AntroposophischeGesellschaft

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Zur Vorgeschichte siehe v.a. die Artikel: Steiner, Rudolf; Theosophie.

Im Januar 1923 steht Rudolf Steiner vor drei Trümmerhaufen: vor den Trümmern des ersten Goetheanums, vor den Trümmern des Berliner Philosophisch-Anthroposophischen Verlages und vor den Trümmern der Anthroposophischen Gesellschaft. Und er beschließt, so weit es geht die Schäden zu beheben.

So entwirft er das Modell für ein zweites, weniger leicht zerstörbares Goetheanum, einen eher eckigen Stahlbetonbau. Er veranlaßt noch im gleichen Jahr seine Errichtung, wird aber die Vollendung dieses Bauwerks im Jahre 1929 nicht mehr erleben. Die Vorträge und Aufführungen in Dornach werden vorerst in der Schreinerei neben der Ruine des Goetheanums fortgesetzt.

Der Philosophisch-Anthroposophische Verlag wird aus dem unsicheren und von Inflation geschüttelten Deutschland in die Schweiz nach Dornach geholt und unter der Leitung seiner Frau Marie Steiner weitergeführt.

Am schwersten zu beheben ist aber der "Trümmerhaufen" in der Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft. Wie dieser zu Beginn des Jahres 1923 aussieht, beschreibt der Steiner-Biograph Gerhard Wehr folgendermaßen:

"In den führenden Kreisen, und zwar bis in den Vorstand der Gesellschaft hinein, fehlte es an dem nötigen Bewußtsein, wie eine aus dem Spirituellen heraus wirkende, sich an die Kulturwelt wendende Anthroposophische Gesellschaft zu führen sei ...  Das Gros in Leitung und Mitgliedschaft war den hohen spirituellen wie moralisch-sachlichen Anforderungen, die Steiner stellen mußte, letztlich nicht gewachsen."

Im sogenannten Stuttgarter Kreis der "Dreißig" hört man "von endlosen Verhandlungen, von ermüdenden Nachtsitzungen, die an Steiners Kräften offensichtlich stärker zehrten als die eigentliche produktive Tätigkeit, denn für Konfliktstoffe, die bis zu menschlich-allzumenschlichen Rivalitäten und Eifersüchteleien unter den Mitgliedern dieses 'Aktiv`-Kreises reichten, war ständig gesorgt". Hinzu kommt die "sich noch verstärkende Spannung zwischen junger und älterer Generation". Die Lage spitzt sich schließlich so weit zu, daß Steiner ernstlich daran denkt, "sich zusammen mit Marie Steiner von dieser Anthroposophischen Gesellschaft zu trennen, um gegebenenfalls in einem ordensähnlichen Zusammenhang die ihm verbleibenden Kräfte für die Pflege der anthroposophischen Esoterik einzusetzen" (Wehr 1993, 337ff.).

Doch das geschieht nicht. Vielmehr kommt es zu einer Neustrukturierung der anthroposophischen Bewegung, die sich in der Gründung der "Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" an Weihnachten 1923 in der Dornacher Schreinerei manifestiert. Rudolf Steiner, der in der bisherigen Anthroposophischen Gesellschaft nur als Berater und spiritueller Lehrer fungiert hatte, übernimmt nun selbst den Vorsitz und verbindet somit seine Person ganz mit dieser Organisation. Die Gründungsversammlung, die nun tatsächlich einen freimaurerisch-ordensähnlichen Charakter trägt (Freimaurer-Impuls), hat Wehr wie folgt dokumentiert:

"Pünktlich um 10 Uhr werden auf Steiners Veranlassung hin die Türen zur Schreinerei abgeschlossen. Die Handlung soll durch später Hinzukommende nicht gestört werden. Erwartungsvolle Stille herrscht, als Rudolf Steiner den Saal betritt, zum Rednerpult geht und mit drei symbolischen Hammerschlägen seine Grundsteinansprache eröffnet. Damit ist zumindest den alten Mitgliedern, die einst dem inneren Kreis der Esoterischen Schule bzw. der Mystica Aeterna angehört haben, klar, daß Steiner bis in den rituellen Vollzug hinein gewillt ist, die einst hergestellte Kontinuität mit älteren esoterischen Traditionen fortzusetzen.

