Christosophie

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Christosophie (wörtlich: „Christusweisheit“) ist eine Bezeichnung für die anthroposophische Lehre von „Jesus dem Christus“. Sie besteht im wesentlichen aus zwei Teilen: A. der Behauptung der Existenz „zweier Jesusknaben“, die die Leiblichkeit des Christus bereiteten; B. dem Christusweg selber als „Mysterium des Ich“.

Die anthroposophische Lehre von „zwei Jesusknaben“

Die Unterschiede zwischen den Stammbäumen und Geburtsgeschichten bei Mt und Lk erklärt Rudolf Steiner damit, daß von zwei verschiedenen Jesusknaben die Rede sei. Kaum eine Lehre Steiners hat größere Verwunderung ausgelöst als diese - bis in anthroposophische Kreise hinein. So muß selbst Emil Bock

"... gestehen, daß wir diese Schlußfolgerung aus dem Nebeneinander der beiden Geburtsgeschichten trotz ihrer Klarheit und Unausweichlichkeit dennoch wohl nicht gezogen hätten, wenn nicht Rudolf Steiner als Ergebnis übersinnlicher Forschung dasjenige ausgesprochen hätte, was die Evangelien durch die schweigende Sprache ihrer Widersprüche sagen. Ohne Rudolf Steiner würden wir hilf- und ratlos vor der Unvereinbarkeit der beiden Berichte stehengeblieben sein; die zu ziehende Schlußfolgerung wäre zu sehr allen Denkgewohnheiten widersprechend, ihr Sinn so schwer einzusehen, daß wir den Gedanken zweier Jesusknaben wohl schwerlich allein zu denken gewagt hätten" (V,51f).

Dennoch nimmt diese Deutung einen festen Platz im Denken der Anthroposophie ein. Sie ist, wie K. v. Stieglitz (1955, 79) schreibt, :"keineswegs am Rande vermerkt, sondern eines der zentralen Stücke der Christosophie".

Die Entstehung der Lehre von den "zwei Jesusknaben"

K. v. Stieglitz (1955, 77f) weist darauf hin, daß Steiner "nicht von vornherein von zwei Jesusknaben spricht", sondern daß diese - nur der Anthroposophie eigene - Lehre zum ersten Mal im September 1909 im Baseler Lukas-Zyklus begegnet. Vorher hatte Steiner die Unterschiede zwischen den Stammbäumen und Geburtsgeschichten bei Mt und Lk durch die unterschiedlichen "Entwicklungsstufen" der Verfasser bzw. deren Einweihung in verschiedene "Mysterien" zu erklären versucht.

Wie Steiner selber mitteilt, hat er sich "jahrelang" mit der Frage der beiden Stammbäume "vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus" beschäftigt, bis er darauf gekommen ist: "Es handelt sich um zwei Jesusknaben!" (349,63). Die Enthüllung dieses Geheimnisses im Jahre 1909 fällt laut Guenther Wachsmuth (1951, 143) mit dem "Beginn des Wirkens des Christus im Ätherischen" zusammen.

Einen Anstoß für die Lehre von den zwei Jesusknaben könnte Steiner vielleicht aus der rabbinischen Tradition erhalten haben, in der gelegentlich von zwei Messiassen - einem königlichen Messias ben David und einem sterbenden Messias ben Joseph (bzw. ben Ephraim) - die Rede ist. Außer der Zweizahl und dem Tod des weniger bedeutenden Messias ben Joseph (im Kampf gegen Gog und Magog) bestehen jedoch zwischen dieser rabbinischen Lehre und Steiners Ansicht keine Analogien (vgl. StB II/1969, 292).

Der dogmatische Ort der Lehre von den "zwei Jesusknaben"

Von welchen weltanschaulichen Voraussetzungen her Steiner zu seiner Lehre von den zwei Jesusknaben gelangt ist, siehe unter Anthroposophie und Rudolf Steiner. Davon ist hier insbesondere der Gedanke zu vertiefen, daß die Sonnengeister oder sechs Elohim, deren Haupt der Logos oder Christus ist, die Erde mit ihren Gaben "beschenken" und ihr Impulse zur Weiterentwicklung geben. Dieses "Beschenken" war durch alle Figuren der Religionsgeschichte hindurch, in denen sich der Christus vor seiner Verkörperung in Jesus offenbart hatte, immer nur geistig erfolgt (103,130). Eine Verkörperung im eigentlichen Sinn, also ein Eingehen in die Materie und in eine individuelle Person, hatte damals nicht stattgefunden. Erst in der "vierten Kulturepoche, der griechisch-lateinischen", war der Mensch "heruntergelangt bis zum Begreifen der Materie", war er "bis zum Begreifen der Persönlichkeit gekommen". Das war die Zeit, "wo er den Gott als persönliche Erscheinung begreifen konnte, wo auch der zur Erde gehörige Geist bis zur Persönlichkeit fortschritt". In dieser Zeit "tritt der Christus Jesus auf der Erde auf“ (103,158). "Der, der immer im Geistigen gesehen werden konnte, der ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet" (103,168) - so deutet Steiner die in Joh 1,14 ausgesprochene Fleischwerdung des Logos. Der Christus-Sonnenlogos soll der Geschichte da, wo sie am Tiefpunkt der Materie angelangt ist, eine Kehrtwendung geben und die Menschheit zur Wiedervergeistigung hinaufführen.

Um die Jesus-Leiblichkeit vorzubereiten, in der sich der Christus-Sonnenlogos bei der Jordantaufe verkörpern kann, ist ein komplizierter Prozeß notwendig, in den Steiner möglichst viele religiöse Strömungen miteinbeziehen möchte. Zwar spricht Steiner von einem "Zusammenströmen aller früheren geistigen Strömungen der Menschheit" in dem "Christus Jesus"; er will aber "zunächst nur auf drei Strömungen aufmerksam machen", da sonst die Darstellung "zu unübersichtlich" würde. So nennt Steiner "die althebräische Geistesströmung, dann das, was in dem Gautama Buddha sich auslebte, und dasjenige, was an den Namen Zarathustra sich knüpfte" (117,106). Bei der Ausbildung der Jesus-Leiblichkeit steht die Steinersche Einteilung in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich im Hintergrund. Die althebräische Geistesströmung, das "althebräische Volk war ausersehen, die leibliche Körperlichkeit, die körperlichen Hüllen [also physischen Leib und Ätherleib; d. Verf.] zu geben, die gewachsen waren als eine Wesenheit, um den Träger dieses Reiches der Himmel aufzunehmen" (117,54). Die Buddha-Strömung vermittelte den "astralischen Leib", die Zarathustra-Strömung das "Ich" (117,122ff).

Nun begegnet bei Steiner die eigentümliche Ansicht, daß wegen der Größe und Erhabenheit des Christus-Sonnengeistes "aus derselben Wesenheit heraus", aus der "die physische und ätherische Hülle für jenes Sonnenwesen vorbereitet worden sind", nicht zugleich "die astralische Hülle und nicht der Träger des eigentlichen Ich" vorbereitet werden konnten. "Dafür war eine besondere Veranstaltung nötig, die durch eine andere menschliche Wesenheit erzielt wurde..." (123,29). Obwohl Steiner gerade im Blick auf diese Lehre betont, daß "das nicht aus den Evangelien geschöpft" ist, was er erzählt, so behauptet er doch: "Aber wir können es nachher vergleichen mit dem, was in den Evangelien steht, und wir werden es in Übereinstimmung finden" (117,107). Im folgenden zeigen wir den Bezug auf, den die anthroposophische Auslegung zu den Evangelien herstellt. Wir stützen uns dabei im wesentlichen auf die systematische Zusammenfassung und theologische Reflektion der Gedanken Steiners in E. Bocks Werk "Kindheit und Jugend Jesu" (V) sowie auf Diether Lauensteins Monographie "Der Messias" (1984).

Die unterschiedlichen Stammbäume und Geburtsberichte bei Matthäus und Lukas

Biblischer Hauptanknüpfungspunkt für die Lehre von den zwei Jesusknaben sind die voneinander abweichenden Namen im matthäischen (mt) und lukanischen (lk) Stammbaum in der Zeit zwischen David und Joseph (Mt 1,1-17; Lk 3,23-28). Gemäß der Aufzweigung des Stammbaums bei den David-Nachkommen Salomo (im Mt) und Nathan (im Lk) wird unterschieden zwischen einem salomonischen und einem nathanischen Stammbaum. Der matthäisch-salomonische Stammbaum "ist die dynastische Königsliste des Volkes und enthält die Namen sämtlicher Könige von Juda" (V,44). Der lukanisch-nathanische Stammbaum hingegen "zählt lauter völlig unbekannte Namen auf“; er führt in eine Strömung von "'Stillen im Lande"', von "Namenlosen" (V,46f), wobei auffällt, daß sich unter ihnen "viele alttestamentliche Priesternamen finden“ (Lauenstein 1984, 154).

