Paulus (anthroposophischen Auffassung)

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Anthroposophische Auffassung

Die Erdenfahrt des Christus

Nach anthroposophischer Vorstellung war das Lazarus-Ereignis (Johannes-Evangelium) die letzte Einweihung alter Art. Der Mensch mußte seinen physischen Leib verlassen, um sich in die Astral- und Mentalsphären zu erheben und Erkenntnisse höherer Welten zu erlangen. Durch das Mysterium von Golgatha nun sind die höheren Welten zur Erde gekommen: Der Christus ist zum Geist der Erde geworden. Bei seiner Auferstehung ist er in den verdichteten Ätherleib zurückgekehrt. Seine Himmelfahrt war eine "Erdenfahrt" (148,212). Jetzt ist zur Einweihung ein Verlassen des physischen Leibes nicht mehr notwendig, sondern der Christus kann direkt in der Äthersphäre der Erde hellseherisch wahrgenommen werden. Der erste, der den Christus auf diese Weise erkennt, der erste "Ätherseher", ist Paulus.

Die Erleuchtung des Paulus

Das Leben des Paulus läßt sich nach anthroposophischer Ansicht in zwei Teile gliedern: Vor dem Damaskus-Ereignis (Apg 9,1ff; 22,3ff; 26,9ff) war er ein "Eingeweihter"; durch das Damaskus-Ereignis wurde er zum "Hellseher". Als "eine Art jüdischer Eingeweihter" konnte er das wissen, "was Eigentum war der hebräischen Geheimlehre", nämlich daß sich die hohe Sonnenwesenheit der Erde nähern und "einmal in einem Menschenleib" verkörpern würde. Und auch das "wußte" er: "Wenn der Christus-Geist in einem menschlichen Leib gewesen ist und dieser menschliche Leib tot ist, dann muß in der Erdenaura der Christus vorhanden sein." Was Paulus nicht wußte, war, daß derjenige, der am Kreuz geendet hatte, der Träger war des Christus". Diese Erkenntnis wurde ihm erst durch das Damaskus-Ereignis zuteil, indem er fähig wurde, "in die Erdenaura" hineinzuschauen und zu sehen, "daß der Christus darinnen war". "Also mußte der Zeitpunkt, da dieser Christus durch einen physischen Menschenleib gewandelt war, schon dagewesen sein. Der Beweis war ihm geliefert worden, daß der Christus an dem Kreuze gestorben war" (112,269f).

"Das erschütternd Neue, das Paulus erlebt, ist, daß ihm aus der Ätheraura der Erde heraus der auferstandene Christus begegnet", schreibt E. Bock. Paulus erlebt als eine "Menschheitsfrühgeburt" als einzelner voraus, was "in einer fernen Zukunft von vielen erlebt werden sollte". "Die Wiederkunft Christi wird sich so abspielen, daß viele Menschen an den verschiedensten Orten zu gleicher Zeit Erlebnisse haben, die dem ähnlich sind, das Paulus vor Damaskus hatte" (Ev, 627). Dazu jedoch ist eine "innere Erkraftung der Seele" (VII, 79), eine Ausbildung der hellseherischen Fähigkeiten notwendig, die durch den anthroposophischen Weg nahezu zwei Jahrtausende nach Paulus ermöglicht wird.

Die Aufgabe des Moses war, "aus dem vorichhaften Träumen, das aber noch den Reichtum des alten Schauens in sich trug, in das wache Denken des menschlichen Hauptes vorwärtszuführen". Die Aufgabe des Paulus "war eine umgekehrte: Er hatte in den verarmten und verdunkelten Kopfgedanken mit dem Feuer des Herzens das Licht eines neuen Schauens anzuzünden". Er war somit "einer der größten schöpferischen Beweger und Neubeginner in der Geschichte des menschlichen Bewußtseins" (VII,7). Was ihm widerfuhr und was er tat, war somit vor allem ein Bewußtseinsakt:

"Die `Bekehrung' des Paulus war in erster Linie eine unerhörte `Erleuchtung', eine erweiternde und erhöhende Umwandlung seines Bewußtseins ... Es ist zwar deutlich, daß die Stunde von Damaskus nicht nur das Bewußtsein, sondern auch das Sein des Paulus veränderte: er war fortan ein anderer Mensch. Aber das neue Sein war Folge und Frucht des neuen Bewußtseins" (VII,15).