In eben diesem Zusammenhang ist auch die Begründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft zu sehen, die eben nicht als bloßes Gegenstück oder als Abklatsch herkömmlicher akademischer Bildungsstätten angesehen werden will ... Ihr Spezifikum besteht gerade darin, daß in ihrem Rahmen die Bildung von drei Klassen vorgesehen ist, analog zu den drei Graden etwa in freimaurerischen oder Mysterien-Zusammenhängen ... Daß er (sc. Steiner) ... gewillt war, die früher genannte Mysterienströmung von John Yarker, d.h. der Hochgradlogen des östlichen Templerordens (Ordo Templi Orientis, O.T.O.) fortzuführen, geht aus mancherlei Hinweisen hervor, die gesprächsweise überliefert sind" (Wehr 1993, 351f.).

Analog zur Grundsteinlegung für den Bau des ersten Goetheanums im Jahre 1913 erfolgt nun eine "geistige Grundsteinlegung" durch einen an die rosenkreuzerische Esoterik anknüpfenden Spruch:

"Dieser sprachliche 'Grundstein` (auch 'Grundsteinspruch` genannt) ist eine der tiefsten und dichtesten Spruchdichtungen Steiners. Indem er durch das mantrische Gedicht das delphische 'Erkenne dich selbst!` von der äußeren Tempelfront gleichsam in die Seele hereinholte, legte er den Grund für eine neue, von innen kommende Mysterienkultur in der zeitgemäßen Form trinitarischen Wissens des Menschen von sich selbst. Der 'nach Geist, Seele und Leib` ... gegliederte Mensch ... wird zu der göttlichen Trinität und den drei Hierarchien in Beziehung gesetzt. Diese neue Mysterienkultur hat ihren Hauptsitz am Goetheanum. Wie die Flammen beim Brand des Artemistempels in Ephesus den Zerfall des alten Mysterienwesens anzeigten, beleuchteten die Flammen des brennenden ersten Goetheanums den neuen christlichen Mysterienweg, der gewissermaßen durch das zweite Goetheanum in die Zukunft führt" (Baumann 1986, 112f.).

Es ist ein weiteres Indiz für den - trotz christlicher Terminologie - zutiefst heidnischen Charakter der Anthroposophie, daß Baumann in Anknüpfung an Steiner den Brand des Goetheanums mit dem brennenden Artemistempel in Ephesus vergleicht. Die griechische Artemis war eine Fruchtbarkeitsgöttin. Im späteren griechisch-römischen Synkretismus (interpretatio latina) wurde sie mit Diana, der Göttin der Jagd, identifiziert. Mit dem Artemis-Diana-Kult war viel Magie und Zauberei verbunden. Die Apostel Jesu Christi haben gegen dieses Heidentum gekämpft und wurden dafür verfolgt (Apg 19). Die Anthroposophie aber möchte an das alte Mysterienwesen positiv anknüpfen. Welcher Gegensatz! Der von Steiner für die Konstituierung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft formulierte Grundsteinspruch beginnt mit den Worten:

"Menschenseele!/ Du lebest in den Gliedern,/ Die dich durch die Raumeswelt/ Im Geistesmeereswesen tragen:/ Übe Geist-Erinnern,/ In Seelentiefen,/ Wo in waltendem/ Weltenschöpfer-Sein/ Das eigne Ich/ Im Gottes-Ich/ Erweset;/ Und du wirst wahrhaft leben/ Im Menschen-Welten-Wesen" (zit. nach Baumann 1986, 114).

Hier ist reinster Pantheismus ausgesprochen.