Diese Unterschiede zwischen den Stammbäumen setzen sich in den Geburtsberichten fort. Bock sieht "zwei verschiedene Welten" bei Mt und Lk und spricht von "unvereinbaren Widersprüchen" zwischen ihren Geburtsgeschichten (V,31). "Die Weihnachts-Geschichte des Matthäus-Evangeliums ist die der Könige, die des Lukas-Evangeliums ist die der Hirten" (ebd). - Die Geburt des Jesuskindes geschieht bei Mt in einem "Hause ", bei Lk in einem "Stall " (V,47). - Der Bericht des Mt mit herodianischem Kindermord und Flucht nach Ägypten ist "voll von hochdramatischer Spannung und Tragik "; der Bericht des Lk atmet demgegenüber "einen wahrhaft überirdischen Frieden", in dem der "Schatten des Herodes und seiner Bluttat ... ferne" ist, so daß die Beschneidung und die Tempeldarstellung des Knäbleins in Jerusalem ungestört vonstatten gehen können (V,32f). Bock folgert daraus eine zeitliche Differenz zwischen den Geburten (wobei er die lukanische Schilderung als die spätere, nachherodianische ansieht) - und damit "die Geburt zweier verschiedener Kinder" (V,33f.51). - Zu zwei verschiedenen Kindern gehören zwei verschiedene Elternpaare, worauf die Evangelien nach anthroposophischer Ansicht ebenfalls hinweisen: Während Lk "Nazareth" als Sitz des Elternpaares nennt, ist bei Mt davon "keine Rede". Daraus folgert Bock, daß die matthäischen Eltern "in Bethlehem ansässig sind, wo ihnen dann auch ihr Kind geboren wird" (V,34).

Die anthroposophische Lehre von den "zwei Jesusknaben" als Versuch der Harmonisierung

Worin unterscheidet sich nun der "matthäisch-salomonisch-bethlehemitische" vom "lukanisch-nathanisch-nazarenischen" Jesusknaben? Bei der Beantwortung dieser Frage verbinden sich die aufgeworfenen exegetischen Probleme mit der oben geschilderten anthroposophischen Spekulation, die durch ihre - über den Bibeltext hinausgehende - Schau in die Akasha-Chronik eine Lösung verspricht. Diese Schau, für deren Beurteilung das unter Erkenntnisse höherer Welten und Akasha-Chronik Ausgeführte gilt, stellen wir hier kurz dar. Danach wenden wir uns der Untersuchung der aufgeworfenen exegetischen Probleme zu, welche die anthroposophische Spekulation als Anknüpfungspunkt benutzt.

Nach Ansicht Bocks hat "die bibelkritische Theologie" den "Grundfehler" begangen, "daß sie den Wert der offenen Frage verkannte und nicht die Kraft fand, mit einer Frage so lange zu leben, bis sie selbst auf die Spur einer positiven Antwort führt". Die "Schultheologie" hat sich nach seinen Beobachtungen "immer schnell wieder aus der Affäre gezogen, indem sie auf Grund der auftauchenden Probleme die Evangelien-Berichte einfach für phantastisch und unhistorisch erklärte" (V,45). Wir betrachten zunächst den anthroposophischen Erklärungsversuch.

Der matthäisch-salomonisch-bethlehemitische Jesusknabe ist aus anthroposophischer Sicht der "Erdenmensch", der "zusammengefaßte Ertrag der ganzen irdischen Geschichte". In ihm lebt "das Ich des Urlehrers Zarathustra", das sich schon häufig inkarniert und dadurch "der fortschreitenden Menschheitskultur immer wieder neue Impulse eingepflanzt" hat (V,63). Auch das Volk Israel konnte durch seine zweimalige Verbannung bei der "Hermes-Kultur Ägyptens" und der "Gilgamesch-Kultur Babyloniens" als den "jeweils der Zeit entsprechenden Ausgestaltungen der Zarathustra-Weisheit in die Schule gehen" (V,67). Während nun aber damals "das Volk zum Zarathustra" kommen mußte, kommt in dem mt Jesusknaben "Zarathustra zum Volk", was durch die messianische Königslinie, den zarathustrischen "Goldstern" der Magier u.ä. angedeutet wird. "Und so wird das Zarathustra-Ich, die reifste Seele der Menschheit, in dem Jesusknaben des Matthäus-Evangeliums, dem Sprößling der messianischen Königslinie, wiederverkörpert" (V,70f). Bei dem mt Jesusknaben handelt es sich somit um einen "völlig ausgebildeten Menschen", dessen niedere Wesensteile vom Ich des Zarathustra geläutert werden (131,179). Da der Ertrag der gesamten Erdengeschichte in ihm zusammenfließt, ist dieser Knabe "von einer großen Reife und Weisheit" (V,53).

Der lukanisch-nathanisch-nazarenische Jesusknabe hingegen ist der "Himmelsmensch" (V,63). Er besitzt ein Ich, das "noch nicht in einem menschlichen physischen Leibe jemals verkörpert gewesen war", das "wie in einem Tabernakel aufbewahrt", "jungfräulich" und "unberührt von allen luziferischen und ahrimanischen Einflüssen" war: "das Ich des 'Adam' vor seiner ersten irdischen fleischlichen Verkörperung". Dieses Ich war "ein Nichts, ein Negatives gegenüber allen Erdenerlebnissen". "Daher sah es so aus, als ob jener nathanische Jesusknabe, den das Lukas-Evangelium schildert, überhaupt kein Menschen-Ich hätte, als ob er nur bestünde aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib" (131,179). So erklären sich die "namenlosen" Vorfahren Jesu im lk Stammbaum und der "überirdische Friede", der in der Geburtsgeschichte herrscht (s.o.). Hinzu kommt, daß in dem nächstniederen Leib nach dem (provisorischen) Adam-Ich, im Astralleib, "die Buddha-Kräfte wirksam waren". Aus den Buddha-Kräften "Mitleid und Liebe" erklären sich die "Herzenseigenschaften" und die "ungeheure Liebefähigkeit" des lk Knaben; aus dem Fehlen eines eigentlichen menschlichen Ich erklärt sich, daß er "unbegabt" war für alles, "was die menschliche Kultur entwickelt hatte" (117,108f; 131,175.180).

Die Eltern beider Knaben heißen beidesmal Maria und Joseph. Obwohl die Eltern aus verschiedenen Orten (Bethlehem und Nazareth) stammen, werden beide Knaben in Bethlehem geboren, zuerst der mt (während der herodianischen Verfolgung), dann der lk Knabe (nach der Verfolgung). Die mt Familie kehrt nach der Verfolgung aus Ägypten zurück und siedelt sich in Nazareth an, wo dem Knaben mehrere Geschwister geboren werden. Der lk Knabe hingegen bleibt ein Einzelkind. Beide Familien wohnen nun in Nazareth, und eine "Schicksalsverwandtschaft ganz besonderer Art und Tiefe" macht sich zwischen ihnen geltend (V,52f).

Als der lk Knabe zwölf Jahre alt ist, pilgern beide Familien nach Jerusalem zum Tempel. Dort treffen sich die Knaben, und es kommt zur "Einswerdung", zur "Umlagerung des Ich" zwischen ihnen. Das Ich des Zarathustra geht vom mt auf den lk Knaben über. Mit beiden Knaben geschieht eine Veränderung: "Der lukanische, bisher schweigsam und zart, erwacht mit einem Male zu einer ganz erstaunlichen Kraft und Reife des Bewußtseins und des Denkens". Der matthäische Knabe hingegen, "von seinem Ich verlassen, siecht dahin und stirbt schließlich". Bock gibt zu, daß man sich "von einer solchen Umlagerung des Ich ... heute schwer eine Vorstellung machen" kann. Aber das Menschenwesen sei damals "noch sehr viel elastischer und beweglicher" gewesen als heute, und zudem habe "eine nicht wiederholbare einzigartige Zusammengehörigkeit der Seelen" vorgelegen. Die Umlagerung des Ich wird laut Bock im Lk dadurch angedeutet, daß die Eltern ihr Kind "fast nicht wieder" erkennen. Nun stirbt aber nicht nur der mt Jesusknabe, sondern auch sein Vater und die Mutter des lk Knaben. Die übrigbleibenden Elternteile heiraten einander, so daß aus zwei Familien eine Familie wird, zu der auch die Geschwister des gestorbenen mt Knaben gehören. Es gibt von nun an nur noch einen Jesus von Nazareth, einen Joseph und eine Maria (V,53f).

Möglicherweise war Steiner bei der Ausbildung dieser Lehre im Sohar und in anderen kabbalistischen Schriften des Mittelalters auf die Vorstellung des “Ibbur" gestoßen. Nach kabbalistischer Vorstellung nämlich - so schreibt Gershom Scholem (1986, 219) - gibt es Fälle, "in denen der Mensch im Laufe seines Lebens, etwa in besonderen, bedeutenden Momenten, eine andere Seele, gleichsam in Schwängerung ('Ibbur) seiner eigenen Seele, empfängt. Solche Zusatzseele, die mit seinem psychophysischen Organismus nicht von der Geburt an verbunden ist und keinen Teil an seinem Aufbau hat, kann ihn bis an den Tod begleiten, kann ihn aber auch schon früher wieder verlassen."

Der eine Jesus von Nazareth - so Steiner - besteht aus den vier Wesensgliedern physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Zarathustra-Ich. Das Zarathustra-Ich verläßt ihn bei der Jordantaufe in seinem dreißigsten Lebensjahr: Es hatte die Funktion gehabt, die "Hülle", die "menschliche Organisation" für die Aufnahme des Christus, vorzubereiten. "Was jetzt als Hülle da ist, das ist eine normale menschliche Organisation ... ist einfacher Mensch, schwacher Mensch." In diese vorbereitete Hülle tritt aus dem Weltenall als das neue Ich die "Christus-Wesenheit" ein. Die Ereignisse, die sich nun abspielen zwischen der Jordantaufe und dem "Mysterium von Golgatha", sind "die Ereignisse des Gottes Christus, nicht die Ereignisse eines Menschen", was daran deutlich wird, daß "derjenige Mensch, der diesen Leib bis zum dreissigsten Jahre bewohnt hat, diesen Leib verlassen" hat (131,88f). So weit die anthroposophische Darstellung. Wir kommen nun zur Beurteilung dieser sonderbaren Lehre.

