Evolutuionismus

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Darwin

1881 bekommt Rudolf Steiner Impulse durch das Studium von Werken Charles Darwins und Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Darwins Werk "Die Entstehung der Arten" aus dem Jahre 1859 hatte die wissenschaftliche Welt verändert und die - in Vorformen bereits in der Antike bekannte! - Evolutionslehre scheinbar unangreifbar empirisch belegt. Auch Steiner legt seiner Weltsicht den Evolutionsgedanken zugrunde. Er hat nur insoweit seine Anfragen an diesen, als er rein materialistisch gefaßt wird. Hier sieht Steiner seine Aufgabe, von Darwin herkommend über Darwin hinauszugehen und - nunmehr an Goethe (Goetheanismus) und Hegel (s.u.) anknüpfend - eine Art "geistiger Evolution" zu postulieren. Im "Lebensgang" führt er aus:

"Die Wissenschaften der organischen Natur waren da, wo ich mich mit ihnen befassen konnte, durchtränkt von Darwin`schen Ideen. Mir erschien damals der Darwinismus in seinen höchsten Ideen als eine wissenschaftliche Unmöglichkeit. Ich war nach und nach dazu gekommen, mir ein Bild des Menschen-Innern zu machen. Das war geistiger Art. Und es war als ein Glied einer geistigen Welt gedacht ... Von diesem Bilde konnte ich mir auch dadurch nichts abdingen lassen, daß ich vor den Gedankengängen der organischen Entwickelungslehre eine gewisse Achtung hatte. Das Hervorgehen höherer Organismen aus niederen schien mir eine fruchtbare Idee. Ihre Vereinigung mit dem, was ich als Geisteswelt kannte, unermeßlich schwierig" (636, 50).

An dieser Stelle sei nur angemerkt, daß der Darwinismus auch heute unter Wissenschaftlern keineswegs unumstritten ist. Seine Lehren kommen, soweit sie eine Makroevolution behaupten, über Hypothesen nicht hinaus und weisen viele Lücken auf. Mit dem biblischen Zeugnis, daß Gott jedes Lebewesen "nach seiner Art" erschuf (1. Mo 1), ist der Darwinismus unvereinbar (vgl. Wilder-Smith 1978; Beck 1979; Ouweneel 1984; Junker/Scherer 1986).

Hegel

Näher bei der geistigen Welt als Darwin steht nach Steiners Ansicht G. W. F. Hegel.

"Die Art, wie dieser Philosoph die Wirklichkeit des Gedankens darstellt, war mir nahegehend ... Die Sicherheit, mit der man philosophiert, wenn man von Gedanke zu Gedanke fortschreitet, zog mich an" (636, 47).

Hegel vertrat schon vor Darwin eine Art geistiger Evolution. Für ihn ist die Evolutionsgeschichte die Selbstorganisation des Geistes durch die Natur. Der Geist oder "Gott" tritt aus dem "An-sich-Sein", dem Versenktsein in sich selbst, heraus. Er entäußert sich in die Natur und Materie hinein, die zur Verleiblichung der Idee, zum Durchgangsstadium des vorübergehenden "Andersseins" oder "Außer-sich-Seins" des Geistes wird. Um zum "An-und-für-sich-Sein", zum Selbstbewußtsein der Geistigkeit zu gelangen, muß der Geist durch verschiedene Stufen evolutionär aufsteigen: von dem Selbstbewußtsein im individuellen Menschen (subjektiver Geist) über die Bewußtwerdung als "Volksgeist" oder "Weltgeist" im Kollektiv der Familie, der Gesellschaft und des Staates (objektiver Geist) bis hin zum absoluten Geist, der sich wiederum in aufsteigender Weise über die Stufen Kunst (äußere Sinnlichkeit), Religion (innere Wahrnehmung) bis hin zur Philosophie (reine Form des Gedankens) als allerhöchster Stufe erschließt. Mit dieser höchsten Stufe des Geistes hat Hegel sein eigenes philosophisches Denken identifiziert. Auch an Hegel sind kritische Anfragen zu stellen. Das Hauptproblem ist, daß er bei seiner Identifikation des "Geistes" mit "Gott" und der Vorstellung vom Eingehen dieses Geistes in Mensch und Natur einem philosophisch-abstrakten Gottesbegriff huldigt und die Grenze zwischen Schöpfer und Schöpfung verwischt, die in der Bibel durchgehend klar betont wird. Hegels Beschreibung des in die Natur eingehenden Weltgeistes kommt dem Pantheismus gefährlich nahe. Die Inkarnation Gottes in seinem Sohn Jesus Christus wird auf die ganze Menschheit und Natur übertragen. Sie wird verallgemeinert und damit verfälscht. Die Philosophin Alma von Stockhausen schreibt:

"Die dialektische Philosophie Hegels erklärt Inkarnation und Kreuzigung Christi zum Grundgesetz der Weltgeschichte, hebt das Faktum der äußersten Hingabe Gottes an den Menschen auf in das Prinzip des Widerspruchs. Die Tat der göttlichen Versöhnung ist für Hegel als 'Bedürfnis der Selbstbefriedigung` zu verstehen. Gott liebt sich selbst als Mensch. Das Wesen Gottes ist der Mensch. Die Hingabe Gottes an den Menschen wird von Hegel mißbraucht zum Selbstaufbau, zur Absolutsetzung der menschlichen Natur. Gott wird in seinem Zugehen auf den Menschen nicht nur faktisch getötet - auch prinzipiell wird 'der Tod Gottes` als Bedingung des menschlichen Fortschritts proklamiert" (v. Stockhausen 1981, 192f.).

Rudolf Steiner ist von Hegel begeistert. Und trotzdem hat auch er aus seiner Sicht Anfragen:

"Daß er nur zu einer Gedankenwelt, wenn auch zu einer lebendigen, vordringt, nicht zu einer Anschauung einer konkreten Geisteswelt, stieß mich zurück ... Ich sah, daß Viele (sic) einen Gegensatz empfanden zwischen der Erfahrung und dem Denken. Mir war das Denken selbst Erfahrung, aber eine solche, in der man lebt, nicht eine solche, die von außen an den Menschen herangetragen wird" (636, 47).

Hegels Gedankenwelt ist Steiner zu abstrakt, zu konstruiert, während er selber ganz praktisch in die übersinnlichen Welten eindringen möchte. Die entscheidende Unterstützung bei diesem Bestreben erhält er nicht von der Philosophie, sondern von einem "einfachen Manne aus dem Volke": Felix Koguzki.

Haeckel

Am 16.2.1894 lernt Steiner Ernst Haeckel persönlich kennen. Er ist zu dessen 60. Geburtstag nach Jena eingeladen. Und er entdeckt "zwei Wesen in Haeckel":

"Ein Mensch mit mildem, liebeerfülltem Natursinn, und dahinter etwas wie ein Schattenwesen mit unvollendet gedachten, engumgrenzten Ideen, die Fanatismus atmeten" (636, 165).

Steiner fühlt sich berufen, Haeckels Ideen - genauso wie diejenigen Goethes - zuende zu denken: den Evolutionismus und den Monismus. Und das bedeutet für Steiner: diese Gedanken aus ihrer materialistischen Vereinseitigung zur spirituellen Höhe zu erheben.

Doch was lehrt Haeckel eigentlich? Keimhaft ist in seinen Schriften und Briefen um 1894 bereits angelegt, was er in seinem Werk "Die Welträtsel" 1899 der Öffentlichkeit vorlegen wird und was zu erbitterten Diskussionen führt: daß es keinen außerhalb der Natur existierenden Gott und keine von ihm gegebene Offenbarung gibt (Dualismus), sondern daß Gott und Welt, Geist und Natur eins sind (Monismus). Dabei ist Geist (Denken, Bewußtsein) ein Produkt der Natur bzw. der in dieser wirkenden Evolutionsmechanismen Mutation und Selektion.