Für die Grundsteinlegung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bei der Weihnachtstagung 1923 hat Steiner selber feste Statuten formuliert, die ich auszugsweise - zum Teil mit kurzen Kommentaren versehen - wiedergebe (sie finden sich z.B. in: 260, 43ff.):

  1. "Die Anthroposophische Gesellschaft soll eine Vereinigung von Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollen." (Diese "wahre Erkenntnis der geistigen Welt" ermöglicht angeblich der Steinersche Erkenntnisweg; Erkenntnisse höherer Welten).
  2. "Den Grundstock dieser Gesellschaft bilden die in der Weihnachtstagung 1923 am Goetheanum in Dornach versammelten Persönlichkeiten, sowohl die einzelnen, wie auch die Gruppen, die sie vertreten ließen ..." (Ungefähr 800 Besucher sind bei der Weihnachtstagung zugegen.)
  3. Diese "erkennen zustimmend die Anschauung der Goetheanum-Leitung in bezug auf das Folgende an: 'Die im Goetheanum gepflegte Anthroposophie führt zu Ergebnissen, die jedem Menschen ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion als Anregung für das geistige Leben dienen können` ... Ihre Forschung und die sachgemäße Beurteilung ihrer Forschungsergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schulung, die stufenweise zu erlangen ist. Diese Ergebnisse sind auf ihre Art so exakt wie die Ergebnisse der wahren Naturwissenschaft." (Mit der Behauptung der wissenschaftlichen Exaktheit setze ich mich in den Artikeln Akasha-Chronik und Erkenntnisse höherer Welten kritisch auseinander. Auffällig ist der interreligiöse Anspruch Steiners, der stark den Statuten der Theosophischen Gesellschaft Blavatskys ähnelt; Theosophie)
  4. "Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesellschaft, sondern eine durchaus öffentliche ... Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Die Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend." (Den Sektencharakter will Steiner etwa im Gegenüber zur Theosophischen Gesellschaft, deren Denken zum Teil auch in die erste Anthroposophische Gesellschaft hinübergewandert ist, vermeiden. Sein Spezifikum im Unterschied zu anderen Esoterikern ist zudem die "Mysterienveröffentlichung". Insofern ist Steiner kein "Esoteriker" im wörtlichen Sinn mehr.)
  5. "Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein Zentrum ihres Wirkens in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach. Diese wird in drei Klassen bestehen ..." (Damit erklärt Steiner das - wieder zu erbauende - Goetheanum mit seiner Hochschule zum Mittelpunkt der anthroposophischen Bewegung.)
  6. "Jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft hat das Recht, an allen von ihr veranstalteten Vorträgen, sonstigen Darbietungen und Versammlungen unter dem vom Vorstande bekanntzugebenden Bedingungen teilzunehmen." (Man beachte, welche zentrale Rolle der Vorstand unter der Leitung Steiners nun spielt! Siehe auch Punkt 7.)
  7. "Die Einrichtung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft obliegt zunächst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter und seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat."
  8. "Alle Publikationen der Gesellschaft werden öffentlich in der Art wie diejenigen anderer öffentlicher Gesellschaften sein. Von dieser Öffentlichkeit werden auch die Publikationen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft keine Ausnahme machen, doch nimmt die Leitung der Schule für sich in Anspruch, daß sie von vorneherein jedem Urteil über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind ... Es wird niemand für diese Schriften ein kompetentes Urteil zugestanden, der nicht die von dieser Schule geltend gemachte Vor-Erkenntnis durch sie oder auf eine andere von ihr selbst als gleichbedeutend erkannte Weise erworben hat. Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt, als die Verfasser der entsprechenden Schriften sich in keine Diskussionen über dieselben einlassen." (Da die Veröffentlichung der für Außenstehende besonders anstößigen internen Vorträge nicht mehr zu verhindern ist, werden sie nun freigegeben und im seit 1923 in Dornach befindlichen Philosophisch-Anthroposophischen Verlag unter Leitung Marie Steiners veröffentlicht. Obige Regelung soll zumindest einen "moralischen Schutz" gegen Kritiker bieten, wenn der "physische Schutz" nicht mehr zu gewährleisten ist. Die Ablehnung der Diskussion mit Außenstehenden spricht aber jedem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit Hohn.)
  9. "Das Ziel der Anthroposophischen Gesellschaft wird die Förderung der Forschung auf geistigem Gebiete, das der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft diese Forschung selbst sein. Eine Dogmatik auf irgendeinem Gebiete soll von der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen sein." (Wird dieser Punkt nicht durch den vorausgegangenen äußerst unglaubwürdig?)