Die Unhaltbarkeit der anthroposophischen Lehrvoraussetzungen

Bei unserer Beurteilung müssen wir gemäß unseren in Bibelverständnis und Spirituelle Interpretation herausgearbeiteten Kriterien zunächst unterscheiden, was sich im Literalsinn der Evangelien findet und was sich nicht in ihm findet, was also nur aus der Spekulation geschöpft ist. Nicht im Literalsinn der Evangelien und des gesamtbiblischen Kontextes findet sich:

- die Einordnung Gottes und seines Sohnes Jesus Christus in die anthroposophische Geisterhierarchie (Gottesbild);

- die Lehre von der Reinkarnation (Reinkarnation);

- die Einteilung des Menschen gemäß der anthroposophischen Vier-Leiber-Lehre (Anthroposophie);

- die Übertragung der Vier-Leiber-Lehre auf Jesus und die Trennung zwischen "Jesus" und "dem Christus (s.u.);

- das Zusammenfließen fremdreligiöser und synkretistischer Strömungen (Buddhismus, Parsismus, Gnosis, Kabbala u.a.) in Jesus (s. Bibelverständnis);

- die Lehre von einem "jungfräulich" und sündlos gebliebenen Teil Adams";

- die Existenz zweier Elternpaare der Jesusknaben mit den gleichen Namen;

- der Bericht zweier zeitlich auseinanderliegender Geburten von Knaben namens "Jesus";

- die Existenz zweier Jesusknaben;

- der Bericht von einem Ich-Austausch dieser Knaben im Jerusalemer Tempel und einem Sterben des einen Knaben;

- der Bericht von einem Sterben des mt Joseph und der lk Maria und einem Zusammenziehen der Restfamilien;

- der Bericht von einem erneuten Ich-Austausch bei der Jordantaufe.

Diese Ansichten und eine Reihe weiterer Einzelheiten gehen weit über die biblischen Texte hinaus. Sie können nur mittels allegoristischer Eisegese (freier bildlicher Hineindeutung) in sie eingetragen werden. Dem gewaltsamen allegorisch-spekulativen Herantragen neuer Einzelheiten an die Evangelientexte ist allerdings spätestens da eine Grenze gesetzt, wo diese in unmittelbaren Widerspruch zum Literalsinn dieser Texte treten. Im Blick auf verschiedene Lehren der Anthroposophie, die ihrerseits die Voraussetzung für die Lehre von den zwei Jesusknaben bilden (z.B. Reinkarnation), haben wir den Widerspruch zum biblisch-reformatorischen Literalsinn und Gesamtzusammenhang ausführlich aufgezeigt. Damit aber ist vom biblisch-reformatorischen Schriftverständnis her der anthroposophischen Argumentation ihre Grundlage genommen.

Hinzu kommt der im Blick auf die geschichtliche Realität irreal-künstliche Charakter verschiedener Details, der sofort auffällt, v.a. die Verdoppelung und Halbierung der Personengruppen nach dem Steinerschen Zeitplan. Daß es nicht nur zwei "Jesusse" gab, sondern daß die Eltern beider Maria und Joseph hießen, ist schon statistisch unwahrscheinlich genug. Daß dann aber auch noch von diesen sechs Personen drei fast gleichzeitig starben und sich die Übriggebliebenen zu einer Familie mit einem Jesus, einer Maria und einem Joseph verbanden, kann nur noch als völlig realitätsferne harmonisierende - man könnte auch sagen: absurde - "Konstruktion" bezeichnet werden, die im Text der Evangelien keinerlei Rückhalt besitzt.

Was bleibt, ist das, was Bock die "schweigende Sprache" der "Widersprüche" zwischen den Evangelien nennt - eine Sprache, die die Anthroposophie nicht einfach durch die Behauptung der Legendenhaftigkeit der Berichte zum Verstummen bringen, sondern die sie ernst nehmen und durch ihre spekulative "Lösung" verstehbar machen will (s.o.). Die "argumenta e silentio", welche die Anthroposophie aufgrund der Differenzen konstruiert, sind jedoch mit dem, was die Evangelien ausdrücklich sagen, unvereinbar. Sie scheiden nach allem bisher Dargestellten aus. Dennoch sind die Differenzen zwischen den mt und lk Stammbäumen und Geburtsgeschichten tatsächlich da. Daß die Anthroposophie darauf hinweist - das ist der wahre Kern ihrer Argumentation. Und auch die Forderung Bocks nach einem Ernstnehmen der Texte hat durchaus ihre Berechtigung. Ist jedoch die anthroposophische Behauptung der Existenz zweier Jesusknaben die einzig mögliche "Erklärung" für die Unterschiede zwischen Mt 1-2 und Lk 1-3?

Nichtanthroposophische Erklärungsversuche und die bleibende Aporie

Julius Africanus

Wir betrachten zunächst die Unterschiede zwischen den Stammbäumen. Daß der Steinersche Lösungsversuch nicht der einzig möglich ist - darauf weisen anthroposophische Autoren, etwa Emil Bock (V,40) und Diether Lauenstein (1984, 32ff), selber hin. Beide Autoren stellen den Anfang des 3. Jahrhunderts von Julius Africanus (gest. ca. 240) aufgestellten Harmonisierungsversuch dar, von dem Euseb in seiner Kirchengeschichte (1,7) berichtet und der bis in die Gegenwart mit verschiedenen Variationen und Verbesserungen immer wieder vertreten worden ist. Julius Africanus erklärt die Differenzen zwischen den Stammbäumen mit Hilfe des alttestamentlichen Rechtsprinzips der Leviratsehe:

"Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so soll seine Witwe nicht die Frau eines Mannes aus einer anderen Sippe werden, sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen. Und der erste Sohn, den sie gebiert, soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders, damit dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel" (Dtn 25,5f).

Von diesem Rechtsprinzip her ist es möglich, daß ein Mann in Israel zwei Väter haben konnte: einen juristischen (der verstorben ist) und einen leiblichen (der dem Verstorbenen einen Namenserben gezeugt hat). So besitzt laut Julius Africanus auch Joseph, der Mann Marias, zwei Väter - und damit zwei Stammbäume, die beide auf David zurückgehen: Josephs juristischer Vater Eli (Lk) war kinderlos verstorben; daraufhin hatte Jakob (Mt) Elis Witwe zu sich genommen und mit ihr Joseph gezeugt. Jakob und Eli waren Stiefbrüder: Sie hatten verschiedene Väter - Matthan (Mt) und Matthat (Lk) -, aber die gleiche Mutter, die zweimal verheiratet war.

Diether Lauenstein (1984, 36) schreibt: "Unter den Alten hat m.E. Julius Africanus die Frage nach den beiden Stammbäumen Jesu am ehesten gelöst.“ Auch Emil Bock bemerkt, daß die "neuere protestantische Theologie", soweit sie die Stammbäume als historisch relevant ansieht, die Lösung des Julius Africanus für die "bestmögliche" hält. Zugleich aber kritisiert er mit Recht, daß Julius Africanus "seine Zuflucht nehmen muß zu einer ganzen Summe unbeweisbarer und sehr unwahrscheinlicher Annahmen" (V,40). In der Regel werden deshalb derartige Harmonisierungsversuche in der Forschung abgelehnt, weil sie den Texten nicht gerecht werden. Die Differenz zwischen den beiden Stammbäumen läßt sich durch harmonisierende Vermutungen nicht beseitigen. Helmut Merkel (1971, 129) nennt die heiklen Punkte:

"Diese ganze Konstruktion krankt natürlich daran, daß die Verwandtschaft zwischen Eli und Jakob nur erschlossen ist; außerdem dürfte bei Halbbrüdern mütterlicherseits die Verpflichtung zur Leviratsehe nicht mehr vorgelegen haben.“

So ergibt sich, daß die Annahmen des Julius Africanus zwar im einzelnen ebensowenig beweisbar sind wie die Konstruktionen Rudolf Steiners, aber wenigstens einen Rückhalt in der jüdisch-alttestamentlichen Tradition besitzen und daher noch eher im Bereich des Vorstellbaren liegen. Rudolf Steiner argumentiert so sehr viel weniger "historisch" als der Gelehrte Julius Africanus zu Beginn des 3. Jahrhunderts, der ja z.B. auch gegenüber Origenes die "Kanonizität" der Susanna-Erzählung im Danielbuch aus philologischen Gründen bestritt (vgl. Origène, Phil. 1-20, SC 302, 1983).

Eine weitere, m.E. noch wahrscheinlichere Möglichkeit stellt die Deutung dar, daß Mt den Stammbaum des Joseph und Lk den Stammbaum der Maria schildert. Auch diese Ansicht wird in der Forschung gelegentlich vertreten.

Tatian

Auch für die Unterschiede zwischen den Geburtsberichten gibt es harmonisierende Erklärungsversuche, die die Texte historisch ernst nehmen wollen, ohne Spekulationen in der Art Steiners zu verfallen. Den ältesten Erklärungsversuch liefert Tatian (2. Jahrhundert) in seiner Evangelienharmonie "Diatessaron", wo er den Besuch der Magier (Mt 2,1-12) nicht (wie viele moderne Synopsen) neben, sondern hinter den Besuch der Hirten mitsamt der Tempeldarstellung (Lk 2,8-40) einordnet (Tatian 1926, 66ff). Tatian nimmt also nicht (wie Steiner) eine zeitliche Differenz zwischen den Geburten, sondern zwischen den Besuchen an!