Bock sieht somit weniger einen Bruch - eine "Bekehrung" im eigentlichen Sinn - im Leben des Paulus beim Damaskus-Ereignis, sondern viel mehr eine Kontinuität: "Wer den Begriff der `Bekehrung' darauf [sc. auf das Damaskus-Ereignis] anwendet, setzt doch eigentlich voraus, daß alles, was im Leben des Paulus diesem Augenblick voranging, falsch und böse gewesen sei." Das sei nicht der Fall, sondern es gelte: "Alles in seinem bisherigen Leben war ... Vorbereitung auf diesen Augenblick gewesen." Paulus brachte - und hierfließt die Reinkarnationslehre mit ein - "in seinem Wesen, als Ergebnis aller seiner Schicksale und Wirksamkeiten in früheren Leben, die Voraussetzungen mit für den Empfang der gnadenvollen Licht-Berufung, die ihm in der Damaskus-Stunde zuteil wurde" (VII,22f).

Theologische Kritik

Die Unhaltbarkeit einer esoterischen Schulung des Paulus

Es sind im wesentlichen drei biblische Hinweise, auf die sich die anthroposophische Argumentation stützt. Das erste ist der Hinweis, daß Paulus Pharisäer war (Phil 3,5f; Apg 5,34 u. 22,3). Bock folgert daraus die Beziehung des Paulus zu einem "esoterischen Kreise des Pharisäerordens", der sich durch visionäre und ekstatische Elemente auszeichnete (VII,66f):

"Der einweihungsartige spezielle Ordensweg knüpfte an das prophetische Element, also auch an die Prophetenbücher des Alten Testamentes an, die den Blick in die messianische Zukunft lenkten. So wie die Propheten durch ein höheres Schauen und Hören zu Verkündern des Zukünftigen geworden waren, so sollte jetzt auch der Übende dazu gelangen, Schauungen zu haben und das Wort der Gottheit unmittelbar zu vernehmen" (VII,64).

Diese Argumentation ist aus mehreren Gründen unhaltbar. Erstens lassen sich die Schriftpropheten des Alten Testaments nicht mit Eingeweihten fremdreligiöser Kulte in Verbindung bringen, da ihre Botschaft nicht durch magisch-mantische Praktiken und eigenmächtiges Erkenntnisstreben zustande kommt, sondern sich als die souveräne Offenbarung Gottes an Israel darstellt (Erkenntnisse höherer Welten) und darüber hinaus den Kampf gegen Fremdkulte in Israel enthält (Bibelverständnis).

Zweitens zeichnen sich die Pharisäer, die sich an der Thora und den Propheten orientieren, wie diese durch eine radikale "Absonderung von allem ... Heidnischen" aus, wie Bock an anderer Stelle selber feststellt (VII,62). Esoterische Kreise innerhalb der Pharisäer, die diese Absonderung nicht streng einhielten, sondern mysterienhafte Elemente aus dem Heidentum übernahmen, sind uns nicht bekannt. Es wird pharisäische Apokalyptiker mit visionär-ekstatischer Begabung gegeben haben, aber diese hatten nichts mit den paganen Mysterien zu tun, sondern schöpften aus der jüdisch-prophetischen Tradition.

Drittens schließlich wird nirgends in der Apg und im Selbstzeugnis des Paulus eine Beziehung des Apostels zu "esoterischen Kreisen" innerhalb der Pharisäer erwähnt, was auch immer darunter zu verstehen sei. Und auch die Offenbarungen, die Paulus erhält (2.Kor 12,1 ff), entstammen der unverfügbaren Sphäre Gottes und unterscheiden sich nach seiner eigenen Beurteilung deutlich von allen hellseherischen Bestrebungen.

Die Fehldeutung von "ektroma" (1. Kor 15,8)

Einen zweiten - und entscheidenden - Hinweis auf die besondere hellseherische Veranlagung des Paulus sieht die Anthroposophie in 1. Kor 15,8, wo Paulus berichtet, daß der auferstandene Christus ihm als einer "ektroma" erschienen sei. Steiner übersetzt "ektroma" mit "Frühgeburt" und kommentiert: Paulus ist "nicht ausgetragen worden im mütterlichen Leibe", sondern "aus der geistigen Welt in die physische Welt heruntergestiegen, als er noch nicht völlig eingetaucht war in alle Elemente des Erdendaseins". Als jemandem, der "noch unbewußt den geistigen Mächten angehört", ist ihm "als einer Frühgeburt das geistige Auge eröffnet" worden (112,270). Weil Paulus also eine Frühgeburt "im physischen Sinne" war, konnte er als erster den Christus in der Äthersphäre erkennen (VII,70).