Die weiteren Statuten befassen sich mit organisatorischen Fragen. Der neu gewählte Vorstand, in dem Steiner als Vorsitzender fungiert, setzt sich aus folgenden Personen zusammen, denen jeweils noch die Leitung einer Sektion an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft anvertraut ist: Albert Steffen (stellvertretender Vorsitzender, Sektion für schöne Wissenschaften); Marie Steiner (Sektion für redende und musikalische Künste); Ita Wegman (medizinische Sektion); Elisabeth Vreede (mathematisch-astronomische Sektion); Guenther Wachsmuth (Sekretär und Schatzmeister; naturwissenschaftliche Sektion). Nach Steiners Tod wird Albert Steffen erster Vorsitzender werden. Zwischen einzelnen Vorstandsmitgliedern - vor allem zwischen Marie Steiner und Ita Wegman - wird es zu schweren Konflikten kommen. Doch zunächst scheint die anthroposophische Bewegung gerettet. Die Besucher der Weihnachtstagung sind von einer Aufbruchstimmung erfüllt, die Rudolf Steiner in seinem Eröffnungsvortrag mit geradezu beschwörenden Worten gefordert hat:

"Und wir werden die rechte Stimmung finden, meine lieben Freunde, für diese Weihnachtstagung, wenn wir regsam machen können in unserem Herzen die Empfindung, daß der Trümmerhaufen, vor dem wir stehen, Maja, Illusion ist, daß vieles von dem, was uns unmittelbar hier umgibt, Maja, Illusion ist."

Und dazu gehört ganz konkret die schlecht isolierte Holzbaracke, in der die Teilnehmer eine Woche lang frierend ausharren müssen. "Aber auch diesen Frost ... wollen wir hinzurechnen zu dem, was Maja, was Illusion ist" (260, 28f.), meint Steiner.

Doch die scheinbare Illusion weicht nur zu bald der bitteren Wirklichkeit. Bereits am 1. Januar des neuen Jahres, am letzten Tag der Weihnachtstagung, geschieht etwas, das die letzte Wegstrecke Steiners ankündigt, worüber es aber die unterschiedlichsten Interpretationen gibt: Er wird ganz plötzlich krank. Und auch über diese Krankheit wird von seinen Anhängern, wie über so vieles in seinem Leben, der Schleier des Geheimnisses gelegt, so daß man bis heute nicht sicher weiß, um was für eine Krankheit es sich gehandelt hat. Marie Steiner z.B. spricht von einer Vergiftung, während Guenther Wachsmuth dies energisch bestreitet. Betrachten wir die unterschiedlichen Versionen. Nach Lidia Gentilli-Barattos Aufzeichnungen habe sich Marie Steiner ihr gegenüber so geäußert:

"Ja, Rudolf Steiner wurde vergiftet, am letzten Tag der Weihnachtstagung, bei dem Rout, der in der Schreinerei stattfand ... Ich war in ein Gespräch mit Dr. Wachsmuth vertieft, als der Doktor plötzlich hereinkam, grün wie dieses Blatt. Er lehnte sich an den Türpfosten, schaute uns verzweifelt an und sagte: 'Wir sind vergiftet!` Ich war vom Schrecken wie gelähmt. Er fragte uns sofort, ob wir etwas getrunken hätten, und als ich verneinte und er bemerkte, daß Dr. Wachsmuth nichts widerfahren war, atmete er erleichtert auf ... Dr. Wachsmuth wollte sofort eilen und einen Arzt rufen, aber Dr. Steiner verbot es ihm mit allem Nachdruck. Dr. Wachsmuth entfernte sich mit dem Versprechen, daß kein Mensch davon erfahren dürfte, daß kein Arzt gerufen werden dürfte. Der Doktor ließ sich dann alle Milch geben, die im Raume vorhanden war, und unternahm damit selber eine Magenspülung ... Er war seitdem dem Tode geweiht" (zit. nach Wehr 1993, 356f.).

Der in diesem Bericht vorkommende Dr. Guenther Wachsmuth gibt die gegenteilige Version ab:

"Obwohl Rudolf Steiner die hie und da während seiner Krankheit auftauchenden Irrtümer selbst richtigstellte, sind doch damals und auch später falsche Vermutungen verbreitet worden. So ist sogar die Legende aufgetaucht, seine Krankheit sei durch Vergiftung verursacht worden, die Krankheit habe Ende des Jahres 1923 begonnen und andere unreale Vermutungen mehr. Für diejenigen, welche in den letzten Lebensjahren in Rudolf Steiners nächster Umgebung waren und ihn auf seinen Reisen begleiteten, waren die ersten Symptome der Krankheit jedoch schon vorher mit Sorge zu erleben. Es sei aus obigen Gründen hier auch ausgesprochen, daß beim Tode Rudolf Steiners eine ärztliche Untersuchung, bei der drei Ärzte, Dr. I. Wegman, Dr. L. Noll, Dr. H. Walter und ich anwesend waren, die bisherige Diagnose bestätigte, so daß die mancherorts geäußerte Vermutung einer Vergiftung in keiner Weise zutreffend ist" (Wachsmuth 1951, 619).

Wachsmuth führt Erkrankung und Tod Rudolf Steiners auf die Arbeitsüberlastung und die schweren Schicksalsschläge in den letzten Lebensjahren zurück. Er spricht von einer "Erkrankung des Stoffwechselsystems", die ihm zunehmende Schmerzen bereitet habe (a.a.O., 605). Weitere Symptome wie Appetitlosigkeit und die Abmagerung bis zum "Skelett" (Wehr 1993, 381ff.) könnten Hinweis darauf sein, daß das Zentrum der Krankheit im Magen liegt. Dies wiederum würde sich zwar mit einer Vergiftung erklären lassen, doch bleibt dann die ungeheure Arbeitsleistung, die Steiner in den neun Monaten zwischen dieser "Vergiftung" und seinem Krankenlager vollbringt, schwer verständlich. Oder verlief die Vergiftung so langsam und chronisch, daß sie erst neun Monate später den Körper ihres Opfers niederstreckte? Wir wissen es nicht. - Eine andere Vermutung, die in der Literatur verschiedentlich geäußert wird und die meines Erachtens größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, ist der Verdacht auf Magenkrebs. Etwas Sicheres läßt sich aber auch hier nicht sagen.

Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit führt Steiner seine Tätigkeit im Jahre 1924 weiter, ja er intensiviert sie sogar in fast übermenschlicher - und im Blick auf seinen Gesundheitszustand unverantwortlicher - Weise bis zu seinem Krankenlager, das am 26. September eintritt und von dem er sich nur noch einmal kurz zu einer Ansprache am 28. September erhebt. So hat er in der Zeit vom 1. Januar bis zum 25. September 1924, also in 272 Tagen, 338 Vorträge und 68 Ansprachen gehalten. Hinzu kommt eine Vielzahl von Einzelgesprächen, die ihn die letzte Kraft kosten.