Nach dieser Erklärung sind die Hirten sogleich in der Nacht der Geburt ("heute") zum Jesuskind gekommen, die Magier jedoch erst nach einem nicht näher bestimmten Zeitraum ("als Jesus zu Bethlehem geboren war"). Daß der Zeitraum zwischen der Geburt Jesu und dem Besuch der Magier nicht zu knapp angesetzt werden darf, sondern sogar ein bis zwei Jahre betragen kann, wird aus der Anordnung des Herodes gefolgert, "alle Knaben in Bethlehem und der ganzen Gegend töten zu lassen, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er mit Fleiß von den Weisen erkundet hatte" (Mt 2,16). Wenn das Jesuskind zur Zeit des Besuches der Magier aber bereits ein bis zwei Jahre alt war, so ergibt sich, daß die Beschneidung und Tempeldarstellung, die das Lk schildert, bereits hinter ihm lagen und daß diese Ereignisse tatsächlich in einer friedlichen Atmosphäre - ohne Gefahr durch die herodianische Verfolgung - stattgefunden hatten. Die herodianische Verfolgung setzte ja erst nach dem Besuch der Magier ein.

Freilich geht auch dieser historisierende Harmonisierungsversuch weit über das hinaus, was der Text sagt. Tatian und auch sein Lehrer Justin, der als erster um 150 n.Chr. das Mt und Lk nebeneinander verwendet und bezeugt, sind jedoch Zeugen dafür, daß die frühesten Ausleger ganz selbstverständlich Mt 1f und Lk 1f auf dasselbe Ereignis und dieselben Personen bezogen. Entscheidend ist, daß man in der frühesten Auslegung seit Justin, im Protevangelium Jakobi, bei Tatian, bei Irenäus usw. den mt und lk Bericht harmonisierend verband, aber nie an zwei verschiedene Jesuskinder dachte, selbst nicht bei den Gnostikern, die zwischen dem Menschen Jesus und einem himmlischen Christus unterschieden. Die Unterschiede führten nie zur Trennung beider Berichte (vgl. Hennecke / Schneemelcher I/1987, 330ff).

Auf der anderen Seite kann man sie auch nicht, wie es in der Alten Kirche geschah, gewaltsam harmonisierend verbinden, sondern muß sie nebeneinander stehen lassen. Entscheidend bleiben die Gemeinsamkeiten, vor allem:

- Maria und Joseph als Eltern Jesu;

- die wunderbare Geburt;

- der Ort Bethlehem;

- das Aufwachsen Jesu in Nazareth;

- das Bekenntnis zur Messianität Jesu.

Als Ergebnis dieses Kapitels halten wir fest: Die Differenzen zwischen den Stammbäumen und Geburtsgeschichten in den Evangelien sind ein schwieriges Problem in der theologischen Forschung. Die Steinersche Behauptung der Existenz zweier Jesusknaben kommt durch willkürlich-spekulative Eisegese zustande und stellt eine eigenartige Mischung aus freier Phantasie und gewaltsam-harmonisierenden Bestrebungen dar. Sie bietet keine Lösung des Problems, sondern widerspricht den Evangelientexten und jeder Form einsichtiger Schriftauslegung.

Der Christusweg - ein „Mysterium des Ich“

Die Aufgabe des Christus ist nach anthroposophischer Vorstellung die Verkündigung und Ausbildung des Ich, des vierten Wesensgliedes der menschlichen Individualität. Christus als Summe der sechs Elohim erfüllt diese Aufgabe im Erdenzeitalter und ermöglicht damit das Weitergehen der Evolution. R. Steiner sagt: "Die Erde ist dazu da, dem Menschen das volle Selbstbewusstsein, das 'Ich-bin' zu geben. ... Und der Christus ist die Kraft, die die Menschen zu diesem freien 'Ich-bin'-Bewusstsein gebracht hat" (103,64). Die Verkündigung des Ich geschieht in den Worten und Taten des Christus, v.a. in den joh "Ich-bin"-Worten. Der entscheidende Impuls zur Ausbildung des Ich wird durch das "Mysterium von Golgatha" gegeben. Unter diesen zwei Gesichtspunkten wollen wir nachfolgend den Weg des Steinerschen Christus betrachten. Er führt von der Verkündigung des Ich zum eigentlichen "Mysterium des Ich", zum "Mysterium von Golgatha" - und ist zugleich als ganzer von diesem her bestimmt.

Die geistesgeschichtlichen Wurzeln in Fichtes Ich-Philosophie

Zuvor jedoch untersuchen wir, wie Steiner zu seiner Betonung des Ich gelangt ist. Im geschichtlich-biographischen Teil (Rudolf Steiner) haben wir bereits gezeigt, daß seine "besondere Liebe" dem ersten Entwurf von Fichtes "Wissenschaftslehre" galt. Wie Fichte sah Steiner "in der Tätigkeit des menschlichen `Ich' den einzig möglichen Ausgangspunkt für eine wahre Erkenntnis". Aber er hatte doch seine "eigenen Ansichten". So nahm er sich "die `Wissenschaftslehre' Seite für Seite vor und schrieb sie um" (636,39). Worin der Unterschied zu Fichte liegt, das bringt Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" zum Ausdruck: "Er [sc. Fichte] versuchte das ganze Weltgebäude aus dem `Ich' abzuleiten. Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt." Demgegenüber entwickelt Steiner in Anknüpfung an Goethe (Goetheanismus) seine monistische Weltsicht: "Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein" (627,26f). Dieser innere Führer ist das Ich.

K. v. Stieglitz (1955, 239) stellt als Ergebnis seiner Untersuchung über die "Christosophie Rudolf Steiners" fest, daß Steiner "seine Philosophie in seiner Christosophie historisiert". Steiners Philosophie, in der er sich "Fichtes Ich-Philosophie... in veränderter Form aneignet", ist "Kult des Ich". "Im Ich konzentriert sich für Steiner die Freiheit und die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen. In der Christosophie wird die beherrschende Bedeutung des Ich beibehalten. Der Christus wird Repräsentant des Ich und als 'Welten-Ich' der Führer zur vollkommenen Ichheit" (ebd., 190). Der philosophische Ansatz aus Steiners Frühzeit (seine Betonung des "Ich" in der "Philosophie der Freiheit") verbindet sich so mit den späteren theosophischen Spekulationen über die verschiedenen Wesensglieder des Menschen und führt - in freier Anknüpfung an jüdisch-christliche Aussagen - schließlich zur spezifisch anthroposophischen Anschauung von Christus als dem Repräsentanten des Ich.

Das Ich nimmt nach anthroposophischer Ansicht deshalb eine so zentrale Stelle ein, weil die Existenz gerade dieses Wesensgliedes für die Ausbildung der höheren Wesensglieder entscheidend ist. Die Weiterentwicklung des Menschen geschieht nämlich dadurch, "dass der Mensch von seinem Ich aus nach und nach die drei andern Glieder durcharbeitet, durchläutert, durchkraftet". So verwandelt sich unter der Wirkung des Ich der Astralleib in "Manas" oder das "Geistselbst", der Ätherleib in "Buddhi" oder den "Lebensgeist", der physische Leib in "Atman" oder den "Geistesmenschen" (103,134). "Und das Hinblicken auf die Christuspersönlichkeit, auf die Christusimpulse, das Sichdurchkraften, Sichstärkenlassen durch den Christusimpuls, das zieht im Menschen das heran, wodurch er diese Umwandlung vollziehen kann" (103,136).

Im folgenden soll es nun nicht darum gehen, Fichtes Ich-Philosophie oder Steiners "Philosophie der Freiheit" (Freiheitsphilosophie) zu untersuchen, sondern wir konzentrieren uns allein auf die biblisch-theologische Fragestellung: Ist Christus wirklich der Repräsentant des Ich im Steinerschen Sinne? Ist seine Aufgabe wirklich die Verkündigung des Ich und die Ausbildung des menschlichen Ich-Leibes? Um zu einer Antwort zu gelangen, betrachten wir zunächst die anthroposophische Interpretation der joh "Ich"-Aussagen und "Ich-bin"-Worte. Unter den Schülern Rudolf Steiners hat sich besonders Friedrich Rittelmeyer um die Herstellung des biblischen Bezuges bemüht.

Das Johannesevangelium als "Buch der Mysterien des Ich“

Rittelmeyer (1938, 7) bezeichnet das Joh als "das Buch der Mysterien des Ich ". "Nicht eine Biographie des Christus Jesus ist es, sondern eine Biographie der sich entwickelnden Menschenseele" (94,200), hatte Steiner selber gesagt. Überall im Joh, so fährt Rittelmeyer (1938, 21ff) fort, breche die Ahnung herein, "daß unser Ich ein Organ ist, um den Vater zu finden - der selbst ein Ich ist": Das Ich des Vaters sei das "Groß-Ich" (Makrokosmos), unser Ich das "Klein-Ich" (Mikrokosmos), das dem von Christus geschenkten Ich entspreche. "Christus erringt uns nicht nur den Himmel oder verspricht uns den Himmel, sondern er ist der Himmel und kehrt als der Himmel in uns ein gerade mit diesem Ich, das er uns schenkt."

