwinden, wenn er nicht Gott ist und die Macht hat, uns durch seinen Sühnetod zu erlösen, und wenn dies alles nur Symbole sind?

Das Sein unter der Existenz ist nach Tillich gekennzeichnet durch die Entfremdung, ist gekennzeichnet als altes Sein und wird übrigens verbunden mit den Begriffen Jesus und Kreuz. Während das angestrebte Sein unter der Essenz gekennzeichnet ist durch Einheit statt durch Entfremdung, als neues Sein statt altes Sein, durch den Begriff Christus statt Jesus und durch Auferstehung statt Kreuz. Dies ist das Leben unter der Bedingung der Essenz: Einheit mit dem Sein selbst.

Tillich behauptet, dass Christus ein irrtumsfähiger Mensch gewesen sei, denn er habe sich geirrt in Bezug auf den Zustand seiner Jünger und vieler anderer Dinge. Tillich betont ausschließlich die menschliche Seite Jesu (die man aber nicht losgelöst von seiner göttlichen betrachten kann!). Die Auferstehung ist nach Tillich ein ekstatisches Erlebnis gewesen, das sich nur im Bewusstsein seiner Jünger ereignet habe als Erfahrung des „Neuen Seins“. Tillich leugnet somit die historische Grundlage des christlichen Glaubens - und so liefert seine Theologie ein Aktum ohne Faktum (eine Handlung ohne Tatsachen).

Wie definiert Tillich demgemäß Wiedergeburt, Rechtfertigung und Heiligung? Wiedergeburt ist für ihn die Teilnahme am neuen Sein unter den Bedingungen der Essenz. Rechtfertigung ist die Annahme des neuen Seins. Heiligung ist die Umwandlung durch das neue Sein. Dies bleibt bei Tillich alles philosophisch-nebulös, da eine wirkliche Bekehrung in Tillichs Lehre nicht enthalten ist.

Eschatologie

Das Eschaton (Letzte) ist für Tillich keine zeitliche Begebenheit in der Endzeit, sondern es geschieht hier und jetzt: Wir stehen in jedem Augenblick vor dem Angesicht des ewigen Sein selbst. Der Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen geschieht alle Zeit. Tillich meint: Dort, wo wir in das neue Sein eintreten, stehen wir in Verbindung mit der neuen Lebensqualität. Hier berührt sich Tillich deutlich mit Rudolf Bultmann. Nur bezieht Tillich vielfältigere philosophische und humanwissenschaftliche Elemente in seine Lehre mit ein als Bultmann. Bultmann hat noch strikter als Theologe verbunden mit Existentialphilosophie gedacht, während Tillich ein viel weiter gehendes universales Denken hat (welches ihn nur noch weiter von der biblischen Lehre entfernt hat).

Das was in der Eschatologie nach Tillich jederzeit geschieht, nennt er die Essentifikation. Dies bedeutet explizit: die Erhebung des Positiven in der Existenz in das ewige Leben. Das Positive wird gekennzeichnet durch die Christusgestalt und dies ermöglicht die Erhebung aus dem existentiellen Sein in das ewige Leben. Dies hängt zusammen mit der Vernichtung des Negativen und der Befreiung des Positiven vom Negativen. Daher gibt es bei Tillich auch keine ewige Verdammnis: Die Essentifikation ist universal. So ist der Begriff des Gerichtes in der Bibel bei Tillich auch wieder nur ein Symbol für die Vernichtung des Negativen (ohne konkrete Vorgänge oder Beschreibungen). Tillich deckt sich hier mit den nebulösen Vorstellungen vieler Menschen, dass das Leben nach dem Tode irgendwie weitergeht, wenn er äußert, dass wir jederzeit den Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen erleben können, wenn wir in dem Christus als dem essentiellen Menschen unsere Entfremdung überwinden und wieder mit dem Sein selbst - mit Gott - in Verbindung treten können. Dies kann alles sehr fromm formuliert sein. Nur hat der Christus, wie ihn Tillich vertritt, nicht die Macht, uns zu erlösen, da er nur bloßer Mensch ist, wenn auch vollkommen mit Gott vereint. Tillichs Sicht von Jesus Christus greift zu kurz und widerspricht deshalb auch dem altkirchlichen Bekenntnis, das schon damals gegen ähnliche Behauptungen formuliert wurde. Es geht bei Tillich nach dem Tode sicherlich irgendwie weiter und mündet nach seinen Thesen wohl in der Allversöhnung. Bei Tillich gibt es keine Scheidung zwischen Geretteten und Verlorenen und man muss bei ihm auch nicht unbedingt Christ sein, um weiterzuleben. Tillich denkt auch hier universal.

Resümee

Zusammenfassend kann man Tillichs System mit folgendem Satz definieren: Das Sein selbst ist Gott, und das steht jenseits von Essenz und Existenz. Das Sein oder das Seiende hingegen ist der Existenz unterworfen und kann dem Nichtsein verfallen. Essenz ist das Sein oder der Mensch, wie er sein soll, sein eigentliches von Gott gedachtes Wesen. Die Existenz ist das, was der Mensch durch seinen (Sünden-)Fall, durch die Entfremdung von seiner Essenz tatsächlich ist. Laut Tillich gibt es eine Entwicklung von der Essenz, dem Ursprünglichen, dem Leben in Unschuld über die Existenz, die mit dem Fall, der falschen Selbstverwirklichung des Menschen zusammenhängt, zu dem Ziel durch die Identifikation mit der wahren Essenz Christus. Es gilt, wieder durch eine neue Form der Selbst-Verwirklichung zu seinem wahren Sein zu finden. Wir leben in der Existenz, aber Christus, der die wahre Essenz verkörpert, lenkt unser Leben wieder zur Identifikation mit der wahren Essenz. Dieser Dreier-Schritt (Essenz, Existenz, neue Essenz) erinnert an Hegel, dessen Philosophie in vielen philosophisch-theologischen Systemen zum Tragen kommt: die Entfremdung, das Außer-Sich-Sein und das erstrebte Zusammensein mit dem Sein-Selbst als Stufen des Daseins.

Lothar Gassmann hält die Theologie von Paul Tillich für sehr gefährlich, weil sie von den historischen Grundwahrheiten der Schrift wegführt. Gott ist bei Tillich das Sein selbst, das jenseits von Essenz und Existenz steht und uns durch den wahren Menschen, Jesus, die Identifikation ermöglicht. Jesus ist für Tillich nicht Gottes Sohn im biblischen Sinn. Der Christus ist für Tillich lediglich „der Mensch, wie er sein soll“ – und damit ein verkürzter, falscher Christus. Tillich ist ein Wegbereiter liberalen Denkens von der Gruppendynamik bis hin zur Gott-ist-tot-Theologie und hat in dieser Hinsicht viel Negatives bewirkt.


Literaturhinweise

P. Tillich, Systematische Theologie, Bd. 1-3, Berlin / New York 1987
H. G. Pöhlmann, Gottesdenker, Reinbek 1984
G. Wehr, Paul Tillich, Reinbek 1979
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Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben


Orginärer Autor: Lothar Gassmann



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