Haeckel geht in seiner philosophischen Lehre und Radikalität weit über Charles Darwin hinaus, der sich weitgehend auf den naturwissenschaftlichen Aspekt der Evolution zu beschränken versuchte. Haeckel hingegen propagiert in einer aggressiven und polemischen Weise das "Ende des dogmatischen Christentums" und den Sieg seiner neuen "monistischen Religion". So führt er aus:

"Der unvermeidliche Kampf zwischen den herrschenden dualistischen Kirchen-Religionen und unserer vernunftgemäßen monistischen Natur-Religion muß früher oder später mit dem vollständigen Siege der letzteren endigen - wenigstens in den wahren Kulturstaaten!" (Haeckel 1984, 438).

Haeckel hat sich geirrt. Der Evolutionismus ist heute umstrittener als noch vor Jahren und wird von einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern infrage gestellt. Der atheistische Monismus hat sich nicht durchgesetzt, sondern wurde entweder ganz abgelehnt oder vielfach variiert. Bereits Rudolf Steiner vertritt eine andere Form des Monismus als Haeckel - eben einen "spirituellen" oder "geistgemäßen Monismus". Wie sieht dieser aus? Steiner schreibt:

"So stand die naturwissenschaftliche Entwickelungsreihe, wie sie Haeckel vertrat, niemals vor mir als etwas, worin mechanische oder bloß organische Gesetze walteten, sondern als etwas, worin der Geist die Lebewesen von den einfachen durch die komplizierten bis herauf zum Menschen führt" (636, 300).

Steiners Ausgangspunkt ist nicht wie bei Haeckel eine Materie, die aus sich selbst heraus die unterschiedlichen Lebensformen hervorbringt, sondern eine Geistwelt, aus der heraus sich diese entfalten. Auch hier sind seine hellseherischen Erfahrungen für ihn prägend (Übersinnliches). Zu seiner endgültigen Anschauung von der "geistigen Evolution" gelangt er allerdings erst nach der Jahrhundertwende. Dann wird ihm bewußt, daß "der Mensch als Geist-Wesen älter ist als alle anderen Lebewesen, und daß er, um seine gegenwärtige physische Gestaltung anzunehmen, sich aus einem Weltenwesen herausgliedern mußte, das ihn und die andern Organismen enthielt. Diese sind somit Abfälle der menschlichen Entwickelung; nicht etwas, aus dem er hervorgegangen ist, sondern etwas, das er zurückgelassen, von sich abgesondert hat, um seine physische Gestaltung als Bild eines Geistigen anzunehmen. Der Mensch als makrokosmisches Wesen, das alle übrige irdische Welt in sich trug, und das zum Mikrokosmos durch Absonderung des übrigen gekommen ist ... " (636, 301).

Steiner dreht somit die Darwinsche und Haeckelsche Evolutionsvorstellung (Entwicklung von niederen zu höheren Arten) geradezu um, indem er die niederen Arten (Tiere, Pflanzen und auch Mineralien) als "Abfallprodukte" betrachtet, die sich "geopfert" haben, um dem von Anfang an vorhandenen Menschen seine Höherentwicklung - hin zur Vergeistigung - zu ermöglichen. In der Bibel freilich gibt es weder für die eine noch für die andere Vorstellung von Evolution einen Anhaltspunkt. Daß die Pflanzen und Tiere Abfallprodukte aus dem Stammbaum des Menschen seien, ist eine Steinersche Sonderlehre, die genauso einzigartig und absurd ist wie seine Behauptung der Existenz zweier Jesusknaben (Christosophie).

Literaturhinweise

L. Gassmann; Anthroposophie-Lexikon; Folgen Verlag; (Mai 20171)

Einzelhinweise und Quellen

Anmerkungen


Quellenangaben



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