Die Identifikation des Ich mit Christus

Rittelmeyer (1938, 22) nimmt eine dreifache Gleichsetzung vor zwischen dem "Vater", dem "Christus" und dem "Ich" des Menschen. Die Gleichsetzung zwischen dem Vater und Christus ergibt sich aus dem Christuswort in Joh 10,30: "Ich und der Vater sind eins" (wobei "Vater" nach anthroposophischem Verständnis das, "was den ganzen Kosmos durchpulst", den "göttlichen Weltengrund" meint; vgl.103,65). Doch wie begründet Rittelmeyer die Gleichsetzung zwischen Christus und dem Menschen-Ich? Indem er die biblischen Formulierungen vom "Sein in Christus" ("ich in Christus", "Christus in mir" u.ä.) im Sinne einer wesenhaften Identifikation versteht: "Christus ... ist gekommen, um uns sein ganzes Ich zu geben als unser wahres Ich. 'Ich in ihnen!`“

Daß diese biblischen Formulierungen gerade keine Wesensidentität zwischen Christus und dem "Menschen-Ich" ausdrücken, daß Christus und der Mensch getrennte Personen sind und daß "Christus in mir" allein durch den Glauben (im Sinne einer persönlichen Vertrauensbeziehung) lebt, haben wir bereits in den Artikeln Bibelverständnis und Spirituelle Interpretation nachgewiesen. Auch Rittelmeyer bemerkt das und versucht deshalb, den Begriff des "Glaubens" umzudeuten:

"Es ist die eine ganz große Forderung Christi an die Menschen: Glaubet an mich! Nicht in dem Sinn irgend eines willkürlichen Vertrauens, sondern in dem Sinn: Glaubet, daß in mir das wahre Ich erschienen ist, auf das ihr alle gewartet habt, in dem ihr alle euer eigenes Ich finden könnt, in dem sich der Sinn des Menschentums in der Erdengeschichte erfüllt!" (Rittelmeyer 1938, 30).

Die Aufforderung Christi "Glaubet an mich!" sei also folgendermaßen zu verstehen: "Glaubet an mein Ich!" Und "die Sünde, daß sie nicht glauben an mich" (Joh 16,9) sei "die Sünde; wenn der Mensch nicht glaubt an das Ich, das in Christus da ist" (ebd., 25.29). - Diese Deutung scheitert allerdings bereits daran, daß an den betreffenden Stellen im Urtext eben nicht "ich" (ego) und schon gar nicht "das Ich", sondern "mich" (eme) steht. Der Glaube ist ein Akt personalen Vertrauens auf Jesus Christus, nicht die Aneignung eines höheren Wesensteils (s.u.).

Die Umdeutung der johanneischen "Ich-bin"-Worte

Die joh "Ich-bin"-Worte werden nun aber von der Anthroposophie im letzteren Sinn ausgelegt. Zwei Beispiele mögen zur Illustration genügen: Joh 14,6 will Steiner gemäß seiner Lehre von den verschiedenen Leibern folgendermaßen verstehen:

"In dem 'Ich bin' liegt der Weg zur Wahrheit und zum wahren Leben, weil das 'Ich bin' die niederen Leiber durcharbeitet und das wahre Leben in ihnen entstehen läßt ... Das 'Ich bin' zeigt die Richtung, die der Mensch einschlagen muß, um Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch zur Entfaltung zu bringen" - und dadurch zum "Vater" (d.h. zur Einswerdung mit dem kosmischen Weltengrund, mit dem "Groß-Ich") zu gelangen (100,255f).

In dieser Auslegung lassen sich gewisse Analogien zur frühchristlichen Gnosis erkennen, die sagt: "Jesus Christus ist nicht selbst der Weg zum Vater, sondern er lehrt die Wahrheit, d.h. die Gnosis, die aus sich zum erlösenden Aufstieg in das Reich der Wahrheit wird" (Schnackenburg II/1971, 274). Der Blick wird weg von der Person Christi und hin auf die durch ihn vermittelte Erkenntnis und den mit deren Hilfe zu erlösenden Menschen gerichtet. So nimmt auch Steiner in seiner Auslegung eine völlige Entpersönlichung Christi und Gottes, des Vaters, vor: Er spricht im Grunde nur noch vom Menschen und seinen Wesensgliedern.

Diese Deutung hat jedoch im literal verstandenen Text keinerlei Grundlage, sondern sie steht im direkten Widerspruch zu ihm. Der Skopus (Zielpunkt) von Joh 14,6 liegt nämlich gerade darin, alle menschlichen Versuche der Selbsterlösung und "Höherentwicklung" auszuschließen und Jesus Christus als einzigen Vermittler des Heils, als einzigen Weg zu Gott dem Vater zu verkündigen. Jesus Christus in Person ist durch das, was er in seinem Leiden und Auferstehen vollbringt, der Weg (er ermöglicht den Zugang zum Vater durch die Vergebung der Sünden), die Wahrheit (er verkörpert die Offenbarung des Vaters durch die Übereinstimmung mit seinem Wesen und Willen) und das Leben (er ist der Überwinder des Todes, der als solcher den Glaubenden das ewige Leben schenkt). Diese Auslegung läßt sich vom gesamtbiblischen Kontext her klar belegen, wogegen die Steinersche Deutung nicht einmal unter allegorischen Gesichtspunkten einleuchten will (was hat z.B. das Wesensglied "Lebensgeist" mit dem theozentrischen, ausschließlich auf Gottes Offenbarung bezogenen Begriff "Wahrheit" gemein?).

Nun betrachten wir ein zweites Beispiel: "Bevor der Vater Abraham war, war das 'Ich-bin'!" - so lautet Steiners Wiedergabe von Joh 8,58. Hinter dieser Wiedergabe steht die Vorstellung, daß es in alttestamentlicher Zeit nur ein "'Gruppen-Volks-Ich"' gab, das bestimmt war durch die "Blutsverwandtschaft" und hinaufreichte "bis zu Abraham". Sein Bekenner sagte: "Ich und der Vater Abraham sind eins." Er fühlte "noch nicht vollständig das 'Ich-bin' in seiner eigenen Persönlichkeit". Der Christus Jesus jedoch ging über die engen Schranken der Blutsverwandtschaft und des Vaters Abraham hinaus, indem er das Einssein des Ich mit dem "ganzen Kosmos", mit dem "göttlichen Weltengrunde", mit dem "geistigen Vatergrund" verkündigte: "Ihr sollt an einen geistigen Vatergrund glauben, in dem das Ich wurzelt, der geistiger ist als jener Grund, der das jüdische Volk als Gruppenseele verbindet." Deshalb sagte der Christus allgemeiner: "Ich und der Vater sind eins!" Er "war derjenige, der den Impuls gibt, dass die Menschen alle - jeder als einzelnes Wesen - empfinden können das 'Ich-bin`“ (103,64f).

Auch diese Deutung steht dem Literalsinn und Gesamtzusammenhang der Textstelle entgegen. In Joh 8,48-59 geht es darum, am Beispiel des Vergleichs mit Abraham die einzigartige Verbindung, ja Einheit Jesu Christi mit dem Vater im Gegensatz zu allen Menschen zum Ausdruck zu bringen. Diese Einheit wurzelt in seiner Gottessohnschaft und ewigen Präexistenz - darin, daß er, wie das spätere Bekenntnis formuliert, vere homo et vere Deus (wahrer Mensch und wahrer Gott) ist. Kein Mensch könnte wie Jesus von sich sagen: "Ich bin" (ego eimi), d.h. ich bin der Ewig-Seiende, "der Anfang und das Ende" (vgl. Joh 1,1ff; Apk 22,13), sondern für jeden Menschen gilt das gleiche wie für Abraham: "er ist geworden" (genesthai). Jeder Mensch ist ein in der Zeit "gewordenes " Geschöpf Gottes; Jesus Christus aber ist der überzeitlich "seiende" Sohn Gottes, der in wesensmäßiger Einheit mit Gott dem Vater steht. Daher ist Joh 8,58 richtig so zu übersetzen: "Ehe Abraham wurde (genesthai), bin ich."

Joh 8,58 liefert auch den Schlüssel zum Verständnis der "Ich-bin"-Worte insgesamt. "Prin Abraam genesthai ego eimi" - dieser überraschende Wechsel der Tempora (man würde grammatikalisch "ego en" erwarten) zeigt, daß "ego eimi" Formel- oder Zitatcharakter besitzt. R. Schnackenburg folgert: "Die atl. Stelle, die hinter dem Ausspruch Jesu steht, dürfte Ex 3,14 sein, wo sich Gott bezeugt als 'Ich bin der Ich-bin', von der LXX wiedergegeben mit Ego eimi ho on“ (Schnackenburg II/1971, 300).

Wir halten somit fest: Jesus Christus ist in der Tat ein Verkündiger des "Ich". Er verkündigt aber nicht das "Ich" des Menschen, sondern er verkündigt das göttliche und ewige "Ich-bin", welches sich in seiner Person und in seinem Kommen in einzigartiger Weise heilbringend offenbart. Die "Ich-bin"-Worte Jesu sind keine anthropologische, sondern eine theologische Aussage. Das göttliche "Ich bin", das sich in Jesus Christus offenbart, ist von allem menschlichen Wesen grundsätzlich verschieden.

Die Ausbildung des Ich durch den Christus - Offenbarung oder "Irrlehre"?

Gerade diese absolute qualitative Unterschiedenheit zwischen Gott und Mensch wird von der Anthroposophie vehement bestritten. "Überall, wo man noch in der Gegenüberstellung zwischen Gott und dem Menschen verharrt und meint, dies 'Ich und Du' wäre das wahre Christentum, überall dort ist man aus dem Judentum noch nicht völlig heraus", schreibt Rittelmeyer in seinen 1938 (!) veröffentlichten "Briefen über das Johannesevangelium". "Johanneisch" sei nicht: "Ich und Du", sondern: "Groß-Ich und Klein-Ich, Groß-Ich im Klein-Ich" (Rittelmeyer 1938, 22). Daß sich diese Deutung nicht halten läßt, haben wir oben nachgewiesen. Dennoch müssen wir weiterfragen: Wie gelangt die Anthroposophie eigentlich zu dieser Vorstellung? Welches Weltbild steht dahinter? Erst wenn wir diese Hintergründe kennen, können wir die Steinersche Auffassung vom "Mysterium von Golgatha" verstehen, die wir nun betrachten.