"Er selbst hat uns wiederholt gesagt, daß das was ihn aufs Lager niederstreckte, die vielen Privatbesprechungen waren ... Vierhundert Besucher zählte der Torwächter in der Zeit, wo er täglich vier Vorträge gab", berichtet Wachsmuth (1951, 611f.).

Unter den letzen Aktivitäten findet sich der "Landwirtschaftliche Kurs" auf dem Schloßgut Koberwitz des Grafen Keyserling bei Breslau vom 7.-16. Juni (Biologisch-dynamischer Anbau). Im September 1924 tritt - wie schon erwähnt - das Unvermeidliche ein: Die Kräfte des erst 63-jährigen Steiner versiegen. Er muß am 26. September zum ersten Mal seine Vorträge absagen. Nur eine kurze Ansprache zwei Tage darauf ist ihm noch möglich, dann hält ihn das Krankenlager, das in der Schreinerei neben dem Goetheanum eingerichtet wird, fest. Von den Ärzten Ita Wegman und Ludwig Noll wird er in seinen letzten Lebensmonaten betreut - bis in den März 1925 hinein an seinem "Lebensgang" und dem Buch "Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst" arbeitend. Am 30.3.1925 stirbt Rudolf Steiner. Im Krematorium von Basel wird sein Leichnam eingeäschert. Die junge Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft hat ihren geistigen Führer verloren. Das führt zu manchen Konflikten und Spaltungen der anthroposophischen Bewegung in der Folgezeit. Wehr notiert:

"Spätestens mit Steiners Tod nahmen die zwischenmenschlichen Probleme katastrophale Züge an. Wenn es einmal möglich werden sollte, die jahrzehntelang anhaltende Krise innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung von einem relativ neutralen Standort aus zu betrachten, wird man sehen, daß den hohen geistig-moralischen Ansprüchen ihrer mit der Leitung betrauten Persönlichkeiten deren tatsächliches Verhalten nicht im entferntesten entsprach" (Wehr 1993, 404).

Nur ein besonders charakteristisches Beispiel sei hier wiedergegeben. Bereits am Tag der Einäscherung Steiners ereignet sich eine wüste Szene:

"Es war bereits eine Unstimmigkeit eingetreten, da Frau Dr. Steiner das Atelier zum Sortieren des Nachlasses benutzen wollte, Frau Dr. Wegman aber dasselbe unberührt für die Mitgliedschaft erhalten m"chte. Auf der Nachhausefahrt von der Kremation kam es zu einem offenen Streit über die Urne mit Dr. Steiners Asche, vor dem Personal der Villa Hansi ... Hier fielen u.a. die Worte: 'Ihre bürgerliche Ehe mit Dr. Steiner ist jetzt zu Ende, Dr. Steiner gehört uns allen, der ganzen Gesellschaft und nicht nur Ihnen!` Herr Steffen bekam einen Herzkrampf, Frau Dr. Steiner wollte mit der Urne direkt ins Haus Hansi fahren, während die übrigen Vorstandsmitglieder dachten, sie würde ins Atelier gebracht werden ... Marie Steiner, die sich aus dem Vorstand zurückzieht, schreibt am 4. April 1925 an Eugen Kolisko: 'Ich habe klar erkannt, daß unser Vorstand, so wie er jetzt ist, verwaist ist in seiner Kindheitsstufe, ein Nichts ist.` Unabhängig davon brach ein über Jahrzehnte sich hinziehender Streit um den literarischen Nachlaß Rudolf Steiners aus" (Wehr 1993, 429).

Bis heute haben Streitigkeiten und Spaltungen die Anthroposophische Gesellschaft heimgesucht. Dennoch konnten solche "menschlich-allzumenschlichen" Seiten den Kult nicht verhindern, der bis heute von vielen seiner Anhänger um Steiner getrieben wird (Steiner-Kult).

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



Weitere Artikel in gedruckter Form finden Sie auf der Website von Dr. Lothar Gassmann (Redakteur).