Mit dieser Deutung liefert Steiner ein klassisches Beispiel von assoziierender Allegorese durch sein "neues Wörtlichnehmen" (Spirituelle Interpretation). Indem er "ektroma" wörtlich als "Frühgeburt" im leiblichen Sinne versteht, läßt er völlig den Kontext von 1. Kor 15,8 außer acht, der die Deutung als Bildwort erforderlich macht. Paulus kommentiert nämlich das "ektroma" aus V. 8 in den darauffolgenden Versen als Schimpfwort, das er sich - vielleicht aufgrund der Vorwürfe seiner Gegner - selber beilegt, um seine überraschende und unverdiente Begegnung mit dem Auferstandenen, dessen Anhänger er verfolgt hat, um so deutlicher zu kennzeichnen: "Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, darum daß ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe" (V. 9). "Ektroma" ist somit die "Fehlgeburt", die "unzeitige Geburt", die "nicht lebensfähige Geburt", die nur durch Gottes Gnade zum Leben finden und am Leben bleiben durfte: "Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin" (V. 10). Die Deutung als Bildwort ist also der vom Kontext gebotene Literalsinn an dieser Stelle, wogegen die Steinersche scheinbar "wörtliche" Deutung dem Literalsinn widerspricht.

Die Fehldeutung von "en emoi" (Gal 1,15f)

Einen Hinweis auf die Art der Christus-Offenbarung beim Damaskus-Ereignis vermutet die Anthroposophie schließlich in Gal 1,15f,, wo Paulus sagt, daß Gott seinen Sohn "in" ihm offenbarte. Bock kommentiert: "Nicht ein Wesen außerhalb seiner selbst wurde Paulus offenbar: zu seinem tiefsten Erstaunen mußte er in ihm das eigene höhere Selbst, aber eben zugleich das höhere Selbst aller Menschen, erkennen. Nicht ein Mensch, sondern der Mensch, nicht ein Ich, sondern das Ich offenbarte sich ihm." Nach Bocks Ansicht charakterisiert Paulus das Damaskus-Ereignis hier "als einen innerseelischen Vorgang", bei dem der Weg frei wird "für die Bejahung und das Wachstum des höheren wahren Selbstes im Menschen" (VII,86).

Bock setzt das Ich des Menschen mit dem Sohn Gottes gleich - eine Deutung, der wir schon wiederholt begegnet sind und deren Unvereinbarkeit mit dem biblischen Schriftverständnis wir aufgezeigt haben (Christosophie). Daß sich Christus "in" Paulus offenbart, besagt hingegen nichts darüber, wo die Offenbarung herkommt, sondern nur, wo sie ankommt: Sie kommt (was sich vom gesamtbiblischen Kontext her ergibt) vom souveränen, auferstandenen Herrn, also von außen, und sie trifft Paulus im Innersten seines Wesens. Das "in mir" wird an dieser Stelle wohl auch deshalb betont, weil die gesamte paulinische Verkündigung ihre Wurzel im Damaskus-Ereignis hat und Paulus gegenüber den galatischen Angriffen seine direkte Beauftragung durch Jesus Christus - ohne Zwischenpersonen - zum Ausdruck bringen möchte. In Gal 1,15f betont er "die Unmittelbarkeit und die darin begründete Echtheit seiner Verkündigung und Beauftragung“ (Dietzfelbinger 1985, 50). Zudem ist es auch möglich, das "en emoi" einfach als Dativ zu deuten (vgl. Betz 1988, 143f).

Der Widerspruch zur paulinischen Theologie

Der anthroposophischen Vorstellung, Paulus sei Eingeweihter und Hellseher gewesen, fehlt somit jegliche Grundlage in den neutestamentlichen Texten. Sie tritt darüber hinaus zur paulinischen Theologie in direkten Widerspruch, deren zentraler Inhalt gerade der rettende Glaube - im Gegensatz zum Schauen - ist. In zwei Punkten hat Bock zwar recht: a) Paulus besaß als Pharisäer eine starke Messiaserwartung; b) er hatte Jesus zunächst nicht als den Messias, den Christus, erkannt (vgl. VII,75ff). Daß er ihn dann aber als den Messias erkannte, das kam nicht durch eine hellseherische Schulung oder Veranlagung des Paulus zustande, sondern durch die souveräne Offenbarung Gottes, welche aus dem Christenverfolger, dem der als Volksverführer und Gotteslästerer Gekreuzigte ein "Ärgernis" war (1. Kor 1,18ff), den Christusboten machte: "When he was almost at his destination he had that vision of he risen Christ which shattered his old life and opened up a completely new and unexpected future for him" (M. Hengel 1991, 86). Das Ergebnis lautet somit: Paulus war nicht "der erste Ätherseher".

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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