Die vier Christusopfer

Nach anthroposophischer Ansicht ist der Mensch ein Glied innerhalb der Geisterhierarchie, das sich unter dem Einfluß der über ihm stehenden Geistwesen höherentwickelt (Gottesbild). Diese Höherentwicklung kommt innerhalb des Erdenzeitalters durch "vier Christus-Opfer" aus der hierarchischen Stufe der Exusiai zustande. Das vierte Christusopfer ist das "Mysterium von Golgatha", das "einmal" geschehen ist "innerhalb der physischen Erdenentwickelung" und "von dem uns die Evangelien und die Paulinischen [sic] Briefe Kunde geben". Die drei anderen Christusopfer sind "die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha" oder "gewissermaßen ... drei Mysterien von Golgatha", die "noch nicht auf dem physischen Plan sich vollzogen haben". "Diese überirdischen Ereignisse fielen so, daß das eine in der alten lemurischen Zeit liegt, zwei liegen in der atlantischen Zeit. Das vierte Ereignis liegt in der nachatlantischen Zeit und ist unser Mysterium von Golgatha" (152,148f).

Die vier Christusopfer haben das Ziel, nacheinander die "Sinnesorgane", die "Lebensorgane", die "Gemütsorgane" und das "Ich" zu harmonisieren, indem sie ihnen den "Grundimpuls der Selbstlosigkeit" einflößen (152,149ff). Dieser "Grundimpuls", diese "Kraft" wurde bei den drei ersten Christusopfern ausgelöst, indem ein Geistwesen aus der hierarchischen Stufe der Archangeloi, also "ein Erzengel seine Seelischheit hingeopfert hat und der Christus dieses Erzengelwesen durchdrang" (152,151). So sollte auch das vierte Christusopfer ablaufen, welches die Harmonisierung des Ich bewirken sollte. Bevor dies geschehen konnte, trat jedoch das "Luzifer-Ereignis" ein, das den Abstieg des Menschen in die Materie zur Folge hatte. Um den Wiederaufstieg zum Geist zu ermöglichen, haben die höheren Geisterhierarchien sogleich bestimmte Wesensteile des Menschen dem luziferischen und ahrimanischen Einfluß entzogen. Ein unschuldiger Teil des Adam wurde aufbewahrt, um dem Menschen zu gegebener Zeit wieder zugeführt zu werden. Diese Zuführung geschah schließlich im Leib des nathanischen Jesusknaben, der sich mit dem im salomonischen Jesusknaben verkörperten Ertrag der Menschheitsentwicklung vereinigte und so dem Christus eine Hülle zubereitete (s.o.). Der Christus mußte sich diesmal verleiblichen (nicht "verseelen"), weil der Mensch selber bis zur Stufe der materiellen Leiblichkeit hinabgestiegen war.

"Dieselbe Christus-Wesenheit; die sich dreimal in Erzengelgestalt verseelt hat, dieselbe Christus-Gestalt verleiblicht sich dann durch das Ereignis, das wir die Johannestaufe im Jordan nennen, in dem Leibe des Jesus von Nazareth" (152,158). "Weil das Ich des Menschen sich auf der Erde entwickeln muß, mußte das Ereignis von Golgatha auf der Erde stattfinden, Christus mußte den Leib des Jesus durchdringen, den wirklichen physischen Leib, während bei den Vorstufen ein Engel durchseelt wurde" (152,123).

Das Mysterium von Golgatha

Und dann tritt das vierte Christusopfer, das "Mysterium von Golgatha" ein. Was geschieht? Es wird die "Gefahr abgewendet... die darin bestanden hätte, daß durch den Einfluß Luzifers und Ahrimans das Ich des Menschen in Unordnung gekommen wäre". Die "Harmonie" wird hergestellt "zwischen diesem Ich und den Kräften des Kosmos, so daß das Ich nicht ein Spielball werde der Kräfte des Kosmos" (152,158f). Die Harmonisierung des Ich ist deshalb so wichtig, weil das Ich die Grundlage zur Ausbildung der höheren Leiber - und damit zum Weitergehen der Evolution, zur Vergeistigung von Mensch und Kosmos - darstellt). Die Kraft zur Harmonisierung und Ausbildung des Ich wird wiederum durch ein Opfer freigesetzt, eben durch das vierte Christusopfer, das eigentliche "Mysterium von Golgatha". Aber diesmal ist es nicht ein Erzengelwesen, welches das Opfer bringt, sondern ein Mensch: der Mensch Jesus von Nazareth.

Es ist wichtig zu betonen: Nicht "der Christus" opfert sich, sondern geopfert wird ein Teil des Wesens; das der Christus durchdringt. Dreimal hat "ein Erzengel seine Seelischheit hingeopfert" (s.o.); jetzt opfert der Mensch Jesus seine physische Hülle. Steiner betont, „daß nun tatsächlich der physische Tod eintrat für den physischen Leib des Jesus von Nazareth", daß aber "der Geist des Christus die drei Tage außerhalb des physischen Leibes weilte"; bis er in den (unzerstörten) "verdichteten Ätherleib" des Menschen Jesus zurückkehrte (diese Rückkehr wird von Steiner als "Auferstehung" bezeichnet) (139,133). Schon vor der Kreuzigung "zog sich allmählich die Aura von dem Menschen Jesus von Nazareth zurück, und immer fremder wurden einander der Christus und der Menschensohn, der Jesus von Nazareth". Beim "Blutschwitzen auf Gethsemane" (Lk 22,44) wurde "dieser Zusammenhang" zwischen Jesus und dem Christus "gelockert", und der Jüngling, der bei der Gefangennahme Jesu nackt entfloh (Mk 14,51f), "ist der junge kosmische Impuls, das ist der Christus, der entschlüpft, der jetzt nur noch einen losen Zusammenhang mit dem Menschensohn hat" (139,175ff). (Insofern ist es eigentlich irreführend, von einem Christusopfer zu reden!)

Nun sagt Steiner weiter: "Kein Evangelium spricht davon, daß der Menschensohn nur blieb und daß das kosmische Element ihn nur umschwebte, als das Markus-Evangelium" (139,176). Steiner setzt den fliehenden nackten Jüngling mit dem Jüngling gleich, der nach der Auferstehung Jesu im Grab sitzt: Es ist "derselbe Jüngling", der "wieder da ist; als die drei Tage vorüber sind, und der von jetzt ab wirkt als das kosmische Prinzip der Erde" (139,177f). Der Jüngling von Mk 14,51f und 16,5 wird so von Steiner mit dem Auferstandenen identifiziert. Bei dieser Identifizierung bereitet Steiner die Tatsache keine Schwierigkeit, daß der Jüngling den Frauen am Grab die Antwort gibt: "Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier" (Mk 16,6). Der Jüngling und der Auferstandene sind also zwei verschiedene Personen. Um diese Schwierigkeit zu verdecken, hat Steiner einfach bei seiner Wiedergabe von Mk 16,6 den Teil "er ist nicht hier“ weggelassen (vgl. 139,177).

Nun war also nach anthroposophischer Vorstellung "der Christus“ selber beim „Mysterium von Golgatha" zwar nicht mehr im Jesusleib, aber der Jesusleib - insbesondere sein Blut - war "veredelt, durchgeistigt durch den dreijährigen Aufenthalt des Christus in dem Jesus von Nazareth" (139,194; vgl. 103,217). So konnte von ihm eine "Kraft", ein "Impuls" ausgehen. Dieser Impuls, der die Menschheitsentwicklung vorantreiben würde, erfolgte durch den Blut-Erde-Kontakt auf Golgatha: Zu dem Zeitpunkt, als "das Blut aus den Wunden des Christus Jesus floss", veränderte sich die "Aura der Erde", und der Christus-Sonnengeist wurde "der Geist der Erde". Die Erde wurde zum "wahren Leib" des Christus. "In das geistige Dasein der Erde wurde aufgenommen, was ihr vorher von aussen zuströmte, die Kraft des Logos, durch das Ereignis von Golgatha" (103,129f.132). Nun kann der Christus als "Erdengeist" unmittelbar an der Ausbildung des Ich arbeiten. Das "tiefste Geheimnis" seines Wesens "ist das 'Ich-bin'; und die wahre und ewige Gewalt des 'Ich-bin' oder des Ich, die die Kraft hat, die anderen Leiber zu durchdringen, muss einfliessen in den Menschen. Sie ist im Erdengeist darinnen" (103,140). Das ist der Kern der Lehre Steiners über das "Mysterium von Golgatha".

Die Umdeutung der neutestamentlichen Berichte von der Kreuzigung

Sämtliche Ereignisse, die nach den Berichten der Evangelien mit der Kreuzigung Jesu Christi in Verbindung stehen, werden nun von dieser Lehre her interpretiert. Als Beispiele von zentraler Bedeutung betrachten wir die anthroposophische Interpretation zweier Kreuzesworte Jesu, wie sie Emil Bock wiedergibt.

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" -

das sage "gewissermaßen Jesus, der den Christus anruft", und zwar in dem "Augenblick, da das zurückbleibende Jesus-Bewußtsein sich schmerzvoll von seinem höheren Christus-Inhalt verlassen fühlt" (Ev,400). - Im Text steht aber nicht, daß "Jesus" "den Christus", sondern daß Jesus - unter Aufnahme von Ps 22,2a - "Eli", also seinen Gott und Vater anruft (Mt 27,46; Mk 15,34; vgl. Lk 23,34.46), "Jesu Ruf ... ist ein Gebet, der Notschrei des Bedrängten zu Gott" (R. Pesch, II/1977, 494). Im Ruf Jesu kommt die Gottverlassenheit infolge der Gottlosigkeit, der Grundsünde des Menschen, zum Ausdruck, die Jesus als das reine Opferlamm, das selber ohne Sünde ist, stellvertretend auf sich nimmt und dadurch sühnt (vgl. Joh 1,29.36; Hebr 2,17f; 4,15; s.u.).

"Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist"

- dieses Wort Jesu aus Lk 23,46 bringt Bock mit dem Wort aus der zweiten Ik Leidensankündigung zusammen: "Des Menschen Sohn wird überantwortet werden in der Menschen Hände" (Lk 9,44). Bock schreibt: "'Des Vaters Hände' und `der Menschen Hände' sind eins und dasselbe, nur weisen die Hände des Vaters noch über die Menschenwelt hinaus in das Ganze des Erdenkosmos." Der Christus (laut Steiner der Sonnengeist; der zum Erdgeist wird; s.o.) opfere sich somit "in die Erden- und Menschenwelt hinein" (Ev,402). - Diese "Auslegung" ist ein klassisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn einzelne Bibelstellen aus ihrem Textzusammenhang gerissen werden. Daß der Menschensohn "in der Menschen Hände" überantwortet werden wird - diese Selbstaussage macht der lk Jesus vor dem Passionsgeschehen. Im Passionsgeschehen wird Jesus tatsächlich in die Hände der Menschen überantwortet. Danach jedoch, am Ende des Passionsgeschehens, befiehlt sich Jesus - unter Aufnahme eines Gebetsverses aus Ps 31,6 - in die Hände seines göttlichen Vaters. Es handelt sich also in der Darstellung des Lk um verschiedene, zeitlich auseinanderliegende Ereignisse, von denen Jesus spricht: Daß die Bocksche Gleichsetzung zwischen "des Vaters Händen" und "der Menschen Hände" unhaltbar ist, wird überdies daran deutlich, daß in der dritten lk Leidensankündigung eine nähere Kennzeichnung der Menschen erfolgt, denen der Menschensohn überantwortet wird: "Er wird überantwortet werden den Heiden " (Lk 18,32). Die Bocksche Deutung liefe somit darauf hinaus, Gott den Vater nicht nur mit den Menschen, sondern speziell auch mit den Heiden gleichzusetzen. Der Text ist hier wie so oft der assoziierenden Spekulation völlig zum Opfer gefallen.

Wie diese beiden, so werden auch die anderen Kreuzesworte Jesu sowie die weiteren Einzelheiten beim Kreuzesgeschehen allegorisch umgedeutet. Um nur noch zwei Beispiele zu erwähnen: Nach Joh 19,23f zerteilten die Soldaten das Kleid Jesu; den Rock Jesu jedoch zerteilten sie nicht. Steiner identifiziert den Christus mit dem "Geist der Erde", sein Kleid mit den "festen Teile[n] der Erde", seinen Rock mit der "Lufthülle, die um die Erde herum ist", und folgert:

"In Kontinente und Gebiete ist das Kleid der Erde geteilt worden, nicht aber der Rock. Die Luft ist nicht geteilt worden; sie gehört allen gemeinsam" (103,194f).

Ein zweites Beispiel: Jesus wurden seine Wunden laut Steiner im Grunde nicht von außen, sondern von innen zugefügt: "Denn die höhere Kraft des Ich ... durchlöchert, durchdringt, zersticht den Leib." Und weil "mit dem Christus Jesus auf einmal das volle Ich in die Leiblichkeit eingezogen ist, weil da am stärksten die Ichheit eingezogen ist-, deshalb mußte diese Leiblichkeit nicht nur mit einer Wunde ... sondern mit fünf Wunden angeschaut werden, mit fünf Wunden, die notwendig sind wegen des Hinausragens der Christuswesenheit, das heißt des Voll-Ich des Menschen, über die Form der Leiblichkeit" (139,137).

Steiner bemerkt, daß solche Fragen und ihre Deutungen "zu den schwierigsten Dingen" gehören, daß es aber "die Möglichkeit eines Begreifens" gibt. "Freilich muß man lange meditieren, muß lange nachdenken über das, was gesagt worden ist" (139,139).

Da der Evangelientext nur Anknüpfungspunkt für die eigene "meditativ" gewonnene Spekulation ist, braucht Steiner auch keine biblischen Belege, wo klar und deutlich von zwei Jesusknaben, von einer Trennung zwischen Jesus und Christus, von Christus als Sonnen- und Erdgeist und ähnlichem die Rede wäre. Nicht einmal das Einfließen des Blutes in die Erde wird in den Evangelienberichten über die Kreuzigung ausdrücklich erwähnt, obwohl dies durchaus so geschehen sein mag (vgl. Joh 19,34) und obwohl dem Blut Jesu in der biblischen Sühnetradition eine zentrale Bedeutung zukommt (s.u.). Daß aber die Evangelien den Vorgang des Einfließens des Blutes in die Erde, der Steiner so wichtig ist, mit Stillschweigen übergehen, weist auf ein grundsätzlich anderes Verständnis des Golgatha-Ereignisses bei Steiner hin - und dieses andere Verständnis des Ereignisses von Golgatha beruht auf einem völlig anderen Verständnis des Christuswesens und -weges.

Die Unvereinbarkeit naturhaft-magischer Vorstellungen mit den neutestamentlichen Berichten vom Kreuzestod

Das "Mysterium von Golgatha" bei Steiner ist ein naturhaft-magischer Prozeß. Es tritt mit einer geradezu naturgesetzlichen Notwendigkeit im Laufe eines Evolutionsprozesses ein. Nach Steiner besitzt das Blut des "Christus Jesus" an sich eine Kraftwirkung, die sich beim Blut-Erde-Kontakt auf magisch-alchemistische Weise entfaltet und der sich kein Mensch entziehen kann: Jeder Mensch, ganz gleich ob er es weiß oder nicht, wird nun im Evolutionsprozeß fortschreiten und seine höheren Wesensglieder entwickeln.

In der Vorstellung, daß Christus der "Geist der Erde" wird, mündet der Steinersche emanative "Polytheismus" in einen Pantheismus ein, und die Lehre vom Abstieg in die Materie und der darauf folgenden Wiedervergeistigung, die durch den Logos in Gang gerät, entspricht in ihren Grundzügen gnostischer Spekulation (s.u.).

Vom neutestamentlichen Schriftverständnis her hingegen ist der Kreuzestod Jesu Christi und das Verhältnis zwischen Gott und Mensch insgesamt als personales Geschehen zu betrachten. Der Mensch, der sich als Geschöpf von seinem Schöpfer lossagt, verfällt der Sünde, und "der Lohn der Sünde ist Tod" (Röm 6,23). Das Todesurteil über die Menschen, die allesamt abgewichen und unter der Sünde sind und von denen keiner nach Gott fragt (Röm 3,9ff), kann nur durch Sühne aufgehoben werden. Sühne ist "die von Gott her ermöglichte, im kultischen Geschehen Wirklichkeit werdende und hier dem Menschen zugute kommende Aufhebung des Sünde-Unheil-Zusammenhangs" (Janowski, 1982, 359).

Da es "unmöglich [ist], durch das Blut von Ochsen und Böcken Sünden wegzunehmen", hat Gott seinen einziggeborenen Sohn Jesus Christus gesandt, der "durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heilige eingegangen" ist und "eine ewige Erlösung erworben" hat (Joh 3,16; Hebr 9,12.22; 10,4). Die Erlösung, die durch dieses stellvertretende Sühnopfer des unschuldigen Gottessohnes objektiv erwirkt wurde, wird durch den Glauben subjektiv empfangen (Röm 3,23-26) - aber eben nicht "automatisch", sondern personal - durch die Annahme und Inanspruchnahme des Opfers Jesu Christi für das persönliche Leben. So stellt der Neutestamentler Peter Stuhlmacher treffend fest:

"Im Glauben wird dieses sühnende Heilswirken, das sich in der Person des gekreuzigten Auferstandenen verkörpert, als `für uns' geschehen und damit gleichzeitig Christus als Herr über Leben und Tod anerkannt, der Glaubende erfährt den ihn von seiner Sünde lösenden Freispruch Gottes und gewinnt Christus als Herrn und Fürsprecher“ (Stuhlmacher 1981, 134).

Das "Sein-Wollen-wie-Gott" als Ursünde des Menschen

Nun stehen wir vor der entscheidenden Frage: Wodurch ist es eigentlich zur Trennung von Gott, also zur Grundsünde des Menschen, gekommen? Zur Trennung von Gott ist es gekommen, weil der Mensch selber "wie Gott" sein, sich selber "einen Namen machen" und nicht mehr "nach Gott fragen" will (Gen 3,5; 11,4; Röm 3,11). Der Mensch will keinen Gott mehr außerhalb von sich suchen und verehren, sondern Gott in sich finden - in dem Sinne, daß er sich selber auf den Thron Gottes setzen, selber Gott sein möchte. Die Anthroposophie wertet die Aussage "Ihr werdet sein wie Gott" in Gen 3,5 positiv. Der Mensch soll durch die Geisterhierarchien stufenweise aufsteigen, bis er mit dem absoluten Geist (= "Gott") verschmilzt (Anthroposophie, Gottesbild). Eine notwendige Entwicklungsstufe auf dem Weg zu dieser "Gottwerdung" ist die Ausbildung des menschlichen Ich, denn - wie Rittelmeyer (1959, 13) betont - das "Ich kann Ja sagen zum Weltengeist, der sich in ihm spiegelt. Das Ich kann aus seiner Freiheit heraus eine Einigung mit dem Weltgeist vollziehen". Rittelmeyer spricht deutlich das "Menschenziel" nach anthroposophischer Vorstellung aus:

"'Sein wie Gott' - flüstert der Schlangengeist dem Menschen ein. Dies Wort als Menschenziel ist keine Lüge. Christus nimmt es wieder auf - und erhöht es sogar. Nicht nur 'sein wie Gott': sondern 'sein in Gott'. Das ist mehr. 'Sein wie Gott': das sind noch Zwei. 'Sein in Gott': das ist Einheit" (ebd., 15).

Rittelmeyer verbindet hier Unvereinbares. Das "Sein in Gott" ist in biblisch-theologischer Sicht keine Weiterführung des "Seins wie Gott", sondern das Gegenteil davon. Das "Sein in Gott" bezeichnet die durch das Opfer Jesu Christi wiederhergestellte und durch den Glauben ergriffene Gemeinschaft mit Gott, die durch das "Sein-Wollen-wie-Gott" zerstört worden war. Daß das "Sein in Gott" keine Wesensidentität, sondern die wiederhergestellte Gemeinschaft mit Gott bedeutet, zeigt auch der wechselseitige Gebrauch der Präpositionen "syn" und "en"."' Nicht "Gott sein", sondern "allezeit mit dem Herrn zusammen sein" (1.Thess 4,17) und "Gott schauen" (Mt 5,8) ist das Menschenziel in neutestamentlicher Sicht.

Das "Sein wie Gott", das nach dem biblisch-reformatorischen Schriftverständnis die Wurzel der Sünde darstellt, ist hingegen das "Menschenziel" nach Ansicht der Anthroposophie. Mit dieser Deutung verfehlt die Anthroposophie die biblischen Aussagen völlig. Auch hier zeigt sich, daß es für sie in Wirklichkeit keinen Gott als persönliches Gegenüber des Menschen gibt; denn weil für den personhaften Gott der Bibel in ihrem System kein Raum ist, eben darum kann sich der Mensch auch nicht von ihm trennen, sondern nur aus eigener Kraft sein Einssein mit dem "Göttlichen" (unpersönlich verstanden) oder dem "Weltengeist" Schritt für Schritt verwirklichen. Der Mensch, der diesen Weg gehen will, bewirkt aber gerade die Trennung vom persönlichen Gott und verfällt damit der Macht der Sünde. Er bleibt mit sich allein.

Die christologische Irrlehre

Mit der Umdeutung des Weges Christi durch die Anthroposophie ist die Umdeutung des Wesens Christi eng verbunden. In Steiners Christusvorstellung wollte der katholische Theologe Otto Zimmermann bereits 1918 einen "Inbegriff christologischer Ketzerei" sehen (O. Zimmermann, „Anthroposophische Irrlehren“, StZ 95, 1918, 341f).

Mag auch der kirchenhistorisch belastete Begriff der "Ketzerei" problematisch sein, so bleiben doch die Beispiele, die Zimmermann anführt und denen wir in unserer Darstellung folgen, bedenkenswert. Steiners Christologie widerspricht nicht nur dem Neuen Testament, sondern auch der altkirchlichen und reformatorischen Tradition und Schriftauslegung. Sie läßt sich mit christlicher Theologie, die diesen Namen verdient, nicht mehr vereinbaren.

Für Steiner ist "der Christus" ein hohes Sonnenwesen, das herabsteigt, um den Menschen durch einen kosmischen Impuls und die Ausbildung des Ich aus der Bindung an die Materie (= Finsternis) zu befreien und seinen Wiederaufstieg zum Geist (= Licht) zu ermöglichen. Dieses Grundgerüst der Steinerschen Christosophie weist deutliche Parallelen zu gnostischen (insbesondere manichäischen) Erlöservorstellungen auf (Gnosis, Manichäismus), wo in ähnlicher Weise "der 'Fall' als ein Absinken der göttlichen Lichtteile in die Materie und die `Erlösung' als Rückführung in das Pleroma" beschrieben wird. Der Erlöser "steigt (durch die Planetensphären) hinab und siegreich wieder empor und stellt auf diese Weise Weg und Ziel der zu erlösenden 'Seele' (des Göttlichen im Menschen) dar" (Schnackenburg I/1972, 441). Rudolf Schnackenburg (ebd., 438f) bemerkt weiter hierzu: "Die zum Teil an die Gnosis erinnernde Ausdrucksweise des Joh-Ev darf nicht dazu verführen, den radikalen Unterschied im Erlösungsgedanken und den ganz anderen Ausgangspunkt für die Gestalt des Erlösers zu verwischen.“ Hauptunterschiede liegen darin, daß der joh Christus "kein Prototyp des erlösungsbedürftigen Menschen, kein 'Urmensch"' ist, daß seine Tätigkeit als Schöpfungsmittler "etwas ganz anderes als eine kosmogonische Erklärung des menschlichen Wesens" ist und daß dementsprechend im Joh "die anthropologische Betrachtung über das 'Selbst', den Wesenskern des Menschen", fehlt, die in der Gnosis ebenso wie bei Steiner im Mittelpunkt steht. Es geht im Joh nicht um eine Selbst- (oder Ich-)Philosophie, nicht um das mystische Erkennen einer ursprünglichen "Gottverwandtschaft" des Menschen, sondern um die "Heimholung des Menschen zu Gott", um die "Lebensgemeinschaft mit Gott" und um die personale "Gotteinigung", für die "der Glaubens-anschluß an Jesus Christus, den Sohn Gottes, gefordert" wird:

"So stehen sich beim gnostischen Erlösungsmythus und der joh. Christologie zwei Welten gegenüber, religiöse Philosophie (in mythischer Sprache) und biblische Religion (im Sinne menschlicher Bindung an einen personalen Gott), Mythus und Geschichte, Gnosis und Glaube."

Für Steiner ist ferner "der Christus Jesus" ein Mischwesen, das sich aus verschiedenen Leibern zusammensetzt. In diesem Mischwesen stellt "der Mensch Jesus" nur die Hülle dar, in die sich "der Christus" bei der Jordantaufe hineinsenkt und die er vor Beginn der Passion wieder verläßt. - Bei dieser Anschauung handelt es sich um eine moderne Variante des gnostischen Doketismus, der behauptet, Christus habe einen Scheinleib getragen und sei nur scheinbar durch Passion und Tod gegangen. Zwar legt Steiner Wert auf das Eingehen des Christus in die reale physische Leiblichkeit, aber er vertritt das Beisammensein von Jesus und "dem Christus" nur für eine bestimmte Zeit und vor allem nicht für den Zeitraum von Passion und Tod. Diese Ansicht tritt zur zentralen biblischen Botschaft von der Erlösung des Sünders durch das Kreuzesopfer Jesu Christi in einen unauflösbaren Widerspruch. Daß sie in den neutestamentlichen Texten keinen Anhaltspunkt findet, haben wir oben bereits aufgewiesen. Nicht ein Scheinleib hat am Kreuz gelitten, sondern Jesus Christus als der lebendige Sohn Gottes, als "wahrer Gott und wahrer Mensch - unvermischt, ungetrennt, ungeteilt und unveränderlich", wie es das Konzil von Chalkedon im Jahre 451 formuliert hat.

Sowohl die wahre Gottheit als auch die wahre Menschheit Jesu Christi werden hingegen durch die Anschauungen Steiners bestritten. Der Christus Steiners ist nicht wahrer Gott, sondern lediglich ein "Sonnengeist", ein Glied auf einer Zwischenstufe der anthroposophischen Geisterhierarchie. In seiner Leugnung der wahren Gottheit Christi berührt sich Steiner in gewisser Weise mit dem Arianismus, der Christus lediglich als das erste Geschöpf Gottes ansieht.

So wie "der Christus" Steiners nicht wahrer Gott ist, ist auch sein "Jesus" nicht wahrer Mensch. Die einzelnen Leiber des Steinerschen "Jesus" werden ja in einer Weise zubereitet, wie dies bei keinem anderen Menschen der Fall ist. Zudem verläuft die Entwicklung über einen mehrmaligen "Ich-Austausch" (zuerst zwischen den "zwei Jesusknaben" und dann bei der Jordantaufe, woraufhin gar kein "menschliches" Ich mehr im Jesusleib ist!).

Abgesehen von solchen Besonderheiten in Steiners System, ist freilich die anthroposophische Lehre von den verschiedenen Leibern grundsätzlich in Frage zu stellen. Eine Einteilung des Menschen in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich wird weder von der biblischen noch von den gängigen wissenschaftlichen Anthropologien vertreten. Diese Lehre Steiners entspringt bestimmten philosophischen Vorstellungen (z.B. seiner Ich-Philosophie; s.o.) und übersinnlichen Spekulationen (Astralraum usw.). Die biblische Anthropologie lehrt hingegen die Einheit und Ganzheit des Menschen, der Leib, Seele und Geist ist (nicht hat) (vgl. Gen 2,7; 1. Thess 5,23; u.ö:), Leib, Seele und Geist sind Aspekte, nicht Teile der einen Person.

Wir brechen die Darstellung und Beurteilung der „Christosophie“ hier ab und halten als Ergebnis fest: Der "Christus Jesus" der Anthroposophie ist nicht der Jesus Christus der Heiligen Schrift. Er schenkt dem Menschen durch seinen Kreuzestod keine Erlösung von Sünde und Tod, sondern treibt ihn auf dem Weg der eigenen Apotheose (Vergöttlichung) durch Höherentwicklung, auf dem Weg der Absolutsetzung des "Ich" erst recht in die Sünde, in die Loslösung vom dreieinigen Gott der christlichen Offenbarung hinein. Der "Christus Jesus" der Anthroposophie muß somit geradezu als ein modernes gnostisches Gegenbild zum Jesus Christus der Bibel bezeichnet werden.

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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